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Der blinde Bürgermeister, der mit dem Herzen sieht: Otterbach ist ein idyllisches Dörfchen mit 4000 Einwohnern. Etwas macht diesen Ort in der Pfalz einzigartig in Deutschland: Die Gemeinde wählte vor

Werner Becker (65) erkrankte mit neun Jahren am grünen Star. Sein Augenlicht war nicht mehr zu retten. Doch der Junge gab nicht auf. "Ich mußte mich eben mehr anstrengen als andere, um ans Ziel zu kommen", sagt er.

Er büffelte in der Blindenschule, machte Abitur, absolvierte mit Bravour sein Jurastudium in Marburg und brachte es bis zum Vorsitzenden Richter am Landgericht Kaiserslautern.

Eigentlich könnte er nun seinen Ruhestand genießen, wenn ihn die Gemeinde nicht zum Bürgermeister gewählt hätte. Selbst politische Gegner stimmten bei der Direktwahl für ihn, insgesamt waren es 54 Prozent (sechs Prozent mehr, als seine Partei CDU hat).

Die Ottersbacher schätzen seine ruhige Art und sein Verhandlungsgeschick. "Unser Bürgermeister sieht mit dem Herzen", sagen sie und sind voll des Lobes über seine Taten.

So konnte er die Bevölkerung für eine Ortsverschönerung begeistern. Die Grünanlagen, die vor seinem Amtsantritt verwildert waren, sind jetzt sauber gepflegt. Das Neubaugebiet "Zeil" wurde mit Beteiligung der Bewohner zu einer parkähnlichen Anlage ausgebaut. Die Pflege von Geschichte und Brauchtum sowie die Stärkung örtlichen Zusammenlebens findet Werner Becker sehr wichtig. Er erstellte eine Chronik von Otterbach. Zur 850-Jahr-Feier gab"s ein großes Fest. Am alten Kipperhof, einem historischen Fachwerkbau in der Mitte des Ortes, entstand wieder ein Dorfplatz. Zur Freude der Bevölkerung findet dort jedes Jahr eine Kirmes statt. Am wichtigsten sind Werner Becker aber Gespräche mit den Bürgern. "Nur so weiß ich, was meine Gemeinde bedrückt." "Unser Bürgermeister hat alles Wichtige im Kopf", loben ihn die Leute. "Er kann ja nicht in den Akten nachlesen. Das hat den Vorteil, daß wir immer gleich eine Auskunft bekommen."

Seine Sekretärin Paula Henn, die er schon beim Landgericht schätzte und die dann mit ins Bürgerhaus wechselte, ersetzt ihm die Augen. Sie holt ihn morgens im Mercedes ab und führt ihn in den ersten Stock ins Bürgermeisterzimmer. Unter dem Gemeindewappen mit dem Fischotter liest sie ihm alle Briefe und Zeitungen vor. Wenn Ortstermine anstehen, chauffiert sie den Bürgermeister, beschreibt ihm alles ganz genau.

Werner Becker ist sparsam. "Eine gute Kommunalpolitik kann nur betrieben werden, wenn die Finanzen in Ordnung sind", sagt er. Die Mittel für alle Um- und Aufbauten beschaffte er. Der Bürgermeister erreichte sogar, daß das kleine Otterbach in die Städtebauförderung aufgenommen wurde. Zwei Drittel der Kosten werden nun bezuschußt.

Er hat noch viele Pläne zum Wohl seiner Bürger im Kopf. So soll es bald einen Wochenmarkt geben, er bemüht sich um die Ansiedlung neuer Verbrauchermärkte und eines Baumarktes, damit die Otterbacher nicht mehr so weit fahren müssen. Das Ottertal soll zu einem naturbelassenen Naherholungsgebiet umgestaltet werden.

Was die Bürger so bewegt, erfährt Werner Becker auch von seiner Frau Marianne, die er vor 33 Jahren durch einen Studienkollegen kennenlernte. Als klar wurde, daß sie keine eigenen Kinder bekommen konnten, nahmen sie zwei Scheidungswaisen bei sich auf und gaben ihnen all ihre Liebe.

Werner Becker hat auch ein für einen Blinden ungewöhnliches Hobby: Motorräder. Sein Freund Heinz Luthringhausen war mal Vizeweltmeister im Seitenwagen. Die beiden gründeten einen Förderverein, bei dem Becker den Vorsitz führt. Die leerstehende evangelische Kirche nutzte er auf ungewöhnliche Art. Hier entstand ein Zweiradmuseum. "Unser Bürgermeister ist eben in jeder Beziehung ungewöhnlich", sagen die Otterbacher stolz.

(aus: Frau im Spiegel, Nr. 19/1996 vom 11. Juli 1996, S. 16 f.)

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