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Seine Hände sind ständig in Bewegung, gleiten sanft an der Tischkante entlang, greifen vorsichtig nach dem Wasserglas, tasten spielerisch die Papiere auf dem Tisch ab; sie sind seine Brücke zur anderen Welt - der Welt des Lichts, der Farben, des Schattens. Uwe Gill, Geschäftsführer der Insiders Gesellschaft für angewandte Künstliche Intelligenz in Mainz, ist blind. Ein beidseitiger Tumor zerstörte die Augen des damals dreijährigen Jungen.
Trotz dieses Handicaps ist Gill international eine der bedeutendsten Figuren, in Deutschland die herausragende; wissenschaftlich anerkannt und wirtschaftlich erfolgreich.
Mit Insiders, die Gill 1980 im Alter von 25 Jahren gründete, brachte der Absolvent des renommierten Massachusetts Institute of Technologie in Deutschland die ersten wissensbasierten Systeme an die Arbeit. Aus bescheidenen Anfängen entstand ein Unternehmen mit 29 Mitarbeitern, das heute "satte schwarze Zahlen schreibt". Mehr als die Hälfte der in Deutschland installierten wissensbasierten Computerprogramme, die von externen Dienstleistern erstellt wurden, tragen die Handschrift der Mainzer Spezialisten.
Wie bei allen, die mehr als nur Glück im Leben gehabt haben, beruht Gills Erfolg auf einer seltenen Mischung augenscheinlicher Widersprüche: Da fließen Visionäres und Pragmatisches zusammen, Offenheit geht mit Beharrlichkeit Hand in Hand, Emotionen und Ratio schließen sich nicht aus.
Nach der Rückkehr aus den amerikanischen Labors der IBM wollte Gill auch hiesige Unternehmen mit seinen Erkenntnissen beglücken. Doch das erwies sich als schwieriger als gedacht. Die Idee des Softwarevorreiters, aus dummen Rechenmaschinen schlußfolgernde, selbstlernende Systeme zu machen, fanden im Land des Maschinen- und Anlagenbaus, der Stahl- und Chemieköche wenig Anklang. Erst 1983 brachte ein Auftrag der Bayerischen Motoren-Werke AG - ein Expertensystem sollte den Vorserienanlauf neuer Fahrzeugmodelle optimieren - den langersehnten Durchbruch in die Ära der schlußfolgernden Computerprogramme.
Doch anders als die meisten Prediger der inzwischen stark in Mode gekommenen KI-Technologie knallten bei Gill deswegen die Sicherungen nicht durch. Der Pinonier behielt das Gespür fürs Machbare - mit dem Resultat, "daß wir noch nie ein Projekt in den Sand gesetzt haben". Nur deshalb ist Insiders eines der wenigen KI-Unternehmen, in deren Umsatz- und Gewinnzahlen sich der Crash der KI-Szene Ende der achtziger Jahre nicht widerspiegelt.
Im Gegenteil. Anfang des Jahres kaufte sich die Insiders mit 75 Prozent bei einem der härtesten Wettbewerber, der Teknon GmbH aus Darmstadt, ein. Gleichzeitig haben Kölnische Rück- und Bayerische Beamten Versicherung ein Drittel der Insiders-Anteile gekauft, ein Industriekonzern wird in Kürze das zweite Drittel erwerben. Mit dem Know-how-Zuwachs und der geballten Finanzkraft im Rücken steuert Gill jetzt auf die Zielgerade seiner Unternehmensstrategie: die Entwicklung und den Vertrieb von KI- Standardprodukten.
Wie schafft das jemand, der nicht sehen kann- Zumal bei einer Technologie, die viel Bildschirmarbeit erfordert.
Bei seiner täglichen Arbeit bedient sich Gill zahlreicher Hilfen und Tricks, um sein Handicap, so gut es geht, auszugleichen.
Wichtigste technische Unterstützung liefert ihm ein Gerät, das optische Signale in ertastbare umsetzt. Mit einer Kamera fährt Gill Zeile für Zeile über Bildschirm, Zeitung, oder Geschäftsbrief. Die optischen Informationen werden in einer Fingermulde, die mit ausfahrbaren Stäbchen besetzt ist, in codierte Berührungsreize umgesetzt.
Die Hilfsmittel fruchten jedoch nur, weil Gill über ein phänomenales Gedächtnis und eine außergewöhnliche Verstandesleistung verfügt. Etwas Vergessenes schnell mal nachzuschlagen, ist dem Erblindeten nur unter großen Mühen möglich. Er muß weitgehend ohne optische Unterstützung in Form von Notizen, Grafiken oder Bildern auskommen, daher permanent konzentriert und präsent sein. Aus einmal gehörten Büchern kann der Softwareexperte seitenlang rezitieren. "Das habe ich mir notgedrungen antrainiert", sagt Gill.
Ob ihm diese Fähigkeiten geholfen haben, eine so komplexe Materie wie die der Künstlichen Intelligenz gedanklich zu durchdringen und daraus praktikable Lösungen abzuleiten- Solche Fragen sind spekulativ. Vor allem: Im Gespräch entpuppen sie sich als irrelevant. Was wäre, wenn nicht...- Darüber nachzudenken fiele einem nur ein, wenn die Blindheit des Gegenüber belastend wirkte. Das verhindern Gills Unbefangenheit und Kommunikationstalent, sein größtes Kapital.
Der Mann ist neugierig, verbindlich, hat Witz, wird schnell persönlich. Der fehlende Sehsinn hat keine Verbitterung hinterlassen. Gill hat Spaß an alten Autos und Uhren und sammelt beides mit Leidenschaft. Jetzt lernt er auch noch Golf spielen. Schon mit den ersten Worten erzeugt Gill eine Atmosphäre, in der sich die Berührungsängste mit jemandem, der nicht sehen kann, mithin als "behindert" gilt, in Nichts auflösen. Gill straft dieses häßliche, stigmatisierende Wort des "Behinderten", das den Menschen auf das ihn Hindernde reduziert, Lügen. Weil er das tut, findet er mit seinen Ideen Zugang zu seinen Gesprächspartnern, erwirbt ihr Vertrauen, kann sie überzeugen.
Ob er es deswegen vielleicht sogar leichter hat- Ob seine Erblindung ihm am Ende nützt, weil sie seinen Gesprächspartnern über Vorurteile und Befangenheit hinweghilft und sie damit wohlwollend stimmt-
Egal, daß der Manager und KI-Wissenschaftler Uwe Gill nicht sehen kann: Für den, der ihn kennengelernt hat, spielt es nach kurzer Zeit keine Rolle mehr. Daß er im Fach Künstliche Intelligenz einen bedeutenden Part spielt, daß er mit seinen Visionen unternehmerischen Erfolg hat, dagegen schon. WirtschaftsWoche Nr. 39 vom 23.09.1994
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