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Referat, gehalten beim Seminar der Sehbehindertenbeauftragten des Deutschen Blindenverbands am 01.03.1997 in Valbert
Anblick - ein paar Worte zur Einleitung
Zunächst ein paar Worte zu mir: Ich bin von Geburt an hochgradig sehbehindert und daher begleitet mich das Thema Sehbehinderung mit all seinen Facetten schon mein ganzes Leben lang. Meine Ausbildung zur Sozialpädagogin und Gesprächstherapeutin sowie meine langjährige Tätigkeit im DVBS und in der Würzburger Selbsthilfegruppe für Sehbehinderte haben schließlich dazu geführt, mich mehr mit der psychologischen Seite von Sehbehinderung zu beschäftigen.
Die Augen - und damit das Sehen und alles was damit zusammenhängt - gewinnen in unserer Informationsgesellschaft immer mehr an Bedeutung. So werden ca. 80 % der Sinneseindrücke über die Augen wahrgenommen, was nahelegt, daß immer mehr visuelles Material angeboten wird, das von den Augen aufgenommen und verarbeitet werden muß. So werden die Augen zwangsläufig mehr gefordert und häufig überfordert. Die Folge sind immer mehr Sehbeeinträchtigungen und Sehstörungen.
Die traditionelle Augenmedizin begegnet Sehbehinderungen fast ausschließlich mit korrigierenden Maßnahmen wie Brillen, Kontaktlinsen und ähnlichen Hilfsmitteln oder sonstigen technischen Lösungen wie Laser und Elektronik bis hin zu evtl. gentechnischen Möglichkeiten. Diese einseitig auf das Organ ausgerichtete Sichtweise läßt jedoch andere wichtige Aspekte außer acht, nämlich: Wie geht der/die Betroffene mit der Sehbehinderung um- Welche Probleme können im Alltag und im sozialen Umfeld entstehen und wie kann ihnen begegnet werden- Welche Faktoren sind für die Entstehung der Sehbehinderung noch maßgebend und wie sieht die Auseinandersetzung mit der Behinderung aus- Mit diesen Fragen möchte ich mich im folgenden beschäftigen.
Einblick - Probleme Sehbehinderter
Ich möchte hier nicht auf Definitionen von Sehbehinderung eingehen, die sich an Prozentzahlen festmachen, sondern eher darauf, daß die subjektive Wahrnehmung viel bedeutsamer ist als eine objektiv meßbare Größe. Schon bei Normalsichtigen kann festgestellt werden, daß das gleiche Bild unterschiedlich gesehen wird. Dies gilt umso mehr für Sehbehinderte aufgrund der verschiedenartigen und unterschiedlich ausgeprägten Seheinschränkungen. So kann z. B. eine Person, die aufgrund eines plötzlichen Sehverlustes nur noch 50 % sieht, sich stärker eingeschränkt fühlen als jemand, der schon längere Zeit mit einem Sehrest von 10 % lebt und sich damit arrangiert hat. Ich will damit sagen, daß eine Prozentangabe nicht unbedingt viel über die Probleme dieser Person aussagt.
So unterschiedlich die Probleme Sehbehinderter sind, ist doch für das Empfinden eines gemeinsam: wir bewegen uns ständig irgendwo zwischen Sehen und Nichtsehen. So wird verständlich, daß wir häufig auf der Suche nach klaren Positionen und unserer Identität als Sehbehinderte sind. Ich möchte hier nicht behaupten, daß Sehbehinderte grundsätzlich Identitätsprobleme haben, denn Identität umfaßt ja viel mehr als nur einen bestimmten Bereich, sondern daß wir uns in dem Bereich des Sehens oder Nichtsehens immer wieder aufs Neue orientieren und definieren und uns zugleich nach außen darstellen müssen. So stehen wir oft vor der Alternative, die Sehbehinderung zu verstecken bzw. zu ignorieren, um nicht aufzufallen, oder sie offen zu zeigen mit allen Konsequenzen. Ich will das an einem Beispiel erläutern, das jede/r so oder ähnlich kennt: Wenn ich beim Einkaufen die Preise nicht lesen kann und nicht auffallen will, dann kaufe ich, ohne zu wissen, was es kostet, oder ich verzichte darauf. Das kann Ärger über einen zu hohen Preis oder Frustration wegen des Verzichts mit sich bringen. Wenn ich auf der anderen Seite gleich um Hilfe bitte, kann ich den Preis erfahren, es kann aber auch zu Mißverständnissen oder Verletzungen führen, etwa daß ich bedauert, mit Hilfsangeboten überschüttet werde usw. und dadurch das Gefühl bekomme, daß mir die Situation entgleitet. Vor einer Entscheidung über das Zeigen oder Verbergen der Sehbehinderung kann Unsicherheit und eine innere Anspannung entstehen, nach der Entscheidung können sich Zweifel einstellen, ob es nicht anders besser gewesen wäre. Selbstverständlich laufen diese Prozesse meist nicht so bewußt ab, wie ich sie jetzt dargestellt habe. Im übrigen handelt es sich um ein kleines Beispiel, das für sich genommen nicht tragisch zu sein braucht. Allerdings begegnen uns solche Situationen häufig, die emotionalen Effekte summieren sich und es entsteht eine Dauerbelastung.
Die Probleme, die zu solchen Streßreaktionen führen können, sind hinlänglich bekannt. Ich möchte mich daher darauf beschränken, beispielhaft einige zu erwähnen: Einschränkungen der Mobilität, Berufswahl, Freizeitgestaltung, Kontaktaufnahme usw.; damit werden wir immer wieder konfrontiert. Da wir uns in aller Regel an den Normen der Nichtbehinderten orientieren, erfordert die Gestaltung des Alltags von uns mehr organisatorischen Aufwand und läßt häufig nicht viel Raum für Flexibilität. Das wirkt sich auf der emotionalen Ebene so aus, daß wir das Gefühl haben, uns besonders anzustrengen, mehr leisten zu müssen und trotzdem nicht hinterherzukommen. Weil wir ständig um Gleichwertigkeit kämpfen, stellt sich leicht das Gefühl von Unterlegenheit oder Minderwertigkeit ein. Das dauernde Bemühen, die Normen der Sehenden zu erfüllen, um dazuzugehören, bringt natürlich auch Frustrationen mit sich. Die Frage, inwieweit wir uns durch Hilfe von außen Erleichterung und Entlastung verschaffen und die damit verbundene Abhängigkeit in Kauf nehmen, müssen wir immer wieder aufs neue entscheiden.
Die Angst davor, das vorhandene Sehvermögen könne sich verschlechtern oder gar ganz verlorengehen, begleitet viele von uns. Dabei handelt es sich sowohl um konkrete Befürchtungen, z. B. nicht mehr lesen oder nur noch mit Blindenstock nach draußen gehen zu können, als auch um eher unbestimmte Ängste, nicht mehr allein zurechtzukommen und nicht mehr mit anderen mithalten zu können. Um sich dieser Angst nicht ständig aussetzen zu müssen, wird sie häufig verdrängt oder weggeschoben. Dies kostet viel Kraft und Energie und engt uns in unseren Entfaltungsmöglichkeiten ein.
Schwierigkeiten, mit denen wir immer wieder konfrontiert werden, liegen im Bereich der Kommunikation: Nonverbale Kommunikation (Blickkontakt, Zunicken, Zuwinken, Mimik und Gestik) oder das Wiedererkennen von Personen ist für uns nur bedingt, bsp. nur aus der Nähe oder bei bestimmten Lichtverhältnissen möglich. Wann die Bedingungen günstig sind, ist aber oft schlecht vorherzusagen und so kann es auf beiden Seiten zu Verwirrung und Mißverständnissen kommen, etwa dann, wenn wir für uninteressiert oder arrogant gehalten werden könnten.
Zum Schluß dieses Teils möchte ich noch auf einen Punkt hinweisen, der auch dazu führen kann, daß wir uns minderwertig und nicht ernst genommen fühlen: Das Idealbild in unserer Gesellschaft ist die junge, attraktive, intelligente und erfolgreiche Persönlichkeit (YAVIS). Aufgrund unseres Aussehens, der eingesetzten Hilfsmittel und der behinderungsbedingten Schwierigkeiten können wir einem solchen makellosen Erscheinungsbild nur schwer entsprechen.
Überblick - Sehbehinderung und Psychosomatik
Ich komme nun zu einem Thema, das schon vor einiger Zeit mein Interesse geweckt hat, das aber in der Öffentlichkeit bisher noch wenig bekannt ist, nämlich die psychosomatischen Aspekte bei der Entstehung und Behandlung von Sehbehinderungen. In der Augenheilkunde gibt es mittlerweile eine Richtung, die Augenerkrankungen und Sehstörungen nicht nur als organische Fehlfunktion des Auges betrachtet, sondern auch das psychische Geschehen mit einbezieht. So werden z. B. Entspannungsverfahren wie das Autogene Training eingesetzt, zum Teil verbunden mit Phantasiereisen und Visualisierungsübungen. Ein früher Vorläufer einer ganzheitlichen Behandlung von Sehstörungen war Bates, der bereits in den 20er Jahren ein Therapieprogramm mit speziellen Augenübungen, Bewegung und Ernährung entwickelte. In den letzten Jahren ist zu beobachten, daß eine Reihe von Büchern und Programmen auf den Markt kommen, die sich mit alternativen Behandlungsmethoden befassen. Unter den AugenärztInnen gibt es einige wenige, die alternative Heilverfahren einsetzen.
In der Literatur, die ich zum Thema "Sehbehinderung und Psychosomatik" gefunden habe, wird davon ausgegangen, daß das Auge nicht bloß ein mehr oder weniger gut funktionierendes Organ ist, dessen Aufgabe es ist, Bilder und Eindrücke aufzunehmen. Vielmehr drücken die Augen auch Gefühle und Stimmungen aus: Sie können strahlen, blitzen, angstvoll oder zornig blicken. Auch gibt es zahlreiche Redewendungen mit "Auge" oder "sehen", um bestimmte Verhaltensweisen oder Gefühlsregungen auszudrücken, z. B. "ein Auge auf jemanden werfen", "kurzsichtig handeln", "das Nachsehen haben", "den Weitblick oder Überblick haben", "das kann ins Auge gehen", "vorsichtig sein", "die Augen vor etwas verschließen" uvm. Schließlich sind es die Augen, die durch Tränen heftigen Gefühlen wie Trauer, Wut, Schmerz und Freude Ausdruck verleihen.
Schultz-Zehden weist darauf hin, wie sehr Leib-seelische Wechselwirkungen die Sehkraft und die Wahrnehmung bestimmen. Wahrnehmung ist etwas sehr subjektives und kann nicht objektiv gemessen werden. Jeder Mensch schafft sich seine eigene Wahrnehmung und wenn zwei Menschen die gleiche Situation betrachten, sieht sie jeder etwas anders. Das heißt also, daß das, was ein Mensch sieht, viel damit zu tun hat, was er sehen will. Schon vor vielen Jahrzehnten betrachtete der Psychoanalytiker Groddeck Augenstörungen "als den Versuch eines Menschen, bestimmte Dinge in seinem Leben nicht mehr sehen zu müssen." Detlefsen und Dahlke sehen hinter Augenstörungen Probleme und Konflikte, die "sich in den Symptomen lediglich manifestieren". Sie stellen Zusammenhänge her zwischen dem Selbst- und Weltbild eines Menschen und der Art und Weise, wie er sieht. So gehen sie davon aus, daß kurzsichtige Menschen ihre Umwelt durch ihre eigene Brille betrachten und sich sehr leicht persönlich betroffen fühlen. Die Weitsichtigkeit, die hauptsächlich ältere Menschen betrifft, wird mit Weitblick und Weisheit in Zusammenhang gebracht. Detlefsen und Dahlke betonen, daß die Wahrnehmung, also auch das Sehen, vor allem auch dem Zweck der Selbsterkenntnis dient. So gesehen wird durch die Sehstörung bewirkt, daß ein gewisser Teil der Welt von der Wahrnehmung ausgeklammert und damit der Selbsterkenntnis nicht zugänglich ist und daß dies für die Person eine wichtige Funktion hat. So ist die Sehstörung häufig die Alternative dazu, sich mit seinen Konflikten auseinanderzusetzen.
Farbenblinde Menschen sehen alles grau in grau. Sie können die Mannigfaltigkeit des Lebens nicht sehen und machen nicht gerne Unterschiede.
Die Bindehautentzündung zwingt dazu, die Augen vor einem Konflikt zu verschließen, dem man nicht ins Auge schauen will.
Beim Grauen Star wird durch die getrübte Linse auch der Blick trübe. Die Welt wird unscharf gesehen und verliert dadurch ihre Schärfe und Gefährlichkeit. Dadurch entsteht eine beruhigende Distanz zur Umwelt und zu sich selbst.
Der erhöhte Augeninnendruck beim Grünen Star ist Ausdruck für den Druck, unter dem der Mensch steht und dem er nicht anders ausweichen kann.
An dieser Stelle taucht nun die Frage auf, inwieweit der Sehverlust zu dem jeweiligen Persönlichkeitsbild führt oder ob auch der Umkehrschluß gezogen werden kann, nämlich, daß das zugrundeliegende Persönlichkeitsbild die Art des Sehverlustes mit beeinflußt. Dieses Gebiet ist aber offenbar noch nicht erforscht und ich konnte in der mir zur Verfügung stehenden Literatur keine Antwort darauf finden. Dagegen steht mittlerweile fest, daß monotone Sehgewohnheiten und Streß im weitesten Sinne die Augen überanstrengen und so zu Sehproblemen führen können.
Unabhängig von der Augenerkrankung im einzelnen betrachten Detlefsen und Dahlke eine Behinderung nicht nur als Störung, sondern sogar als Hinweis auf den Weg zur Heilung. Sie führen dazu aus: "Erst wenn wir von der Idee lassen, jede Art der Behinderung sei eine unliebsame Störung, die man so schnell und so unauffällig wie möglich wieder beseitigen oder kompensieren muß, können wir Gewinn aus der Störung ziehen. Wir müssen uns von der Störung erst einmal in unserem gewohnten Lebenstrott stören lassen - wir müssen uns von der Behinderung erst einmal hindern lassen, so weiter zu leben, wie wir es bis jetzt taten."
Durchblick - Sehbehinderung und ihre Verarbeitung
Ein wesentlicher Teil einer ganzheitlichen Betrachtung von Sehbehinderung muß sich damit beschäftigen, wie Menschen eine Sehbehinderung erleben und verarbeiten. Wenn die Sehbehinderung plötzlich eintritt, steht zunächst das schockartige Erlebnis im Vordergrund. Menschen, deren Sehvermögen sich langsam verringert, leben mit einer ständigen Bedrohung. Menschen, die von Geburt an oder seit früher Kindheit sehbehindert sind, haben das Empfinden, daß es etwas gibt, das andere haben, sie aber nie erfahren können. Obwohl also Dauer und Intensität bei der Entstehung einer Sehbehinderung ganz unterschiedlich sind, gibt es doch eine Gemeinsamkeit im Erleben der Betroffenen: Sie alle erfahren einen Verlust, den sie erst nach und nach in ihr Leben integrieren und verarbeiten können.
Ähnlich wie beim Verlust eines geliebten Menschen, sei es durch Trennung oder Tod, oder bei der Gewißheit, an einer unheilbaren Krankheit sterben zu müssen, entstehen hier die verschiedensten Gefühle, die als Trauerprozeß bezeichnet werden. Bei der Bearbeitung dieses Abschnittes "Verarbeitung der Sehbehinderung" bin ich auf diese Ähnlichkeit aufmerksam geworden und ich möchte im folgenden den Prozeß der Behinderungsverarbeitung mit dem des Sterbe- bzw. Trauerprozesses vergleichen. In der Literatur werden diese Prozesse in verschiedene Phasen eingeteilt, die ähnlich ablaufen, aber von den Autorinnen - ich beziehe mich auf Elisabeth Kübler-Ross und Verena Kast - unterschiedlich benannt und beschrieben werden. Ich werde hier eine Einteilung vornehmen, die meiner Ansicht nach unserem Thema am ehesten gerecht wird:
1. Phase des Nicht-Wahr-Haben-Wollens:
Ein plötzlicher Sehverlust oder die Gewißheit, daß das Sehvermögen weiter abnimmt, kann zunächst zu einer Erstarrung führen. Die Behinderung wird verleugnet, man tut so, als sei alles noch wie vorher oder ist unfähig, überhaupt etwas zu tun. Die Erstarrung schützt vor zu starken Gefühlen.
2. Phase der aufbrechenden Emotionen:
Die Erstarrung löst sich, es treten heftige Gefühle des Auflehnens wie Zorn, Wut, Angst und Ruhelosigkeit in den Vordergrund, die sich hauptsächlich nach außen richten. Es wird deutlich, daß das bisherige Verhalten des Vertuschens nicht mehr aufrechterhalten werden kann und daß auch von der Umwelt Grenzen gesetzt werden.
3. Phase der Depression:
Die nun folgende Zeit ist gekennzeichnet von Verzweiflung und Depression und dem Bewußtsein, daß das Leben nicht mehr so sein wird wie es war. Es findet immer wieder eine Auseinandersetzung mit dem statt, was man verloren hat und gleichzeitig die Suche nach dem, was noch möglich ist. Die Abwehr wird aufgegeben. Dies ist eine sehr stille Zeit und die Auseinandersetzung findet eher in Form eines innerlichen Rückzuges statt.
4. Phase des veränderten Selbst- und Weltbezugs:
Allmählich erwacht die Bereitschaft, wieder aktiver am Leben teilzunehmen und sich das Leben mit der Sehbehinderung einzurichten. Je mehr die eigenen Ressourcen erkannt und entwickelt werden können, um so mehr kann das Selbstvertrauen wiedergefunden werden. Die Betroffenen sind wieder offener für Anregungen von außen und suchen den Kontakt zu anderen Menschen, z. B. auch zu Selbsthilfegruppen.
Wie alle theoretischen Konzepte stellt auch dieses Modell einen Idealfall dar, der aber in der Praxis niemals so in sich abgeschlossen ist. Die Phasen können nicht klar voneinander abgegrenzt werden und jeder Mensch würde sie auf seine Art durchlaufen. Es soll hier auch nur eine Orientierungshilfe sein, wie ein Verarbeitungsprozeß ablaufen kann. Ich habe die 4. Phase bewußt nicht mit "Akzeptanz" oder "Zustimmung" bezeichnet, da mir dies zu sehr nach einem Endpunkt oder Abschluß klingt. Ich bin der Überzeugung, daß der Prozeß der Behinderungsverarbeitung nie ganz abgeschlossen sein wird, und daß wir immer wieder mit unserem Verlust, unserer Trauer in Berührung kommen. Im übrigen stelle ich mir die Frage, was es überhaupt heißt, die Behinderung vollständig und realistisch zu akzeptieren. Heißt dies nicht auch, uns selbst als behindert zu definieren und die Rolle, die die Gesellschaft Behinderten zuschreibt, akzeptieren zu müssen-
Meiner Meinung nach ist die Etikettierung durch die Gesellschaft zu starr, mißverständlich oder falsch und wird dem Erleben der einzelnen keinesfalls gerecht. So gibt es zwar Zeiten, in denen wir uns mehr mit der Behinderung beschäftigen, aber auch Zeiten, in denen sie keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielt. So ist es einfach auch nötig, die Behinderung einmal zu vergessen, um unbeschwert leben zu können. Beides gehört zur Bewältigung der Behinderung und gibt die Kraft, das Leben selbstbewußt zu gestalten und sich mit einer nicht immer wohlwollenden Umwelt auseinandersetzen zu können.
Hinblick - Betroffene als Helfer/innen
Als Mitglieder von Selbsthilfeorganisationen, die Sehbehinderte beraten, werden wir vor nicht ganz einfache Aufgaben gestellt: Auf der einen Seite sind wir selbst betroffen, d. h. wir wissen aus eigener Erfahrung, was es heißt, sehbehindert zu sein und was das alles mit sich bringt. Das bietet viele Chancen, denn wir kennen uns auf diesem Gebiet gut aus und müssen uns nicht erst hineinfinden. Auf der anderen Seite erlebt aber jeder Mensch seine Probleme anders und der Weg, der für uns der richtige ist, ist nicht zwangsläufig der richtige für unser Gegenüber. So ist es erforderlich, eine gewisse Distanz zu uns selbst zu haben, um uns ganz auf einen anderen Menschen einlassen zu können. Beratung in diesem Sinn geht über die reine Vermittlung von Sachwissen und Informationen hinaus hin zu einer Unterstützung bei der konstruktiven Auseinandersetzung mit den Problemen und Konflikten der Ratsuchenden. Für das Einlassen-Können auf einen anderen Menschen ist es nötig, zu sehen, wo er gerade steht. Ich habe vorhin schon darauf hingewiesen, daß die einzelnen Phasen der Verarbeitung von Behinderung nicht statisch gesehen werden dürfen, daß wir immer wieder an Punkte gelangen, die wir, wenn wir dies wollen, einer bestimmten Phase zuordnen können. Es lassen sich dennoch Tendenzen erkennen, und ich möchte, um zu verdeutlichen, was dies für die Beratung bedeuten kann, noch einmal auf dieses Modell zurückkommen: So ist es in der Phase der Verleugnung oder des Nicht-Wahr-Haben-Wollens wichtig, unseren Gesprächspartner/innen zu vermitteln, daß sie nicht allein sind, daß sie so sein dürfen wie sie gerade sind und daß wir sie nicht drängen und mit Ratschlägen und Lösungsmöglichkeiten überschütten, die wir für sie sehen. In der zweiten Phase, dem Aufbrechen der Emotionen, sollten wir eine zuverlässige Begleitung bieten und heftige Gefühle wie Wut, Zorn, Verzweiflung und Ärger nicht gegen uns selbst gerichtet sehen. Sie sind vielmehr nötig, um aus der Erstarrung herauszukommen. Die dritte Phase, die der Depression und des Suchens, spielt sich mehr im Inneren der Person ab. Es ist dabei wichtig, ihr dabei zu helfen, wieder mehr nach außen zu kommen, indem wir uns beispielsweise die Erlebnisse und Phantasien erzählen lassen. Dadurch werden immer wieder Emotionen geweckt, und nach und nach kann eine neue Orientierung stattfinden. In der vierten Phase, der des neuen Selbst- und Weltbezugs ist die Unterstützung beim Finden von neuen Lebensmustern sinnvoll. Hier können Anregungen und Hilfestellungen gegeben werden.
In der Praxis wird es immer wieder notwendig sein abzuwägen, was für die Rat- und Hilfesuchenden gerade angemessen ist. Wenn wir uns darüber klar sind, warum unsere Angebote nicht angenommen werden können, nämlich weil die Ratsuchenden momentan nicht dafür offen sind, dann können wir aufkommenden Gefühlen von Enttäuschung und Selbstzweifeln besser begegnen. Auch müssen wir immer wieder überprüfen, was in der Auseinandersetzung mit unserer eigenen Behinderung gerade im Vordergrund steht.
Was ich gerade ausgeführt habe, erscheint wie ein anspruchsvolles Beratungskonzept, und ich bin mir sehr wohl bewußt, daß dies nicht in vollem Umfang im Rahmen von ehrenamtlicher Arbeit geleistet werden kann. Es geht mir hier auch eher darum, Anregungen für die Arbeit von Betroffenen mit Betroffenen zu geben, und ich möchte die ehrenamtlichen Helfer/innen ermutigen, diese Aspekte miteinzubeziehen. Vielleicht konnte ich bei der einen oder dem anderen auch das Interesse wecken, sich auf diesem Gebiet weiterzubilden.
Ausblick - noch ein paar Worte zum Schluß
Die von mir dargestellten psychologischen und psychosomatischen Aspekte von Sehbehinderung können selbstverständlich nur einen Teilbereich dessen wiedergeben, was es an persönlichen Erfahrungen und an Darstellungen in der Literatur gibt. Es mag andere Auffassungen von psychosomatischen Zusammenhängen und von Behinderungsverarbeitung geben, die allesamt ihre Berechtigung haben, je nachdem, aus welchem Blickwinkel sie betrachtet werden.
Zum Schluß möchte ich noch zu einem Punkt kommen, der mir, obwohl ich ihn erst jetzt anspreche, doch noch sehr wichtig ist: Viele von uns haben aufgrund ihrer Sozialisation oder ihrer Tätigkeit in den Selbsthilfeorganisationen enge Beziehungen zu blinden Menschen. Obwohl wir uns zu den Blinden ebensowenig zählen wie zu den Sehenden, erleben wir das Zusammensein mit Blinden häufig lockerer und entspannter als das Konkurrieren mit Sehenden, auch dann, wenn wir zum Teil erhebliche Anstrengungen auf uns nehmen, um Blinden zu helfen. Als die sprichwörtlichen "Einäugigen unter den Blinden" fühlen wir uns sehr schnell verantwortlich und in die Helfer/innenrolle gedrängt. Um uns selbst mehr entlasten zu können, ist es m. E. notwendig, in Gruppen mit wirklich gleichermaßen Betroffenen zusammenzukommen, in denen wir weder mit Sehenden konkurrieren noch Blinden helfen müssen. Daher begrüße ich es ausdrücklich, daß in den Selbsthilfeorganisationen das Thema Sehbehinderung einen eigenen Stellenwert bekommen hat.
Nun mußte ich ja aufgrund der Themenstellung über Probleme Sehbehinderter sprechen. Uns Sehbehinderten sollte es aber auch gelingen, über Probleme einmal hinwegzusehen, und das tun wir glücklicherweise auch, denn das dient unserem Wohlbefinden ebenso wie die Auseinandersetzung mit den in diesem Vortrag aufgeworfenen Fragen.
Literatur
Detlefsen, Thorwald, Dahlke, Rüdiger: Krankheit als Weg; München 1989
Finck, Hans: Was uns den Blick trübt; in: Psychologie heute, November 1992, S. 38-44
Kast, Verena: Trauern; Stuttgart 1982
Kübler-Ross, Elisabeth: Interviews mit Sterbenden; Stuttgart 1980
Leyendecker, Christoph: Die Behinderung akzeptieren - oder ausblenden- in: Psychologie heute, Januar 1992, S. 52-56 Selby, John: Die Augen; Reinbek b. Hamburg, 1992
Schultz-Zehden, Wolfgang: Das Auge - Spiegel der Seele; Büchergilde Gutenberg 1992
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