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Die heutige Gesellschaft ist sehr auf das äußere Erscheinungsbild eines Produkts, einer Dienstleistung, der Umgebung und selbst das des Mitmenschen fixiert. Das heißt, visuelle Eindrücke spielen eine vorrangige, wenn nicht die wichtigste Rolle für Entscheidungen, die spontan gefällt werden müssen. Dies mag wohl auch daran liegen, daß die optische Wahrnehmung am unverbindlichsten ist, da Sprache und Körperkontakt, die für den Einsatz der anderen Sinnesorgane nötig sind, hier wegfallen. Leider geben die Medien uns allen direkt oder indirekt vor, was schön und was häßlich zu sein hat, welcher Typ Produkt, Dienstleistung, Umgebung oder Mensch einem anderen vorzuziehen ist und welche Entscheidungskriterien zu verwenden sind. Inwieweit sind Menschen, selbst beim ersten Kontakt, heute noch in der Lage, sich nicht von diesen Medienbildern leiten zu lassen, sondern eine Person zu beurteilen nach ihrer Einstellung, Motivation, Kreativität, nach ihrem Umgang mit anderen Menschen, ihrer Kontaktfreudigkeit und ihrer Fähigkeit zuzuhören- Bekommt eine Person noch die Chance, von einer anderen Person "subjektiv" beurteilt zu werden oder erfolgt die Klassifizierung nach einem vorgefertigten und allgemeinen Schubladendenken- War vor zehn, zwanzig oder noch mehr Jahren diese Katalogisierung weniger stark ausgeprägt als heute-
All dies sind Fragen, auf die mir naturwissenschaftlich belegte Antworten nicht zur Verfügung stehen. Trotzdem sind es essentielle Fragen, mit denen sich gerade Behinderte jeden Tag aufs neue besonders auseinandersetzen müssen. So bedeutet Erfolg in einer Ausbildung und in einem Beruf für einen Behinderten nicht nur, eine für ihn optimale Leistungsfähigkeit zu erzielen, die so nahe wie möglich an der eines Nichtbehinderten liegt. Es ist genauso wichtig, auch als Mensch im ganzen den anderen Mitschülern, Mitstudenten und Mitarbeitern gleichgestellt zu werden. Diese Gleichstellung muß auch auf privater Ebene erfolgen, denn der sehnlichste Wunsch eines jeden, der mit einer Behinderung leben muß, ist, von seiner Umwelt als "normal" akzeptiert zu werden. Dies erfordert Anstrengungen und Verständnis von beiden Seiten. So gilt für den Behinderten, sich im Rahmen seiner Möglichkeiten bestmöglich in das Umfeld seiner gesunden Mitmenschen zu integrieren und ein hohes Maß an Selbständigkeit zu erlangen; die Nichtbehinderten müssen lernen, den "anderen" als "einen von sich" zu akzeptieren. Daß hier Wunsch und Realität oft weit auseinanderliegen, habe ich während meiner bisherigen Ausbildung und im Privatbereich leider oft erfahren müssen, und dies wird wahrscheinlich auch in Zukunft so sein. Trotzdem habe ich nie aufgehört, nach Menschen zu suchen, die an mich geglaubt und mich als ebenbürtig akzeptiert haben. Dies gelingt natürlich nur mit sehr viel Einsatz, aber ich kann sagen, der Einsatz lohnt sich. Nicht nur die intellektuellen Fähigkeiten, sondern vielmehr die Akzeptanz durch meine Umgebung waren für mich Schlüssel zur Realisierung meines bisherigen Werdegangs. Es gab auch viele Niederlagen, wobei insbesondere die persönlichen Rückschläge mir oft als sehr bittere "Pillen" im Magen lagen. Mit der Zeit muß man ein Immunsystem gegen herablassende Behandlung entwickeln, um nicht zermahlen zu werden. So bin ich dazu übergegangen, die positiven Ergebnisse und Erfolge für mich als Motor zu benutzen, gemäß dem Motto: "Du hast es schon bis hierher geschafft, dann gelingt dir der Rest auch noch". Negativerlebnisse habe ich versucht, so schnell wie möglich zu vergessen und kann in der Tat sagen, daß ich heute einen fachlichen oder persönlichen Rückschlag schneller überwinde, als dies noch vor einigen Jahren der Fall war. Nachfolgend sollen nicht nur einzelne Etappen meiner Laufbahn chronologisch dargestellt werden, sondern es werden immer auch die Wechselwirkungen mit der gesellschaftlichen Umgebung betrachtet.
Im August 1973 begann meine Grundschulausbildung an der Rheinischen Landesschule für Sehbehinderte in Düsseldorf. Dies war aufgrund meiner Sehkraft von wenigen Prozent auf dem rechten Auge und voller Blindheit auf dem linken angebracht. In der ersten Klasse waren wir fünf "Mann", d. h. eher vier Mädchen und ich. Unterrichtet wurden wir von Frau H. Pelzer, einer jungen und sehr engagierten Lehrerin. Die Tatsache, daß wir ihre erste zu betreuende Schulklasse waren, tat der Qualität des Unterrichts keinen Abbruch, eher war das Gegenteil der Fall. Die Lernbedingungen waren optimal und die persönlichen Bande aufgrund der kleinen Schülerzahl sehr fest. So war Anschauungsunterricht sehr oft möglich, und auch spielerisches Lernen stand regelmäßig auf dem Programm. Ich erinnere mich besonders gern an die Rechenübungen. Wir saßen alle im Kreis, und auf großen, gelben Pappkartons standen Aufgaben des kleinen und später auch des großen Einmaleins. Wer zuerst die richtige Antwort wußte, bekam die Karte, auf deren Rückseite das Ergebnis stand, und die Person mit den meisten Karten gewann einen kleinen Preis. Auch das gezielte Erleben und Wahrnehmen von Materie mit allen Sinnesorganen waren für meine Begriffe in dieser Schule einzigartig. So konnten wir z. B. auf einer Reliefweltkarte die Alpen und den Himalaya genauso wie den Marianengraben ertasten. Ganz besonders fasziniert haben mich zwei Versuche im Rahmen des Sachkundeunterrichts. Bei einem wurde Wasser durch ein Stofftuch geschüttet. Nach dem Einreiben des Tuchs mit Vaseline wurde der Versuch wiederholt, und diesmal konnte kein Wasser mehr den Stoff durchdringen. Bei einem anderen wurde Coca Cola destilliert und ich war völlig erstaunt, als hinter der Kühlvorrichtung reines, "durchsichtiges" Wasser abgeschieden wurde. Hier muß der Ideenreichtum der Klassenlehrerin honoriert werden, der sich auch in Aktivitäten wie Unterricht im Freien oder Besuch von Unternehmen, wie der Post oder eines Gemüsegroßmarktes abzeichnete. Zum Glück war ich in eine sehr leistungsstarke Klasse geraten und der Grundschulstoff, der in dieser Schule auf fünf Schuljahre verteilt war, konnte, wie an jeder normalen Grundschule, in vier Jahren bewältigt werden. Die schulischen Anforderungen konnten von mir erfüllt werden, aber eine Entwicklung hin zu selbständigem Handeln war noch im Anfangsstadium.
Den Schulweg von Mönchengladbach bewältigten die Schüler der Sehbehindertenschule jeden Tag mit einem Kleinbus eines privaten Transportunternehmens. Um Zeit zu sparen, setzte der Busfahrer die einzelnen Schüler nicht immer genau vor der Haustür ab. Ich hätte eine mittelstark befahrene Straße überqueren müssen. Meine Eltern setzten aber durch, daß der Busfahrer mich auf die andere Straßenseite bringen mußte, um eine Gefahr für mich auszuschließen. Dies ist sehr vernünftig und entspricht absolut dem Bedürfnis der Eltern, ihre Kinder zu schützen. Wenn man jedoch mit zehn Jahren eine mittelstark befahrene Straße noch nicht allein überqueren kann, ist man gegenüber seinen sehenden Mitschülern im Rückstand. Auch beim Rollschuhlaufen und Fahrradfahren war ich ihnen hoffnungslos unterlegen, da ich weder das eine noch das andere mit zehn Jahren beherrschte. Schließlich bekam ich einen Roller und machte hier die ersten Erfahrungen mit der Balance. Danach griff ich nach dem alten Kinderfahrrad, auf dem schon mein Bruder gefahren war, und brachte mir so ganz allmählich das Fahrradfahren bei. Meine Eltern waren bis dahin der Meinung, daß diese Art der Fortbewegung für mich zu gefährlich sei. Ich mache ihnen deshalb auch keinen Vorwurf. Wie sollen sie wissen, was für mich machbar ist und was nicht; sie sehen die Welt ja nicht mit meinen Augen. Weiterhin muß ich eingestehen, daß Fahrradfahren für mich nicht unter allen Bedingungen möglich und natürlich mit einem größeren Unfallrisiko verbunden ist. Trotzdem sollte jeder behinderte Mensch versuchen, bis an die Grenze des für ihn Machbaren zu gehen. So habe ich es auch immer gehalten.
1978 wechselte ich die Schulform und sah mich von nun ab in der Sexta des Hugo-Junkers-Gymnasiums in Mönchengladbach/Rheydt mit der Tatsache konfrontiert, den Leistungsansprüchen, die an sehende Schüler gestellt werden, zu genügen. Glücklicherweise stellte der Lehrstoff im ersten Jahr für mich nur eine Wiederholung dar, denn er wurde zum allergrößten Teil schon im letzten Grundschuljahr in Düsseldorf durchgenommen. Problematischer war es, sich in den Klassenverband einzuordnen, denn ich mußte stets einen der begehrten vorderen Sitzplätze einnehmen, um genug zu sehen. Dies führte oft zu Reibereien. Da meinen physischen Fähigkeiten, die man in jenem Alter oft einsetzen muß, Grenzen gesetzt waren, war es oft unerläßlich, auch gegen meinen Willen, die Lehrerautorität in Anspruch zu nehmen. Zum Glück konnte ich auch Freunde finden und hierunter einen, mit dem ich mich besonders gut verstand. Da wir in den ersten Jahren fast immer nebeneinander saßen, stellte sich ein regelrechtes "Tandemworking" ein. In der Regel schrieb er den Tafelanschrieb ab und im Anschluß notierte ich mir sukzessive seine Mitschrift. Diese Zusammenarbeit war besonders im Lateinunterricht sehr fruchtbar. So machte jeder von uns seine Hausaufgaben und wir verglichen dann unsere Ergebnisse telefonisch. Auch machten wir manchmal gemeinsam Schulaufgaben. Meines Erachtens haben wir beide sehr von diesem "Teamwork" profitiert, was er mir, obwohl sich unsere Wege in der Oberstufe trennten, auch bestätigte.
Neben diesen guten Erfahrungen mußte ich doch einen Preis dafür bezahlen, in der "normalen" Gesellschaft integriert zu sein und nicht mehr im "goldenen Käfig" der Rheinischen Landesschule für Sehbehinderte zu sitzen. So möchte ich beispielhaft ein sich öfter wiederholendes Ereignis herausgreifen. Das Gymnasium war ungefähr 3,5 km von meinem Elternhaus entfernt, so daß der Linienbus für mich das Verkehrsmittel der Wahl war. Ein großer Teil meiner Klassenkameraden wohnte auf den umliegenden weiter entfernten Dörfern und benutzte die gleiche Buslinie wie ich. So geschah es oft, daß ich unfreiwillig bis in die umliegenden Dörfer und manchmal bis zur Endstation mitfuhr und dann den ganzen Weg bis zu meiner eigentlichen Zielhaltestelle allein wieder zurückfahren "durfte". Die Tatsache, daß teilweise auch meine besten Freunde mich hier nicht unterstützten (es ist ja immer viel leichter, sich der Dynamik der Gruppe anzuschließen), machte mir besonders zu schaffen. Um meinem Ärger über meine Mitschüler Luft zu machen, wollte ich manchmal "nur weg" (der Situation entfliehen), setzte mich in den nächsten Zug und fuhr durch den Verkehrsverbund Rhein-Ruhr. Gegen fünf Uhr war ich dann meistens so erholt, daß die Hausaufgaben erledigt werden konnten. Durch diese unfreiwilligen Exkursionen lernte ich Busse und Bahnen gut kennen und es war eine Art, Erfahrungen zu verarbeiten. Sicherlich waren diese Schuljahre prägend für die Ausbildung eines starken Willens, und es war auch zu dieser Zeit, als ich mir zu sagen begann: "Jetzt seid ihr noch stärker als ich, denn ihr seid mehrere gegen einen, aber irgendwann sitze ich am längeren Hebel!" Und in der Tat waren es die anderen, die die Schule nach dem zehnten Schuljahr verlassen mußten oder ihr Abitur nicht bestanden. Mein eigener Erfolg gab mir Mut weiterzumachen, denn ich sah, daß ich mit den anderen mithalten konnte. Zum Glück haben mir meine Eltern nie Steine in den Weg gelegt, sondern mich in allen Dingen unterstützt, sofern sie es konnten. Auch lernte ich hier zum ersten Mal, daß Lehrer sich manchmal in ihrer Notengebung nicht immer von der Leistung des Schülers, sondern von anderen Motiven leiten lassen.
All diesen Dingen zum Trotz habe ich versucht, nur die für mich schönen Dinge mitzunehmen und an meine Chance zu glauben. Das ist wie bei den beiden jungen Palmen in der Wüste, wo bei der einen ein großer Stein mitten in die Krone gelegt wird. Ihr Stamm, ihre Wurzeln und Äste werden mit der Zeit zusehends stärker, um den Stein zu tragen, und als er nach vielen Jahren von einem starken Sturm aus dem Wipfel herausgeweht wird und viele Nachbarpalmen vom Wind umgeknickt werden, ist sie stärker und größer als die andere. Daß mein eingeschlagener Weg - gemäß dem oben gezeigten Bild - der richtige war, läßt sich auch an dem nachfolgenden kleinen Erlebnis erkennen, das mich wieder ein Stück weiter voranbrachte auf dem Weg hin zur Selbständigkeit.
Im Schuljahr 1984/85 wurde ein Schüleraustausch zwischen unserem Gymnasium und dem Lycée von Braine-le-Compte südlich von Brüssel angeboten. Als Mitglied des Französischkurses konnte auch ich an diesem Austausch teilnehmen. Es entstand eine Freundschaft zwischen meinem belgischen Austauschschüler und mir, die auch heute noch besteht. Bei meinem zweiten Besuch in Belgien reiste ich allein und nicht im Kursverband an. Also verabredeten wir, uns am Hauptbahnhof (Gare Centrale) in Brüssel, einem Bahnhof, der unter der Erde liegt, zu treffen. Mein Zug hielt jedoch nur in Brüssel Nord und Brüssel Midi. Ich kam mir sehr allein vor, als ich mit meinen wenigen Französischkenntnissen auf einem riesigen Bahnhof im Ausland stand. Trotzdem habe ich es geschafft, bis an den Zielort weiterzureisen und dort abgeholt zu werden. Aus heutiger Sicht scheint dies trivial zu sein, damals war ich jedoch stolz, mich eigenhändig aus einer unbequemen Situation herausmanövriert zu haben.
Zusammenfassend kann ich sagen, daß die Gymnasialzeit mich zwar fachlich gefordert hat, der Hauptteil meiner Energie jedoch für die Bewältigung zwischenmenschlicher Probleme bereitgestellt werden mußte. Ich halte es jedoch für gut, diese Lektion so früh wie möglich im Leben zu bekommen.
Nach dem Abitur war ein Studium für mich erstrebenswert. Da ein Militär- oder Zivildienst aufgrund meiner Behinderung wegfiel, konnte ich gleich geeignete Studiengänge und -orte ins Auge fassen. Schließlich entschied ich mich für ein Chemiestudium an der Philipps-Universität in Marburg. Auch dies ist ein für einen Sehbehinderten nicht unbedingt einsehbarer Schritt. An meine Person wurden nun ganz andere Anforderungen gestellt. Jeder Student dürfte dies ähnlich, jedoch weniger stark erfahren haben. Dies hieß zuerst einmal, ganz allein sein "Berufs-" und "Privatleben" zu "managen".
Bei den Praktika des ersten Semesters mußte ich feststellen, daß ich beim praktischen Arbeiten sehr unselbständig war. Warum eigentlich- Daheim hatte ich doch auch immer schon gebastelt. Dies lag daran, daß mein Vater, sobald ich handwerklich aktiv war, mir stets wohlwollend unter die Arme griff, nach dem Stil: "Laß mal sehen, Junge, das kriegen wir schon hin", bis ich schließlich nach meist längerem Zögern das Werkzeug aus der Hand gab. Nun war auf einmal niemand mehr da, der kurzfristig schwierige technische Probleme überwinden half.
Ein zweites Novum war für mich, daß mein Semester aus vielen Neunmalklugen bestand, die schon alles im voraus wußten, und für die alles ganz trivial war. Dies setzte unheimlich unter Druck und ich sah mich wirklich nur als ganz kleines Licht bzw. als ganz große Null. Trotzdem beendete ich das Studium nicht nach dem ersten Semester wie 25 Prozent meiner Kommilitonen, obwohl ich oft nahe daran war und meinte, den Belastungen nicht mehr standzuhalten. Die ersten Klausuren und insbesondere die erste Mathematikprüfung zeigten jedoch, daß der überwiegende Teil der Besserwisser durchgefallen war und ich als einer der besten bestanden hatte. Ich schreibe dies hier nicht auf, um mich herauszustellen, sondern dies soll ein Impuls für die sehbehinderten und blinden Leser sein, sich nicht von ihrer Umgebung einschüchtern zu lassen. Diese Ergebnisse hatten für mich einen außerordentlichen Motivationsschub zur Folge. Obwohl das zweite Semester viel schwieriger war als das erste, war es leichter zu bewältigen, denn die Erfolge des vorherigen Semesters motivierten mich. Diese Ergebnisse sollen jedoch nicht dahin mißverstanden werden, daß alle Prüfungen beim ersten Mal geglückt sind. Nein, auch Niederlagen, wie bei der dritten Mathematikprüfung, die ich erst beim zweiten Versuch bestand, mußten eingesteckt werden. Man vergesse nicht, daß von der Schule hin zur Universität ein bemerkenswerter Niveauanstieg zu verzeichnen ist. Bei allen schriftlichen Prüfungen wurde mir jedoch eine vorher vereinbarte Zusatzzeit gewährt, und dies sollten auch alle anderen blinden und sehbehinderten Studenten versuchen, für sich in Anspruch zu nehmen, wobei hier jedoch auch nicht übertrieben werden darf. Wenn man ein normales Mitglied der Gesellschaft sein möchte, muß man sich so weit als möglich auch an deren Spielregeln halten.
Ein drittes Ereignis, das ich zu Beginn meines Studiums erlebte, bezieht sich auf meine Wohnungssituation. Nicht unweit der Elisabethkirche in Richtung Marbach bewohnte ich ein 25-Quadratmeter-Zimmer oberhalb eines Feinkostgeschäfts. Der Vermieter, der auch gleichzeitig Inhaber des kleinen Ladens war, hatte persönliche Probleme, die ich hier nicht näher erläutere. Seine daraus resultierende permanent schlechte Laune und seine chronisch überhöhten Stromrechnungen waren für mich jedoch nicht leicht zu tolerieren. Das Verhältnis zu allen seinen Mietern war extrem schlecht. Als er sich einmal darüber erboste, daß mein Nachbar und ich zum zweiten Mal die Flurbeleuchtung angeknipst hätten und daß wir doch bitteschön in unseren Zimmern diskutieren mögen und ich ihm antwortete, daß er sich doch nicht so aufregen solle, wir hätten ihm doch nichts getan, hat er ganz seltsam reagiert. Eine Viertelstunde später kam er in mein Zimmer, um mir wütend und mit hochrotem Kopf mitzuteilen, daß ich auszuziehen habe. Ich war völlig überrascht und konnte im ersten Moment gar nicht reagieren, sagte ihm jedoch, daß eine Kündigung, ob mündlich oder schriftlich, von einem Tag auf den anderen nicht rechtens sei und ich mir erst etwas Neues suchen müsse. Dies tat ich auch sofort, zog einen Monat später aus und übergab die Sache einem Rechtsanwalt, denn mit meinem Vermieter war nicht zu reden. Er bestritt, mir jemals gekündigt zu haben und wollte meine Kaution nicht zurückerstatten. Vor Gericht kam es für mich zu einem sehr akzeptablen Urteil, denn ich mußte nur die Miete für die effektive Wohndauer bezahlen und bekam meine Kaution zurück. (Als BaföG-Empfänger hat man übrigens ein Anrecht auf kostenlose Rechtsberatung, so daß ein Rechtsbeistand bei Aussicht auf Erfolg in Anspruch genommen werden kann.)
Auch hier gilt, daß dieser Zwischenfall, der sich drei Monate nach Beginn meines Studiums ereignete, so oder in ähnlicher Weise jedem anderen Behinderten widerfahren kann und daß man aufgrund seiner Behinderung sich niemals in die Rolle des Schwächeren begeben darf. Auch mein Seelenzustand wurde durch diese Geschichte stark erschüttert, andererseits habe ich viel für mein späteres Leben gelernt.
Im Laufe des Studiums war es nicht mehr nötig, mich als Person gegen die anderen zu behaupten. Mein Umgang waren nun Leute, die eine gewisse Intelligenz haben und mein Handeln "unter erschwerten Startvoraussetzungen" tolerierten oder teilweise sogar gut fanden. Fachlich in Theorie und Praxis mitzuhalten, trat als Anforderungskriterium nun immer mehr in den Mittelpunkt. Je höher man einen Berg erklimmt, desto dünner wird die Luft, d. h. die Kollegen, die noch nicht abgesprungen waren, hatten die gleichen und oft bessere fachliche Qualitäten als ich. Zum Glück gelang es mir auch hier, bei den verschiedenen Praktika in ein Umfeld netter Leute zu geraten, die mich bei der praktischen Arbeit unterstützten, mir z. B. ein Thermometer oder eine Bürette ablasen oder Vorlesungen für mich mitschrieben. Nicht die Durchführung der Versuche, sondern die dazu zur Verfügung stehende Zeit waren für mich oft der limitierende Faktor. Dies traf ebenso auf die Vorbereitung der mündlichen und schriftlichen Prüfungen zu. (So ist z. B. meine Spektroskopieklausur im organischen Fortgeschrittenenpraktikum nicht sehr gut ausgefallen, weil mir aufgrund der praktischen Arbeit im Labor die Zeit fehlte, mich gründlich vorzubereiten). Trotzdem gelang es mir, im Rhythmus der anderen an Praktika und Prüfungen teilzunehmen. Bei einigen Praktika konnte wieder eine für beide Seiten fruchtbare "Tandembeziehung", wie ich sie oben geschildert habe, aufgebaut werden. Es ist - und diesen Rat kann ich allen Studierenden (der Chemie) geben - viel sinnvoller in den Praktika zusammenzuarbeiten, als eine Einzelkämpfermentalität zu entwickeln. Zusammenarbeit bedeutet Arbeitsteilung, z. B. beim Ansetzen von Lösungen, und dies heißt Zeitersparnis. Da die zur Verfügung stehende Zeit meist nicht ausreichend ist, ist fast jeder Einzelkämpfer zum Scheitern verurteilt, es sei denn, er ist wirklich außerordentlich gut.
Miteinbringen in diesen Artikel möchte ich jedoch auch ein Erlebnis, das mit Chemie direkt nichts zu tun hat. So bietet das Zentrum für Hochschulsport der Philipps-Universität ein komplettes Sportprogramm, also auch alljährliche Skifreizeiten an. Direkt nach dem Vordiplom 1989 entschloß ich mich, über Weihnachten Skifahren zu lernen, denn im Sommer war an Tage der Pause aufgrund von Prüfungsvorbereitungen nicht zu denken. Meine Eltern hatten enorme Bedenken, und mein Onkel, selbst ein leidenschaftlicher Skifahrer, meinte, dieser Sport sei für mich zu gefährlich. Auf der Skifreizeit wurde ich dann eines besseren belehrt, denn Werner Liese, ein erfahrener Skitourenführer und alljährlicher Stammgast auf den Fideriser Heubergen in der Schweiz, erzählte mir, daß er sogar mit Blinden Ski fahre. Dazu muß man wissen, daß er nach dem Studium der Biologie und Chemie auf Lehramt und einer Promotion in Chemie als Lehrer an der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg begonnen hat, heute naturwissenschaftliche Geräte mit Sprachausgabe speziell für Blinde und stark Sehbehinderte entwickelt und sich deshalb bei der Betreuung sehgeschädigter Menschen auskennt. Sicherlich sind mir Grenzen gesetzt, insbesondere bei schlechter Sicht. Die Eindrücke aber, die mir dieser (wenn auch nicht ungefährliche) Sport vermittelt hat, sind unbeschreiblich. Und wieder war es mir gelungen, mich in einer Domäne zu behaupten, die mir nur wenige zugetraut haben. (Jedoch halte ich es hier für sehr wichtig, zwischen Ehrgeiz und Leichtsinn zu unterscheiden. Wenn ich realisiert habe, daß eine Übung oder eine Abfahrt für mich nicht durchführbar war, bin ich sie auch tunlichst nicht angegangen. Außerdem ist gerade zu Beginn eine ständige Aufsicht durch den Skilehrer unerläßlich und Fahren abseits der Pisten nicht möglich.)
Auch während der Studienzeit bot sich die Möglichkeit, an Auslandsaufenthalten teilzunehmen, wobei Noten und Sprachkenntnisse ausschlaggebend waren. So konnten zwei Freunde und ich unser anorganisches Fortgeschrittenenpraktikum an der "Ecole Nationale Supérieure de Chimie de Lille" in Frankreich absolvieren, wobei ich Mößbauer-spektroskopische Untersuchungen im Labor von Professor J. Foct durchführte. Der durch das Erasmus-Programm geförderte Austausch war für mich in vielfacher Hinsicht besonders lohnend. Neben dem Erwerb neuer Fachkenntnisse in einem anderen Labor konnten Sprachkenntnisse - auch durch die von der "Ecole" angebotenen Französischkurse - vertieft werden. Des weiteren konnte ich internationale Freundschaften schließen, die auch heute noch bestehen. So waren meine beiden Freunde und ich folglich in der Lage, viel von Nordfrankreich und Westbelgien zu sehen, und weiterhin bestehen auch Kontakte in andere Teile Frankreichs, Belgiens und nach Ungarn, weshalb ich diese acht Monate unvergeßlich in Erinnerung behalten werde. Dementsprechend waren die Rückkehr nach Marburg und das sich anschließende Semester für mich und meine beiden Kollegen so hart wie keines zuvor. Zuerst galt es schnellstmöglich wieder eine Wohnung zu finden, und hier half uns - nach einer nicht endenden Serie von Fehlschlägen auf dem privaten Wohnungsmarkt - das Studentenwerk mit einem Platz im Wohnheim. Es stand das nächste Praktikum an, und dies war für mich Biochemie, eines der lernintensivsten überhaupt. Nebenbei mußten für den Bereich anorganische Chemie noch ein Vortrag gehalten und ein Abschlußkolloquium absolviert werden. "En gros" hieß dies, eine Stoffmenge, die für zwei Semester vorgesehen ist, in einem zu bewältigen. Für den Auslandsaufenthalt mußte regelrecht "bezahlt" werden, denn unsere dort erhaltenen Noten gingen nur zum Teil in die Endnote für anorganische Chemie ein. Nach diesem Praktikum, das letzte vor meiner Diplomprüfung, war ich so "leer", ja vielleicht sogar reif für eine Erholungskur, daß ich nach Hause fuhr und bei meinen Eltern drei Monate lang mithalf, einen Teil des Hauses zu renovieren. Von Chemie wollte ich erst einmal nichts mehr wissen.
Im Oktober habe ich angefangen, für meine Diplomprüfung zu lernen, welche ich im April des darauffolgenden Jahres ablegte. Auch hier existierte das Problem der mangelnden Zeit, und ich verbrachte jeden Tag zehn, oft auch zwölf Stunden am Schreibtisch. Die sich anschließende Diplomarbeit in biophysikalischer Chemie war ebenfalls sehr anstrengend. Ich befaßte mich hier mit dem thermotropen, druck- und konzentrationsabhängigen Phasenverhalten von Phospholipiden, die nichtlamellare Phasen ausbilden. Die starke Beanspruchung beruht auf mehreren Tatsachen. Zum einen war mein Chef zur damaligen Zeit noch kein Professor, konnte mir eine Garantie für die Finanzierung einer Doktorarbeit somit nicht geben. Also hieß es, sich während der Diplomarbeit eigenhändig nach Finanzierungen für eine spätere Promotion umzusehen. Dies ist in der Tat ein Sport, den man erst einmal erlernen muß. Wie oft habe ich schriftlich oder fernmündlich Antworten erhalten, die in erstklassigem Deutsch geschrieben/gesprochen waren, aber so viel bedeuteten wie: "Was wollen sie denn überhaupt, wir können gegenwärtig keine Mittel zur Verfügung stellen, und wegen ihrer Behinderung räumen wir ihnen keine Chancen ein." Trotzdem gelang es mir, Finanzmittel zu finden. Es gibt dafür keine Rezepte, nur eines: Alle Stellen, von denen man sich weitere Informationen erhofft, anschreiben und um Rat fragen. Weiterhin zog ein großer Teil des Labors inmitten meiner Diplomarbeit um, und ich war an diesem zeitaufwendigen Umzug natürlich mehr oder minder auch beteiligt. Glücklicherweise war das Arbeitsklima hervorragend und ich verstand mich mit allen Kollegen unserer Forschungsgruppe sehr gut. Nun ging es jedoch nicht mehr darum, ein Praktikum samt Prüfungen möglichst gut zu bewältigen, sondern es mußten Forschungsergebnisse auf den Tisch gelegt werden. Daß die Länge eines Arbeitstags zehn oder zwölf Stunden erreichte, war auch hier die Regel. Zum Glück waren die Arbeitsresultate zum größten Teil ermutigend, was mir wiederum Zufriedenheit und Motivation gab.
Gegenwärtig arbeite ich an meiner Promotion, möchte hierüber jedoch noch nicht referieren, da die Arbeiten noch nicht abgeschlossen sind und ich von unvollständigen Dingen nicht gern erzähle.
Ich wünsche jedem Behinderten, daß er irgendwann so viel Selbstvertrauen gewinnt, um sagen zu können "Ich kann dies oder das, natürlich ist es schwer, insbesondere für mich, aber laßt mich nur machen."
Mit auf den Weg geben möchte ich allen blinden oder sehbehinderten Lesern, daß es auch unter den Sehenden viele schlecht qualifizierte Leute gibt, vor denen man sich als Behinderter auf keinen Fall verstecken muß. In der Regel sind es gerade diese Leute, die einem das Leben schwer machen. Die wirklich guten Kräfte wissen, daß sie Qualitäten haben, sind infolgedessen in der Regel bescheiden und benutzen nicht schwächere Mitmenschen, also auch Behinderte, als Vehikel, um auf deren Kosten groß zu erscheinen. Weiterhin sind unbeugsamer Optimismus und Zähigkeit Voraussetzung für Erfolg. Bei den vielen Gesprächen, die ich mit Behörden, Verwaltungen, Institutionen und Einzelpersonen bis jetzt zu führen hatte, habe ich festgestellt, daß der starke Wille oft auf den Gesprächspartner abfärbt. Wie oft habe ich den Satz gehört: "Ach, das schaffen Sie ja nie." Man darf sich hier nicht einschüchtern lassen. Woher soll der Gesprächspartner wissen, daß man zu einer Aufgabe nicht in der Lage ist- Entweder ist man sich am Ende des Gesprächs wirklich nicht näher gekommen oder man hat sein Ziel erreicht, sie oder ihn für ein Vorhaben zu gewinnen. Ganz wichtig ist es, niemals aufzugeben, wenn man von einer Sache überzeugt ist. Behinderte stehen ihren nichtbehinderten Mitmenschen in nichts nach. Oft wird Behinderung mit Unfähigkeit gleichgesetzt, was falsch ist. Genauso wichtig ist es jedoch auch, sich nicht zu überschätzen, denn das kann oft in einer Enttäuschung enden. Ein Behinderter möchte als "normaler Mensch" angesehen werden, dazu gehört jedoch auch, daß er gerade in der Industrie, die am Markt konkurrenzfähig sein muß, mit den Maßstäben der nichtbehinderten Menschen gemessen wird. Dies ist irgendwo ungerecht, denn man kann nicht einen "VW-Käfer" und einen "Porsche" um die Wette fahren lassen. Vielleicht ist beiden Seiten geholfen, wenn man Behinderte mittels geeigneter Hilfsmittel in die Lage versetzt, im Beruf annähernd so effizient zu sein wie ein gesunder Mensch.
Wenn dieser Artikel, der versucht, Realität nachzuzeichnen, ohne dabei schönzufärben, behinderten, insbesondere blinden und sehbehinderten Menschen dabei hilft, Kraft und Mut für ihren mit vielen Hürden versehenen Alltag zu finden und dazu anspornt, auch schwierige Wege zu gehen, würde mich das sehr freuen.
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