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Keyvan Dahesch: Als "Krüppel" in der Politik

Skandinavien und die USA tun sich leichter als Deutschland

Schwerstbehinderte in höchsten Staatsämtern- In den USA und Skandinavien keine Frage. "Ein Krüppel als Bundeskanzler- - ja, diese Frage muß man stellen." So überschrieb die Illustrierte Stern kürzlich ihre Titel-Geschichte zur möglichen Kandidatur des CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Wolfgang Schäuble, als Nachfolger von Helmut Kohl.

Das Wort "Krüppel" ist laut Stern auf ausdrücklichen Wunsch Schäubles benutzt worden. "Solche Fragen und Worte sind in Deutschland mit seiner schrecklichen NS-Vergangenheit, der Zwangssterilisation und Ermordung Hunderttausender Menschen mit Behinderungen ein Thema. Vielleicht auch, weil in der Bundesrepublik behinderte Menschen oft nicht als leistungsfähig angesehen, sondern als Fürsorgeobjekt behandelt werden. In den USA und Skandinavien spielen solche Fragen überhaupt keine Rolle", sagt Marita Boos-Waidosch, ehrenamtliche Behindertenbeauftragte der Stadt Mainz. Seit ihrem zweiten Lebensjahr ist sie wegen Kinderlähmung Rollstuhlfahrerin. Die Einstellung der Menschen zur Behinderung in den USA kennt sie aus einem einjährigen Aufenthalt dort genau.

Theodore Roosevelt, US-Präsident von 1901 bis 1909, hatte mit Kinderlähmung eine offenkundige Schwerbehinderung. Sein Namensvetter Franklin D. Roosevelt war beim Amtsantritt als Präsident 1933 zwar gesund, saß in den letzten Jahren seiner Amtszeit bis zum Tod 1944 aber im Rollstuhl, und niemand hat seine Fähigkeiten bezweifelt.

Der Behindertenbeauftragte der US-Präsidenten Bush und Clinton, Justin Dart, ist Rollstuhlfahrer. Er hat maßgeblich zum weltweit als vorbildlich angesehenen Antidiskriminierungsgesetz Behinderter, dem "The Americans with Disabilities Act", beigetragen, das seit 1990 den rund 43 Millionen beeinträchtigten Menschen in den USA Stück für Stück Hindernisse aus dem Weg räumt. 1992 hat Präsident Clinton die Rollstuhlfahrerin Judith Heumann, Tochter einer aus Deutschland geflüchteten jüdischen Familie, zur Staatssekretärin ins Erziehungsministerium berufen. Sie könne sich durchaus eine Kandidatur für das Präsidentenamt vorstellen, erzählt sie. Die Schweden hatten mit dem Sozialdemokraten Bengt Lindqvist einen blinden Minister. Und wenn die britische Labour-Partei in diesem Jahr die Unterhaus-Wahlen gewinnen sollte, dürften die Briten mit David Blunkett den ersten blinden Minister ihrer Geschichte haben. Labour-Chef Tony Blair hat den 48jährigen, der seit 1987 dem Unterhaus angehört, in sein Regierungsteam berufen, wo er für das Ressort Bildung zuständig ist.

In Deutschland haben die wenigen Frauen und Männer mit Schwerstbehinderung, die als Stadtverordnete tätig sind, mit Barrieren zu kämpfen. So konnte der durch einen Autounfall querschnittgelähmte 55jährige Karl-Wilhelm Schmidt in zehn Jahren CDU-Stadtverordnetentätigkeit im nordhessischen Wolfhagen nicht den Einbau eines Aufzuges bei der Stadtverwaltung durchsetzen und mußte deshalb von seinen Fraktionskollegen die 48 Stufen bis in den Plenarsaal hinaufgetragen werden. Erst als Behindertenbeauftragter erreichte er, daß auch in dem historischen Gebäude ein Lift installiert wurde. Mit Überzeugungsarbeit schaffte die 44jährige Rollstuhlfahrerin und Baunataler SPD-Stadtverordnete Ingrid Pütz den Einbau von Rampen und Behinderten-Toiletten in den Gemeindeeinrichtungen. Wenn sie Veranstaltungen außerhalb dieser Gebäude besucht, braucht sie Hilfe.

Seit Januar 1994 ist die Wiesbadenerin Erika Fleuren SPD-Abgeordnete im Hessischen Landtag. "Ich kann meine Aufgaben gut erledigen, weil mir als Assistentin eine Ganztagskraft zur Seite steht", erzählt die derzeit einzige blinde deutsche Parlamentarierin. "Mit den gebotenen Hilfen können Schwerbehinderte auch höchste Staatsämter wahrnehmen. Deshalb sollte besser darüber diskutiert werden, wie auch hierzulande die Umwelt schnellstmöglich so barrierefrei gestaltet werden kann, daß Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen darin zurechtkommen", fordert Erika Fleuren; bei Schäuble herrsche "in dieser Hinsicht absolute Funkstille".

(aus: Frankfurter Rundschau vom 18. Februar 1997, Seite 5)

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