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Immer wieder wird bei uns der Wunsch laut, die Lebensläufe berühmter Blinder - besonders auch aus dem deutschen Sprach- und Kulturbereich - zusammenzustellen. Natürlich gab es im Laufe der Zeit Ansätze hierzu, und erschienen Lebensbilder verstreut oder in kleineren Publikationen. Eine umfassende Sammlung hervorragender blinder Persönlichkeiten steht immer noch aus - und vorhandene Ansätze harren weiterhin der Förderung, um als Nachschlagewerk der Öffentlichkeit an die Hand gegeben zu werden.
Vor diesem Hintergrund mag die folgende amerikanische Neuausgabe von Interesse sein:
[Biography of the Blind: Including the lives of all who have distinguished themselves as Poets, Philosophers, Artists, &c. &c. by James Wilson, who has been blind from his infancy. Collected and edited by Kenneth A. Stuckey from the four original editions of 1821-38. - Library of Congress, Washington. - 1995 [d.i. 1996]
Das Buch stellt für den angloamerikanischen Raum den "Klassiker" schlechthin auf diesem Gebiet dar. Er kam in vier einzelnen Bänden heraus und umfaßt insgesamt 64 biographische Sketche unterschiedlichen Umfanges und verschiedenster Darstellungsweisen und -tiefen.
Die einzelnen Lebensbilder wurden in der neuen, einbändigen Ausgabe inhaltlich zu folgenden Gruppen zusammengefaßt, die jeweils mit einer kenntnisreichen Einleitung beginnen, in der die historischen Darstellungen in einen Zusammenhang zu unserer Zeit gestellt werden.
- Literatur (5; Homer und andere);
- Musik, Kunst (15; Georg Friedrich Händel...);
- Erziehung (9; Leonard Euler...);
- Religion (6);
- Wissenschaft, Medizin (7; G.E. Rumph);
- Militär, Staat, Recht (6; Zisca)
- Handel (8; Buchhändler)
- Herren, Damen (7)
Die einzelnen Beiträge fügen ephemere Zeitungsfunde neben ausführliche Darstellungen und breiten so einen bunten Flickenteppich aus, der einen kurzweiligen Gang durch die Geschichte erlaubt. Das Vorwort des Leiters der amerikanischen Blindenbibliothek ("National Library Services for the Blind and Physically handicapped / NLSBPH"), Mr. Frank Kurt Cylke, und die Einleitung des ehemaligen Präsidenten der "National Federation of the Blind / NFB", Mr. Kenneth Jernigan, sowie die Einführung des Herausgebers Mr. Kenneth A. Stuckey von der "Perkins School for the Blind / PSB" geben dem heutigen Leser eine Richtschnur durch die Vielzahl der (Auto-)Biographien. Eine Bibliographie wird den ernsthaften Interessenten freuen, wie den Bibliophilen das abschließende Kolophon.
Der Autor von "Biography of the Blind", James Wilson, wurde 1779 in den USA, in Richmond / Virginia als Sohn schottischer Einwanderer geboren. Während einer Schiffs-Reise nach England verlor er seine Eltern und erkrankte selbst an Pocken, was zu seiner Erblindung führte. In Belfast / Irland ließ man den Jungen in der Obhut gutmeinender Personen zurück; hier wuchs er auf und bildete sich selbst aus. Seine erste Lektüre waren Aufzeichnungen und Zeitungsausschnitte seines Vaters, die ihm ein Nachbarjunge vorlas.
Trotz seiner Blindheit war er bald als zuverlässiger Briefbote geschätzt; später trug er Zeitungen zu Abonnenten, die sie gegen eine Gebühr von einem halben Penny eine Stunde lang lesen konnten; danach sammelte Wilson die Nummern wieder ein und verlieh sie noch öfter.
1803 gründeten junge Männer in Belfast eine Lesegesellschaft, in die der spätere Autor der Blindenbiographien eintrat. Er freundete sich mit einem jungen Mann an, der ihm fortan, zwischen 21.00 Uhr und 1.00 Uhr morgens regelmäßig täglich die Bücher vorlas, die Wilson besorgte.
So erwarb sich der Blinde durch konzentrierte systematische Lektüre seine Bildung, wobei ihm sein vorzügliches Gedächtnis sehr zugute kam. Er begann selbst zu dichten und zu schreiben; seine besondere Aufmerksamkeit galt den Lebensläufen Blinder.
Lektüre war ihm zeitlebens wichtig und er hatte sogar einen Tagesplan, der die Zeit vor dem Frühstück für Geschichte vorsah, der Tag war der Naturphilosophie vorbehalten und der Abend der Lyrik; als Dessert zu diesem Tagespensum erlaubte er sich Passagen aus belletristischen Werken zum Abschluß.
Wie Wilson über sein literarisches Schaffen und Forschen Freundschaften knüpfte und wie er Ruhm gewann, mag man selbst in seiner einleitenden Autobiographie (51 Seiten) nachlesen. Wie in den gesammelten Lebensbildern spiegelt sie eine Fülle kulturgeschichtlicher Aspekte, die jedem Leser eine aufschlußreiche und kurzweilige Lektüre bietet.
Vielleicht fühlt sich der eine oder andere angeregt, für den mitteleuropäischen Kulturraum etwas ähnliches und aktuelles zu schaffen ...
Die Herausgehobenen, wie Händel (2 1/2 Seiten), Theresa Paradis (3 S.), Leonard Euler (11 S.), G.E. Rumph (2 S.) und ein Augsburger Buchhändler (1 S.) sind wahrlich nicht alle hervorragenden und einflußreichen Blinden, die bis 1838 öffentliches Interesse fanden; und wieviel mehr Persönlichkeiten sind seitdem verantwortungsvoll für die Gesellschaft tätig geworden und haben Bleibendes geschaffen ...!
Im Frühjahr 1997 wird das Buch in Braille und als Hörbuch vorliegen. Schon heute kann die Schwarzschrift bezogen werden (zum Preis von 17,- US-$ für die broschierte und von 23,- US-$ für die festgebundene Ausgabe; beide Beträge beinhalten die Versandkosten) bei:
Friends of the Libraries for the Blind, 1555 Connecticut Ave NN Suite 20, WASHINGTON, D. C. 20036, U.S.A.
Fax: 001/202/462-90.43
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