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Siegfried Preis: Erstmalig in Deutschland: Blinder empfing Priesterweihe

Ehlhalten ist ein kleines Dorf im Taunus, nahe bei Eppstein und nicht weit von Frankfurt und Wiesbaden. Für viele Blinde und Sehbehinderte verbindet sich jetzt mit diesem Namen die Erinnerung an ein wunderschönes Fest, denn sie waren der Einladung von Stefan Müller gefolgt, der dort am 29. Juni seine Primiz feiern konnte.

Schon als 14-jähriger hatte er den Wunsch, Priester zu werden, aber der Weg bis zu seiner Erfüllung war lang und nicht immer leicht. Der heute 30-jährige ist seit seiner Geburt fast blind. Von 1980 bis 1987 besuchte er die Marburger Deutsche Blindenstudienanstalt. Sein Theologiestudium absolvierte er in Frankfurt und Würzburg. Die praktische Ausbildung, die von Einsätzen in den Gemeinden Lahnstein, Braunfels und Eltville begleitet war, erfolgte im Priesterseminar in Limburg. Auf seinem Weg fand Stefan Müller neben viel Skepsis und den immer noch und immer wieder vorhandenen Vorurteilen und Vorbehalten auch verständnisvolle Gesprächspartner in seiner Kirche, die ihn jetzt - als ersten hochgradig Sehbehinderten in Deutschland - zum Priesteramt berufen hat. Die Weihe, die zugleich noch drei weiteren Diakonen zuteil wurde, erfolgte im Rahmen eines eindrucksvollen festlichen Gottesdienstes im Limburger Dom durch Bischof Dr. Franz Kamphaus. Zahlreiche Blinde und Sehbehinderte sowie Vertreter von Einrichtungen und Organisationen des Blindenwesens waren dabei zugegen und nutzten beim anschließenden Zusammensein im Garten des Priesterseminars die Gelegenheit, dem Neupriester zu gratulieren und gute Wünsche mitzugeben. Für die Deutsche Blindenstudienanstalt überbrachte Dr. Jürgen Hertlein die Glück- und Segenswünsche.

Für Ehlhalten stand dann das ganze Wochenende im Zeichen des besonderen Ereignisses. In einem großen Festzelt fanden sich am Samstagabend die Dorfbewohner und viele Gäste, die zum Teil von weit her gekommen waren, zusammen. Die Verbundenheit mit Familie Müller zeigte sich auch darin, daß weit über hundert Auswärtige in Privatquartieren untergebracht werden konnten.

Der Vorsitzende des Blindenbundes in Hessen, Helmut Kahler, überbrachte die Grüße des Bundes, dem Stefan Müller seit langem als aktives Mitglied angehört. Siegfried Preis, ebenfalls sehbehindert, der als evangelischer Pfarrer 35 Jahre lang in Kirchengemeinden und in der Blindenseelsorge tätig war, und jetzt Ruheständler ist, beglückwünschte seinen jungen Kollegen mit herzlichen Worten und äußerte seinen Wunsch und seine Bereitschaft zum offenen und fruchtbaren Gespräch zwischen den Generationen und den Konfessionen.

Am Sonntagmorgen begrüßte Stefan Müller vor seinem Elternhaus die große Gemeinde und ganz besonders die Blinden und andere Behinderte, die in großer Zahl gekommen waren. Eine lange Prozession bewegte sich dann durch das Dorf zum großen Festzelt, das bei weitem nicht alle Besucher aufnehmen konnte. Bei dem schönen Sommerwetter war es aber auch draußen gut auszuhalten. Der Primiz-Gottesdienst, den zahlreiche Mitwirkende durch Wort, Musik und Gesang gestalteten, wurde zu einem eindrucksvollen Erlebnis. Als besonders erfreulich und ermutigend wurde die an alle gerichtete Einladung zur Kommunion empfunden. Bei guter Verpflegung und bei persönlichen Gesprächen und Begegnungen blieb die Gemeinde dann auch über Mittag und am Nachmittag zusammen. Auch zur abschließenden Primizandacht waren noch so viele da, daß nicht alle in der alten Dorfkirchen Platz fanden. Die von Herzen kommende und deshalb auch zu Herzen gehende Freundlichkeit und Fröhlichkeit, mit der Stefan Müller seine Gemeinde und seine Gäste ansprach, machen es allen leicht, das Wochenende in guter Erinnerung zu behalten.

Als Leitspruch hatte sich Stefan Müller das Jesuswort aus der Bergpredigt ausgewählt: Euch aber muß es zuerst um Gottes Reich und um seine Gerechtigkeit gehen, dann wird euch alles andere dazu gegeben (Matth. 6, 33). Stefan Müller wird vorerst als Kaplan in seinem seitherigen Wirkungskreis in Eltville im Rheingau weiterarbeiten. Wir wünschen ihm von Herzen Gottes Segen und Geleit und daß durch sein Reden und Handeln viele Menschen erfreut, getröstet und gestärkt werden.

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