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D. Grumbach: "Irgend etwas gluckst"

Im Dunkeln sieht der Blinde besser - ein Kölner Verein veranstaltet finstere Abende für mutige Sehende

Er greift ins Leere. Man muß ihm die Geldscheine und Münzen fest in die Hand drücken. Der Kassierer ist blind. "Ihr nehmt euch besser an die Hand", rät er, bevor die Gäste das kleine Kellertheater betreten. Draußen vor der Tür hängt ein schwerer Vorhang, zwei weitere Lichtschleusen folgen im Inneren des Eingangsbereichs.

Kein Schimmer dringt von außen herein. Es ist stockdunkel, der Blick zurück zwecklos. Ein kurzes Zögern, Geräusche, Stimmen. Plötzlich ist man allein. Ich taste mich vorwärts, schiebe die Füße langsam über den Boden, um nicht zu stolpern. Dann stoße ich an einen Stuhl. Gut so. Darauf kann man sich setzen.

"Blackout" nennt der Verein "Blinde und Kunst" die Veranstaltungen, zu denen er regelmäßig nach Hamburg, Köln und in andere Städte einlädt: eine Performance in absoluter Dunkelheit, Musik, Literatur und Zauberei - zum Hören und Staunen. Ein Abenteuer. 1992 wurde der Verein in Köln gegründet. Blinde und sehende Mitglieder haben sich zum Ziel gesetzt, "die Integration, Selbstdarstellung und Identitätsentwicklung blinder Menschen mit Hilfe künstlerischer Mittel zu fördern".

"Blackout" oder auch "Sinnenfinsternis" - unter diesen Titeln führen die Veranstaltungen Sehende und Blinde gleichermaßen in eine verkehrte Welt. Die Sehenden tapsen hilflos in einen unbekannten Raum, verlieren zunächst jede Orientierung und müssen blind vertrauen. Am Eingang war es noch möglich, den Kassierer zu überprüfen: Hat er den Zwanzigmarkschein erkannt, hat er wirklich ein Fünfmarkstück herausgegeben- Hinter der zweiten Lichtschleuse sind die Besucher völlig gleich - mit einem kleinen Unterschied: Für die Blinden ist die Finsternis normal. Sie haben gelernt, sich im Dunkeln zurechtzufinden und an Geräuschen oder einem Luftzug zu orientieren, der den Weg zum Ausgang weist.

Doch auch sie befinden sich in einer verkehrten Welt. Denn hier sind sie es, die, anders als sonst, um Hilfe gebeten werden. Sie führen die Regie, weisen den Weg, geleiten die Gäste zum Tresen und servieren Getränke auch am Platz. Das Vertrauen, das sie ihren sehenden Mitmenschen draußen entgegenbringen müssen, nahmen hier sie entgegen.

Die Geräuschkulisse ist total. Aus allen Richtungen, rechts und links, vorne und hinten, oben, unten und in Augenhöhe (oder muß man hier "Ohrhöhe" sagen-) blubbert und plätschert es. "Atlantis" heißt das Motto des Abends. Wir befinden uns auf der untergegangenen Insel. Ein Walfisch schwimmt vorbei, ein Taucher plätschert über mir. Irgend etwas gluckst. Mit den Füßen erkunde ich den Boden. Kein Steinfußboden, kein Holz, kein Teppich. Wir gehen auf Sand, auf dem Meeresgrund.

Je weniger man ins Dunkle starrt, um vielleicht doch einen Blick auf etwas - auf was eigentlich- - zu erhaschen, je mehr man sich auf Gehör und Tastsinn konzentriert, desto mehr taucht man in eine fremde Welt ein - und findet sich langsam in ihr zurecht, erkennt Vertrautes wieder, Schritt für Schritt. Macht sich Zusammenhänge bewußt, die man normalerweise kaum bemerkt.

Geräusche zum Beispiel haben eine Richtung: Wo ist der Tresen- "Hier", ruft jemand rechts hinter mir. Ich muß mich also nach rechts bewegen, um die eigene Achse drehen und geradeaus weitergehen, direkt auf den Tresen zu. So einfach ist das. Wenn nur die breite Säule nicht wäre! Auf dem Rückweg zum Platz hilft mir die Wärme eines Heizkörpers bei der Orientierung.

"Wir haben auch schon eine Dschungel-Nacht und eine Beach-Party veranstaltet", erzählt Siegfried Saerberg, der Mitbegründer und Vorsitzende des Vereins "Blinde und Kunst". Der vierunddreißigjährige Soziologe aus Köln war von Geburt an sehbehindert und ist mit Anfang Zwanzig vollends erblindet. Seit einigen Jahren widmet er sich der Kulturarbeit und ist der einzig hauptamtliche Mitarbeiter des Vereins.

Über die "Sinnenfinsternis" und das "Blackout" hinaus schwebt ihm vor, ein Kunstmagazin für Blinde ins Leben zu rufen und akustische Installationen an öffentlichen Plätzen einzurichten. Warum beispielsweise sollen sich die Besucher des Kölner Doms nicht im Getöse auf dem Mittelstreifen einer Autobahn wiederfinden und so den Kontrast zwischen der Hektik der modernen Zivilisation und der erhabenen Weite, der meditativen Stille des riesigen Kirchenraums hören, spüren, erleben-

Derartige Aktionskunstwerke können gerade Menschen ohne Augenlicht gut entwickeln, erklärt Saerberg, weil sie einen viel sensibleren und besser trainierten Zugang zu akustischen Phänomenen haben. Was im Alltag als Behinderung wirkt, wird hier zur Stärke. Blinde sind gleichwertige Partner.

"Mal gucken", antworten die Besucher vor Beginn der Veranstaltung auf die Frage, was sie erwarten. Ganz selbstverständlich kommt man später mit den Nachbarn in Kontakt. Sei es, daß man von seinem sicheren Platz aus vorsichtig ertastet, was sich neben einem befindet. Oder man fragt einfach: Sitzt da jemand- Während der Programmpausen entwickeln sich entspannte, aber auch sehr ernste Diskussionen - ohne Ansehen der Person. So komme man viel leichter in Kontakt, meint meine Nachbarin.

Draußen vor der Tür wären wir vielleicht aneinander vorbeigelaufen. Wie schnell sortiert man im Alltag mögliche Gesprächspartner nach Äußerlichkeiten ein und aus, verhindern Vorurteile menschliche Annäherungen. "Die Blinden haben den Durchblick", wirft gegenüber jemand ein. In absoluter Dunkelheit fragt man sich, was Blinde wohl sehen. Nichts- Schwarz- Was ist überhaupt schwarz-

Niko, der Zauberer, bittet um Aufmerksamkeit. Ob er einen schwarzen Anzug trägt, in Frack und Zylinder auf der Bühne steht- Er wolle heute nicht selbst zaubern, erklärt er. Hier würde man ihm noch weniger Glauben schenken als in einem hellerleuchteten Saal. Er gibt seinen Zylinder in die eine Richtung, den Zauberstab in die andere, bittet das Publikum, die Utensilien zu begutachten, zu begreifen und weiterzureichen. Schließlich finden Zylinder und Zauberstab zusammen.

Simsalabim, sagt einer der Gäste. Eine Taube flattert aufgeregt durch das Dunkel. Die Zuschauer erschrecken. Die Zuschauer- Man sagt das so leichtfertig, wie "Einsicht", "Anschauung" oder "Vision". Niemand weiß, wo sich der Vogel gerade befindet. Vermutlich ziehe nicht nur ich den Kopf ein.

Der Zauberer, sonst ein Sehender, begleitet "Blackout" schon seit der ersten Veranstaltung. Er vergleicht die Erlebnisse mit einem "Selbsterkenntnistrip". Der Meditationskurs, den er vor Jahren in Indien gemacht habe, sei sehr anstrengend gewesen. "Blackout" liefere ähnliche Erfahrungen wesentlich schneller, auf unterhaltsame Weise, begleitet sogar von Euphorie.

Ob man Blinde nach einem solchen Abend besser verstehen kann- Das wäre vielleicht eine kleine Übertreibung. Doch die Akzeptanz dieser anderen Art und Weise, die Welt wahrzunehmen und sich in ihr zu bewegen, wächst. "Ich hatte am Anfang einen leichten Panikanfall", erzählt eine junge Frau, die sich beim Rausgehen abends um elf Uhr im Halbdunkel der Großstadt schützend die Hände vor die geblendeten Augen hält.

"Bis ich nicht mehr darüber nachgedacht habe, daß ich nichts sehe. Bis ich nicht mehr versucht habe, das zu durchdringen. Diese Dunkelheit."

Kontakt: Blinde & Kunst, Sülzburgstraße 179, 50937 Köln, Tel. 0221/4201072

(aus: DAS SONNTAGSBLATT, Nr. 10, 8. März 1996)

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