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Vom 17. bis 19. Juli 1996 fand, inzwischen zum fünften Mal, die in zweijährigem Turnus von der österreichischen Computergesellschaft durchgeführte "International Conference on Computers Helping People with Special Needs" (ICCHP) statt. Teilnehmer waren fast ausschließlich Vertreter von Forschungseinrichtungen, die in diesem Bereich an neuen Lösungen arbeiten.
Wie in den Vorjahren fanden die Veranstaltungen zu verschiedenen Arten von Behinderung (Taubheit, motorische Störungen, Blindheit, Lernbehinderung) in parallelen Sitzungen statt, so daß ich den Bericht auf die Workshops und Vorträge, die sich mit Lösungen für blinde bzw. sehbehinderte Menschen befaßten, beschränken muß.
Während sich die ICCHP 94 in diesem Bereich sehr stark mit dem Zugang blinder Computeranwender zu graphischen Benutzeroberflächen wie MS-Windows beschäftigt hatte, standen in diesem Jahr ein besserer Zugang zu der weltweit wachsenden Informationsflut im Vordergrund, insbesondere der Zugang zu Internet und elektronisch gespeicherten Büchern.
Es wurde herausgestellt, daß die Zunahme der Menge elektronisch gespeicherter Texte für blinde und sehbehinderte Menschen eine bisher nicht vorhandene Chance bedeutet, das mit der Sehbehinderung vorhandene Informationsdefizit zu verringern. Denn aufgrund der elektronischen Speicherung der Texte ist, sofern eine entsprechende Hilfsmittelausstattung für Computer vorhanden ist, auch blinden und sehbehinderten Menschen der Zugang zu einer sehr viel größeren Menge an Informationen möglich, da die Informationen dann nicht mehr zunächst speziell erfaßt (in Blindenschrift abgeschrieben bzw. vorgelesen) werden müssen.
Der Weg ins Internet
In diesem Zusammenhang wurden die Möglichkeiten des Internet herausgestellt, das gerade in den beiden letzten Jahren zu einer enormen Vergrößerung des elektronischen Informationsangebots geführt hat. Dies gilt sowohl hinsichtlich aktueller Informationen als auch eines zunehmenden Angebots an belletristischer Literatur. Da die Bedeutung des Internet gerade für blinde bzw. sehbehinderte Menschen in dieser Zeitschrift bereits in einem eigenen Beitrag deutlich gemacht wurde, der zudem einen konkreten Verbesserungsvorschlag für diejenigen enthielt, die nicht mit einem Computer umgehen können, soll auf diese allgemeinen Fragen an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden.
Ein wesentliches Hemmnis beim Zugang zum Internet bestand bzw. besteht möglicherweise auch in unzureichenden Informationen über die Zugangsmöglichkeiten. Die am weitesten verbreiteten Zugangsprogramme sind nämlich sogenannte Windows-Programme, die derzeit nur von einem kleinen Teil blinder und sehbehinderter Computeranwender genutzt werden können. Die für den Zugang zum Internet ebenfalls einsetzbaren konventionellen DOS-Programme sind hingegen nur wenig bekannt. Auf der ICCHP wurde eine recht umfangreiche Liste von Zugangsprogrammen zum Internet verteilt. Darunter befinden sich auch einige DOS-Programme, von denen eines (Nettaimer) besonders empfohlen wurde.
Einhelligkeit bestand aber darin, daß - selbst wenn der Zugang zum Internet für blinde Computeranwender technisch möglich ist - die Informationssuche im Internet, das sogenannte "Surfen" für Computeranwender mit einer Braille-Zeile bzw. Sprachausgabe nicht einfach ist, da der Bildschirmaufbau sehr komplex ist. Auf Interesse stießen daher Lösungen, die den Bildschirminhalt für blinde Anwender nicht in seiner räumlichen Anordnung wie am Original-Monitor, sondern strukturiert wiedergeben. Meinungsverschiedenheiten zeigten sich in der Frage, ob zur Verringerung dieser Probleme ein spezieller Internet-Zugang ("Browser für Blinde") vorzuziehen sei (z. B. PWWebSpeak) oder eine allgemeine Windows-Lösung, bei denen ebenfalls einige (z. B. VIRGO von Baum Elektronik) eine strukturierte Darstellung bieten.
Informationen auswählen und gliedern
Das Problem der Selektion und Strukturierung von Informationen für blinde und sehbehinderte Menschen bildete, unabhängig vom konkreten Anwendungsgebiet, in gewisser Hinsicht den Grundtenor der Konferenz. Ohne daß die Tagesordnung dies hätte erkennen lassen, wurde in vielen Vorträgen, so auch zur verbesserten Literaturaufbereitung (siehe unten) darauf eingegangen.
Um dieses Problem zu verstehen, muß man sich vergegenwärtigen, daß der nicht sehbehinderte Leser nicht nur fortlaufend liest und lesen kann, sondern auch "quer liest", zum nächsten oder vorigen Absatz bzw. Kapitelanfang "springt". Während diese Art des Lesens beim Blindenschriftbuch ebenfalls wenigstens noch grundsätzlich möglich ist, bestand hier einer der großen Nachteile der sogenannten "modernen" Speichermedien. Denn auch bei Aufsprachen auf Tonkassetten mußte entweder fortlaufend gelesen oder auf Verdacht vor- bzw. zurückgespult werden. Gleiches galt und gilt für das Lesen elektronisch gespeicherter Texte mit Braille-Displays und Sprachausgaben.
Neue CD-ROM aus Ungarn
Bereits auf der ICCHP 94 waren schwedische Ansätze für eine neue Generation von "Hörbüchern" vorgestellt worden. Diese Entwicklungen scheinen große Fortschritte gemacht zu haben, wie das auf der diesjährigen ICCHP vorgestellte ungarische Projekt des "Digibook" zeigte. Hier wird auf einer CD-ROM der Text eines Buches in "akustischer" (mit digitalisierter menschlicher Stimme) und elektronischer Form (zur Ausgabe über Sprachsynthesizer bzw. Blindenschrift-Displays) gespeichert. Durch ein spezielles Programm kann der Leser, sofern er einen Computer besitzt, nicht nur wie bisher den Text fortlaufend abhören bzw. auf einer Braille-Zeile lesen, sondern an jeder beliebigen Stelle umschalten und wählen, ob er zum nächsten bzw. vorigen Absatz, einer bestimmten Seite springen will oder nach einem Stichwort suchen (lassen) will. Zusätzlich gespeichert ist auch das Inhaltsverzeichnis des Buches, so daß dieser akustisch und elektronisch gespeicherte Text nun ähnlich gelesen werden kann wie ein herkömmliches Buch, allerdings mit dem unschätzbaren Vorteil, daß nicht nur weit weniger Raum benötigt wird als beim Ausdruck in Blindenschrift auf Papier, sondern auch bei Aufsprache desselben Textes auf Kassette. Da der Text komprimiert werden kann, kann sich auf einer CD-ROM der Inhalt von 25 bis 50 Tonkassetten befinden.
Gerade die ungarische Entwicklung kann noch einen Vorteil haben. Denn aufgrund des niedrigeren Einkommensniveaus wurde das Programm für Computer mit geringeren technischen Anforderungen entwickelt. Nach Angaben der Projektmitarbeiter soll es also nicht nur unter DOS, sondern sogar auf einem sogenannten 80386 PC ablaufen, die hierzulande im Handel gar nicht mehr erhältlich sind, sich aber möglicherweise privat noch im Einsatz befinden.
Dieser Ansatz, Information für blinde und sehbehinderte Menschen zu strukturieren, ist - nachdem die grundsätzlichen Zugangsprobleme gelöst sind - die wichtigste Tendenz für die nahe Zukunft überhaupt. Um so mehr mußte es verwundern, daß auf dieser Konferenz die Forscher "unter sich" blieben, da keine Vertreter von Blindeneinrichtungen anwesend waren.
Am Rande sei darauf hingewiesen, daß sich die Konferenzteilnehmer, zu denen auch Universitätseinrichtungen gehörten, die sich gezielt mit der technischen Unterstützung blinder und sehbehinderter Studenten beschäftigen, auch für sehr praxisnahe Fragen Lösungen vorbereiten. Vor vielen Jahren, als die elektronische Textverarbeitung in den Verlagen Einzug hielt, war vielerorts Hoffnung aufgekommen, daß nun auch blinde Menschen Zugriff auf alle Publikationen hätten. Diese Euphorie wich jedoch relativ schnell einer gewissen Lethargie, als sich herausstellte, daß nicht nur erhebliche technische Probleme (die Textverarbeitungs- und Druckprogramme zeichneten sich durch große Vielfalt und geringe Standardisierung aus), sondern auch wirtschaftliche und rechtliche Hürden zu überwinden waren. Denn von Ausnahmen abgesehen, hatten die meisten Verlage sowohl aus urheberrechtlichen als auch geschäftlichen Gründen kein Interesse daran, ihre Publikationen in elektronischer Form abzugeben.
An der Universität Linz hat man ein technisches und organisatorisches Verfahren entwickelt, das zumindest bei der Literaturversorgung von Schülern und Studenten Abhilfe schaffen könnte und gleichzeitig den Interessen der Verlage und Autoren Rechnung trägt. Angeblich sind einige Verlage bereit, dieses Verfahren zu erproben und zu verfeinern. Es bleibt zu hoffen, daß insofern auch von dieser Seite eine immer noch bestehende Barriere beim Zugang zu allgemein erhältlichen Informationen beseitigt wird.
Elektronischer Stadtplan
Abschließend sei noch darauf hingewiesen, daß sich einige Veranstaltungen auch mit Mobilitäts- und Orientierungshilfen für Blinde, darunter auch dem in Sozialrecht + Praxis 1/1996 beschriebenen satellitengesteuerten Orientierungssystem, befaßten. Sehr erfreut war ich über die Ankündigung, daß die erste Komponente dieses Systems, das Programm zur Nutzung digitalisierter Stadtpläne mit Sprachausgaben, in Deutschland Anfang nächsten Jahres angeboten werden solle. Um falschen Schlüssen vorzubeugen, sei jedoch gesagt, daß für blinde Menschen, die sich allein zu Fuß durch die Stadt bewegen wollen, dieses Programm erst dann wirklich sinnvoll ist, wenn die einzelnen Stadtpläne um Zusatzinformationen (z. B. Hinweise auf Fußgängerüberwege, Haltestellen und wichtige Gebäude) ergänzt sind. Die Blindenselbsthilfeeinrichtungen sollten aber nun keine Zeit mehr verlieren und sich im Interesse der Betroffenen damit befassen, welche Informationen zusätzlich aufzunehmen sind und wie dies organisiert werden kann. Denn es wird nicht ausreichen, diese Informationen nur einmal aufzunehmen, sie müssen auch aktualisiert werden.
(aus: Sozialrecht + Praxis 8/96, Rehabilitation, Seite 519 - 521)
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