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(Der folgende Artikel ist bisher - Stand: 07.05.96 - in der "Randschau" Nr. 1/1996 erschienen.)
Bewerbungstrainings werden regelmäßig vom Institut für technologieorientierte Frauenfortbildung (ITF) in Kassel angeboten. Sie dauern 2 Wochen und werden vom Arbeitsamt finanziert. Ich hatte die Möglichkeit, an einem Trainingskurs vom 22.01. bis 02.02.96 teilzunehmen. Da ich die dort gemachten Erfahrungen für außergewöhnlich halte, möchte ich darüber berichten:
Erster Tag, Miteinander warm werden: Wir sind ca 15 Teilnehmerinnen, ich die einzige Behinderte. Die meisten von uns sind Künstlerinnen, Ingenieurinnen oder aus dem pädagogischen Bereich im Alter von 25 - 50 Jahren. Neben der üblichen Kennenlernphase stellen die Referentinnen der Schule ihr Seminarkonzept vor. Dabei fällt mir auf, daß sie von sich aus gezielt meine behinderungsbedingten Bedürfnisse (z. B. Frage nach Assistenz) ansprechen, so daß ich nicht, wie das ja häufig in Seminaren für Sehende der Fall ist, um Hilfe bitten muß. Meine Behinderung ist von Anfang an natürlicher Bestandteil der Gruppe. Neben theoretischen Übungen sind auch praktische vorgesehen. Dazu stellt sich eine Clownin vor, die mit uns entsprechende Übungen machen will. Sie spricht mich in der Pause an: "Ich habe noch nie mit Blinden gearbeitet, und meine Übungen sind alle auf das Visuelle ausgerichtet: Was sollen wir machen-" "Ich habe damit leider auch noch keine Erfahrungen", entgegne ich. Sie beschreibt mir einige Übungen und betont: "Ich verstehe es als eine Herausforderung, der ich mich stellen will!" Ich selbst bin etwas unsicher, doch verbleiben wir so, daß ich jederzeit gehen kann, wenn ich nichts davon habe. Um den Prozeß des Kennenlernens zu vertiefen, werden verschiedene Wahrnehmungsübungen durchgeführt. Einige machen wir mit geschlossenen Augen: Wie wirkt der Raum auf mich- Wie orientiere ich mich- Habe ich genügend Vertrauen, mich von einer blinden Person führen zu lassen- Nach jeder Übung sucht man sich eine Partnerin, um mit ihr die Erfahrungen auszutauschen. Für viele Frauen, mit denen ich so ins Gespräch komme, ist es unfaßbar, daß man mit dem Gehör Räume, Wandschatten und Menschen, die still durch den Raum gehen, wahrnehmen kann. Gerade dieser Gedankenaustausch fördert unser gegenseitiges Vertrauen und somit meine echte Integration in die Gruppe!
Zweiter Tag, Tag der Theorie: Wie setzt man ein Bewerbungsschreiben auf- Wie müssen Lebenslauf und Zeugnis aussehen- Dabei fällt mir auf: Was gestern noch galt, stimmt schon heut" oder morgen nicht mehr! Man muß sich immer wieder neu damit auseinandersetzen, damit die Bewerbung überhaupt noch gelesen und ernstgenommen wird. Schriftliches Material wird speziell für mich kopiert, damit mein Scanner es mir vorlesen kann, oder auf Diskette zur Verfügung gestellt. In den Pausen gibt es neben Getränken auch Plätzchen, was die angespannte Atmosphäre angenehm auflockert!
Dritter Tag, Zu Gast bei der Clownin: Zunächst machen wir Lockerungs- und Entspannungsübungen, zum Teil wieder mit geschlossenen Augen. Ziel ist zunächst, in dem Raum anzukommen. Anschließend fordert sie uns auf, zu Musik und Rhythmen zu tanzen, jede für sich. Nach einer Weile stellt sie Begriffe in den Raum (z. B. Begreifen, Glück usw.). Es gibt keine Vorgaben, wie wir diese Begriffe tanzen sollen: Die Vorgaben kommen aus uns selbst heraus. So sind wir innerlich soweit, daß wir uns an Clownsrollen heranwagen können: Jede von uns erhält eine Clownsnase. Sobald man die Aufhat, gibt es keine Tabus mehr, außer Verletzung. Es wird nicht gesprochen, sondern mit Gestik, Mimik und Tönen findet die Kommunikation statt. Man holt tief Luft, und mit dem Ausatmen springt man auf die Bühne in die Clownsrolle hinein. Bei uns agieren immer 2 Clowns auf einmal: Der Eine springt als Erster auf die Bühne und baut seine Szene auf. Ist diese klar, kommt der zweite Clown hinzu, und es entsteht eine Kommunikation zwischen Beiden. Für mich ist das eine interessante Herausforderung: Ich traue mich zunächst nicht, doch stelle ich fest, daß ich die Szenen der Anderen erfassen kann, wenn sie authentisch sind, oder anders formuliert: Stimmen Kopf und Bauch im Denken, Fühlen und Handeln überein, kann ich, ohne zu sehen, erfassen, was da Vorne gespielt wird! Diese Erfahrung nimmt mir meine Ängste, in die Clownsrolle zu schlüpfen, und ich springe auf die Bühne! Eine Clownin kommt zu mir, und unsere Kommunikation funktioniert, auch ohne zu sprechen. In weiteren Übungen sollen wir einen Hektiker, einen Ängstlichen oder einen superstarken Clown spielen. Die Szenen sind gewaltig und beeindruckend; sie lassen sich leider kaum beschreiben. Manche Leserinnen und Leser werden sich fragen: "Was hat das mit Bewerbung zu tun-" Sehr viel, denn mein Auftreten in einem Vorstellungsgespräch ist nur dann überzeugend, wenn ich authentisch bin und Kopf und Bauch sich nicht gegenseitig blockieren!
Vierter und fünfter Tag, Präsentationsübung: Ein großer Korb steht auf dem Tisch. Ich ziehe einen Zettel, worauf ein Thema steht, etwa: "Wozu benötigen wir den monetären Einsatz in der 3. Welt-" "Sollten wir Westdeutschen weiterhin einen Solidaritätszuschlag für die ostdeutsche Wirtschaft leisten-" usw. Man hat 10 Minuten Zeit, um zum gezogenen Thema einen Vortrag zu entwerfen. Dieser wird vor der Gruppe in höchstens 8 Minuten gehalten und auf Video aufgenommen. Danach gibt es ein Feedback aus der Gruppe, wobei es vorrangig um die Präsentation des Inhalts geht: Auftreten, Körpersprache usw. Das anschließende Ansehen des Videos ergänzt die Rückmeldungen der Gruppe.
Sechster und siebter Tag, Jetzt wird es ernst Vorstellungsgespräch: Vor Seminarbeginn muß jede von uns ihre aktuellen Bewerbungsunterlagen abgeben. Diese werden, wie im richtigen Leben, einem Arbeitgeber aus der freien Wirtschaft vorgelegt, der mit uns die Vorstellungsgespräche durchführt. Dabei orientiert er sich nicht nur an unseren Unterlagen, sondern auch an Redewendungen und kniffligen Fragen, wie sie zunehmend üblich sind. Man spricht z.B. nicht im Konjunktiv (wird als Schwäche ausgelegt), und das Wort "eigentlich" muß aus dem Wortschatz gestrichen werden, denn es beinhaltet immer die Negation. Ich will Sie nicht weiter mit solchen Floskeln langweilen: Fest steht, daß die Möglichkeit, sich einem derartigen Gespräch zu stellen, eine gute Übung für die Realität ist. Auch hier sind die Rückmeldungen der Gruppe sehr aufschlußreich.
Achter und neunter Tag, "Sie werden bis auf Ihre Wurzeln getestet, bis die richtige Persönlichkeit für diesen Arbeitsplatz herausgefiltert ist!": Damit leitet die Referentin den letzten, und wohl auch ekligsten Block unseres Seminars ein. Häufig reicht den Arbeitgebern das Vorstellungsgespräch nicht aus, um die Entscheidung der Einstellung treffen zu können. Die Bewerberinnen und Bewerber werden in Assessment-Centers mit Tests und Übungen gequält. Diese Praktiken sind nicht nur in der sog. freien Wirtschaft üblich, sondern kommen auch zunehmend im öffentlichen Dienst zum Einsatz. Je enger der Arbeitsmarkt wird, desto schärfer werden die Praktiken. Intelligenz, psychische Belastbarkeit, soziales Denken bis hin zu Fragen nach sexuellen Praktiken werden angewandt, um Charakter und Persönlichkeit genau erfassen zu können. Aus Platzgründen möchte ich nicht näher auf die Inhalte eingehen. Ich kann jedoch nicht bei allen Tests folgen, weil ich die Vorgaben usw. nicht sehen kann, doch das ist mir in dem Moment auch egal!
Insgesamt ist das Seminar sehr gelungen! Ich bekomme noch selten in Gruppen mit Nichtbehinderten so offene Rückmeldungen über mein Auftreten und Verhalten. Auch meine Rückmeldungen über die Anderen sind sehr geschätzt. Von daher möchte ich Sie ermutigen, an einem derartigen Seminar mitzumachen!
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