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R. F. V. Witte: Die Blinden-Bibliotheken und die Zukunft

Zum 19. Male, seit ihrer Gründung im Jahre 1979, veranstaltete vom 17. auf den 18. September 1996 die Arbeitsgemeinschaft der Blindenhörbüchereien / AG BHB ihre Mitgliederversammlung; diesmal in der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg. Räumlich, aber vollkommen eigenständig, ist ihre Verwaltungsstelle auf dem Gelände der DBStA untergebracht; sie nimmt, stellvertretend für die einzelnen Mitglieder, zentrale Aufgaben wahr, wie z.B. die Lizenzbeschaffung für die Aufsprache.

14 Voll- und weitere assoziierte (7) sowie kooperative (5) Mitglieder arbeiten in dieser AG zusammen, um einvernehmlich eine fachgerechte, blindenspezifische und flächendeckende Versorgung der Lesebehinderten auf qualitativ hohem Niveau zu gewährleisten. Ihre satzungsgemäßen Aufgaben sind:

- die Wahrnehmung der überregionalen Interessen der Hörbüchereien gegenüber Behörden, der Öffentlichkeit und sonstigen Kosten- und Entscheidungsträgern, ohne die Souveränität der einzelnen Hörbüchereien zu beeinträchtigen;

- die Vertretung der Blindenhörbüchereien gegenüber dem Verlegerverband, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels sowie Verlegern und Autoren, insbesondere die Einholung und Weitergabe der Aufsprachegenehmigungen;

- den Austausch technischer und organisatorischer Erfahrungen zwischen den Hörbüchereien;

- die Führung einer Datenbank, in der sich die aufgesprochenen Titel aller angeschlossenen Hörbüchereien befinden;

- die Herausgabe von Katalogen;

- die Erteilung von Auskünften über den Bestand des Zentralkatalogs;

- die Organisation und Finanzierung überregionaler Aufgaben;

- die Erledigung statistischer Aufgaben.

Vorsitzende der AG BHB ist Frau Elke Dittmer von der Norddeutschen Blindenhörbücherei in Hamburg; die Geschäftsführung liegt in den Händen des Direktors der Deutschen Blindenstudienanstalt, Herrn Jürgen Hertlein.

19 Einrichtungen waren durch ihre Leiter bzw. Vorstände vertreten. Wie bei der Betriebsleiterversammlung stand die technische Weiterentwicklung des Dienstleistungsangebotes, vor dem Hintergrund einer rasch sich verändernden Tontechnik, im Zentrum der Konferenz.

Für das zentrale Referat konnte Frau Winnie Vitzansky, Leiterin der (einzigen und vom Staat getragenen) Dänischen Blindenbibliothek/DBB in Kopenhagen, gewonnen werden. Sie referierte über den Stand bei der Entwicklung der zukünftigen Hörbücher, über das Project DAISY (u.a.) und die Vorbereitung der DBB auf die technischen Herausforderungen und die künftigen Aufgaben.

Gegenwärtig werden allenthalben in den Blindenbibliotheken die möglichen Konsequenzen aus der Weiterentwicklung der (Kommunikations- und) Tontechnik auf digitaler Basis diskutiert. Treibende Kraft und Forum für die Diskussion ist seit Jahren die Sektion der Blindenbibliotheken (SLB) innerhalb der International Federation of Library Associations/IFLA, die zu dieser Frage - schon vor Jahren - einen Arbeitsausschuß eingesetzt hat. Er arbeitet eng zusammen mit der Arbeitsgruppe "künftige Hörbuchgeneration" der Europäischen Blindenunion. Durch beide wurde der Entwurf eines Anforderungskataloges der Benutzer an die Entwickler, Hersteller, Anbieter und Verwalter digitaler Blindenmedien erarbeitet; er wird gegenwärtig in den Gremien der EBU behandelt.

Konkret umgesetzt werden die Empfehlungen im DAISY-Project, das die schwedische Blindenbibliothek in Stockholm angestoßen hat und zielstrebig verfolgt, in Zusammenarbeit mit einer software-Firma (Labyrinten Data AB, Falkoping, Schweden) und einem Entwickler eines blindengerechten Abspielgerätes von CD-Büchern, (einem japanischen Hersteller von Hochleistungs-CD-Laufwerken im EDV-Bereich, der Firma PLEXTOR).

Entblättert man das "Gänseblümchen", kommt darunter seine volle Form, ein "Digital Audio-based Information-System" zum Vorschein. Kam auch der Anstoß von der schwedischen Blindenbibliothek tpb, war doch bald klar, daß man Partner braucht, um das ehrgeizige Vorhaben zu realisieren; man fand sie und in einem DAISY-Consortium schlossen sich zusammen:

- talboks-och punktskriftsbibliotheket/tpb, Schweden

- Synskadades Riksförbund/SRF, Schweden

- Japanischer Verband der Blindenbibliotheken, Japan

- Studie-en Vakbibliotheek/svb, Holland

- Organizacion Nacional de Ciegos/ONCE, Spanien

- Royal National Institute for the Blind/RNIB, England

- Schweizerische Bibliothek/SBS, Schweiz

Die Institutionen haben jeweils 20.000 US-Dollar aufgebracht, um die Unkosten zu bestreiten.

Ziel des Consortiums ist es:

- das DAISY-Konzept als Standard (für die Aufnahme-Technik) durchzusetzen wegen der unabdingbaren Kompatibilität der einzelnen Komponenten als einer grundlegenden Voraussetzung für den (internationalen) Leihverkehr;

- das Projekt zu steuern;

- ein zweckentsprechendes Instrumentarium zu schaffen zur Förderung des Konzepts und schließlich

- eine für die Lesebehinderten möglichst vorteilhafte Abwicklung rechtlicher Probleme z.B. im Zusammenhang mit dem Lizenzwesen.

Subkomitees befassen sich mit technischen Fragen und dem Test von zu entwickelnden Abspielgeräten (PlexTalk-Maschine von Plextor).

Wegen näherer Auskünfte kann man sich mit der Leiterin der tpb, Frau Ingar Beckman-Hirschfeldt in Verbindung setzen (Tel. 0046-8-39.93.74).

Die Mitgliederversammlung beschloß, die näheren Konditionen zu erkunden, um bei dem DAISY-Project mitzuarbeiten. Auf diese Weise soll versucht werden, von Seiten der AG BHB das Project aktiv zu fördern und die Interessen der deutschen Blindenbibliotheken einzubringen. - Als weiteren Schritt wird die AGBHB um die Mitgliedschaft bei der IFLA, Section der Blindenbibliotheken, einkommen, um hier, zusammen mit dem bisher einzigen deutschen Mitglied, der Deutschen Blindenstudienanstalt (vertreten durch den Berichterstatter), die Arbeit dieser Fachvereinigung zu stärken. Der Vortrag von Frau Vitzansky ließ allen Teilnehmern erneut klar werden, daß die großen künftigen Aufgaben nur in internationaler Zusammenarbeit gelöst werden können - denn dem hohen technischen Aufwand, der auf uns zukommen wird, ist nur mit einem hohen Finanzaufgebot zu begegnen. Und das wird nur dann zu minimieren sein, wenn man einen weitestgehenden Standard erreicht bei der Datenaufzeichnung, -Speicherung, -Archivierung, Distribution und Wiedergewinnung und durch eine Verteilung der Lasten auf viele Schultern.

Für den Bibliotheksbenutzer ist eigentlich nur eines von Wichtigkeit: in welcher Gestalt er sein Hörbuch künftig bekommen wird. Und dies Format, das machten die Ausführungen von Frau Visantzky deutlich, wird, für die allgemeine Leserschaft mit ihrem Interesse an Belletristik, auf Jahre hinaus die herkömmliche Kassette sein. Dazugesellen werden sich allerdings andere Formen: elektronische Netzwerke, CD"s, Computer-Disketten etc. etc.

Die Notwendigkeit Blindenbibliotheken zu betreiben, sieht Frau Vitzansky durch die neue Technologie nicht gefährdet. Das Fachwissen um die Besonderheiten der Benutzergruppe, die Herstellung des blindentechnisch adäquaten Zugangs zur Information, - und die Kenntnis um die speziellen Lese(r)-Bedürfnisse sind einzig bei den Blindenbüchereien vorhanden.

Die Bibliotheken stehen - innerbetrieblich - jedoch an einem Scheideweg: sie müssen für die Aufzeichnung und Speicherung von Texten die Datenkonversion nach einem (hoffentlich weltweiten) Standard betreiben, der alle (jetzt) denkbaren Ausgabemedien zuläßt.

Die DBB stellt sich zur Zeit dieser Aufgabe und entwickelt zusammen mit IBM-Deutschland ein Strategie-Papier, dessen Vorschläge (ab etwa 1997) Schritt für Schritt realisiert werden sollen. Man darf gespannt darauf sein, welche Schritte vorgeschlagen und welche Alternativen realisiert werden.

Etwas näher an den Gegebenheiten in Deutschland bewegten sich die Ausführungen von Herrn Witte. Er berichtete über die Gründung des eingetragenen Vereines "Arbeitsgemeinschaft der Blindenschriftdruckereien und -bibliotheken/AG BDB e.V.", der aus der ehemaligen "Arbeitsgemeinschaft der Punktschriftdruckereien und -bibliotheken/APUD" hervorging. (Gründungsmitglieder sind: die Druckereien in Hannover, Leipzig, Marburg, München, Paderborn, Wernigerode und Zürich). Weitere gemeinnützige Brailleproduzenten werden beitreten. Vorsitzender des e.V. ist der Berichterstatter, Herr Gütlin, von der SBS, der zweite Vorsitzende. Die Aufgaben entsprechen sinngemäß in etwa denen der AG BHB. Die zentrale Katalogisierung der Punktschrift betreibt jedoch die Dokumentation der DBStA; ein Disketten-Katalog ist erhältlich.

In einem nächsten Schritt sollen die beiden AG"s und die Spitzenverbände der Blindenselbsthilfe eine Dachorganisation bilden, die AG "Medien für Blinde und Sehbehinderte"/MEDIBUS. Diese wird dann der verbindliche Gesprächspartner werden gegenüber dem Börsenverein des deutschen Buchhandels, wenn es z.B. um Verhandlungen der Lizenzfragen geht.

Die Mitglieder der beiden bestehenden AG"s haben ihren Beitritt zu MEDIBUS bereits beschlossen. Die Satzung steht in der Endredaktion und es ist denkbar, daß sich die Gründung noch in 1996 durchführen läßt. Die Partnerschaft zwischen MEDIBUS und Börsenverein ist für die Zukunft von nicht zu unterschätzender Bedeutung; parallel zu der Diskussion um technische Standards ist die rechtliche Seite der Medienversorgung Blinder und Lesebehinderter zu klären.

Auf der diesjährigen Mitgliederversammlung wurden urheberrechtliche Fragen nur indirekt behandelt, im Zusammenhang mit den kommerziellen Hörbüchern.

Sie können keine Konkurrenz bilden zu den Bibliotheks-Aufsprachen; bestenfalls können sie als Ergänzung dienen. Oft ist die Qualität schlecht, es gibt keine Benutzerführung und nur ganz wenige Verlage gestatten Nachschnitte zu Reparaturzwecken einzelner Kassetten (aus dem Gesamttitel). Zudem sind fast alle kommerziellen Hörbücher gekürzt.

Gefährlich sind "die Kommerziellen" nur indirekt, nämlich dort, wo sie von Unterhaltsträgern als "billiges" Argument gebraucht werden, als vermeintlich kostengünstigere Alternative zur eigenen Hörbuchproduktion.

Als erfreuliches Ereignis wurde die Fertigstellung einer ersten CD-ROM mit den Katalogdaten der AG begrüßt. Diese erste Ausgabe, die wesentlich durch den Einsatz der SBS entstand, dient zunächst noch innerbetrieblichen Testzwecken - vor der Herausgabe der ersten öffentlich verfügbaren Edition.

Unausgesprochen stand hinter der Mitgliederversammlung der AG BHB, der bald unerträglich werdende Kostendruck und die vereinzelt schon zu verzeichnende Rückführung von Dienstleistungen.

Aber gerade deswegen - so zeigte die Tagung - ist es wichtig, gezielt in die Zukunft zu investieren - wenn auch zunächst nur in planerischen Visionen, die man jedoch entwickeln muß, um die Versorgung Blinder mit dem Kulturgut "Literatur" sicherzustellen. Wie weit die Mitglieder der AG BHB in der nächsten Zukunft auf diesem Wege werden voranschreiten können, wird die Jahresversammlung im Herbst des kommenden Jahres zeigen.

Rainer F. V. Witte Leiter der Medienversorgung Deutsche Blindenstudienanstalt

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