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Reiner Luyken: Der Blinde als Seher

Tony Blairs sozialistischer Bildungsminister David Blunkett verlangt von den Schülern mehr Disziplin und solides Kopfrechnen

Vor zwei Jahren erschien in England ein wenig beachtetes Buch "On a Clear Day". Es ist die Autobiographie eines Blinden, der mit eiserner Selbstdisziplin seine Behinderung überwindet. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen in Sheffield auf, einer damals rußigen Industriestadt in Yorkshire. Dreizehn Jahre ist er alt, als sein Vater bei einem Arbeitsunfall ums Leben kommt. "Menschen, die nie wirkliche Armut erlebt haben", schreibt er, "romantisieren oft die Armut. Ich kann darüber nur lächeln. Wenn sie nur wüßten, was Armut wirklich bedeutet! Dann verstünden sie, wie wichtig schulischer Erfolg ist, um ihr zu entkommen."

Seit einem Monat ist David Blunkett Erziehungsminister im Kabinett von Tony Blair. Jedesmal, wenn es in seiner Autobiographie um Erziehung geht, klingt ein fast nostalgischer Ton durch: "Ich bin ein pädagogischer Traditionalist. Ich frage mich oft, warum heutzutage so wenige Eltern ihre Kinder ermutigen, ihre Schulzeit voll auszunützen und das Beste aus sich zu machen. Ich bin immer wieder verblüfft, wie wenig junge Menschen, meine eigenen Kinder eingeschlossen, über Geographie und Geschichte Bescheid wissen."

Oder, an anderer Stelle: "Ich bin ein Fundamentalist. Ich bin für Disziplin, für solides Kopfrechnen, gründliches Lesen und Schreiben, viel Hausaufgaben, hohe Anforderungen und Ausschöpfung allen Potentials - für all die Dinge, die so viele moderne Kinder verabscheuen." Gleich in der ersten Woche nach seinem Amtsantritt schlachtete Erziehungsminister Blunkett eine heilige Kuh der modernen, kindorientierten Erziehungstheorie - die "zur spielerischen Erforschung von Zahlenkonzepten und als Mittel zum Umgang mit realistischen Daten, z. B. mehrstelligen Zahlen" im Rechenunterricht der Grundschulen eingeführten Taschenrechner. Kinder, so Blunkett, "müssen wieder Kopfrechnen anstatt Knöpfedrücken lernen".

Das Versagen der Schulen ist gegenwärtig das gesellschaftspolitische Thema Nummer eins auf der Insel. Das schulische Niveau ist miserabel. Die meisten Eltern in Großbritannien können ein Lied davon singen. Die Fremdsprachenkenntnisse meines bald vierzehnjährigen Sohnes beschränken sich darauf, auf französisch Croissants, Kaffee und Cola zu bestellen. Seine Geschichtskenntnisse gehen kaum über etliche lokale Scharmützel hinaus, die im Heimatkundeunterricht der Grundschule einen angemessenen Platz hätten. Er hat in diesem Schuljahr einmal - oder war es zweimal- - Hausaufgaben gemacht. Trotzdem bekommt er in fast allen Fächern Einsen. Prüfungen sind oft geradezu infantil. Alles ist auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zugeschnitten.

Nach sieben Grundschuljahren gehen die meisten Kinder auf eine Gesamtschule. Gesamtschule ist in Großbritannien Nicht wie in Deutschland eine Option. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist sie der einzige und ausschließliche Schultyp. Gleicher Unterricht für alle, egal wie begabt oder ambitioniert, ist die Norm. Die Unterteilung eines Jahrgangs in Leistungsgruppen ist verpönt. Sitzenbleiben gibt es nicht. Die über Sechzehnjährigen bekommen den Schulbesuch sogar bezahlt, eines der Mittel, mit denen die konservative Regierung die Jugendarbeitslosigkeit reduzierte und eine weiterführende Bildungsrate erzielte, die sich statistisch gut ausmacht. Man kann sich vorstellen, wie in solch einem System der Leistungswille verkümmert.

Melanie Phillips, eine linke Systemkritikerin und Kolumnistin des Guardian und des Observer, vergleicht den schulischen Sozialismus in einem kürzlich erschienenen Buch mit einer Episode aus Lewis Carrolls berühmter Fabel "Alice"s Adventures in Wonderland". Als der Taubenvogel Dodo zu entscheiden hat, wer ein völlig wirres Wettrennen gewonnen habe, erklärt er nach langem Nachdenken: "Alle haben gewonnen, und jeder bekommt einen Preis."

"Jeder bekommt einen Preis", so heißt auch ihre vernichtende Kritik der pädagogischen Orthodoxie. Das vorrangige Ziel britischer Schulen sei es, argumentiert sie, jeden Wettbewerb auszuschalten. Niemand dürfe scheitern, und keiner dürfe den anderen ausstechen. Die unbequeme Wahrheit, daß in der Bildung wie überall im Leben ohne Anstrengung wenig zu erreichen sei, gelte als mentaler Kindsmißbrauch. "Das Resultat ist egalitäre Ignoranz und Unbildung." Die vereinheitlichte Unbildung verdamme vor allem unterprivilegierte Kinder, denen das System angeblich zugute kommen soll, für immer zu einer untergeordneten gesellschaftlichen Stellung. Das Sheffield von 1997 hat auf den ersten Blick nur wenig mit dem Sheffield gemein, in dem Blunkett aufwuchs. Neue Wohnsiedlungen auf den Hügeln rundum, neue Straßenbahnen, eine renovierte Innenstadt. Anstatt Kohle, Stahl und Ruß zwei moderne Universitäten. Doch das aparte Stadtbild verdeckt eine enorme soziale Kluft. In Wohnvierteln des bemittelten Bürgertums wie Hallam und Broomhüll erreichen 70 bis 80 Prozent der Schüler in minstens fünf Fächern die mittlere Reife mit Noten von Eins bis Drei, ein Hauptkriterium alljährlich vom Erziehungsministerium herausgegebener Leistungstabellen. In einem vom Wirtschaftswachstum vergessenen Stadtteil wie Manor, in dem jeder vierte Einwohner arbeitslos ist, sind es dagegen gerade 10 Prozent.

Nach Schulen aufgeschlüsselt, ist der Gegensatz noch krasser. In der privaten Bethany School erreichen 100 Prozent das Soll, in der King Edward VII School, einer Vorzeigeschule der lokalen Schulverwaltung im Univiertel, sind es 62 Prozent - und ganze 8 Prozent in der Earl Marshal School in David Blunketts Wahlkreis am Nordrand der Stadt.

Ein Drittel der Schulen Sheffields stehen auf ähnlich niedrigem Niveau wie die Earl Marshal School. Offiziell gibt es seit einigen Jahren freie Schulwahl. Doch in der Praxis ist der Wechsel aus einem Armenviertel etwa in die King Edward VII School im Univiertel mit Tücken versehen. Eine Aufnahmeprüfung widerspräche pädagogischer Orthodoxie. Der Schulleiter der Vorzeigeschule will aus Prinzip "nichts mit der Selektion zu tun haben". Deshalb werden alle Kinder aus anderen Wohngebieten grundsätzlich abgewiesen. Wenn die Eltern hartnäckig sind, entscheidet ein aus Stadträten, Schulräten und Gewerkschaftsvertretern zusammengesetztes Gremium in einem Revisionsverfahren über die Zulassung. Ein Rezept für Günstlingswirtschaft und Korruption.

David Blunkett war sieben Jahre lang, von 1980 bis 1987, Stadtratsvorsitzender des Labour-Dominiums Sheffield. Auf der Insel sind die Stadtverwaltungen für die Schulen zuständig. Ob es ihm gelingen wird, die von seinen Parteigenossen verwaltete, sozialistische Apartheid aus den Angeln zu heben- Jetzt stehen erst einmal die Earl Marshal und siebzehn weitere Schulen auf einer Abschußliste. Wenn sie bis September keine besseren Leistungen vorzuweisen haben, will er sie schließen und "unter neuem Management wiedereröffnen". Ein pädagogischer Einsatztrupp mit dem Kürzel SMART steht in Bereitschaft, versagende Schulen auf ein akzeptableres Niveau zu hieven. Lausige Lehrer müssen sich umerziehen lassen oder werden gefeuert.

Hätten sich die Konservativen daran gemacht, dem Schlendrian mit derart brüsken Methoden zu Leibe zu rücken, wie Blunkett das jetzt tut, wäre ein Aufstand losgebrochen. Wenn Michael Lewis, Leiter der King Edward VII School, auf die Tories zu sprechen kommt - "ihre eigenen Kinder schicken sie doch allesamt in Privatschulen" -, huscht ihm auch noch einen Monat nach dem demokratischen Umsturz vom 1. Mai die Zornesröte über das Gesicht. Die Konservativen hätten, das räumt er ein, oft die richtigen Fragen gestellt. Doch sie behandelten Lehrer als Bergleute mit Krawatten, als Feinde im eigenen Land. "Wir waren ständig unter Belagerung, ungeliebt und unterbewertet. Wer sich unablässiger Kritik ausgesetzt sieht, verliert jedes Interesse an konstruktiver Zusammenarbeit. Das ist jetzt anders."

Kürzlich kam David Blunkett zu einem Gespräch in die Schule. "Er hört zu", sagt Lewis, "er hält mit der Wahrheit nicht hinterm Berg, er ist zutiefst engagiert. Ich war sehr beeindruckt." Blunkett sei ein Mann, dem "nichts in den Schoß fiel und der es bis heute nicht einfach hat. Er kennt die Lebenswirklichkeit der breiten Masse. Seine eigenen Kinder sind im staatlichen Schulsystem, und sie kommen nicht gerade blendend zurecht. Er weiß, wovon er redet."

Die traditionellen Erziehungsmethoden, für die David Blunkett sich stark macht, wurden freilich nicht von den Tories, sondern von seiner eigenen Partei in den siebziger Jahren so gründlich wie in vielleicht keinem anderen Land Europas aus dem Schulalltag verbannt. "Kindorientiertes Lernen", "kreative Selbsterfahrung statt Orthographie und Multiplikationstafeln" und "Spaß an Entdeckung statt Auswendiglernen" hießen die Schlagworte. So verwurzelt ist die Ideologie, daß achtzehn Jahre konservativer Herrschaft ihr kaum etwas anhaben konnte.

Die Tories hatten nie eine eigenständige Bildungspolitik. Eine von Margaret Thatcher berufene Kommission stellte schon 1981 fest: "Wir gaben uns immer damit zufrieden, hinter den Liberalen und hinter Labour nachzutrotten." Ganz oben auf der Liste der von der Kommission damals eingeforderten Reformen standen eine "Anhebung des Leistungsstands" und die "Förderung elterlicher Selbstverantwortung". Keine der Forderungen wurde eingelöst. Jetzt hat Blunkett sie sich zu eigen gemacht.

An die Wurzel des Übels, glaubt der Hauptlehrer Lewis, gehen die Vorhaben dennoch nicht. Blunketts Credo, "das schulische Niveau ist wichtiger als Strukturen", will ihm nicht einleuchten. Nach seinem Dafürhalten ist die Struktur des britischen Erziehungssystems so grundlegend verkehrt, daß es langfristig nur durch eine Roßkur reformierbar ist - die Abschaffung der Privatschulen, die den Rahm vom System abschöpfen: die besten Lehrer, sehr viel Geld, die studierwilligsten Schüler. Die Abschaffung ist ein altes Labour-Dogma. Tony Blair hat es ad acta gelegt.

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