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Dr. Rüdiger Leidner: Fachforum im Rahmen der 4. Hamburger Fachtagung "Arbeitsmarkt und Arbeitsplatzgestaltung für Behinderte" nennt neue Aufgaben für die Blind

Am 21./22. November 1996 fand inzwischen zum vierten Mal die in zweijährigem Turnus wiederkehrende Hamburger Fachtagung ""Arbeitsmarkt und Arbeitsplatzgestaltung für Behinderte" statt. In insgesamt 9 Arbeitsgruppen befaßten sich die Teilnehmer mit behinderungsspezifischen Fragen des Arbeitsmarktes und der Arbeitsplatzgestaltung für Menschen mit Behinderungen. Ich habe das Fachforum "Informationsmanagement bei blinden und hochgradig sehbehinderten Computeranwendern" geleitet und werde nachstehend über die wichtigsten Ergebnisse berichten.

Aufgrund der komplexen Thematik waren im Rahmen dieses Fachforums zwei Arbeitsgruppen

Zugang zu elektronisch gespeicherten Dokumenten und Windows für Blinde

eingerichtet worden.

Als Dozenten bzw. Diskussionsteilnehmer am Podium waren anwesend:

Thomas Kahlisch (Institut für Informatik der TU Dresden)

Werner Krauße (Berufsförderungswerk Veitshöchheim)

Heinz Pinell (Rechenzentrum der Finanzverwaltung NRW)

Brigitte Bornemann-Jeske (BIT GmbH, einer Tochterfirma der AFB GmbH)

Zugang zu elektronisch gespeicherten Dokumenten

Bis Ende der 70er Jahre, bzw. bis zur Entwicklung von Verfahren zur maschinellen Texterfassung und elektronischen Textspeicherung war das Informationsdefizit blinder und hochgradig sehbehinderter Menschen ein nur mit großem Aufwand (hauptsächlich durch Vorlesen und manuelle Textübertragung in Blindenschrift) zu milderndes Problem. Die Hoffnungen richteten sich daher darauf, daß sich das Informationsdefizit durch den technischen Fortschritt bei der Texterstellung verringern ließe.

In meinem Eingangsreferat stellte ich heraus, daß das Angebot an elektronisch gespeicherten Texten gerade in den letzten Jahren erheblich zugenommen hat und verwies hierbei auch auf die Initiative von Justus Schneider, blinden/sehbehinderten Computeranwendern verschiedene Monatszeitschriften und Wochenzeitungen auf Diskette zu sehr niedrigen Abonnementpreisen zugänglich zu machen (s. u.). Anschließend erläuterte Thomas Kahlisch die Möglichkeiten, die das Internet auch blinden Computeranwendern bietet. Sie reichen vom elektronischen Postaustausch bis zur eigenständigen weltweiten Suche nach Literatur bzw. Informationen allgemeiner Art. Er stellte unter technischen Gesichtspunkten auch heraus, daß hierzu kein besonders leistungsfähiger Computer notwendig sei, da es (noch) genügend Zugangs-Software unter DOS gebe (inzwischen gibt es auch eine Initiative des World-Wide-Web-Konsortiums zu einem auf mehrere Jahre angelegten Projekt, um das Internet auch für Menschen mit Behinderungen leichter zugänglich zu machen).

Trotzdem, so meine These für die Diskussion in der Arbeitsgruppe, hat sich das relative Informationsdefizit nicht verringert, da das Informationsangebot für nicht Sehbehinderte in demselben Zeitraum noch viel schneller gewachsen ist und sich die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung deutlich erhöht hat.

In der Diskussion wurde dann herausgearbeitet, daß ein wesentlicher Grund für das Fortbestehen bzw. vermutlich sogar die relative Vergrößerung des Informationsdefizits blinder und hochgradig sehbehinderter Menschen trotz aller technischen Möglichkeiten darin zu suchen ist, daß die derzeit verfügbaren Computerhilfsmittel wie Braille-Display bzw. Sprachausgabe zur Bewältigung größerer Textmengen nur unzureichend geeignet sind. Lesen besteht nämlich bei weitem nicht nur in konzentrierter, fortlaufender (wort- bzw. zeilenweiser) Informationsaufnahme, sondern auch in schnellen Bewegungen zwischen charakteristischen Textabschnitten. Beispiele hierfür sind sowohl das Auffinden von Fußnoten am Seitenende als auch das sogenannte "Querlesen" von Texten. Mit Braille-Displays bzw. Sprachausgaben, aber auch Großschriftbildschirmen für hochgradig Sehbehinderte, ist jedoch weitgehend nur fortlaufendes Lesen möglich und keine Orientierung an der Textstruktur.

Zur Lösung des Problems wurde vorgeschlagen, die heute bereits verfügbaren Methoden der strukturierten Texterstellung, die unter den Abkürzungen SGML bzw. im Internet HTML (1) bekannt sind, zu nutzen. Da diese Verfahren mehr und mehr von Verlagen bei der Buch- bzw. Zeitschriftenerstellung eingesetzt werden, würde hiermit kein Sonderweg zur Texterstellung für Menschen mit Behinderungen beschritten, sondern der Zugriff durch Nutzung bereits vorhandener Verfahren verbessert. In Deutschland hat ein Modellprojekt (MEDOC) begonnen, bei dem der Springer-Verlag mit verschiedenen Universitäten die Möglichkeiten eruieren will, um selbst wissenschaftliche Literatur nach diesen Verfahren herzustellen. Thomas Kahlisch regte an, daß die Blindenverbände gerade diese Frühphase der Entwicklung nutzen sollten, um von Anfang an auch die Bedürfnisse ihrer Mitglieder bei der Festlegung neuer Verfahren der Texterstellung berücksichtigen zu lassen.

Obwohl aus dem Auditorium nur von einem Teilnehmer eine grundsätzlich abweichende Position vertreten wurde, möchte ich hierauf eingehen, da ich den Eindruck habe, daß diese Auffassung sehr verbreitet ist. Dieser Teilnehmer, der selbst blind ist, betonte mehrfach, daß er das ihm zur Verfügung stehende Informationsangebot nicht nur nicht bewältigen könne, sondern daß er seinen rein privaten Informationsbedarf mit Rundfunk und Fernsehen ausreichend decken könne.

Die Tatsache, daß dieser Teilnehmer das elektronisch vorhandene Informationsangebot rein zeitlich nicht bewältigen kann, bestätigt zum einen den gerade erläuterten Sachverhalt, daß die heute vorhandenen Hilfsmittel für die elektronisch verfügbaren Informationsmengen nicht ausreichen. Gleichzeitig verbirgt sich hinter diesem Diskussionsbeitrag aber vermutlich auch noch die unter Blinden und Sehbehinderten aufgrund des früher sehr viel geringeren Informationsangebots verbreitete Verhaltensweise, die zugänglich gemachten Texte immer vollständig von Anfang bis Ende lesen zu wollen/müssen. Während dies früher aufgrund des sehr viel geringeren Informationsumfangs möglich und aufgrund der hohen Aufbereitungskosten auch notwendig war, entsteht heute in Teilbereichen die Notwendigkeit bzw. die Möglichkeit, Informationen auszuwählen. Dies ist aber eine für nicht sehbehinderte Menschen völlig selbstverständliche Verhaltensweise.

Sehr gut läßt sich dies an der Initiative von Justus Schneider deutlich machen. Die Diskette mit den Texten von etwa 9 Monatszeitschriften (darunter PC Professional, Spektrum der Wissenschaft, Umwelt- und Gesundheitsmagazine) wird von ihm als "Kiosk" bezeichnet. Da in diesem Fall die Kosten als Ablehnungsargument weitgehend entfallen (der Jahresbezugspreis für alle auf der Diskette vorhandenen Zeitschriften beträgt DM 90,-) und es sich somit um eines der seltenen Beispiele handelt, bei dem für blinde/sehbehinderte Leser aufbereitete Informationen nicht nur nicht teurer, sondern sogar wesentlich billiger sind, wird hier oft der Einwand vorgebracht, daß so viel schließlich niemand lesen könne. In der Veranstaltung in Hamburg habe ich daher deutlich zu machen versucht, daß auch niemand, der sich das Angebot an einem Zeitschriftenkiosk betrachtet, das Gefühl habe, alle ausliegenden Zeitschriften lesen zu müssen. Auch blinde und sehbehinderte Leser sollten sich vielmehr endlich wie "normale Verbraucher" verhalten und erkennen, daß ein mehr als nur ausreichendes Informationsangebot notwendig ist, um aus dieser Vielfalt für die eigenen Zwecke sinnvoll auswählen zu können. Um aber die Grundlagen für eine sinnvolle Auswahl zu verbessern, z. B. um das "Überfliegen" von Texten zu ermöglichen, sind zweifellos intelligentere Hilfsmittel notwendig. Dies gilt in noch weit stärkerem Maße, wenn das Informationsangebot aus dem Internet genutzt werden soll.

Als wichtigstes Ergebnis des ersten Teils des Fachforums ist festzuhalten, daß die Selbsthilfeverbände für Blinde/Sehbehinderte sich neuen Aufgaben zuwenden sollten (2), und zwar

* Aufnahme von Gesprächen mit führenden Verlagshäusern, um die vorhandenen urheberschutzrechtlichen Probleme zu lösen

* Aufnahme von Gesprächen mit deutschen Internet-Providern, um auch von dieser Seite die Nutzung des Internet mit Braille-Zeile bzw. Sprachausgabe zu erleichtern (konkrete Vorschläge hierzu wurden an der TU Dresden bereits entwickelt)

* Anschluß der Blindenschriftbüchereien an das Internet, um den Informationsbedarf ihrer Leser, die keinen Computer nutzen (können), künftig unter Nutzung der im Internet verfügbaren Literatur zu decken.

* Mitarbeit bei der Festlegung von Verfahren zur Herstellung von Literatur nach SGML- bzw. HTML-Regeln.



Windows für Blinde

Bereits auf der 3. Hamburger Fachtagung 1994 war dieses Thema Gegenstand einer Arbeitsgruppe. Damals waren erstmals Kriterien vorgestellt worden, die den Betroffenen die Beurteilung der verschiedenen Software-Lösungen erleichtern und bessere Entscheidungsgrundlagen für diese recht teuren Arbeitsplatzausstattungen schaffen sollten. Die damals durchgeführte Podiumsdiskussion hatte zu dem Ergebnis geführt, daß keine der in Deutschland angebotenen Lösungen auch nur annähernd den Anspruch erheben konnte, blinden Computeranwendern die Nutzung von Windows unter Arbeitsbedingungen zu ermöglichen. Im vergangenen Jahr wurden zwar keine ähnlich gravierenden Probleme wie 1994 mehr genannt, wohl aber darauf hingewiesen, daß die Zugangslösungen zu Windows trotz aller zu verzeichnenden Fortschritte blinden Computeranwendern immer noch nicht dasselbe Maß an Eigenständigkeit im Umgang mit dem Computer ermöglichen wie früher mit reinen MS/DOS-Systemen.

Hierfür seien an dieser Stelle nur einige Beispiele genannt, die zeigen sollen, womit bei manchen Produkten (nicht alle aufgeführten Schwachstellen sind überall vorhanden) möglicherweise zu rechnen ist:

* Das Tabulator-Zeichen wird nicht bei allen Windows-Lösungen dargestellt.

* Auf Veränderungen von Schriftart und -größe, Zeilenabstand und Seitenwechsel wird nicht automatisch hingewiesen.

* Beim Markieren mehrerer Zeilen (Voraussetzung für Löschen oder Umformatieren von Textteilen) folgt die Braille-Zeile nicht automatisch der Ausdehnung der Markierung.

* Eingabefeldern wird die davor oder darüber stehende Überschrift manchmal gar nicht zugeordnet, manchmal auch die Überschrift eines anderen Eingabefeldes.

* Die Braille-Zeile folgt nicht, wenn der Bildschirm "scrollt", wenn mit dem Cursor außerhalb des momentan sichtbaren Ausschnitts liegende Tabellenbereiche angesteuert werden.

Unbestritten bleibt daher die Notwendigkeit, die Entwicklungsarbeiten unvermindert fortzusetzen.

Die Verbreitung dieser Systeme an den Arbeitsplätzen blinder Berufstätiger führte dazu, daß in der Diskussion dem Thema Schulung größeres Gewicht eingeräumt wurde als vor zwei Jahren. Gründliche und regelmäßige Schulung im Umgang mit Windows- Programmen für blinde Computeranwender muß künftig einen deutlich größeren Umfang annehmen als früher.

Neben dieser Strategie, durch bessere Schulung die Nutzung der komplizierter gewordenen Software-Welt auch für diese Anwender zu verbessern, wurde - wie vor zwei Jahren - mehr Freiheit bei der Wahl zwischen diesen Zugangslösungen und den blindenspezifischen Ausgabegeräten gefordert. Da Braille-Zeilen den größten Kostenbestandteil einer Arbeitsplatzausstattung eines blinden Beschäftigten ausmachen, wurde gefordert, daß die Hersteller die Schnittstellen dieser Geräte so weit offenlegen sollten, daß der Anwender Wahlfreiheit zwischen den in ihrer Bedienung immer noch sehr unterschiedlichen Zugangslösungen hat. Vor zwei Jahren war - mit inzwischen gut feststellbarem Erfolg - dieselbe Forderung an die Software-Entwickler gerichtet worden. Wenn nun umgekehrt auch die Hersteller der Braille-Zeilen sich von der Bindung an nur eine Software lösen und ihren Kunden die in der Computerwelt heute übliche Wahlfreiheit einräumen, dann wird nicht nur mehr Kundensouveränität ermöglicht, sondern durch mehr Wettbewerb auch ein Beitrag zur Kostensenkung geleistet. Denn es würde die Notwendigkeit entfallen, daß ein blinder Computeranwender, der sich für eine neue Software entscheiden muß, auch sofort eine neue Braille-Zeile benötigt, selbst wenn die vorhandene noch gar nicht ersetzt werden müßte. Ansätze in Richtung von mehr Offenheit der Schnittstellen von Braille-Zeilen sind bereits erkennbar.

Insofern gingen - wie schon 1994 - von dieser Hamburger Fachtagung erneut Impulse zur Kostensenkung aus, die zeigen, daß die früher oft angestellten Vermutungen, daß die Wünsche der Anwender die Kosten der Arbeitsplatzausstattungen permanent erhöhen würden, nicht zutreffen müssen.

Da aufgrund der Komplexität und des immer noch hohen Entwicklungstempos dieser neuen Software die Unsicherheit der Anwender und das Risiko einer Fehlentscheidung (insbesondere bei fehlender Standardisierung) sehr hoch sind, wurden verbraucherorientierte Informationen und allgemeine Beurteilungskriterien (Checklisten zur Erleichterung der Entscheidungsfindung) begrüßt. In diesem Zusammenhang wurde auch ein Modellvorhaben zur Gebrauchstauglichkeitsprüfung von Computerhilfsmitteln für blinde/sehbehinderte Menschen vorgestellt. Gegenüber den in diesem Projekt vorgesehenen Tests wurden jedoch sowohl von seiten der Anwender als auch - wenngleich in der Formulierung meist zurückhaltender - von Firmenvertretern große Vorbehalte geäußert. Die von Firmenvertretern geäußerten Bedenken wurden insbesondere damit begründet, daß aufgrund der Schnellebigkeit der Software- Entwicklung in diesem Bereich die Testergebnisse vermutlich schon zum Zeitpunkt der Drucklegung überholt und somit als Orientierungsgrundlage kaum geeignet seien. Auch wurde die Möglichkeit von Fehlentscheidungen durch Zugrundelegung überholter Testergebnisse nicht ausgeschlossen. Von Anwenderseite wurden insbesondere Zweifel daran laut, ob Computerhilfsmittel für Blinde/Sehbehinderte überhaupt anhand abstrakter Kriterien und ohne Bezug auf die individuell vorhandenen Voraussetzungen beurteilt werden können (aufgrund unüberbrückbarer Meinungsverschiedenheiten zwischen Anwendern und Projektleitung haben im Februar die in den Arbeitsgruppen "Windows für Blinde" und "Braille-Zeilen" vertretenen Anwender ihre Mitarbeit aufgekündigt).

Abschließend ist festzuhalten, daß vor zwei Jahren von dieser Konferenz im Bereich Computerhilfsmittel für blinde Anwender sehr wichtige Impulse ausgegangen sind. Es ist zu hoffen, daß die in diesem Jahr erreichten Diskussionsergebnisse ebenso berücksichtigt werden.

Es sollte auch nicht unerwähnt bleiben, daß am Rande dieser Tagung diejenigen blinden Anwender, die an den Arbeitsgruppensitzungen vom Podium aus teilnahmen, sich mit den anwesenden Hilfsmittelfirmen zu einem Gespräch trafen, um die verschiedenen Software-Lösungen zumindest hinsichtlich der von den Sprachausgaben bzw. auf den Braille-Zeilen verwendeten Begriffe zu vereinheitlichen. Die anwesenden Firmen (außer IBM und Frank Audiodata waren die in Deutschland in diesem Bereich führenden Entwickler erschienen) akzeptierten den vorgelegten Vorschlag und zeigten sich an weiterer Zusammenarbeit interessiert. Auch hierdurch wird ein nicht unwichtiger Beitrag für mehr Wahlfreiheit geleistet, da diese derzeit nicht nur technisch, sondern auch durch die vorhandene Begriffsvielfalt an der Benutzeroberfläche erschwert wird.

1) SGML = Standard Generalized Markup Language

HTML = Hypertext Markup Language sind sogenannte Strukturbeschreibungssprachen. Mit diesen Verfahren werden nicht nur die Inhalte eines Textes erfaßt, sondern auch dessen Struktur, seine Überschriften, Abschnitte usw.

2) Die Forderung nach stärkerem Engagement der Blindenverbände in diesem Bereich war auch in einer anderen Arbeitsgruppe gestellt worden. Dort hatte die Berliner Einrichtung Kommhelp, die ein Konzept zum Bezug von Zeitschriften und Zeitungen für behinderte Computeranwender über Datenfernverbindungen entwickelt hat, ihre Tätigkeit vorgestellt.

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