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H. Köble: Weißer Stock - Stigma oder Hilfsmittel-

Unter diesem Motto veranstaltete ich als BTG-Schüler (BTG = Blindentechnische Grundausbildung) eine Podiumsdiskussion in der Nikolauspflege. Eingeladen waren für das Podium: Frau Deckert als Diplom-Psychologin, Frau Dr. Schäffer als Augenärztin, Herr Kluitmann als sehbehinderter Lehrer, Herr Specht (blind) als Geschäftsführer des Blindenverbandes Ost-Baden-Württemberg, Herr Schmidt als Leiter der Mobilitätsabteilung und des Internats, die Schüler(innen) Sandra Stöcker (blind), Sabine Walter (blind) und Manuel Rodriguez (sehbehindert). Diskussionsleiter war Herr Hohler (Baubetreuer der Außenstelle Welzheim).

Die Podiumsdiskussion war eine schulinterne Veranstaltung, zu der alle Jugendlichen und Erwachsenen in der Nikolauspflege eingeladen waren. Der Andrang war sehr groß.

Ausgangspunkt für diese Podiumsdiskussion waren meine anfänglichen Umgangsschwierigkeiten mit dem Blindenstock. Der Stock war für mich ein "Blindenkennzeichen", und wenn ich ihn als Sehbehinderter einsetzte, fühlte ich mich zum Blinden stigmatisiert. Vom Unwohlsein über Trauer bis zur Scham reichten die Gefühle, die in mir hochstiegen, wenn ich mit Stock unterwegs war. Allerdings entdeckte ich bald, daß diese Gefühle nur dann auftraten, wenn ich den Stock in der jeweiligen Situation nicht als eigentliches Hilfsmittel gebrauchte, sondern ihn nur als reines Erkennungszeichen vor mir herschob. Ich stellte in Gesprächen fest, daß auch andere Betroffene an der Nikolauspflege Probleme beim Umgang mit dem Stock hatten. Von vielen wurde der Stock aus diesem Grund auch abgelehnt und damit nicht als Hilfsmittel benutzt.

Erstaunt war ich dagegen über Aussagen, daß ein hochgradig Sehbehinderter eben einen Stock zu benutzen hat, weil er sonst z. B. versicherungsrechtlich bei einem Autounfall nicht abgedeckt ist und ggf. für den gesamten Schaden haften muß. Das mag ja stimmen, doch soll dies das Hauptmotiv sein, den Stock zu benutzen- Diejenigen, die solche pauschalen und absoluten Aussagen machten, waren meist gutsehende Menschen und wußten von der inneren Auseinandersetzung des Betroffenen nur wenig. Sie hatten meist kein Verständnis für Argumente, die auf Gefühlen gründeten. Auch an der Nikolauspflege wurde teilweise so argumentiert. Ich vermißte eine offene Diskussion hierüber, in der alle Aspekte über den Umgang mit dem weißen Stock angesprochen wurden. Somit ergriff ich die Initiative und organisierte eine Podiumsdiskussion für alle im Hause, die sich von dem Thema, ob direkt oder indirekt, betroffen fühlten.

Nachdem Herr Hohler die Veranstaltung eingeleitet hatte, begann die erste Runde, bei der sich jedes Podiumsmitglied vorstellte und eine erste, kurze Stellungnahme zum Thema abgab. Danach hieß es "Bahn frei für die Diskussion". Sofort setzten Fragen und Stellungnahmen aus dem Zuschauerraum ein. Die Beteiligung vor allem der jungen Menschen war rege und die Wortmeldungen nahmen kein Ende, bis Herr Hohler die Diskussion abschloß und die einzelnen Podiumsmitglieder in einer Schlußrunde zu einem Abschließenden Statement zur Rede kommen ließ. Im folgenden werden die wesentlichen Aussagen der Podiumsteilnehmer wiedergegeben:

Herr Schmidt wies auf die rechtlichen Aspekte hin. Nach dem Straßenverkehrsrecht habe der Blinde und der hochgradig Sehbehinderte sich zu kennzeichnen.

Frau Dr. Schäffer stellte zunächst klar, daß die Augenärzte stets dann den Blindenstock als Hilfsmittel verschreiben, wenn der Patient ihn wünscht und auch braucht.

Manuel Rodriguez hat ein ambivalentes Verhältnis zum Blindenstock. Er benutzt ihn, wenn es sein muß, zum Beispiel im Straßenverkehr. Wo er sich ohne Stock bewegen kann, verzichtet er gern auf dessen Einsatz. Sabine Walter empfindet den Blindenstock als Bereicherung, da sie als Blinde nur mit Stock mobil ist. Aber sie brauche auch ihren Freiraum, in dem sie sich ohne Stock bewegen könne.

Sandra Stöcker erzählte, daß sie vor einem Jahr noch sehbehindert gewesen sei und sich bis dahin geweigert habe, den Blindenstock zu benutzen. "Ich habe mir geschworen, nie den Blindenstock in die Hand zu nehmen", sagte sie, "doch nun bin ich "stock-blind" und benutze ihn."

Herr Specht vom Blindenverband berichtete von eigenen Erfahrungen und stellte klar, daß für ihn als Blinden der Einsatz des Stockes seine Mobilität bedinge. Und ohne Stock sei eben keine Mobilität möglich.

Herr Kluitmann hob hervor, daß bei der Frage der Stockbenutzung zunächst zwischen Blinden und Sehbehinderten zu differenzieren sei. Für den Blinden stelle sich die Frage, ob er den Stock benutze, überhaupt nicht. Dies sei in den Beiträgen der Blinden Teilnehmer deutlich geworden. Die Frage stelle sich erst für den hochgradig Sehbehinderten. Und dieser muß selbst entscheiden. Dies setzt voraus, daß er sich selbst einschätzen könne, d. h. seine Augenbehinderung kennt und sich selbst in seiner Umgebung ständig beobachtet.

Frau Deckert zeigte auf, daß der Umgang des Betroffenen mit dem Blindenstock von dessen Selbstbewußtsein und Selbstsicherheit abhänge.

Aus dem Publikum kamen dann interessante Fallbeispiele: Ich bin schon oft am Arm gepackt worden, ohne daß ich nach Hilfe gefragt habe. So viele Leute stoßen mich an oder Stolpern über meinen Stock; ich habe manchmal den Eindruck, die Sehenden sind noch blinder als wir. Wenn ich mit dem weißen Stock gehe, habe ich Angst, daß ich keine Freunde finde. Auch mit Stock bekomme ich oft keine Hilfe, wenn ich in schwierige Situationen gerate ...

Was dem einzelnen hilft, ist das Gespräch mit anderen Betroffenen. Da erfährt man dann, daß es dem anderen genauso geht, und man wird das schwere Los leichter tragen können. Und dies war auch das Ziel der Podiumsdiskussion: Über das Problem zu reden. Woher sollen andere wissen, wie es mir als "nur Sehbehindertem" mit dem Blindenstock geht. Wie geht es den anderen- Hast du diese und jene Situation schon erlebt- Was machst du, wenn ...-

Eine sehende Lehrerin kam einige Tage nach der Veranstaltung auf mich zu und sagte: "Bisher habe ich geglaubt, sicher zu wissen, wie es sich mit dem Stock verhält. Nach der Diskussion habe ich meine Ansicht geändert. Es ist doch nicht so einfach, wie ich immer gedacht habe." Über diese Aussage habe ich mich sehr gefreut. Diese Frau ist durch die Diskussion von einer bloßen Ansicht zu einer tieferen Einsicht gekommen. Solch eine Einsicht sollten auch andere Menschen bekommen.

Auch die Öffentlichkeit sollte besser informiert sein über die Tatsache, daß nicht nur Blinde, sondern auch Sehbehinderte den weißen Stock benutzen. Dann wird dem Stock auch das Stigma genommen: Da ist ein Blinder.

(aus: Freundesbrief der Nikolauspflege, Ausgabe 95/96)

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