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"Hohe Warte" ist der Name einer Straße im Wiener Stadtteil Döbling. An ihr war im Jahre 1872 auf Betreiben von Dr. Ludwig August Frankl, Generalsekretär und Archivar der Wiener israelitischen Kultusgemeinde das in der Überschrift genannte Institut gegründet worden. Nach 1933 wurden aus Berlin auch die deutschen jüdischen blinden Schüler dorthin verlegt. Wann genau und unter welchen Umständen im Jahre 1939 das Institut geschlossen worden ist, wissen wir nicht. Prof. Berthold Lowenfeld hat mir dazu im Januar 1989 geschrieben: "Direktor Siegfried Altmann, der einige Monate nach mir 1939 nach New York immigrierte, erzählte mir, daß ... die Kinder an ihre Eltern zurückgeschickt wurden. Was deren weiteres Schicksal war, hing wohl von dem ihrer Eltern ab. Aber es sind sicher nur vereinzelte entkommen." Heute befindet sich in dem früheren Institutsgebäude das Polizeikommissariat für den Wiener XIX. Bezirk, und nichts erinnert mehr daran, daß es annähernd siebzig Jahre lang der Mittelpunkt der jüdischen Blindenbildung in Europa war.
Der bekannteste Schüler des Instituts war der im Jahre 1883 in Pilsen geborene, mit zehn Jahren erblindete jüdische Schriftsteller Oscar Baum. Andere aus dem Institut hervorgegangene Persönlichkeiten waren Pavel Les, Musikpädagoge in Prag; Tibor Vas, Hochschullehrer und Präsident des ungarischen Blindenverbandes, und die Brüder Solymos, Leiter eines Heims für blinde Kinder in Budapest bzw. einer großen Fabrik, in der Blinde und Sehende gemeinsam produzierten. Auch Robert Vogel wäre hier zu nennen, hätte er das Institut nicht schon nach einem Jahr wieder verlassen, um ein Geschäft aufzumachen. Er widmet in seinem Buch "Zwischen Hell und Dunkel" dem Insitut und seinem Direktor Altmann das Kapitel "Die gewonnene Schlacht".
Im Jahre 1909 erschien von Oscar Baum das Buch "Das Leben im Dunkeln". Es schildert das Leben des Schülers Frieder Ellmann in einer Blindenschule, aber niemand sollte herausfinden, in welcher. In der Vorbemerkung schreibt Baum: "Insoweit an einzelnen Stellen dieses Buches eigene Erlebnisse und sorgfältig geprüfte Mitteilungen aus verschiedenen Instituten verwertet wurden, sind sie doch so sehr zum Zwecke der Dichtung verändert, gesteigert, aus ihrem Zusammenhang gerissen und in andere Zusammenhänge gebracht worden, daß sich ein Rückschluß auf konkrete Persönlichkeiten oder konkrete Verhältnisse von selbst verbietet. Ein solcher Rückschluß ist schon darum unmöglich, weil es vielleicht nicht viel weniger Arten der Blindenerziehung und des Institutslebens gibt, als Institute. In der Anstalt zum Beispiel, die mich erzog, lernte ich fast nur die Annehmlichkeiten und Vorzüge eines Internates kennen. Im übrigen freue ich mich schon jetzt darauf, auch durch dieses Buch wieder den heftigen Unwillen der reaktionären Blinden und Blindenerzieher zu verdienen." Liest oder hört man das Buch - es ist, wie die beiden anderen unten noch zu besprechenden Bücher beim Aufsprachedienst des DVBS erhältlich -, so kann man sich leicht vorstellen, daß ihm das gelungen ist.
Kerstin Lehmann hat unter dem Titel "Blindheit als Thema in Oscar Baums Werken" ihre Diplomarbeit geschrieben. Baum gehöre jener Generation an - schreibt sie -, deren Werke der Bücherverbrennung am 12. Mai 1933 zum Opfer fielen. Von diesem Zeitpunkt an wurden seine Bücher in Deutschland nicht mehr verlegt. Sein Werk ist von der Literaturwissenschaft noch kaum aufgearbeitet worden. Außer der Arbeit von Lehmann gibt es bisher wahrscheinlich nur die Würzburger Dissertation 1988 von Sabine Dominik "Oscar Baum, 1883 bis 1941 - ein Schriftsteller des Prager Kreises" - eine Herausforderung für blinde und sehbehinderte Studierende der Germanistik, sich gleichfalls mit ihm zu beschäftigen.
Das Buch "Das Blindeninstitut - Bruchstück einer Jugend" von Michael Stone ist erst im Jahre 1995 erschienen. Der im Jahre 1922 - allerdings unter einem anderen Namen - in Berlin geborene und im Jahre 1993 dort verstorbene Verfasser war Jude wie Oscar Baum, aber sehend. Er war im Jahre 1933 mit seinen Eltern und Geschwistern nach Wien geflohen. In dem Buch schildert er sein Leben vom "Anschluß" Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 bis zu seiner eigenen Ausreise nach England im Dezember jenes Jahres. Dabei spielt das Blindeninstitut eine wichtige Rolle; denn hier ging er ein und aus. Den Rahmen aber bildet das Leben der Juden in Wien schlechthin einschließlich des Judenpogroms in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 und seiner Vorgeschichte. Stone bezeichnet zwar sein Buch im Nachwort als einen autobiographischen "Roman". Das bedeutet aber nur: "Nicht alles hat sich so zugetragen, wie ich es hier beschrieben habe. Ich habe mir die Freiheit genommen, meinen Erinnerungen nachzuhelfen, Dinge präziser darzustellen, die ich nur vage im Gedächtnis habe, auch Szenen zu erfinden, Kausalitäten herzustellen und Menschen auftreten zu lassen, die es in Wirklichkeit gar nicht gegeben hat, also etwas hinzuzudichten." Aber die Schilderung der Verhältnisse als solche trifft in allen Punkten zu. Darum ist das Buch nicht nur im Blick auf das Blindeninstitut, sondern auch als Beitrag zur Geschichte der Judenverfolgung im Jahre 1938 von großem Interesse, und das nicht nur für meine Generation, die sie miterlebt hat, sondern auch für die Jüngeren, die sich vielfach gar nicht werden vorstellen können, was damals geschehen ist.
Beim Aufsprachedienst des DVBS, Frauenbergstraße 8, 35039 Marburg, Tel.: 06421/48 14 50, sind erhältlich:
Oscar Baum, Das Leben im Dunkeln, 8 Cass., Bestellnr. 2370 - DM 96,-;
Kerstin Lehmann, Blindheit als Thema in Oscar Baums Werken, 5 Cass., Bestellnr. 2412 - DM 60,- und
Michael Stone, Das Blindeninstitut, 4 Cass., Bestellnr. 4507 - DM 48,-.
Dr. Hans-Eugen Schulze, Karlsruhe
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