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Mehr als 500 Besucher kamen über Ostern in die Naturkundlichen Sammlungen der Stadt Ulm. Denn zur Zeit sind dort lebendige Häschen und Küken ausgestellt. Kinder drücken sich an den Vitrinen die Nase platt. "Schau doch das Häsle", ruft ein kleiner Junge. "Nicht anfassen, bloß schauen", ermahnt die Kindergärtnerin. Genau das soll demnächst anders werden. Ein "Museum zum Anfassen" bereitet Museumsleiter Peter Jankov zur Zeit vor. Gemeinsam mit dem Blindenverband Baden-Württemberg arbeitet er an einem Konzept für eine "Ausstellung für die Hände", die am 13. Mai eröffnet werden soll. Schon jetzt sind die naturkundlichen Sammlungen mehr als eine Ansammlung von interessanten Käfern, Steinen und toten Tieren. Für Jankov ist ein Museum nicht nur dazu da, um Informationen, sondern auch um Erlebnisse zu vermitteln.
Eng arbeitet der Museumsleiter deshalb mit Ulmer Vereinen zusammen. Daß alljährlich um Ostern herum die kleinen Vögel und Zwerghasen die Kinder begeistern, ist beispielsweise dem Verein der Geflügel- und Vogelfreunde Ulm zu danken. Die Idee des "Museums zum Anfassen" wurde inspiriert von Hartmut Dorow, dem agilen Vorsitzenden des Bezirksverbands der Blinden in Ulm, der bei der Landesgartenschau 1980 in der Stadt auch die Einrichtung des ersten Blindengartens der Welt angeregt hatte. Allerdings, Jankov verbindet solche populären Aktionen mit modernen museumspädagogischen Konzepten. So soll auch sein Blindenmuseum nicht einfach eine Ausstellung werden, in der sich Blinde über Tonbänder oder Blindenschrift so informieren können, als ob sie sehend wären, sondern Jankov hat die Idee, daß auch Gesunde die Welt der Blinden bewußter wahrnehmen sollen und dadurch mehr "begreifen" können. Durch die Medien werde die Welt viel zu sehr visuell überfrachtet, es sei längst Zeit, die Qualitäten des Fühlens neu zu entdecken. Deshalb soll soweit wie möglich das Naturkundliche Museum auch jenseits von Glasvitrinen erkundet werden.
Schon fertig ist in den Naturkundlichen Sammlungen der Stadt Ulm eine sogenannte Tasthöhle, bei der man mit den Fingerspitzen Natur fühlen kann, das Fell eines Wildschweins zum Beispiel, Korbflechten, Hölzer. Beim ersten Durchgang in der Dunkelheit bringt der unkundige Besucher alles durcheinander. Deshalb kann man auch nachlesen, was man fühlt, demnächst auch in Blindenschrift. Schon jetzt steht das Blindenalphabet in Riesenbuchstaben außen an der Tasthöhle, und die Besucher können versuchen zu erahnen, was es heißt, den Textsinn mit den Fingern zu erfassen. "Anfassen erlaubt", heißt es auch ausdrücklich bei einem großen Bären, der mitten im Museum steht oder bei dem ausgestopften Schaf, dessen krauses Fell zum Streicheln einlädt. Wie sich hartes und weiches Holz anfühlt, Metall oder Fell, Wolle oder Plastik kann man ebenfalls ertasten. Auch eine neue Qualität des Hörens will Jankov im Museum vermitteln. Per Knopfdruck kann man Vogelgezwitscher erklingen lassen.
Nur 600 Quadratmeter stehen den Naturkundlichen Sammlungen an Ausstellungsfläche zur Verfügung. Jankov führt den Museumsbetrieb mit zwei halbtags angestellten Aufseherinnen, einem Zivildienstleistenden, einem Helfer, der sein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert, und einer Halbtagskraft für die Verwaltung. Ab und zu schickt das Sozialamt Helfer, die beim Um- und Einräumen im Museum ihre Sozialhilfe abverdienen sollen. Da ist Jankov froh, daß sich viele Ulmer mit diesem Museum identifizieren. Immer wieder werden neue Sammlungen gespendet, da kommen 60 Kisten Käfer, Schmetterlinge oder eine große Fossiliensammlung ins Haus. Deshalb platzt das Museum schon wieder aus den Nähten. Jankov hofft, daß er bald mehr Raum bekommt.
Im Büro sitzt gerade eine ältere Dame an Jankovs Schreibtisch. Barbara Winkler ist langjähriges Mitglied des astronomischen Arbeitskreises in Ulm und hat eine eigene Idee für das Blindenmuseum. Deshalb blättert sie in alten Sternbüchern, die den großen Bären und das Sternbild vom Löwen bilderbuchhaft abbilden. Sie stellt sich vor, daß man diese Sternbilder für Blinde so aufbereitet, daß sie ertastet werden können. Und zwar nicht nur als kleine Vertiefungen, sondern auch in ihrer Verbindung zueinander. "Vielleicht mit Schnüren-", fragt sie. Der Museumsleiter will darüber erst einmal nachdenken, obwohl die Zeit drängt.
(aus: Stuttgarter Zeitung vom 5. April 1997)
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