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Der erblindete Stefan Müller aus Ehlhalten feiert am Sonntag Primiz
Bischof Kamphaus "traut ihm die Arbeit zu"
Stefan Müller wird heute, Samstag, im Limburger Dom als erster Blinder zum katholischen Priester geweiht. Am morgigen Sonntag feiert er in seiner Heimatgemeinde Ehlhalten Primiz. Künftig wird Stefan Müller als Kaplan in Eltville am Rhein arbeiten.
Eppstein. "Den Mitmenschen möchte ich etwas von dem zurückgeben, was meine Eltern, mein Bruder und ich an Liebe und Zuwendung erlebt haben", begründet Stefan Müller seinen mit 14 Jahren gefaßten Entschluß, als Blinder das Priesteramt in der katholischen Kirche anzustreben. Stefan Müller stammt aus einer sehr religiösen Familie. "Wir aßen nie ohne Tischgebet", erzählt er, "und im Oktober, dem Rosenkranzmonat, beteten wir jeden Tag eines der fünf Rosenkranzgesetze."
Mit einer Lupe las Müller, der am 13. Oktober 1966 mit einer hochgradigen Sehbehinderung geboren wurde, seinem blinden Vater sonntags die Studienbriefe eines von der Domschule in Würzburg angebotenen theologischen Fernstudiums vor. "Mein Vater, der als Chemiewerker bei Farbwerke Hoechst arbeitete, war aktiv in der Kirche und in der CDU. Mit dem Fernstudium wollte er seine theoretischen Erkenntnisse vertiefen", sagt der künftige Pfarrer. Auch sein ein Jahr jüngerer Bruder Christof, der ebenfalls stark sehbehindert ist, studierte nach dem Abitur an der Goethe-Universität in Frankfurt Theologie. Heute arbeitet er als Gymnasiallehrer für die Fächer Religion und Geschichte in Hofheim. "Unsere Familie - auch meine Mutter ist blind - bekam alle nur erdenklichen Hilfen", sagt Stefan Müller. "Diese praktizierte Nächstenliebe brachte mich bei meiner Firmung auf die Idee, Priester zu werden."
Stefan und Christof besuchten die Hermann-Herzog-Schule für Sehbehinderte in Frankfurt und das Gymnasium der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg. Kurz vor ihrem Abitur wurde der Vater schwer krank. Während der drei Monate, die er in der Mainzer Universitätsklinik war, fuhr jeden Tag jemand aus der Gemeinde die Familie ins Krankenhaus. Später, als der Vater bis zu seinem Tod zu Hause gepflegt wurde, mußten die Mutter und die Söhne nie um Hilfe bitten. "Die Leute kamen scharenweise und taten, was nötig war", erinnert sich Stefan Müller.
Nach dem Tod des Vaters arbeitete er von Februar bis August 1988 in der Forschungsabteilung der Hoechster Farbwerke. Im Oktober 1988 begann er mit seinem Theologiestudium an der philosophisch-theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt. Nach dem Vordiplom im Juli 1990 absolvierte er von November 1990 bis Ende August 1991 ein Praktikum in der Pfarrei Sankt Martin in Lahnstein, "um festzustellen, ob es für mich Einsatzmöglichkeiten als Priester gibt." Die Erfahrungen dort, vor allem mit der Kolpingjugend, bestärkten ihn in seinem Entschluß.
Anschließend studierte er ein Jahr an der Universität in Würzburg, wo im Gegensatz zum Priesterseminar in Frankfurt die Studenten nicht im Internat voll betreut werden. Dort lernte Müller, als Blinder selbständig zu leben. Nach weiteren zwei Jahren Studium im Priesterseminar in Frankfurt, das er mit dem Diplom beendete, und Praktika in Braunfels und Limburg, wurde er mit sieben weiteren Priesterkandidaten am 20. Mai 1995 im Frankfurter Dom zum Diakon geweiht. Daran schlossen sich zwei Jahre Diakonarbeit in Braunfels und Eltville an. "Ob jemand als Priester qualifiziert ist, hängt nicht von seinen körperlichen Fähigkeiten ab", sagt Bischof Franz Kamphaus. "Er traut sich diese Arbeit zu, ich traue sie ihm zu und, was wichtiger ist, ich bin überzeugt, Gott traut sie ihm zu." "Viele Texte aus dem Bereich Religion gibt es bei der Blindenbücherei in Paderborn in Blindenschrift", sagt Hubert Ross, Vorsitzender des Katholischen Blindenwerks in Deutschland, der im Krieg erblindet ist. "Bei unserem jährlichen Treffen der blinden Ordensbrüder und Ordensschwestern aus dem deutschen Sprachraum kommen etwa 40 Menschen zusammen. Darunter sind auch spät erblindete Priester, die vieles aus dem Gedächtnis machen. Das besondere bei Stefan ist, daß er als Blinder zum Priester geweiht wird", erklärt Ross. Nach Angaben des in Marburg an der Lahn ansässigen Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) gibt es unter seinen Mitgliedern zehn evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer.
Ein Zeichen für die Beliebtheit und Sympathie, die Stefan Müller in seinem Heimatort entgegengebracht wird, ist, daß sich die meisten Bürgerinnen und Bürger seit Monaten auf die Feierlichkeiten vorbereiten und mitwirken. Aus Verbundenheit mit dem jungen Priester aus ihrem Ort bieten viele Ehlhaltener den aus allen Teilen der Bundesrepublik anreisenden Primizgästen eine Herberge.
(aus: Frankfurter Rundschau vom 28. Juni 1997, S III)
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