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Vom 5. bis 8. Dezember 1996 fand das zweite Seminar für Sehbehinderte des Bayerischen Blindenbundes im Kur- und Begegnungszentrum Saulgrub statt. Ca. 30 Personen zwischen 24 und 83 (!) Jahren waren der Einladung gefolgt. Daß mehr Anmeldungen als Plätze vorhanden waren, zeigt wieder einmal, wie groß der Bedarf an solchen Veranstaltungen ist.
Am Donnerstag nachmittag fanden wir uns in der sonnigen, frisch renovierten Gymnastikhalle zusammen, die uns in den nächsten drei Tagen als Seminarraum dienen sollte. Bei Kaffee, Tee und Kuchen fand nach der Begrüßung durch den Seminarleiter, Herrn Wolfgang Kurzer, ein erstes Kennenlernen anhand einer Vorstellungsrunde statt. Dabei standen der Wunsch nach Kontakt und Erfahrungsaustausch mit gleich oder ähnlich Betroffenen im Mittelpunkt.
Mit dem Thema "Ergonomie am Arbeitsplatz und zu Hause" stiegen wir nun in die inhaltliche Arbeit ein. Herr Schedler, Physiotherapeut und Rückenschullehrer, führte uns, ausgehend von der Anatomie der Wirbelsäule, in die Thematik "richtiges Sitzen", am Tisch, am Schreibtisch, beim Lesen, beim Schreiben usw. ein. Ergänzt wurde sein Vortrag immer wieder durch praktische Übungen, die wir begeistert mitmachten. Wichtig ist hierbei hervorzuheben, daß es gerade für uns Sehbehinderte keine Patentrezepte gibt, daß wir selbst viel experimentieren müssen, um die richtige Körperhaltung für die jeweilige Tätigkeit zu finden. Für alle von uns gilt jedoch: die Haltung, wenn möglich, öfter verändern und zwischendurch immer wieder Pausen einlegen!
Am Donnerstagabend sahen wir uns vor dem gemütlichen Beisammensein noch zwei Videofilme an. "Zwischen Sehen und Nichtsehen" von F. Buser stellt kurz und anschaulich die wesentlichsten Sehbehinderungen dar. Dieser Film ist meiner Erfahrung nach sehr gut für die Öffentlichkeitsarbeit geeignet. Der zweite Film "Vergrößernde Sehhilfen" berichtet hauptsächlich über die Arbeit der "Low vision Klinik" in München - ein guter Einstieg in das Thema des nächsten Vormittags:
Herr Dr. Rudolf, der seit einigen Jahren an der Münchener Universitätsaugenklinik als Arzt tätig ist und jetzt im Modellversuch "Low vision Klinik" mitarbeitet, schilderte seine Erfahrungen mit den verschiedenen Sehbehinderungen. Ziel der ca. dreistündigen Untersuchung ist sowohl eine umfassende Diagnostik als auch das Finden und Erproben optimaler Sehhilfen. Die Nachfrage ist mittlerweile so groß, daß Interessierte mit einer Wartezeit von zwei bis drei Monaten rechnen müssen.
Zum Thema "Schulung des Restsehvermögens" waren drei Fachfrauen eingeladen:
Frau Jacobi ist Hilfsmittelberaterin in der Geschäftsstelle des Bayerischen Blindenbundes in München
Frau Eckel arbeitet als Reha-Lehrerin beim Bayerischen Blindenbund, zuständig für den Bezirk Rosenheim. Frau Eckel hat zusätzlich noch die Ausbildung zur Low-vision-Trainerin in der Schweiz absolviert. Die Low-vision-Abklärung und die Förderung des funktionellen Sehrestes bilden mittlerweile einen großen Teil ihrer Tätigkeit. Der große Vorteil dieser Vorgehensweise besteht darin, daß Abklärung und Schulung bei den Betroffenen zu Hause, also in der gewohnten Umgebung stattfinden.
Frau Kampmann ist Optikerin und Orthoptistin und arbeitet am Blindeninstitut in Würzburg. Außerdem hat sie vor zwei Jahren die Arbeitsgemeinschaft Low-vision im VBS gegründet. Frau Kampmann betonte noch einmal ihr großes Interesse an Kontakten mit Sehbehinderten und der Zusammenarbeit mit den Verbänden.
Der Freitagnachmittag stand ganz für die Vorführung und Erprobung von Sehhilfen zur Verfügung. Dazu hatten Frau Eckel und Frau Kampmann eine reichhaltige Auswahl an Lupen, Monocularen, Kantenfiltergläsern usw. mitgebracht, die jede/r für sich in Ruhe ausprobieren konnte. Selbstverständlich bestand auch die Möglichkeit einer ganz persönlichen Beratung, allerdings war der Andrang so groß, daß Frau Eckel und Frau Kampmann nur einen Teil der Fragen beantworten konnten. Aber es war auch interessant, einfach nur dabeizusein und zuzusehen und -zuhören, welche Probleme vorhanden sind und wie man sie mit der richtigen Sehhilfe vermindern oder sogar lösen kann. Parallel dazu stellten zwei Firmen ihre elektronischen Hilfsmittel für Sehbehinderte vor, z. B. Bildschirmlesegeräte und elektronische Lupen. Auch dies wurde mit großem Interesse in Anspruch genommen.
Psychologische Aspekte der Sehbehinderung standen im Mittelpunkt des Samstag vormittag, der von Frau Friedrich, Dipl. Psychologin beim Bayerischen Blindenbund, in Form eines Gesprächskreises gestaltet wurde. Hier wurde wieder besonders deutlich, wie groß das Bedürfnis der TeilnehmerInnen nach Austausch war. Viele unterschiedliche Themen wurden in diesen drei Stunden angesprochen, vor allem den Umgang mit Nichtbehinderten betreffend: Wie reagiere ich auf Mißverständnisse, wie erkläre ich meine Sehbehinderung, wann hole ich mir Hilfe usw. sind nur einige wenige Beispiele. In einem Rollenspiel wurde darzustellen versucht, wie mißverständliche Situationen klargestellt werden können.
Nachmittags fanden drei parallel laufende Arbeitsgruppen statt. Die Arbeitsgruppe "Umwelt und Verkehr" formulierte ihre Wünsche für eine sehbehindertengerechte Umwelt und gab Anregungen für die Renovierung des Kur- und Begegnungszentrums Saulgrub.
In der zweiten Arbeitsgruppe "Erwartungen an den Bayerischen Blindenbund" standen Anregungen zur Fortsetzung der Sehbehindertenarbeit. Desweiteren wurde gefordert, daß Sehbehinderte endlich auch im Vereinsnamen repräsentiert werden.
Parallel dazu fand ein Gesprächskreis statt, in dem die Situation sehender bzw. sehbehinderter Frauen, die mit blinden Partnern zusammenleben, thematisiert wurde. Dabei ging es vor allem darum, wie wir unsere eigenen Grenzen entdecken und uns selbst entlasten können.
Am Sonntagmorgen beschäftigten wir uns, angeleitet von Herrn Korbach von der Sehbehindertenschule Unterschleißheim mit "Hilfen für den Alltag". Es entstand ein reger Informations- und Erfahrungsaustausch über Ordnungssysteme, Markierungstechniken und die vielen kleinen Dinge, die, wenn wir sie erst kennen, uns das Leben erheblich erleichtern können.
Alles in allem war dies ein gelungenes Basisseminar, zu dem auch das "Drumherum" - das schöne sonnige Winterwetter, das hervorragende Essen, das neu renovierte Schwimmbad und nicht zuletzt die vielen guten Gespräche zwischendurch - nicht unwesentlich beitrug.
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