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H.-P. Spittler-Massolle: Randbemerkungen zur Schwarzschriftausgabe der Marburger Beiträge (horus) seit 1918 - ein Stück Geschichte im Blindenwesen

Die Deutsche Blindenstudienanstalt (BLISTA) feiert in diesem Jahr zusammen mit dem Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) ihren 80. Geburtstag. Die "Marburger Beiträge zum Blindenbildungswesen" (heute auch HORUS) sind seit Beginn ihres Erscheinens (1918) ein ständiger Begleiter der Blindenstudienanstalt und des DVBS. So ist es bei ihrem Jubiläum angebracht, die Geschichte des Druckprodukts einmal "Revue passieren" zu lassen. Die folgenden Bemerkungen betreffen lediglich die Form und Gegebenheiten, nicht aber den Inhalt der Zeitschrift. Dies bleibe einem anderen Beitrag vorbehalten.

Am 6. April 1918 erschien Heft 0 der "Beiträge" zum Blindenbildungswesen. Zugleich erster Jahresbericht der Hochschulbücherei, Studienanstalt und Beratungsstelle für blinde Akademiker. Herausgegeben von Prof. Dr. A. Bielschowsky im Verlag Julius Springer, Berlin.

Dieses Heft, das als einziges ausschließlich in Schwarzdruck erschien und das bisweilen als Heft "0" bezeichnet wird, wurde im festen Papierdeckel (blaugrau), im Format 22,3 x 14,7 cm, gebunden. Als Besonderheit dieses Heftes ist ein Symbol oben links auf dem Einband zu erwähnen. Es handelt sich dabei um einen eiförmigen Ring in einem aufrechten, gleichseitigen Dreieck - ein geometrisches Augensymbol und vermutlich ein Freimaurerzeichen, das dann auf die Logentätigkeit der Herausgeber der "Beiträge" hindeuten würde. Die Gründe für dieses Symbol sind bisher nicht bekannt.

Im Januar 1924 erscheint ein neues Heft 1 des 1. Jahrganges der Beiträge, die jetzt heißen: Marburger Beiträge zum Blindenbildungswesen. Allerdings, und dies wird in den 20er Jahren so bleiben, ausschließlich in Punkschrift (Blindenschrift) (vgl. Einleitung zu Heft 1 1930). Die "Marburger Beiträge" sollen, so C. Strehl in der Einleitung zu Heft 1 (1924), als Fortsetzung der unter dem gleichen Titel 1918 in Schwarzdruck erschienenen Schrift von Prof. Bielschowsky verstanden werden, verbunden mit der Aufforderung, zum Zusammenschluß aller deutschen Blindenbüchereien und -druckereien. Von dieser reinen Punktschriftausgabe erschienen 6 Jahrgänge mit monatlichen Heftzählungen, also bis einschließlich 1929. Hinweise auf die Gründe für den alleinigen Punktdruck konnten bisher nicht gefunden werden.

1930 berichtet der Vorsitzende des Vereins der blinden Akademiker Deutschlands e.V. (V.b.A.D.), Carl Strehl, daß man sich entschlossen habe, dem "Wunsch nach einer Schwarzdruckausgabe" nachzukommen. Begonnen wurde mit einer zurückdatierten Nummer des 1. Jahrgangs 1930: 1. Jahrgang April - März 1930/31 Nr.1-4. Dies ist zu lesen als zusammengefaßte Nummer für den Zeitraum von April 1930 bis März 1931 (vgl. C. Strehl: Zur Einführung in Heft 1 (1930).

"Marburger Beiträge zum Blindenbildungswesen (Schwarzdruckausgabe)"

Der 2. Jahrgang beginnt im April 1931. Nur bleibt bis dato offen, ob es das Heft 1 des 2. Jahrgangs (April-Juni) gegeben hat. Im Jahrgang 1931 erschienen im Zeitraum Oktober - Dezember zwei Hefte (Nr.3 (1. Heft) und Nr.4 (2. Heft). Heft Nr.4 mit dem Bericht über die 9. Mitgliederversammlung des V.b.A.D vom 2. August 1931.

Die Marburger Beiträge (Schwarzdruckausgabe) erscheinen fortan (von 1932 (3. Jg.) bis 1944 (15. Jg.)) viermal jährlich, jeweils am Ende eines jeden Virteljahres. Anzumerken bleibt, daß die Schwarzdruck- und Punktdruckausgaben der Marburger Beiträge nicht identisch sind. Mancher Artikel, der in Punktdruck erschien, wurde in die Schwarzdruckausgabe nicht oder verspätet aufgenommen. Ob es auch Beiträge o.ä. gibt, die in Schwarzdruck erschienen, in Punktdruck aber nicht, muß einer genauen Vergleichsstudie vorbehalten bleiben. Verlag und Erscheinungsort ist seit 1930/31 Marburg. Die Hefte erscheinen als lose Doppelblattheftung ohne weiteren Einband im A5-Format mit durchschnittlich 25 Seiten je Heft.

Zu Heft Nr. 3 1933 gab es zusätzlich einen "Sonderdruck" über die "Organisatorische Umgestaltung des VbAD E.V.": Der Reichsdeutsche Blindenverband E.V., Der Verein der blinden Akademiker Deutschlands E.V. und Der Verein blinder Frauen E.V. vereinigten sich zum "Reichsbund der Deutschen Blinden".

Infolge des zweiten Weltkrieges erschien 10 Jahre lang, von 1944 bis 1954, keine Schwarzdruckausgabe der Marburger Beiträge. Der Druck wurde mit dem 16. Jahrgang, dem Heft Nr.1/2 für den Zeitraum Oktober 1953-März 1954, wieder aufgenommen. Im Vorwort dieses Heftes heißt es:

"Die "Beiträge zum Blindenbildungswesen" sind das Organ der Hochschulbücherei, Studienanstalt und Beratungsstelle für blinde Studierende e.V. (Blindenstudienanstalt) und des Vereins der blinden Geistesarbeiter e.V., Marburg/Lahn. Seit dem Jahre 1924 erscheinen sie in Blindenschrift, seit dem Jahre 1930 auch in Schwarzschrift. Diese Ausgabe mußte ab September 1944 unterbrochen werden. Der Verein der blinden Geistesarbeiter hat sich anläßlich seiner letzten Arbeitsausschußsitzung am 19.7.1953 eingehend mit der Frage der Neuausgabe unseres Organs in Schwarzschrift befaßt. Er kam zu dem Ergebnis, daß wenigstens vorerst eine Zusammenfassung der Punktschriftausgabe in zwei Halbjahres- oder vier Vierteljahresheften herausgebracht werden soll. (Carl Strehl)"

Vom 16. Jahrgang (1953/54) bis zum 30. Jahrgang (1967/68) kamen dann jeweils zwei Hefte im Jahr heraus. Heft 1/2 jeweils für die Monate Oktober-März und Heft 3/4 für die Monate April-September. Damit wurden die beiden oben angekündigten Möglichkeiten so zusammengefaßt. Das Blatt trug nun folgenden Namen:

"MARBURGER BEITRÄGE zum BLINDENBILDUNGSWESEN - Zeitschrift zur Förderung der Blindenbildung, -fürsorge und -versorgung sowie der Belange der blinden Geistesarbeiter, Wegweiser für Behörden, Fürsorger, Ärzte, Erzieher, Lehrer, Blinde und Angehörige (Schwarzdruckausgabe)"

Erscheinungsort blieb weiterhin Marburg/Lahn. Den Heften wird von nun an eine "Bildbeilage" hinzugefügt.

Das Format für diese Ausgabe wurde auf A4 vergrößert. Die Papierheftung wurde beibehalten allerdings erfolgte der Druck jetzt auf höherwertigem Papier (glatter und dicker). Die Hefte erschienen im Umfang von 20-25 Seiten im Zweispaltendruck.

1969 änderte sich wiederum einiges in der Aufmachung. Diese Änderungen gingen einher mit einem Wechsel in der Schriftleitung. Heinrich Scholler übernahm die Schriftleitung von Carl Strehl und begründet im Geleit zum Heft 1/69 die Veränderungen:

"Mit der Änderung des Namens der Schwarzdruckausgabe unserer Zeitschrift in "Horus, Marburger Beiträge zum Blind-Sehen" wollen wir zur Erreichung unserer alten und neuen Ziele neue Methoden einsetzen." (1)

Fußnote (1)

"Horus" ist in der griechischen Mythologie der Sohn der ägyptischen Göttin Isis. Sie war die Gattin des von seinem bösen Bruder Seth ermordeten und zerstückelten Osiris. Isis sammelte die Leichenteile, fügte sie mit Binden zusammen, belebte sie durch Zauber und empfing von Osiris den Horus. Als Mutter mit dem Knaben auf dem Arm beeinflußte Isis das christliche Marienbild. (Vgl. Fink, G. 1993: Who"s who in der antiken Mythologie. München: dtv)

Das Blatt soll künftig zur Mitarbeit anregen. Beilagen sollen ergänzend beigefügt werden. Es soll sich Gehör gegenüber rechtlichen Instanzen verschafft werden. Der Leserbrief soll stärker betont werden und die Belange blinder Studenten sollen auch im Bereich der Erfahrungsberichte blinder Menschen stärker berücksichtigt werden. Schließlich soll die Bildbeilage durch die Ausgestaltung der Textpassagen mit Bildmaterial ersetzt werden. Der Einband erscheint jetzt mit einem blauen Band von ca.7 cm am oberen Rand. Rechts wird eine Darstellung des heiligen Auges der alten Ägypter eingefügt. Als Text steht in dem Band der Titel des Blattes und die Heft- und Jahreszahl. Die übrige Fläche des Deckblattes ist jetzt mit einem Bild oder einer Fotographie versehen (ab Heft 2/73 gibt es in den meisten Deckblättern einen weiteren blauen Streifen von ca. 4 cm Breite am linken Rand). Das erste Heft (1/69) zeigt auf dem Titelblatt eine Darstellung von Max Schwendt: Der Hintergrund ist unten weiß und wird nach oben hin schwarz. Der Übergang am Ende des ersten Drittels der Fläche von weiß nach schwarz wirkt wie ein Nebel. Im mittleren Bereich der Fläche sind weiße Sterne in der schwarzen Umgebung in punktschriftlicher Art angeordnet. Man kann als Schriftzeichen lesen: "neu sehen". Diese Sterne wirken zugleich wie Löcher im Schwarz - so, als träten sie aus dem Schwarz heraus.

Gedruckt wird ab jetzt auf Papier besserer Qualität (Hochglanzpapier). Das Format bleibt bei DIN A4. Der Umfang eines Heftes ist weiterhin etwa 30 Seiten, im Zwei- oder Dreispaltendruck. Der horus erscheint nun bis einschließlich 1977 zweimal jährlich. Von 1978 bis 1980 dreimal und seit 1981 wieder viermal jährlich.

Von 1969 an werden das Inhaltsverzeichnis und Zusammenfassungen von Artikeln auch auf englisch gesetzt und ab 2/69 englisch und französisch. Dies wurde jedoch mit Heft 2 1979 wieder eingestellt.

Der "Untertitel" des horus: "Marburger Beiträge zum Blind Sehen" wird 1980 durch die Formulierung "Marburger Beiträge zur Integration Sehgeschädigter" ersetzt. Gleichzeitig wird im Impressum die Bezeichnung "Organ des" durch "Herausgegeben vom" ausgetauscht. 1987 wird "Integration Sehgeschädigter" zu "Integration Blinder und Sehbehinderter" verändert.

Der horus - Marburger Beiträge zur Integration Blinder und Sehbehinderter erscheint heute (1996) als 58. Jahrgang.

Bis zum 45. Jahrgang (1983) wurden die Marburger Beiträge vom "Verein der blinden Geistesarbeiter Deutschlands e.V. und der Deutschen Blindenstudienanstalt, Marburg/Lahn" herausgegeben.

1984 ändert der Verein seinen Namen in "Deutscher Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf". Die Herausgeber des horus - Marburger Beiträge sind von nun an: "Deutscher Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e.V. und Deutsche Blindenstudienstalt e.V., Marburg/Lahn".

Aus den Marburger Beiträgen zum Blindenbildungswesen ist im Laufe der Jahre der horus - Marburger Beiträge zur Integration Blinder und Sehbehinderter geworden. Die Entwicklung von Form und Gestaltung der "Schwarzdruckausgabe" sowie die der Namensgebung dokumentiert dabei einen bedeutsamen Ausschnitt im Diskurs über Blindheit zwischen Blinden und Sehenden.

Die gegenüber dem Punktdruck reduzierte Form des Schwarzdrucks deutet hierbei auf eine Umkehrung des sonst üblichen Verhältnisses zwischen Blinden und Sehenden im Bereich der Schrift hin. Denn ob Spiegel, Stern oder Nietzsche, stets wird bei Übertragungen aus dem Bereich der Schwarzschrift in Punktschrift für Blinde eine Auswahl bereitgestellt, die zumeist von Sehenden (Pädagogen) getroffen wird. Ein anschauliches Beispiel hierfür bietet die heftige Auseinandersetzung um das "Uferdasein" von Oskar Baum und die Bereitstellung der Lektüre, die er für sein "Uferdasein" verwandt habe (vgl. Der Blindenfreund 1909). Abgesehen von der pragmatischen Ebene, bei der das Problem des Aufwandes zur Herstellung von Literatur für eine sehr kleine Gruppe zur Auswahl drängt, besteht durch die Verhältnisse im Buchdruck üblicherweise für Sehende gleichzeitig die Möglichkeit oder die Gefahr der Zensur. Dieses Verhältnis zwischen zwei Lesergruppen mit verschiedenen Schriftsystemen wird in den Marburger Beiträgen umgedreht. Dies gilt insbesondere für die Jahrgänge der 20er, 30er und 40er Jahre.

Die Übertragung der Punktschrifttexte in Schwarzschrift ist für einen inhaltlichen Vergleich insofern von äußerst großem Wert. Eine Besondere Rolle kommt dabei den Texten der "reinen Punktschriftausgabe" (1924-1929) zu. Es bleibt zu vermuten, daß mit dem Instrument der Marburger Beiträge formal und damit inhaltlich eine nicht zu unterschätzende Ausdrucksform von Blinden geschaffen wurde, die reichhaltiges und bisher kaum gesichtetes (2) Material zum Diskurs über Blindheit in unserem Land bereithält.

Fußnote (2)

Herr Jochen Schäfer ist erfreulicherweise seit einiger Zeit dabei, die Punktschrift- und Schwarzschriftbestände der Marburger Beiträge vollständig bibliographisch zu erschließen.

In der äußeren Form und Aufmachung der Marburger Beiträge ist zudem eine dynamische Entwicklung auszumachen. Sie verläuft von dem anfänglichen geometrischen Augensymbol (1918) über die Punktdruckjahrgänge (1924-1929), die Entscheidung für eine Schwarzdruckausgabe, um "eine geistige Brücke zwischen Sehenden und Blinden zu schlagen" (C. Strehl in der Einleitung zu Heft 1 1930) bis hin zur Aufnahme des Ägyptischen Augensymbols (1969), das in Verbindung mit der Änderung der Aufmachung und des Titels zu "horus ... Blind-Sehen" (Integration Blinder und Sehbehinderter) verläuft.

Es scheint fast, als sei die Ausdrucksform Blinder in der Formulierung horus Marburger Beiträge zur Integration Blinder und Sehbehinderter erschöpft. So als sei der "Brückenschlag" zum Balken geworden, der heute deutlich zur Seite der Sehenden hin geneigt ist. Meines Erachtens liegt in der Form und im Inhalt der Marburger Beiträge vieles verborgen, das den Diskurs zu Blindheit aus der historischen Analyse heraus voranbringen könnte.

Hans-Peter Spittler-Massolle Hannover, den 10. Mai 1996

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