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Mit vorliegendem Ratgeber wird all jenen ein äußerst hilfreicher und praktischer Leitfaden an die Hand gegeben, die sich mit dem für sie nicht selbstverständlichen Gedanken an ein Studium auseinandersetzen, da sie wegen Behinderung oder Krankheit ein Universitätsstudium nur unter erschwerten Bedingungen aufnehmen und realisieren können.
Trotz vielfältiger Literatur zum Thema handelt es sich bei diesem Band um eine wünschenswerte Neuerscheinung, da es den Adressatenkreis nicht nur kritisch zu informieren, sondern vor allem auch zum Studium zu ermutigen sucht.
Doch um welche "Zielgruppe" handelt es sich denn genauer- Der Versuch, diesen Personenkreis zu erfassen, verdeutlicht bereits eine grundlegende Problematik, auf die in der Einleitung hingeführt wird. Denn es ist nicht die durch das System der Sonderschule repräsentierte und bekannt gewordene Personengruppe der "Behinderten" gemeint, bei der lern- und geistigbehinderte Schüler überwiegen, sondern es geht den Autoren vor allem um solche Behinderungen, die im Hochschulstudium eine Rolle spielen, also um "Körperbehinderungen" und um "Sinnesschädigungen". Insgesamt setzt sich dieser Personenkreis aus vier Hauptgruppen zusammen, die einen recht inhomogenen Adressatenkreis bilden:
"- die Körperbehinderten einschließlich der Anfallkranken, innerorganisch Geschädigten, Sprachbehinderten und Mehrfachbehinderten,
- die Gehörlosen und Hörbehinderten,
- die Blinden und Sehbehinderten,
- die psychisch Behinderten" (S. 11).
Generelle Aussagen über einen solchen heterogenen Personenkreis können kaum getroffen werden, noch schwieriger gestaltet es sich, statistische Angaben darüber machen zu wollen. Wie in der vorliegenden Broschüre verdeutlicht wird, sind fast alle Zahlenangaben mit Vorsicht zu behandeln bzw. müssen relativiert werden. Doch bei aller Uneindeutigkeit der statistischen Angaben - die Einschätzung der gegenwärtigen Situation für die angesprochene Gruppe an den Hochschulen als wenig zufriedenstellend bzw. defizitär ist ebenso unstrittig wie die hieraus sich ergebende Forderung, die die Autoren im Anschluß an eine Empfehlung der Kultusministerkonferenz von 1982 erheben:
"Aufgrund seiner Behinderung darf kein behinderter Studienbewerber oder Student von der Integration in die Hochschule seiner Wahl ausgeschlossen sein" (S. 24).
Die Situation behinderter Studentinnen und Studenten ist unter anderem dadurch gekennzeichnet, daß diese qualitativ und quantitativ meist erheblich mehr für ihr Studium arbeiten müssen, daß sie häufig abseits vom universitären Lehrbetrieb ihr Studium vollziehen und daß auftauchende psychosoziale Schwierigkeiten insgesamt gravierender erlebt werden.
Vor diesem Hintergrund kann das Fernstudium als ein alternatives Konzept gelten, dessen Bedeutung für behinderte Menschen nicht genug hervorgehoben werden kann. Die Autoren stellen dieses Konzept differenziert mit seinen Vorteilen, aber auch Nachteilen dar und machen deutlich, daß das Fernstudium insbesondere eine "Individualisierung" des Lernens und Studierens erlaubt und somit dem angesprochenen Personenkreis besondere Chancen der Teilnahme eröffnet.
Das Fernstudienmodell dürfte auch in Zukunft einen überaus geeigneten Weg zur Öffnung der Universität gerade für behinderte Menschen darstellen und kann darüber hinaus einen Beitrag zur Anpassung des Studiensystems an die Bedürfnislagen behinderter Studentinnen und Studenten leisten - und dies auch im Hinblick auf die europäische Dimension.
Von hohem Gebrauchswert ist der Abschnitt über Möglichkeiten der Unterbringung für behinderte Studierende am Hochschulort mit ausführlichen Hinweisen und einer Übersicht über Angebote für Rollstuhlfahrer. Die Lebenssituation behinderter Studentinnen und Studenten und Probleme ihres Alltags werden aufgegriffen und thematisiert.
Formen und Möglichkeiten der Beratung im Studium werden vorgestellt und durch konkrete Hinweise der Entscheidungsprozeß für die mögliche Aufnahme eines Studiums transparent gemacht. Neben einer Klärung unterschiedlicher Motivbündel werden dem Leser zahlreiche Lektürehinweise und konkrete Anhaltspunkte für eine entsprechende Selbsterkundung an die Hand gegeben.
Die Entwicklung der amerikanischen Selbsthilfebewegung, deren Einfluß auf das System der Behindertenhilfe bei uns und die zunehmende Bedeutung von Selbsthilfegruppen für behinderte Studentinnen und Studenten wird dargelegt und um ein Adressenverzeichnis ausgewählter Selbsthilfegruppen ergänzt.
Abschließend wird intensiv auf die Möglichkeiten einer beruflichen Verwertung des Studiums für die hier angesprochene Zielgruppe eingegangen. Der Bildung als einem Grundrecht jedes einzelnen für die Verwirklichung seiner Persönlichkeit kommt eine sehr wichtige Funktion für die gesellschaftliche Integration behinderter Menschen zu. Unter diesem Aspekt werden Berufsperspektiven sowie Beschäftigungsmöglichkeiten und -chancen für behinderte Hochschulabsolventen eingehend besprochen, wobei besonders darauf hingewiesen wird, daß zur Erhöhung beruflicher Chancen auf dem Arbeitsmarkt gerade auch für behinderte und chronisch kranke Menschen der Erwerb von Schlüsselqualifikationen notwendig sei.
Die Aneignung von kompensatorischen Kompetenzen und Arbeitstechniken, die trotz Behinderung ermöglichen, Schlüsselqualifikationen zu erwerben, wird als unabdingbare Voraussetzung für eine berufliche Integration nach dem Hochschulabschluß gesehen.
Zwar wird eine solche Perspektive nicht unbedingt dem programmatischen Anspruch, der an die Integration als einer Aufgabe der Gesellschaft gestellt wird, gerecht, die ja gerade auch eine wesentliche Voraussetzung in der Änderung der Gesellschaft erblickt, doch ist mit der Auffassung, daß ein Hochschulstudium sozusagen eine Basisqualifikation für die Teilhabe am Arbeitsleben darstelle, eine tragfähige und realistische Sicht eingebracht.
Insgesamt handelt es sich bei diesem Ratgeber um eine wertvolle und überaus klärende Grundlage für die Entwicklung eigenständiger Entscheidungen in Fragen des "Studiums trotz Behinderung". Die Autoren wissen, wovon sie sprechen. Beide bringen grundlegende Erfahrungen mit. Klaus Hofmann hat sein Studium unter den erschwerenden Bedingungen, die mit einer körperlichen Behinderung einhergehen, absolviert und hat in seiner Eigenschaft als Senatsbeauftragter für behinderte Fernstudentinnen und -studenten Kenntnis von der aktuellen individuellen Situation behinderter Kommilitoninnen und Kommilitonen. Rainer Ommerborn - ebenfalls Mitarbeiter der Fernuniversität - Gesamthochschule in Hagen - ist stellvertretender Senatsbeauftragter für behinderte Fernstudentinnen und - studenten.
Die Lektüre dieses Leitfadens ist für alle diejenigen, die sich unter den besonderen Bedingungen einer Behinderung oder chronischen Krankheit mit dem Gedanken an ein Studium tragen, aber auch für bereits Studierende dieser Personengruppe und darüber hinaus für alle Interessenten an einem Studium unbedingt zu empfehlen.
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