



Suchen Sie in horus aktuell, unserem Newsletter, und horus online, unserer Vereinszeitschrift:
Im März 1947 bestanden 13 Kriegsblinde das Abitur an der Blindenstudienanstalt in Marburg, heute kurz Blista genannt. Sie hatten an einem der Sonderlehrgänge teilgenommen, welche die Blista damals unter Leitung von Professor Carl Strehl für Kriegsblinde eingerichtet hatte. 50 Jahre später, am 4. März 1997, besuchten sechs von ihnen die Carl-Strehl-Schule Am Schlag in Marburg. Fünf ihrer Klassenkameraden waren bereits verstorben. Zugegen war auch Frau Marianne Sonntag, deren 1996 verstorbener Ehemann, Dr. Franz Sonntag, diesem Personenkreis angehört hatte und später als Vorsitzender des Bundes der Kriegsblinden (BKD) im Vorstand der Blista war.
Der Direktor der Blista Jürgen Hertlein begrüßte die Gruppe herzlich. Blista damals, Blista heute. Das waren die Themen, die das Programm und die Gespräche bestimmten. Direktor Hertlein schilderte die heutige Situation der Blista und beschrieb die umfangreichen baulichen Veränderungen auf dem Schulgelände Am Schlag; die grauhaarigen Abiturienten erfuhren auch, daß das erinnerungsträchtige Haus Sauersgäßchen 1, in dem die meisten von ihnen damals untergebracht waren, verkauft worden ist.
Für Überraschung und großen Spaß sorgte Herr Hertlein, als er die Beurteilungen verlas, die das damalige Lehrerkollegium über jeden Schüler für die Zulassung zum Abitur abgegeben hatte. Da wurden nicht nur der Leistungsstand sowie Grad und Art der Beteiligung am Unterricht beschrieben, die von Zurückhaltung bis zu lebhafter Neugier reichten, nein, man ließ sich auch über Denkgeschwindigkeit, Begabung, Umgangsformen und Wesensart des Schülers aus. Jeder hat sich und seine Klassenkameraden in diesen Beurteilungen wiedererkannt.
Anschließend informierte der stellvertretende Schulleiter Sparenberg über das umfangreiche Lernangebot der Carl-Strehl-Schule. Er beantwortete manche Fragen, darunter auch solche nach den Lebensbedingungen der Schülerinnen und Schüler, ihren Freuden und Problemen.
Im Namen der Ehemaligen dankte Harri Braemer, der mit Herrn Sparenberg diesen Besuch vorbereitet hatte, für den freundlichen Empfang und überreichte einen Scheck für die Abiturfeier 1997. Danach erfuhren die Besucher im Medienzentrum durch seinen Leiter Herrn Lauffenberg manches über die moderne Technik der Mediengestaltung sowie über die Bedeutung der Elektronik und des Computers für die Ausbildung blinder und sehbehinderter Schüler.
In einer Gesprächsrunde, an der auch eine Schülerin und Schüler teilnahmen, sowie bei dem anschließenden gemeinsamen Mittagessen im Speisesaal der Schule kamen die Lebensbedingungen und Zustände zur Sprache, die vor fünfzig Jahren unmittelbar nach dem Krieg herrschten, als Marburg von amerikanischen Truppen besetzt war und Hunger, materielle Not und Perspektivlosigkeit das Leben schwer machten. Es gab aber auch gute Erinnerungen an treue Vorlesekräfte und andere hilfsbereite Mitmenschen, darunter auch amerikanische Soldaten, ganz besonders aber an die Lehrerin Karenke und die Lehrer Dr. Mittelsten Scheid, Schenk, Gundlach, Dr. Ludwig und den Schulleiter Schranz. Den Erfolg ihrer Wissensvermittlung bestätigt nicht nur das Abitur, sondern auch die Tatsache, daß alle Abiturienten später angesehene Berufe ausgeübt haben, die meisten nach einem abgeschlossenen Hochschulstudium. Dank gebührt der Blista für die Aufbewahrung der Prüfungsakten! Hierdurch hatten die Ehemaligen jetzt die einzigartige Gelegenheit, die Prüfungsprotokolle und ihre schriftlichen Arbeiten zu studieren. Lebhaftes Interesse fanden dabei die Deutschaufsätze, die mit ihren Beurteilungen vorgelesen und diskutiert wurden. Damit endete eine Reise in die Vergangenheit, durch ein halbes Jahrhundert zurück an den Anfang, als das Interesse an neuen Möglichkeiten durch das bestandene Abitur zur Hoffnung wurde.
Zurück zum Inhalt von 2/1997 |horus im Überblick
Startseite
|
Kontakt
|
Impressum |
Hilfe