E. Denninghaus: Die Förderung der Lesegeschwindigkeit bei blinden und sehbehinderten Jugendlichen und jungen Erwachsenen

Dipl.-Psych. Erwin Denninghaus

1. Einleitung

Das Lesen ist eine zentrale Kulturtechnik. Nicht nur im Privatleben, sondern auch bei der beruflichen Bildung und Berufsausübung kommt dem Lesen große Bedeutung zu. Es liegt in der Natur von Blindheit und Sehbehinderung, daß gerade die visuelle Informationsaufnahme beeinträchtigt ist und damit das übliche Lesen wesentlich erschwert oder gar nicht möglich ist.

Zur Kompensation der Unmöglichkeit, Schwarzschrift zu lesen, haben Blindenpädagogen sich im letzten Jahrhundert darauf geeinigt, die Braille-Schrift als verbindliche Verkehrsschrift für blinde Schulkinder und Erwachsene einzuführen. Sie ist vom Grundsatz her mittlerweile etabliert. Diskussionen gibt es jedoch nach wie vor und immer wieder über die zu benutzenden Codes.

Die Verbesserung der Lesefähigkeit bei Sehbehinderten hat in den letzten Jahren große Fortschritte erzielt. Hier ist vor allen Dingen darauf zu verweisen, daß wesentlich mehr Wert auf die Anpassung angemessener optischer refraktionskorrigierender und vergrößernder Sehhilfen gelegt wird. Außerdem besteht seit nunmehr 20 Jahren die technische Möglichkeit, normale Schriftstücke mit Hilfe eines Video-Systems elektronisch zu vergrößern und sie somit für einen Personenkreis lesbar zu machen, der bis dahin keinen Zugang zur Schwarzschrift gehabt hat.

Blinde und Sehbehinderte sind also durch die Benutzung spezieller Hilfsmittel bzw. einer eigenen Schrift in der Lage, sich schriftliche Informationen zugänglich zu machen und sich diese durch Lesen zu erschließen. Wer jedoch in Schule, Ausbildung oder Beruf mit blinden oder stark sehbehinderten Menschen zu tun gehabt hat, der weiß, daß die Leseleistung bei Blinden und Sehbehinderten sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. So haben wir bei einer Untersuchung von 50 blinden und sehbehinderten Schülern festgestellt, daß erfahrene Punktschriftleser sowie Sehbehinderte, die auf die Benutzung optischer vergrößernder Sehhilfen angewiesen sind, ca. 1/3 langsamer lesen als solche Sehbehinderte, die keine optischen vergrößernden Sehhilfen benötigen. Unerfahrene Punktschriftleser und Benutzer von Bildschirmlesegeräten lasen sogar um ca. 2/3 langsamer als ihre leichter sehbehinderten Kollegen. Bei der akustischen Bearbeitung eines Textes erreichten alle Gruppen nahezu das gleiche Ergebnis, so daß eine unterschiedliche intellektuelle Leistungsfähigkeit als Ursache für die Gruppenunterschiede ausgeschlossen werden kann (Denninghaus u. Hupfeld 1987).

Die durchschnittliche Lesegeschwindigkeit bei nichtbehinderten Personen beträgt ca. 200 bis 350 Wörter pro Minute. Während theoretisch eine Lesegeschwindigkeit von bis zu 800 Wörtern pro Minute denkbar ist, wird in der Praxis das Hörverständnis als obere Grenze des Leseverständnisses angenommen (Caroll 1977).

Im Gegensatz zu diesen Durchschnittswerten Normalsehender lesen Blinde und stark Sehbehinderte deutlich langsamer. So erreichen Personen, die die Punktschrift aufgrund einer Erblindung neu erlernen, bei taktilem Lesen nach einem halben bis einem Jahr lediglich Werte von 20 bis 25 Wörtern pro Minute, obwohl ihnen das Lesen als solches grundsätzlich bekannt und geläufig ist. Als durchschnittliche Werte für geübte Punktschriftleser werden 60 bis 80 Wörter pro Minute angegeben. Für geübte früherblindete Punktschriftleser werden Werte zwischen 100 und 150 Wörtern pro Minute angegeben (Hudelmayer 1985).

Bäckman und Inde (1979) geben durchschnittliche Lesegeschwindigkeiten für verschiedene Gruppen von Sehbehinderten an: Grenzfälle zwischen Braille- und Schwarzschrift bis 40 Wörter pro Minute, hochgradig Sehbehinderte 40 bis 80 Wörter pro Minute, trainierte Sehbehinderte 80 - 120 Wörter pro Minute und schwach Sehbehinderte über 120 Wörter pro Minute.

Bei einer Untersuchung im Berufsbildungswerk Soest haben wir darüber hinaus festgestellt, daß Punktschriftleser im Durchschnitt noch einmal um 30 % langsamer sind, wenn sie am Computer mit einer Braillezeile arbeiten. Trotz des erheblichen technischen Aufwandes, der für die berufliche Eingliederung betrieben wird, sind Blinde also hinsichtlich ihrer Lesefähigkeit immer noch weit davon entfernt, mit ihren sehenden Kolleginnen und Kollegen konkurrieren zu können.



2. Institut für Blinde und Sehbehinderte, Kopenhagen

Einen bemerkenswerten Ansatz zur Steigerung der Leseleistung bei Sehbehinderten und Blinden hat das Institut für Blinde und Sehbehinderte in Kopenhagen unternommen.

Das Blindeninstitut in Kopenhagen bietet zentral für ganz Dänemark Rehabilitationsleistungen für Blinde und Sehbehinderte an. Während die Maßnahmen früher in der Regel stationär durchgeführt wurden, wird heute verstärkt mit einem modularen System gearbeitet, das Beratungen im Institut und am Wohnort, eine große Zahl von Kursen unterschiedlicher Länge sowie stationäre Bildungsmaßnahmen, wie blindentechnische Grundrehabilitation oder Lehrgänge in bestimmten Berufsfeldern, umfaßt. Im Gebäude des Blindeninstituts ist eine Spezialabteilung der Augenklinik untergebracht. An diese Abteilung werden alle Kinder und Jugendlichen aus ganz Dänemark überwiesen, die Sehprobleme aufweisen, die nicht durch eine normale Brille korrigiert werden können. Es besteht Meldepflicht. Nach der ärztlichen Untersuchung stellt ein Optometrist nach Möglichkeit durch die Anpassung geeigneter optischer vergrößernder Sehhilfen Lesefähigkeit her.

Im Rahmen einer Low-Vision-Klinik werden weitere Fragen geklärt und Techniken besprochen, die im Zusammenhang mit dem Lesen im weitesten Sinne stehen. So werden Leseabstand, Lesewünsche, Ermüdbarkeit, Lesegeschwindigkeit und Sehanforderungen, die neben dem Lesen bestehen, thematisiert.

Nach einer Einführung werden 2 Lesetests durchgeführt. Dazu wird zunächst geklärt, welche Beleuchtung und welche Arbeitshaltung von den Betreffenden gewünscht wird. Beim ersten Test werden die Patienten aufgefordert, einen Standardtext 2 Minuten lang laut vorzulesen. Die Mitarbeiterin beurteilt danach, ob das Hilfsmittel richtig angepaßt ist und ob weitere Probleme bezüglich des Lesens bestehen.

Beim 2. Test wird der Patient aufgefordert, eine Kurzgeschichte 10 Minuten lang still zu lesen. Nach 10 Minuten wird festgestellt, an welcher Textstelle sich der Leser befindet. Die Zahl der Wörter wird gezählt und der Patient wird zum Inhalt der Geschichte bis zu dieser Textstelle befragt. Bezüglich der Lesegeschwindigkeit werden folgende Standards zugrunde gelegt:

unter 100 Wörtern pro Minute = sehr langsam

unter 200 Wörtern pro Minute = langsam

200 bis 300 Wörter pro Minute = Durchschnitt für Erwachsene

250 bis 300 Wörter pro Minute = Durchschnitt

für Schulkinder Die Häufigkeitsverteilung ist sehr steil. Die meisten Leser liegen zwischen 200 und 350 Wörtern pro Minute. Dies entspricht der durchschnittlichen Lesegeschwindigkeit Normalsehender.

Seit 1980 werden im Institut regelmäßig Kurse zur Steigerung der Leseleistung angeboten (Fridal, Jansen und Klindt, 1981). Elemente aus Trainingsprogrammen zur Förderung der Lesegeschwindigkeit bei Normalsehenden wurden zunächst zu einem Programm für sehbehinderte Schwarzschriftleser zusammengestellt. Dieser Kurs war so erfolgreich, daß die Teilnehmer Interesse hatten, ihre Fertigkeiten noch weiter zu entwickeln. Daraufhin wurde ein Aufbaukurs entworfen und durchgeführt, in dessen Mittelpunkt vor allen Dingen kognitive Aspekte des Lesens standen. Während diese Kurse zu Beginn ausschließlich für Sehbehinderte angeboten worden sind, stehen sie nunmehr auch blinden Personen offen. Sie richten sich in erster Linie an junge Erwachsene, die im Rahmen ihrer Ausbildung - vorwiegend Studium - große Mengen von Texten bearbeiten müssen und deren Leseleistung daher besonders gefordert wird. Im Rahmen eines Studienbesuches im Januar 1996 hatte ich die Möglichkeit, mich näher mit den Methoden und Inhalten vertraut zu machen.



3. Trainingsprogramm

3.1. Grundkurs

Der Grundkurs dauert eine Woche. Nach der Feststellung der Lesegeschwindigkeit zu Beginn des Kurses werden die Teilnehmer systematisch mit den unterschiedlichen Methoden vertraut gemacht und in ihrer Anwendung angeleitet. Die Arbeitsweise entspricht dabei weitgehend derjenigen in der Höheren Schule bzw. der Universität. So wird auf den Einsatz der Wandtafel nicht verzichtet, um Probleme mit dieser Arbeitstechnik zu thematisieren und nach Kompensationsmöglichkeiten zu suchen. Die Anfertigung eigener Notizen wird berücksichtigt und den Teilnehmern werden geeignete Methoden vermittelt, wie sie ihre Mitschriften möglichst effizient gestalten können. Auch die Theorie kommt nicht zu kurz. In konsequenter Weise wird nicht nur bei der Textbearbeitung über die kognitive Einbettung neuer Textinhalte gesprochen, sondern der Kurs ist so angelegt, daß die neuen Kenntnisse und Fertigkeiten bei den Teilnehmern in geeigneter Weise kognitiv eingebettet werden können. Ein weiteres Element, welches der Steigerung und Festigung der Leseleistung dient, ist eine konsequente Protokollierung der Lesegeschwindigkeit durch die Teilnehmer selbst. Die Anforderungen sind so gestaffelt, daß die Lernsequenzen zu Anfang eher kurz und am Ende des Kursus immer länger sind.

Im Rahmen des Schnellesetrainings werden folgende Methoden angewendet:



3.1.1. Techniken für Sehbehinderte 1. Geschwindigkeitskarte - Die Teilnehmer werden aufgefordert, den eben gelesenen Text mit Hilfe einer Karte abzudecken und diese Karte während des Lesens langsam über den Text zu schieben. Die Karte soll etwas schräg gehalten werden, so daß die linke Seite auf den Anfang der nächsten Zeile zeigt. Die Teilnehmer werden nach 10 Minuten aufgefordert, die Karte nun schneller nach unten zu schieben als sie üblicherweise lesen.

2. Die 5-5-5-Methode - Bei der 5-5-5-Methode werden die Teilnehmer aufgefordert, zunächst 5 Minuten so schnell zu lesen, wie sie können, ohne ein Textverständnis einzubüßen. In den zweiten 5 Minuten werden sie aufgefordert, ca. doppelt so schnell zu lesen, wie sie eigentlich können. In der dritten Sequenz werden die Teilnehmer wiederum aufgefordert, so schnell wie möglich ohne Verständnisverlust zu lesen. Diese Methode hat zwar den Nachteil, daß das Textverständnis im mittleren Teil deutlich leidet. Sie hat sich jedoch als mechanische Übung zur Steigerung der Lesegeschwindigkeit bewährt.

3. Vokalisation - Die Teilnehmer werden aufgefordert, beim Lesen eines Textes nicht mitzusprechen und auch nicht die Lippen zu bewegen. "Stilles Vorlesen" kann zwar das Verständnis unterstützen, reduziert jedoch die Lesegeschwindigkeit auf die Vorlesegeschwindigkeit.

4. Die 5-Phasen-Methode (SQ3R-Methode) - Durch die 5-Phasen-Methode wird das bewußte Lesen gefördert. Im ersten Schritt werden die Teilnehmer aufgefordert, sich einen Überblick über den Text zu verschaffen (Survey). Im zweiten Schritt werden Fragen an den Text formuliert (Questions). Die dritte Phase ist die eigentliche Lesephase (Read). Im vierten Schritt wird das Gelesene rekapituliert (Repeat) und zuletzt wird der Text noch einmal gelesen (Review).

5. Überfliegen (Skimming) - Den Teilnehmern werden Methoden vermittelt, einen Text so zu überfliegen, d.h. diagonal oder zickzack zu lesen, daß sie mit möglichst wenig Leseaufwand einen Eindruck vom Inhalt eines Absatzes, eines Kapitels oder eines Buches bekommen.

Während die einzelnen Techniken bei der Anwendung durch Sehbehinderte in dem o.g. Artikel von Fridal, Jansen und Klindt sowie in der allgemeinen Fachliteratur zur Steigerung der Lesegeschwindigkeit näher beschrieben sind, soll hier nun auf die Modifikationen für Blinde eingegangen werden:

3.1.2. Techniken für Blinde

1. Geschwindigkeitskarte - Selbstverständlich ist die Anwendung einer Karte zur Abdeckung des gelesenen Textes bei Blinden wenig zweckmäßig. Allerdings ist es beim Punktschriftlesen für den Trainer wesentlich leichter, sogenannte Regressionen, d.h. das Nocheinmallesen eines bereits gelesenen Wortes oder Satzes zu beobachten und den Teilnehmer ggf. darauf hinzuweisen. Die Vermeidung von Regressionen ist ein wesentlicher Schritt zur Steigerung der Lesegeschwindigkeit.

2. Die 5-5-5-Methode - Bei der 5-5-5-Methode werden die blinden Teilnehmer wie ihre sehenden Kollegen aufgefordert, nicht jeden Buchstaben zu lesen, sondern ca. doppelt so schnell zu lesen, wie gewöhnlich und zu versuchen, den Sinn trotzdem zu erfassen. Die Trainer berichten, daß gerade blinde Teilnehmer erhebliche Schwierigkeiten damit haben, nicht mehr jeden Buchstaben und jedes Wort wirklich zu erkennen. Sie haben erlebt, daß einzelne Teilnehmer während dieser Übung ausgesprochen ungehalten reagiert haben. Seitdem werden die Teilnehmer auf entsprechende emotionale Reaktionen vorher vorbereitet. So werden "Perfektionisten" gebeten, ihre Unzufriedenheit dadurch zu verringern, daß sie den Text nach der Lektion noch einmal in Ruhe lesen dürfen. Gelingt es den blinden Teilnehmern jedoch, sich darauf einzulassen, profitieren sie in ähnlicher Weise von der Methode wie ihre sehenden Kollegen.

3./4. Lokalisation/5-Phasen-Methode Die 5-Phasen-Methode, wie die Unterdrückung der Vokalisation kann von Sehenden und blinden Teilnehmern in gleicher Weise angewandt und durchgeführt werden.

5. Überfliegen (Skimming) - Beim Überfliegen eines Textes wird den blinden Teilnehmern wieder eine andere Methode vermittelt. Sie werden aufgefordert, jeweils den 1. Satz eines Absatzes zu lesen und von da an nur die ersten Wörter einer Zeile.

3.2. Aufbaukurs

Der Aufbaukurs richtet sich an Studenten der Anfangssemester, die bereits am Grundkurs teilgenommen haben. Eine Hauptmethode, die im 2. Kurs angewandt wird, ist "Bloom"s Taxonomie". Sie umfaßt 6 Stufen:

1. Wissen, daß es den Text gibt und womit er sich befaßt.

2. Den Inhalt verstehen.

3. Den Inhalt umsetzen können.

4. Fähig sein, das eigene Wissen analysieren und einschätzen zu können. 5. Fähig sein, eine Synthese herzustellen unter Einbezug anderer Quellen.

6. Evaluation.

Schon allein diese Gliederung macht deutlich, daß der Inhalt des Kurses deutlich über das reine Schnell-Lesen hinausgeht. Wesentliche Inhalte bilden vielmehr Strategien der Textauslese und Textbeschaffung sowie die Förderung einer kritischen Textrezeption. Während im Grundkurs nur mit einzelnen Büchern und Artikeln gearbeitet wird, findet der Aufbaukurs grundsätzlich unter Benutzung einer Bibliothek statt, so daß auch die Techniken im Umgang mit Katalogen und anderen Informationssystemen geübt werden können.

4. Ergebnisse

Wie in dem Artikel von Fridal, Jansen und Klindt beschrieben worden ist, können sehbehinderte Teilnehmer ihre Lesegeschwindigkeit durch den Kursus von durchschnittlich 150 Wörtern pro Minute auf durchschnittlich gut 300 Wörter pro Minute mehr als verdoppeln. Bei einer Nachuntersuchung wurden zwar geringe Einbußen festgestellt, aber die Leseleistung lag bei allen Studenten langfristig deutlich über derjenigen vor Absolvierung des Kurses.

Für die blinden Teilnehmer wurde zunächst eine Eingangsvoraussetzung von 50 bis 60 Wörtern pro Minute festgesetzt. Von dieser Bedingung wurde in der Praxis dann allerdings doch abgewichen. Hier die Ergebnisse von 3 Teilnehmern:

Anfang 89 WpM Ende 170 WpM

Anfang 165 WpM Ende 250 WpM

Anfang 41 WpM Ende 109 WpM

Ausgehend von ihrem jeweiligen Niveau konnten auch die blinden Teilnehmer ihre Lesegeschwindigkeit im Durchschnitt verdoppeln. Besonders interessant ist, daß der Teilnehmer mit der geringsten Geschwindigkeit zu Anfang des Kurses am meisten profitiert hat.

5. Diskussion

Blinde und sehbehinderte Schüler, Studenten und Berufstätige lernen und arbeiten in Kooperation und Konkurrenz mit ihren sehenden Kolleginnen und Kollegen. Die Durchführung gemeinsamer Kurse für Blinde und Sehbehinderte unter Benutzung von Methoden, wie sie auch in Schule und Universität üblich sind, stellt eine konsequente Umsetzung des Grundgedankens der Normalisierung dar. Darüber hinaus bietet diese Form der Lehrgangsgestaltung die Möglichkeit, über den eigentlichen Zweck hinaus Themen im Umfeld des Lesens aufzugreifen und zu bearbeiten.

Liegt die durchschnittliche Lesegeschwindigkeit der Braille-Schrift-Leser auch deutlich unter der der Sehbehinderten, so bedeutet eine Verdoppelung der Lesegeschwindigkeit durch ein 1- bis 2-wöchiges Trainingsprogramm doch in jedem Fall eine sehr effektive Maßnahme, die sich langfristig in Studium und Beruf auszahlt.

Die Forderung des deutschen Blindenverbandes, entsprechende Kurse auch in Deutschland anzubieten, muß aufgrund dieser Erfahrungen mit Nachdruck unterstützt werden. Sie könnten einen wesentlichen Beitrag zur beruflichen und sozialen Integration Blinder und Sehbehinderter leisten, und sollten zu einem festen Bestandteil des Bildungsangebotes werden.

Die allgemein relativ geringe Lesegeschwindigkeit von Blinden - auch nach Absolvierung eines solchen Kurses - legt es nahe, grundsätzlich über die angewandten Arbeitstechniken am Arbeitsplatz nachzudenken. Aufgrund der wesentlich schnelleren Texterfassung auf akustischer Basis sollte über die Kombination unterschiedlicher Arbeitstechniken, insbesondere an Computerarbeitsplätzen, nachgedacht werden.

Bemerkenswert erscheint schließlich die geschilderte emotionale Reaktion der dänischen blinden Kursteilnehmer, wenn sie aufgefordert werden, einen Text "oberflächlich" zu lesen. Sie legt nahe, daß Punktschriftleser es gewohnt sind, einen Text tatsächlich Buchstabe für Buchstabe bzw. Zeichen für Zeichen zu lesen und nicht, wie Sehende es üblicherweise tun, Wortbilder zu erfassen und Füllwörter zu überspringen. Unter dieser Voraussetzung liegt es nahe, daß Punktschrifttexte in Vollschrift sowie Braille-Zeilen, die in der Regel Vollschrift darbieten, deutlich langsamer gelesen werden als Kurzschrifttexte. Hinsichtlich der Kurzschriftdiskussion wäre die Beantwortung der Frage von großem Interesse, ob die Unterschiede bei der Lesegeschwindigkeit von Kurzschrift und Vollschrift möglicherweise durch eine veränderte Lesetechnik nivelliert werden.

Literatur

Bäckmann, Ö. u. Inde, K. (1979): Low Vision Training Liber Hermods, Malmö

Carroll, J.B. (1976): Some Neglected Relationships in Reading and Language Learning. In: Elemantary English, 43, 577 - 582

Denninghaus, E. u. Hupfeld, J.: Lesen und Textverständnis bei blinden und sehbehinderten Schülern - vergleichende Untersuchung verschiedener Hilfsmittel und Arbeitstechniken. In: blind-sehbehindert, 1/87, S. 11 - 20

Fridal, G., Jansen, L. u. Klindt, M.: Courses in Reading Development for Partially Sighted Students. In: Jounal of Visual Impairment and Blindness, Jan. 1981,

Hudelmeyer, D. (1985): Schrift, Schreiben und Lesen im Unterricht bei Blinden. In: Rath, W. u. Hudelmayer, D. (Hrsg.) (1985): Pädagogik der Blinden und Sehbehinderten. Marhold, Berlin, S. 127 - 148.

Anschrift des Autors: Dipl.-Psych. Erwin Denninghaus, Berufsbildungswerk Soest, Hattroper Weg 57, 59494 Soest; Tel.: 02921/684-223, Fax: 02921/684-109

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