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Bericht von der Jubiläumstagung des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf und der Deutschen Blindenstudienanstalt anläßlich ihres 80jährigen Bestehens
Der 80. Geburtstag eines Menschen wird gemeinhin ehrfurchtsvoll gewürdigt, Feiern zum 80jährigen Bestehen einer Institution stoßen dagegen eher auf Verwunderung, sind doch hier Intervalle von 25 Jahren üblich. Die Blista und der DVBS feiern eben gerne, mag mancher Außenstehende meinen, nicht nur alle fünf Jahre im Gedenken an ihre Gründung, auch sonst ist oft von Festakten aus den verschiedensten Anlässen die Rede. So scheint es geraten klarzustellen, daß vom 5. bis 8. Juni 1996 der Deutsche Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf und die Deutsche Blindenstudienanstalt ihre Mitglieder und ehemaligen Schüler zu einer Fachtagung unter dem vielsagenden Motto "Gemeinsam weitersehen - Schule und Beruf 2000" eingeladen hatten. Daß die Blista indes vor 80 Jahren von dem unvergessenen Prof. Dr. Carl Strehl gegründet, ein halbes Jahrhundert tatkräftig geleitet und beharrlich ausgebaut wurde, waren willkommener Anlaß und Rahmen. EDV-Ausstellung, Referate, Podiumsdiskussionen, Arbeitskreise, Fachgruppentreffen markierten das sachliche Gepräge, unter Einbeziehung eines Feiertags waren davon nur zwei Werktage betroffen, ein Sommerfest in heiterer Atmosphäre bis tief in die Nacht war freilich auch im Angebot.
Als Herzstück der viertägigen Veranstaltung ist sicher die zweitägige EDV-Ausstellung anzusehen, ergänzt durch Beratung und Verkauf von "Hilfsmitteln für den täglichen Gebrauch", von denen einige auch in Marburg ersonnen und hergestellt werden; aber auch über die Online-Aktivitäten des DVBS und die Anwendungen von CD-ROMs konnte man sich informieren. Beinahe überflüssig zu sagen, daß der Fortschritt in diesem Bereich geradezu rast und für Leben und Beruf der Sehgeschädigten besonders förderlich sein kann. Gleichwohl soll auch hier - dem alten Protagoras entsprechend - der Mensch das Maß aller Dinge bleiben, und so markierte der Arbeitskreis II Möglichkeiten und Grenzen moderner Elektronik, indem er zum Motto wählte: "Mein Geld verdiene ich selbst, die EDV hilft mir dabei". Der blinde Arbeitsuchende und der Arbeitsplatzanbieter müssen gleichermaßen vor dem Erwartungsdruck geschützt werden, EDV sei ein Allheilmittel, betonte Klaus-Jürgen Schwede in seiner Zusammenfassung der Arbeitsgruppenergebnisse und ergänzt vielsagend: "Die Unordnung in meinem Kopf findet sich gewiß auch auf der Festplatte wieder!"
Selbst wenn in fast jeder Ausgabe dieser Zeitschrift die interessierte Leserin und der interessierte Leser über aktuelle Neuerungen auf dem laufenden gehalten werden, eine großflächige Ausstellung mit breitem Angebot zum vergleichen und sachkundigen Beratern hat ihren eigenen Informationswert. Schließlich bedeutet jede Errungenschaft in diesem Bereich eine Chance zu größerer Selbständigkeit und damit mehr Integration und Lebensglück. ...
Bis zum 7. Juni 1996 erschien mir diese Linie so selbstverständlich, daß ich sie kaum noch einmal gesondert zu formulieren gewagt hätte, der Arbeitskreis III jedoch fragte beinahe provokativ "Macht Selbständigkeit einsam-", und in der Tat, viele empfanden den Gedankenaustausch darüber offensichtlich als befreiend gegenüber zu Unrecht verfestigten Doktrinen. Tut vielleicht RES - in ca. 25 Jahren zu einem respektablen Stützpfeiler der Blista avanciert - zuviel des nur vermeintlich Guten- Oder noch weitergehend: Hemmt vielleicht LPF die ersehnte Integration, statt sie zu fördern- RES selbst jedenfalls packte den Stier bei den Hörnern und griff Fragen solcher Art auf, regte die Beantwortung weiterer an, wie z. B. "Was bedeutet Selbständigkeit- Bedeutet Selbständigkeit, alles selber machen zu müssen oder die Fähigkeit, auswählen zu können, wann ich auf die Hilfe eines Sehenden zurückgreife-" Ein Erfahrungsaustausch über diesen so sensiblen Komplex tut jedenfalls not, das wird schon durch die respektable Zahl von fast 60 Teilnehmern dieser Arbeitsgruppe deutlich. Vielleicht ist er nicht der erste, aber ein früher Schritt zu einem Ziel, das RES-Leiter F.-J. Esch auf die knappe Formel bringt: "Eine ständige Evaluation unseres Tuns muß selbstverständlich werden." Wenn dadurch den Vorstellungen der Nachfrager noch besser entsprochen werden kann, dann allerdings nicht auf der Einbahnstraße "Der Kunde ist König", sondern in ständigem Austausch von Anregungen, dabei natürlich auch Wünschbares und Erfüllbares in Einklang bringend. Jedenfalls ist es nachvollziehbar, wenn nicht wenige der ca. 150.000 "rechtlich" Blinden in Deutschland, vor allem im Kreise der ca. zwei Drittel Altersblinden eine weitestgehende Selbständigkeit vielleicht nur halbherzig anstreben, wenn sie dadurch liebgewonnener Personen nicht mehr bedürfen. Andererseits kann der Kontakt zu "bezahlten Kräften" in ihrem Integrationswert auch in Frage gestellt werden, wie eine Ex-Blistanerin meint, hingegen ist für viele ein solcher Kontakt immer noch besser als gar keiner, sagt ein anderer. So ließ sich trefflich streiten, und es wurde deutlich, daß da neue Konzepte zu konturieren sind.
Sehende Reha-Lehrer gewinnen leicht aus ihrer optischen Welt - bisweilen auch unreflektiert - Verhaltensnormen für Blinde, sinnvollerweise, sagen die einen, um Distanz, Belächeltwerden oder gar Stigmatisierung nicht zu begünstigen; warum eigentlich, sagen die anderen, schließlich haben wir Anspruch auf ein eigenes Normengefüge, das nicht sklavisch auf das der Sehenden fixiert sein muß. Muß ein Blinder etwa nach Knigge aufrecht sitzend wie ein Sehender die ca. 30 cm Löffelführung bis zum Mund ohne faux pas bewältigen können, oder darf er diese Strecke mit Kopf oder Teller oder beidem verringern, wenn er sich dabei nicht gerade die Nase verbrennt. ...-
Franz-Josef Esch und Dr. Hans-Eugen Schulze im Arbeitskreis III
Zu diesem Beispiel, das die Vorbereitungsgruppe um den Ressortleiter Franz-Josef Esch aufgegriffen hat, weil es typisch für konzeptionelle Richtungen ist, bemerkt Dr. H.-E. Schulze nicht ohne Augenzwinkern: "Ich habe übrigens allen Grund anzunehmen, daß mein Ansehen durch den Umgang mit Suppentasse und Serviette (die er nach eigenem Bekunden immer am Hemdkragen befestigt) selbst bei . . . sehr formellen Festessen nicht gelitten hat." Wer würde durch die Worte des 74jährigen früheren Richters beim Bundesgerichtshof nicht nachdenklich, auch wenn dieser freimütig gesteht: "Ich selbst lasse mir gerne helfen" in allen möglichen Lebenssituationen; . . . "Helfen lasse ich mir nicht nur, um Risiken zu mindern, sondern auch, weil ich mich nicht bei Verrichtungen beobachten lassen mag, die Sehenden naturgemäß leichter von der Hand gehen als mir."
In ähnlicher Richtung äußert sich Anette Bach, ihres Zeichens Leiterin der Bezirksgruppe Hessen des DVBS, wenn sie lakonisch feststellt: "Der Besttrainierte in Mobilität und lebenspraktischen Fertigkeiten ist keineswegs immer der Bestintegrierte!" Es muß also noch etwas anderes geben, was zum Lebensglück eines Behinderten beiträgt, vielleicht wäre es kein Fehler, wenn er dazu auch noch ein netter Mensch ist, wie bei Normalsehenden natürlich auch!
Beiläufig sei bemerkt, daß auch in anderen Fragen der Gesellschaftspolitik derzeit vermeintlich heilige Kühe von der Schlachtung bedroht sind: "Wie weit muß ich mich eigentlich emanzipieren, um nicht als rückständig zu gelten," fragt inzwischen manche/r von den 68er Ideen bedrängte/r Frau/Mann offener als noch vor Jahren. Desweiteren gibt es wieder mehr Bekenntnisschulen, die Koedukation, stolze Errungenschaft der Nachkriegszeit, soll zumindest partiell wieder dem geschlechtshomogenen Unterricht weichen, um die Bildungschancen der Mädchen in Mathematik und naturwissenschaftlichen Fächern zu erhöhen, und Privatschulen nehmen an Bedeutung zu, da sie in der aktuellen Sparhysterie der öffentlichen Hände ihren Standard eher zu halten vermögen als staatliche Schulen. Kann das vielleicht auch die Carl-Strehl-Schule, wenn es ihr gelingt, ihre Absolventen nicht nur - wie bisher fast ausschließlich - im intellektuellen Bereich zu bedienen, sondern auch sozial kompetenter zu machen- Wer sich dafür interessierte, und es waren nicht wenige, war im Arbeitskreis IV gut aufgehoben.
"Flirten lernen, Geld verdienen, Lebenskunst oder soziale Kompetenz-" lautete das vielversprechende Thema. Wenn man dafür erfolgssichere Empfehlungen hätte erwarten dürfen, wären sicher alle der fast 1000 Personen gekommen, die in irgendeiner Rolle an der Arbeitstagung beteiligt waren. Aber natürlich mußte Gymnasiallehrerin Dörte Severin, die eine von mehreren Untergruppen geleitet hatte, die Hoffnung auf Patentrezepte etwas dämpfen, vor allem fünf Minuten Redezeit im Abschlußplenum schienen ihr - was Wunder - nicht ausreichend zu sein, um Sehgeschädigten "mal eben ein paar probate Tips mit auf den Weg zu geben. Doch daß hier Bedarf an Beschäftigung mit einem immer noch tabuisierten Bereich besteht, wurde durch das lebhafte Interesse von über 50 Teilnehmern mehr als bestätigt. Dabei sieht Frau Severin, bis zu ihrem Wechsel an die CSS langjährige Mitarbeiterin bei Dr. Appelhans in Schleswig, vielfältige Parallelen, aber auch markante Unterschiede zu ihrer früheren Arbeit. Auch für ihren Unterricht in Deutsch, Französisch und vor allem Pädagogik glaubt sie diesen Bereich fruchtbar machen zu können. Dabei gelte es, zielsicher geplant Situationen zu gestalten, in denen Jugendliche unterschiedliche Erfahrungen sammeln und diese reflektieren können. Sogenannte basic skills müssen von ihnen ebenso eingeübt werden, wie diese für den Sehenden unerläßlich sind - es sind nur meist andere. Im übrigen gilt Frau Severins besonderes Interesse der Frage, wie die Einstellung zu diesem delikaten Komplex in den verschiedenen Altersgruppen differiert.
Diplompädagogin Bärbel Nolte widmete sich in ihrer Arbeitsgruppe dem Thema "Körpersprache", das sie schon öfter mit unterschiedlicher Klientel und dementsprechend unterschiedlichem Verlauf bearbeitet hat. Ein solches unverbindliches Angebot mit verschiedenen Varianten von learning by doing eröffnet jedem die Möglichkeit, sich unvoreingenommen in die ungewohnte Materie einzufinden; so sei die Zahl derer, die mit großspurigen Erfolgsmeldungen ihre nur zu verständliche Unsicherheit überspielen wollen, meist sehr gering, bilanziert sie nicht unzufrieden. Natürlich könne es aber nicht darum gehen, charakterisiert sie ihr eigenes didaktisches Konzept, den Adressaten einen bunten Strauß todsicherer Handlungsanweisungen in einer Art Brevier zusammenzustellen; vielmehr sei in unbefangenem Ausprobieren die Selbstwahrnehmung zu fördern und ein sicheres Gefühl für die jeweils eigene Körpersprache sowie die mögliche Wirkung ihrer Signale zu entwickeln. Hier müsse einmal der nicht intakte Sehsinn als Defizit eingestanden werden, und Verfahren der Kompensation bedürften einer subtilen Anlage.
Diplompsychologe Klaus Röder schließlich faßt die Ergebnisse der anderen Arbeitsgruppen dahingehend zusammen, daß soziale Kompetenz heute nicht mehr - wie zu Carl Strehls Zeiten - heißen könne, die zum Teil problematischen Leistungsnormen der Gesamtgesellschaft unkritisch überzuerfüllen, um dadurch die Behinderung zu kompensieren; vielmehr bedürfe dieser Begriff einer spezifischen und aktuellen Operationalisierung, wie es übrigens immer wieder anklang, so daß man hier geradezu von einem neuen Trend in der Behindertenpädagogik sprechen kann.
Die kritische Rückfrage von Helmut Kahler, wer einem denn nun eine ausreichende soziale Kompetenz bescheinigen könne, erweist das Dilemma der ganzen Arbeit, kann aber auch positiv gewendet werden: Natürlich kann es kein Zertifikat - vergleichbar etwa einem Führerschein - für soziale Kompetenz geben, aber eine intensivere Beschäftigung damit wird dem Selbstbewußtsein eines jeden zuträglich sein, und irgendeine Ausprägung dieser schwer zu fassenden Qualifikation hat nun einmal jeder, ob er darüber reflektiert oder nicht. Auch im Berufsleben sei ein offensiver Umgang mit eigenen und fremden Ansprüchen an die individuelle Leistungsfähigkeit anzuraten, seien doch auch in der Berufswelt gravierende Veränderungen zu erwarten. Darüber konnte man sich im Arbeitskreis I "Berufschancen heute und morgen" kundig machen.
Hier sprach zunächst einmal Dr. H. W. Bach über "Entwicklungstrends auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt", E. Denninghaus über "Schlüsselqualifikationen, persönliche und technische Anforderungen an zukünftige Berufstätige", und Herr Knoche von der GeWoBau in Marburg versuchte als Vertreter der Arbeitgeberseite die Frage zu beantworten: "Was verlangt der Arbeitsmarkt wirklich-"
Angesichts der Gesamtzahl von 60 Teilnehmern bot sich auch hier die Aufteilung in mehrere Untergruppen an, deren Arbeitsergebnisse hier nicht alle präsentiert werden können. Jedenfalls herrschte entgegen der desolaten Lage auf dem Arbeitsmarkt in keiner der Arbeitsgruppen Schwarzmalerei vor, sondern es wurde der neigungsorientierten Berufswahl mit moderner Ausrichtung das Wort geredet. Wie alle Arbeitsgruppen, so litt auch diese natürlich unter der engen Zeitbeschränkung eines Dreistundenvormittags. So kam aus dieser Gruppe besonders nachdrücklich die Anregung, eine neue Arbeitsgemeinschaft einzurichten, die die raschen Entwicklungen in Arbeit und Beruf ständig verfolgen soll. Das unterstrich auch Heinz Willi Bach, der Chancen und Bewährung Blinder in akademischen Berufen in kursorisch tagenden Workshops von kompetenten Fachleuten untersucht sehen will. Mehr als bisher ist da vielleicht erwartbar im Lehrberuf, wenn weiter daran gearbeitet wird, in das Dickicht von Unsicherheiten, Vorurteilen und Rechtsvorschriften Schneisen zu schlagen, worum der Verfasser derzeit bemüht ist.
Die Arbeitsgruppe hatte aber auch einen Forderungskatalog zusammengestellt, demgemäß z. B. die Schule Grundlagen für ein besseres Selbstbewußtsein der Sehgeschädigten schaffen solle. Dazu wurden unter anderem gefordert: Rhetorikkurse als Bewerbungstraining, Praktika und Arbeitsplatzbesichtigungen, Patenschaften der Blindenselbsthilfevereine für Praktikanten, Ausgleich von Defiziten bei Berufsanfängern, bessere Berufswahlberatung, Beherrschung der Kulturtechniken, Strategien der Streßbewältigung, Professionalisierung von Seminaren, Verbesserung der Öffentlichkeitsarbeit, schnellerer Informationsfluß u.a.m. So entstand ein Kaleidoskop von Anregungen, die in der konkreten Schularbeit geprüft werden müssen. Damit war die Wichtigkeit eines weiteren Arbeitskreises unterstrichen:
"Schule im Wandel" lautete der Titel des Arbeitskreises V, zu dem sich 39 Teilnehmer hingezogen fühlten. Zunächst legte Schulleiter Dr. M. Weström ein entschiedenes Bekenntnis zur Konzeption der CSS als segregierter Sonderschule ab, die nun gerade nicht ständigem Wandel unterworfen sein soll. Elemente des Wandels seien vielmehr Tage der offenen Tür oder der Bau des inzwischen bundesweit bekannt gewordenen Planetenlehrpfades, der unter der Federführung von Hans Junker entstand. Besondere Bedeutung komme neuerdings einem Leistungskurs Französisch unter Leitung von K. Brunner-Hartig zu, an dem zur Hälfte auch Schüler des Gymnasiums Philippinum teilnahmen (ein gelungener Integrationsversuch auch einmal in die andere Richtung). Weiter sei zu nennen der wissenschaftlich begleitete Modellversuch "Arbeitslehre", verbunden mit den Kollegen W. Trolp und W. Werth; dann die ständig wachsende Einbeziehung informationstechnischer Grundbildung in den Schulalltag, der die meisten Schüler des letzten Abiturjahrganges befähigt habe, ihre Klausuren auf dem PC zu schreiben.
Große Beachtung fanden die Ergebnisse einer empirischen Untersuchung von Frau Dr. B. Drolshagen, die natürlich besonders aufmerksam von Brigitte Betz verfolgt wurden, die derzeit die ambulante Arbeit von sieben ausgewiesenen Sonderschullehrern der CSS mit 39 sehgeschädigten Schülern an mittelhessischen Regelschulen organisiert. Die Untersuchung von Birgit Drolshagen versucht Klarheit darüber zu gewinnen, inwieweit sehgeschädigte Absolventen der CSS, von Regelschulen mit ambulanter Betreuung und von Regelschulen ohne Betreuung ihre Erwartungen an der Universität erfüllt sehen. Dabei schnitten "Blistaner" im Bereich "Zusammenleben mit Sehenden" relativ schlecht ab, im Bereich "lebenspraktische Fertigkeiten" besonders gut. Auf der Basis solcher Untersuchungen, stellt Frau Betz zufrieden fest, läßt sich weiterarbeiten und das jeweilige Angebot optimieren. Der fruchtlose Antagonismus um den Königsweg der Beschulung Behinderter ist derzeit zurückgetreten.
Die Teilnehmer tragen beim Abschlußplenum der Fachtagung die Ergebnisse ihres Arbeitskreises vor (von links nach rechts: Andreas Bethke, Rudi Ullrich, Klaus-Jürgen Schwede, Richard Heuer gen. Hallmann)
Strahlendes Sommerwetter begünstigte am Freitag nachmittag ein Jubiläumsfest, das durch einen Ausschuß unter Leitung des stellvertretenden Schulleiters Joachim Lembke von langer Hand geplant war. Um 17 Uhr entlockten zum Auftakt des Festes Yeboah aus Ghana und Maestro aus Zaire ihren Geräten die ersten beeindruckenden Trommelwirbel. Mittlerweile kam auch eine riesige Restauration in Gang, die in bewährter Weise Frau Berghöfer mit ihren tüchtigen Mitarbeiterinnen verantwortete, während K. H. Wisker stets alle technischen Aufgaben bewältigte, bis hin zur Versorgung vieler hundert durstiger Kehlen. Pünktlich auf die Minute begann die Allotria Jazzband, die wie im Vorjahr aus München nach Marburg geeilt war, mit ihrem ausgefeilten Sound in traditionellem Stil das immer zahlreicher werdende Publikum in ihren Bann zu ziehen. Bandleader Rainer Sander brillierte wie immer auf Klarinette und Saxophon, Fritz Stewens blies die Posaune sauber und einfühlsam wie eh und je, Pit Müller war diesmal statt Colin Dawson als Trompeter mit nach Marburg gekommen, welch ein Unterschied in der äußeren Erscheinung, welche Übereinstimmung in der musikalischen Klasse auf dem Instrument und als Sänger! Konzertmeister Peter Cischek zupfte den Baß, daß sich die Saiten bogen, und Keith Little spielte so fröhlich auf dem Piano, wie er nach jedem Solo lacht. Stammdrummer Gregor Beck hatte als "Vertreter" Werner Schmitt geschickt, einen Vollblutschlagzeuger, der sonst in anderen renommierten Bands die Stöcke unbändig auf die Trommeln hämmert. Eine Allotria Band - international preisgekrönt - spielt eben nicht mit "Ersatz", da hatte Dr. Rainer Sander natürlich Wort gehalten. ...
Zu späterer Stunde gab es dann Tanz im Speisesaal mit der ansprechenden Conference von Tanzlehrer Seidel und genügend Platz, auch einmal ausgreifende Schrittkombinationen zu erproben.
Ein Ehemaligentreffen muß natürlich ausreichend Raum für musikalische Gruppen der Blista bieten, auch wenn nicht alle Altstars das Angebot "open stage" nutzen wollten - man vermißte etwa Stefan Fuß, Herbert Gabriel, Jens Gäbel, Rainer Husel und viele andere -, so konnten sich doch die Aufgetretenen hören lassen:
Jörn Ernst begleitete auf dem Klavier zunächst eine Folkloregruppe, in der Magdalene Ehrismann, Wilhelm Gerike und Marion Happe zu den Gitarrenklängen von Martin Sopart stimmungsvolle Lieder sangen. Dann traten mit Jörn Ernst, Hans Köffler und Thomas Domanyi einige Mitglieder der unvergessenen Jingle Band auf, zu der sich dann auch Madelon Plautz mit Gitarre und Gesang gesellte. Fast 40 Jahre nach ihren früheren Auftritten in einer Zeit, in der sie jedes Jahr mindestens vier Feste musikalisch in Schwung brachten, klappte das Zusammenspiel fast wie damals. Viel Nostalgie kam auch auf, als mit Wolfgang Angermann (Gitarre) und Uwe Boysen (Keyboard) wenigstens zwei Mitglieder der legendären "Magic Herbs" ihre Lieder über den Schulhof schmetterten - zeitlose Klänge mit beachtlicher Professionalität vorgetragen. Und schließlich ist da noch die Gruppe "Rotfuchs" zu nennen: Die beiden Leipziger Wolfgang Valentin und Uwe Wagner ließen mit Keyboard und elektrischer Gitarre Rock und Beatmusik "made in DDR" wieder aufleben, Klänge, die früher gerade auch in Marburg bisweilen gehört wurden, als nur wenige Künstler von "drüben" hier auftreten durften.
Der gelungene Festabend ging erst am frühen Samstag morgen zu Ende, als der rührige Klaus Weber van der Meer (einer der Stützen des Festausschusses) mit einigen unentwegten Helfern zum Aufräumen blies. ...
Besonders viele Zuhörer hatte naturgemäß die Eröffnungsveranstaltung der Fachtagung angezogen. Die Grundsatzreferate von Dr. Otto Hauck, dem Vorsitzenden des DVBS, und Paul Marx, dem neuen Vorsitzenden der Deutschen Blindenstudienanstalt, haben ein breites Echo gefunden und können im Rahmen dieses Berichtes nicht angemessen gewürdigt werden. Das gleiche gilt für die gut besuchte Podiumsdiskussion, die Gerd Kuhn vom Hessischen Rundfunk zu dem vielsagenden Thema ""Zwischen Weltrekord und Pflegefall" - wo stehen wir in der Leistungsgesellschaft" moderierte. Teilnehmer waren Otmar Miles-Paul, Christian Seuß, Ekkehart Kappler, Paul Marx und Uwe Boysen, die nicht nur untereinander diskutierten, sondern auch zahlreiche Beiträge aus dem Plenum mit einbezogen. Auf beide Veranstaltungen müßte gesondert eingegangen werden, um entstellende Kürzungen zu vermeiden. Im übrigen hatte jeder Gelegenheit, daran teilzunehmen - bei den Arbeitsgruppen dagegen mußte man sich entscheiden.
Nach einer anstrengenden Tagung gilt es, auf den Verlauf zurückzublicken und die Erträge zu sichern. Für Direktor Jürgen Hertlein hat sich eine neue Sichtweise aufgetan: "Wir müssen in unserer Arbeit wieder mehr den emotionalen Bereich sehen, die Technokratie darf sich nicht verselbständigen", faßt er seine persönlichen Eindrücke zusammen.
Jochen Lembke, stellvertretender Schulleiter, sieht es als positiv an, daß der Charakter einer Fachtagung sich mit den Möglichkeiten eines Ehemaligentreffens so gut verbinden ließ, wobei er der Präsentation moderner Hilfsmittel große Bedeutung beimißt. Aber auch kritische Erfahrungen müßten für künftige Veranstaltungen nutzbar gemacht werden.
Rosemarie Mittelberg, Leiterin des Direktionssekretariats, verweist unter anderem darauf, daß auch diejenigen, die noch nicht so lange zu den Ehemaligen gehören, die ständige Weiterentwicklung der Blista kennenlernen konnten. Sie wären ohne ein interessantes Tagungsangebot kaum gekommen.
Für Ressortleiter Jupp Esch ergaben sich mannigfaltige Anregungen zur ständigen Weiterentwicklung der RES-Konzeptionen.
Rudi Ullrich, zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, stellt vor allem einen Gedanken in den Mittelpunkt seiner Beobachtungen: Es müssen die unsichtbaren, aber existenten Schranken zwischen einer blinden und einer sehenden Welt abgebaut werden; dazu müssen wir mehr Angebote unterbreiten, die für jedermann attraktiv sind und bei denen der Behindertenbonus, die Almoseneinstellung, das oft beleidigende Staunen möglichst verschwinden: entschlossene Schritte zur Normalität in Ergänzung zu immer neuen Wegen zur Integration.
Die Arbeiten des nordhessischen Klangkünstlers Kaspar Harbeke z. B. sind nicht nur in der Blista attraktiv, seine Exponate vermitteln in eigenartiger Weise eigene Klangerfahrungen, z. B. auf der von ihm konstruierten Steeldrum - die Sehfähigkeit spielt dabei keine Rolle.
Steeldrum, Kunstwerk von Kaspar Harbeke
"Wir dürfen uns heute freuen über das Erreichte, uns aber nicht damit zufrieden geben. Die Deutsche Blindenstudienanstalt und der DVBS müssen sich auch der Zukunft stellen," schrieb Dr. Otto Hauck bereits 1991. Das gilt unverändert weiter im Sinne des Mottos "Gemeinsam weitersehen - Schule und Beruf 2000"!
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