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Ein Donnerstagabend. Wieder einmal kündet Frau Schreinemakers im Studio des Fernsehsenders SAT 1 reißerisch ihre Beiträge an. Thema Nummer 1: LVES (Low Vision Enhancement) System - Die "Wunderbrille" aus Amerika. Film ab.
Zwei Männer stehen an einem See und angeln. Einer der beiden, Tommy Korner, trägt LVES, ein klobiges Gerät, das von seinem Gesicht nicht viel übrig läßt. Tommy ist seit seinem dreizehnten Lebensjahr fast blind, doch mit LVES kann er wieder sehen: Fernsehen, am Computer arbeiten, sich außerhalb des Hauses frei bewegen - so der Film. Szenenwechsel. Ein Großvater sieht nach Jahren das erste Mal seinen Enkel, alles nur Dank LVES. Auch in der anschließenden Diskussionsrunde nur lobende Worte, keine kritische Frage.
Nach der ersten Euphorie, die sich beim Anschauen des Beitrages einstellt, kommen dem Betrachter jedoch leichte Zweifel an der uneingeschränkten Wunderwirkung der Brille. Die Vorstellung, über längere Zeit mit einer auf den Kopf geschnallten, 900 g schweren Videokamera unterwegs zu sein, bereitet Kopfschmerzen. Desweiteren stellt sich die Frage, inwieweit man noch auf den Straßenverkehr achten kann, wenn man durch ständiges Zoomen und Kontrast einstellen abgelenkt wird.
Neben diesen Fragen muß vor der Verordnung von LVES zunächst einmal Art und Grad der Sehschädigung der Patienten bestimmt werden, denn wer eine Makuladegeneration oder einen Visus unter 2 Prozent aufweist, ist für LVES ungeeignet. Außerdem sollte mit dem Patienten abgeklärt werden, welche Anforderungen und Wünsche er an eine Sehhilfe stellt und ob er mit ihr im Alltag zurecht kommt. Diese Möglichkeit besteht nun ab Dezember 1995 an der Universitätsklinik Heidelberg, Sektion Ophthalmologische Rehabilitation.
Sollte es beim Verschreiben allerdings Probleme geben, sollten sich die Patienten ungeniert bei Frau Schreinemakers melden: "Wenn"s da Probleme gibt, machen wir das Thema gleich wieder!"
Das Innenleben: High-tec vom Feinsten
Drei kleine elektronische Kameras liefern bei LVES das vergrößerte Bild der Umgebung. Es wird beiden Augen auf einem Videobildschirm so angeboten, daß der Betrachter in die Abbildung "eintauchen" kann. Dabei ergibt sich der Eindruck, als ob man rund 1 m vor einem 2 m großen Schwarz-Weiß-Bildschirm in einem abgedunkelten Raum steht.
Zwei Kameras auf Augenhöhe sind für ein dreidimensionales, unvergrößertes, weitwinkliges Bild der Umwelt zuständig. Eine Zoom-Kamera in der Mitte der Brille erlaubt eine drei- bis zehnfache Vergrößerung des gesendeten Bildes.
Gesteuert wird die Bildwiedergabe über eine Kontrolleinheit, die mit der Brille durch ein Kabel verbunden ist. Das Schaltteil hat die Größe eines Buches, es wird über die Schulter oder am Gürtel getragen.
Die weltweite Lizenz, LVES zu entwickeln und herzustellen, liegt bei Visionics Cooperation in den USA, einem Unternehmen, das schon seit 1965 Erfahrungen mit am Kopf getragenen Videodisplays sammelt. So entwickelten die Designer von LVES beispielsweise einige der gebräuchlichen Videodisplays für die Raumfahrt. Aus der Wiege gehoben wurde das System an der John Jopkins University School of Medicine in Zusammenarbeit mit der NASA und dem Department of Veteran Affairs.
Konkurrenz aus Europa: POVES - Portable Optoelectronic Vision Enhancement System
Das Ziel des Projektes POVES, das von der EU gefördert und unter deutscher Federführung steht, ist ebenfalls die Entwicklung einer elektronischen Brille. Sie soll das Wahrnehmungsvermögen bei solchen Sehbehinderungen verbessern, bei denen herkömmliche optische Methoden nicht mehr ausreichen, jedoch immer noch ein guter Sehrest vorhanden ist. Auch hier kommt wieder modernste Technik en miniature zum Einsatz: Angestrebt wird ein batteriebetriebenes, tragbares Bildverarbeitungssystem, das aus einer mit empfindlichen CCD-Kameras und hochempfindlichen LCD-Displays ausgestatteten "Brille" sowie einer über ein dünnes Kabel damit verbundenen Prozessor- und Bedienereinheit besteht. Letztere wird beispielsweise in einer Tasche oder am Gürtel getragen.
Auf längere Sicht soll bei POVES eine variable Bildverarbeitung möglich werden. Das heißt, die Bildinformation wird angepaßt an den jeweiligen Benutzer verrechnet. Neben der Einstellung von Helligkeit und Kontrast sollen dann zusätzlich die Filterung des Bildes, die Verstärkung von Farben sowie deren Verschiebung in einen anderen Teil des Farbspektrums möglich sein. Auch Bildvergrößerungen oder -verzerrungen werden bewerkstelligt werden können. Ein Teil der Funktionen kann beim Anpassen der Brille fest eingestellt werden. Andere Funktionen wie Helligkeit, Kontrast oder Vergrößerung werden je nach Bedarf vom Benutzer selbst am "Taschen-Teil" reguliert werden können. Hauptanliegen von POVES ist eine bessere Orientierung im Raum. Im Gegensatz zu LVES kann daher auf eine Bildvergrößerung verzichtet werden. Das angestrebte Design soll daher leichter, unauffälliger, eher wie normale Brillen ausfallen.
Für die Zukunft ist auch die Entwicklung austauschbarer Funktionseinheiten geplant, so daß die Brille den individuellen Sehbehinderungen mit ihren speziellen Problemen angepaßt werden kann. Dabei sollen das Restsehvermögen optimal genutzt und Ausfälle wie Nachtblindheit, Blendungsempfindlichkeit, Störungen beim Kontrastsehen, Verringerung der Sehschärfe und unterschiedliche Formen des Gesichtsfeldverlustes ausgeglichen werden. Ein Prototyp von POVES soll Mitte 1996 als Nachtsichtbrille zur Verfügung stehen. Bis zur Serienreife der ersten POVES-Brillen dürften jedoch noch ein paar Jahre ins Land gehen.
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