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J. Haas-Feldmann: Die anfängliche Unsicherheit legte sich rasch; Seit drei Jahren unterrichtet die blinde Lehrerin Edith Schneider an der Otto-Hahn-Schule

Hanau. Kann eine blinde Lehrerin sehende Schüler/innen unterrichten- Edith Schneider beweist das seit 1992 an der Otto-Hahn-Schule. Doch die 37jährige weiß um ihre "privilegierte berufliche Situation", wenn sie dem Nachwuchs Kenntnisse in katholischer Religion und Sozialkunde vermittelt.

Blinde Lehrkräfte zieht es eher zu Blindenschulen, wenn sie überhaupt eine Stelle finden. Nicht dauerhaft arbeitslos zu bleiben, hängt davon ab, wie ein Amtsarzt die Dienstfähigkeit begutachtet. Daher sei es nötig, von der eigenen Leistungskraft zu überzeugen. Vorher habe sie sich über ihre Zukunft im klaren sein müssen, erzählt sie. Für Schneider war von Vorteil, daß sie durch eine Augenkrankheit erst 1991 erblindete. Damals hat sie ihr Referendariat in Frankfurt schon hinter sich und konnte darüber hinaus von Erfahrungen zehren aus der Erwachsenen- und Mitarbeiter-Fortbildung in katholischen Einrichtungen sowie als Angestellte der Lehrer/innen-Selbsthilfe "Rotstift".

Sie profitierte auch vom "Einstellungsbonus", den Behinderte hätten. Der Staat läßt sich nicht nur ihre Besoldung kosten, er finanziert auch eine Lesekraft für die Wahl-Hanauerin. Diese Assistentin hilft ihr, Unterrichtsmaterialen zu beschaffen, spricht Texte auf Tonband und korrigiert mit ihr.

Wie geht die Schulgemeinde im Alltag mit ihr um- Schneider erzählt von der anfänglichen Unsicherheit im Kollegium. Erfahrungen mit blinden Lehrkräften fehlten. Gleichwohl hatte Schneider das Gefühl, sie habe die Chance, ihr Wirken eigenständig zu gestalten: "Ich bekam nicht von vornherein gesagt, wo ich Hilfe brauche und wo nicht." Mittlerweile habe sich eine "offene Kollegialität" entwickelt.

Eingespielt hat sich auch der Umgang mit den Kindern. Die hätten gemerkt, daß sie Faxen zwar nicht optisch, dafür aber umso stärker akustisch registrierte.

Wortmeldungen im Unterricht ruft reihum ein Schüler oder eine Schülerin ab. Das hat den interessanten Lerneffekt, sich selbst zurückzuhalten und vor allem die Schweigsameren aufzurufen.

Kinder hält Schneider im Umgang mit ihrem Blindsein für unbefangener als Erwachsene. In der Stadt rufen sie ihr zu. Je jünger die Mädchen und Jungen seien, desto direkter und persönlicher fragen sie. Beispielsweise danach, wie sie erblindet sei. Oder wie sie den Bus fahren könne-

Die Antwort auf diese Frage gilt allgemein: Was ihr vertraut ist, schafft keine Orientierungsprobleme. Schwieriger wird es, wenn sie Hanau allein mit der Bahn verläßt. Dann organisiert sie, im fremden Bahnhof von der Bahnhofsmission oder der Bahnpolizei weitergeleitet zu werden.

In der eigenen Wohnung mußten sich Ehemann und damals fünfjähriger Sohn umstellen. Immer wieder gebrauchte Gegenstände mußten auf ihrem festen Platz bleiben. Schwimmbadbesuche wurden passé, weil das Geschehen dort "zu unübersichtlich" ist. Nicht nur dies war fortan mit Hilfe anderer zu organisieren.

Ihrem Sohn vorlesen konnte Schneider nicht mehr, solange sie die Blindenschrift noch nicht beherrschte. Die Alphabetisierung des Sohnes war schwer, denn bevor sie ihm diktieren konnte, mußte ihr erst der Text vorgelesen werden.

Wie empfand sie selbst den Bruch in ihrem Leben- Zunächst war sie "schockiert", als sie die fachärztliche Bescheinigung erhielt, ihre Sehkraft verloren zu haben. Sie habe sich geweigert, sich mit diesem Schicksal abzufinden, erzählt sie.

Die Konsequenzen dieser Behinderung habe sie allerdings erst erfahren und begriffen "in der Konfrontation mit dem Alltag". Alltagsgänge zu trainieren, habe ihr "ein Höchstmaß an Mobilität" zurückgebracht, wenngleich die frühere Spontanität verlorengegangen sei.

Mit ihrem Erblinden hat ihr Engagement für andere nicht nachgelassen. Beispielsweise für Opfer der Atomenergie. Wobei es ihr mindestens genau wichtig ist, politisch gegen Atomanlagen zu kämpfen. Edith Schneider gehört in Hanau den "Christlichen Frauen für das Leben" an. Die Gruppe bildete sich infolge der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.

Frankfurter Rundschau

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