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C. Benninghoven: Vorgestellt: Rudi Leopold

"Die Menschen machen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken, aber sie machen sie selbst" - nach einer Stunde zu Besuch bei Rudi Leopold fällt mir spontan dieses Zitat von Rosa Luxemburg ein. Man brauchte viel mehr als diese Seite im FORUM, um seine Lebensgeschichte zu erzählen, um der Energie, dem Lebensmut und dem Humor dieses Mannes gerecht zu werden.

Rudi Leopold ist blind seit seiner Kindheit - und seit seinem 18. Lebensjahr ehrenamtlich aktiv für Blinde und ihre Belange. "Ich war nicht immer bequem" schmunzelt er im Rückblick auf seine Aktivitäten. Doch er muß Freunde und Bewunderer haben, denn am 75. Jubiläumstag "seines" Vereins, des Westfälischen Blindenvereins, wird Rudi Leopold das Bundesverdienstkreuz überreicht.

Harte Schule

Als der Schüler Rudi Leopold in den 30er Jahren nach Berlin an die älteste Blindenschule in Deutschland kommt, bedeutet dies den Abschied von der Familie - die Schule ist ein streng geführtes Internat, nur dreimal im Jahr können die Schüler ihre Familien besuchen. Aufgewachsen ist Rudi Leopold in der Mark Brandenburg, in einer Handwerkerfamilie. Den Nazis muß die Familie nachweisen, daß nicht sogenannte "Erbschäden" der Grund für Rudis Erblindung sind - in den Zeiten der Herrenmenschen kann dies eine lebensbedrohliche Stigmatisierung sein. Nach der Schule lernt er das Korbmachen - vor allem jene ganz speziellen Körbe, in denen die Wehrmacht ihre Granaten verpackt. Und auch nach dem Ende des Krieges ist sein Leben noch weit von dem eines freien Menschen entfernt - in den Wohnheimen leben Männer und Frauen streng getrennt, fast alle lernen und arbeiten in einem oft mühsamen Handwerksberuf - sind Mattenflechter, Korbmacher, Bürstenmacher.

Wenn Rudi Leopold vom Handwerk seiner Eltern und Großeltern und seiner eigenen Zeit als Korbmacher erzählt, verbietet sich beim Zuhören jeder Dünkel von selbst - da erzählt ein Mann mit Stolz und Respekt von harter Arbeit, die Achtung verlangt. 1948 macht er in Soest die Mittlere Reife, lernt Stenotypist und Telefonist und arbeitet schon wenige Jahre später in einem Gußstahlwerk als Stenotypist. In Abendkursen erlangt er 1960 sein Sozialdiplom und wird schließlich als Sozialberater der Wittener Niederlassung eines großen Konzerns angestellt.

Auf der Seite der Schwächeren

"Ich habe mich um alles gekümmert, wo es Schwierigkeiten gab - vom Arbeitsplatz bis zur Familie", erzählt er. Er sei nicht immer bequem gewesen für die Kollegen und Vorgesetzten - und das sei er bis heute nicht: "Ich habe mich immer auf die Seite der Schwächeren gestellt."

Seine ehrenamtliche "Heimat" ist der Westfälische Blindenverein, er wird 1966 Vorsitzender der Bezirksgruppe und 1967 in den Landesvorstand gewählt. Nach seiner Pensionierung ist er von 1990 bis 1995 Vorsitzender des Landesverbandes.

Mit fast 3000 Mitgliedern ist der Westfälische Blindenverein der größte im Land Nordrhein-Westfalen. Und dennoch - Rudi Leopolds Sorge ist, daß noch immer zu wenige der rund 25000 Blinden in NRW den Weg in eine Selbsthilfeorganisation finden. Vor allem die im Alter erblindeten Menschen zögen sich sehr ins Private zurück, beobachtet er: "Sie finden durch ihre Erblindung nicht mehr zurück ins gesellschaftliche Leben. Sie machen die bittere Erfahrung, daß Bekannte oder Nachbarn sich zurückziehen, weil sie Berührungsängste haben." Viele, so ist er überzeugt, leiden mehr an ihrer seelischen "Behinderung", an Vereinsamung, als unter der Sehbehinderung und Blindheit selbst.

Vielfalt und Toleranz

Seit fast 20 Jahren profitiert der PARITÄTISCHE von Rudi Leopolds Engagement - auf Kreisgruppenebene in Ennepe-Ruhr, auf Landesverbandsebene von seiner Arbeit im Beirat, dem er seit 1989 angehört.

Die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe in Witten (KISS) hat Rudi Leopolds Engagement viel zu verdanken - er half, die Kontaktstelle mitaufzubauen, er war auch dabei, als 1995 zum 10-jährigen Jubiläum des Selbsthilfetages in Witten eine Bürgerfunk-Sendung produziert wurde.

Seine vier Kinder und sieben Enkelkinder haben von Rudi Leopold nicht nur gelernt, wie man sich auch im Dunkeln in einem Keller zurechtfindet und ohne Hinzugucken in einer Schublade etwas findet - sie haben mit Sicherheit auch gelernt, wie man mit Humor, Engagement und Aufrichtigkeit ein geachteter Bürger wird.

(aus: FORUM 1996, S. 54)

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