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Die AG-Braille im VBS traf sich im Frühjahr d. J. in Fulda. Diskutiert wurde wieder einmal die Systematik der deutschen Blindenkurzschrift; Schwerpunkt bildete jedoch eine Podiumsdiskussion, zu welcher der AG-Leiter, Herr Jörn Ernst (Marburg), die Leiter der vier Institute für Blindenpädagogik an den Universitäten bzw. Hochschulen eingeladen hatte.
1. Kurzschrift
Grundlage einer erneuten Diskussion über die z. Zt. gültige Systematik war ein Bericht des AG-Leiters über die Arbeit der Braille-Schrift-Kommission deutschsprachiger Länder. Herr Heimann (Hamburg) legte zusätzlich ein umfangreiches Papier vor, das die Ineffizienz des Systems belegen sollte (nachzulesen in: "blind sehbehindert" 1/97); die Zeit reichte leider nicht, um sich in das Material so gründlich einzuarbeiten, daß es erörtert werden konnte.
Gegensätzliche Auffassungen kamen aber auch so zutage. Dabei sind die Argumente inzwischen längst immer die gleichen, nur bewegt sich nichts!
Die einen halten die Systematik für zu akademisch, zu überladen mit Wortkürzungen, die entweder allzu fachspezifisch seien oder den heutigen Sprachgewohnheiten nicht mehr gerecht würden; viele Regeln hätten zu viele Ausnahmen.
Die anderen können dieses Problem nicht erkennen, sie verweisen auf die umfangreich vorhandene Literatur, die bei einer zu umfassenden Veränderung des Systems unlesbar für nachfolgende Benutzer werde.
Daß dieses Problem bei den heutigen Möglichkeiten, Literatur in Kurzschrift herzustellen, lösbar sei, wird eingewandt.
Ein weiterer Streitpunkt ist der Zeitpunkt der Einführung unter Berücksichtigung von EURO-Braille (= Computerbraille). Einig war sich die Mehrheit immerhin darin, daß EURO-Braille sinnvoll nur mit den Punkten 7 und 8 eingeführt werden könne. Pädagogen aus der Integration wenden wiederum ein - und dies wohl zu Recht -, daß die Acht-Punkte-schrift für Schüler der Grundschule nur schwer zu lesen sei.
Die Erkenntnisse aus dieser Diskussion und vielmehr noch aus Gesprächen am Rande einerseits und meine Mitarbeit in der Braille-Kommission andererseits veranlassen mich, folgendes zu Bedenken zu geben:
Die "Macher" der Kurzschrift müssen darauf achten, daß die Entwicklung in den Schulen nicht an ihnen vorbeigeht. Dort ist eine Tendenz sichtbar, die Kurzschrift in erster Linie als Leseschrift zu verwenden, die regelgerechte Anwendung des Systems gerät in den Hintergrund; dies gilt auch für die Ausbildung Späterblindeter.
Es scheint dies ein Generationenkonflikt zu sein, dem Rechnung zu tragen ist: Meine Altersgruppe - Jahrgang 42 - hat die Kurzschrift nebenbei und selbstverständlich gelernt, ohne daß uns bewußt war, etwas zusätzliches lernen zu müssen, nämlich außer dem Alphabet ein zusätzliches Schriftsystem, welches uns das Lesen eigentlich erst ermöglichte. Ich glaube, es hat uns im 5. Schuljahr Spaß gemacht.
Man kann sich nun das Hirn darüber zermartern, warum das heute nicht mehr so ist, es nützt nichts, etwas hat sich verändert!: Heute ist man offenbar nicht mehr bereit, vorhandene Energien auf ein kompliziertes Schriftsystem zu verschwenden, man möchte sie anderweitig nutzen.
Und etwas wesentliches kommt hinzu: Lese- und Schriftgut wird heute einem erweiterten Benutzerkreis zugänglich gemacht, beispielsweise den lernbehinderten Kindern und Erwachsenen, denen ein kompliziertes Regelwerk schwer zugänglich ist, die aber durchaus über die Vollschrift hinaus das Braille-System sinnvoll anwenden können.
Es soll hier nicht einer vereinfachten Kurzschrift das Wort geredet werden; einmal vorhandene Wortkürzungen lassen sich schlecht eliminieren, und vor allem: wo ist die Grenze- Aber das Regelwerk müßte vereinfacht werden: Ein ausgeklügeltes System, das bemüht ist, einmal aufgestellte Regeln durch Ausnahmen wieder umzuwerfen, bloß weil sie in Einzelfällen vermeintliche Platzersparnis bringen -, so ein System muß einer konsequenten Anwendung der Regeln weichen!
Weil es nicht dahin kommen sollte, daß letzten Endes jeder schreibt, wie er will, muß über das System wieder geredet werden.
Die Braille-Kommission hat es sich leider nur zur Aufgabe gemacht, die Kurzschrift an die Veränderungen der Rechtschreibung anzupassen, allenfalls wird ein bißchen Kosmetik am System betrieben. Es ist einfach schade, ja, unverantwortlich, wenn Erfahrungen, wie beispielsweise Herr Heimann sie immer wieder in die Diskussion einbringt, unberücksichtigt bleiben, so umstritten solche Darlegungen im einzelnen auch sein mögen. Was und wem nützt es, wenn Beschlüsse auf höchster Ebene gefaßt werden, vom Kultusministerium womöglich bestätigt, die in der praktischen Arbeit nicht durchsetzbar sind; wer will ihre tatsächliche Durchführung wirklich kontrollieren-
2. Podiumsdiskussion
Thema: "Welchen Stellenwert hat die Punktschrift mit ihren verschiedenen Schriftsystemen in der blindenpädagogischen Ausbildung in Gegenwart und Zukunft-"
Herr Ernst konnte die Herren Professoren Austermann (Heidelberg), Degenhardt (Hamburg) und Nater (Berlin) mit dessen Mitarbeiterin, Frau Dr. Schulze, begrüßen. Frau Prof. Walthes (Dortmund) war leider verhindert, trug aber dankenswerterweise durch ein schriftliches Statement zur Diskussion bei.
Anlaß für eine solche Aussprache waren in erster Linie Mutmaßungen aus dem Kreis der Schulpädagogik, daß Studierende zu wenig mit den Braille-Schriftsystemen vertraut gemacht würden. Belege dafür glaubt man in der mangelnden Kenntnis der Kurzschrift bei Schülern zu finden.
Bezug genommen werden sollte auch auf die Resolution der AG vom März 1995, die über Voll- und Kurzschriftkenntnisse hinaus auch die Fähigkeit der Absolventen forderte, Hilfsmittel zu erstellen, technisches Zeichnen, Mathematikschrift u.a.m. zu vermitteln.
In ihren Diskussionsbeiträgen waren sich die Dozenten weitgehend einig darin, daß mit dem Abschluß des Studiums die Vollschrift beherrscht werden müsse, daß während dieser Ausbildungsphase die Kurzschrift angeboten werden sollte. Andererseits ist das Angebot an Lerninhalten so umfangreich, daß für eine Erlernung mehrerer Systeme gar keine Zeit ist. So ist größter Wert auf die Sensibilisierung der Studierenden für die Belange ihrer künftigen Schüler zu legen, erst dann sei die Grundlage für eine Vermittlung entsprechender Techniken gelegt und eine Motivation geweckt. Mit dem Ende des Studiums höre das Lernen bekanntlich nicht auf.
Erfahrungen zeigen auch, daß Kenntnisse der Braille-Schrift sehr schnell verblassen, wenn sie nicht angewendet werden. In diesem Zusammenhang wurde allerdings auch darauf hingewiesen, daß einmal Gelerntes bei Bedarf schnell wieder aufgefrischt werden kann, das Erlernen der Braille-Schrift also sinnvoll ist.
Aus dem Plenum wurde darauf hingewiesen, daß in der integrativen Beschulung vielfach zu beobachten sei, daß nicht einmal die Unterstützungslehrer über Braille-Schriftkenntnisse verfügen, von den Fachlehrern ganz abgesehen; in solchen Fällen demaskiere sich der Lehrer als Analphabet.
Konkret ist an allen Hochschulen die Braille-Vollschrift verpflichtend. Erweiterte Kenntnisse wie etwa Hilfsmitteltechniken oder Computerbraille werden z.T. angeboten.
Gleichwohl betonen die Dozenten den eher theoretischen Charakter der ersten Ausbildungsphase. Dabei könne die Beherrschung einer Technik, deren praktische Anwendung nicht zum Tragen kommt, nicht prüfungsrelevant sein.
Verwiesen wurde in diesem Zusammenhang auf die zweite Ausbildungsphase, die Referendarzeit, sowie eine dritte, nämlich die Fortbildungsmöglichkeit während der Berufsausübung. Jetzt hat man es konkret mit Unterricht zu tun, der Braille-Techniken braucht, sodaß deren Kenntnisse also Voraussetzung für Unterricht sind oder eben auch nicht, bedenkt man nämlich, daß die Zahl lern- und geistigbehinderter Kinder zunimmt, die gänzlich andere Bedürfnisse zur Bewältigung ihres Alltags haben.
Für mich hatte die Diskussion überwiegend positive Aspekte, zeigte sie doch, daß
- man die Braille-Schrift an den Universitäten durchaus ernst nimmt,
- ein Analphabetismus, wie ihn eine Resolution des DBV von 1995 befürchtet, bei einer geregelten Schullaufbahn nicht zu erwarten ist,
- Anforderungen an Grund- und Hauptschulen mit zunehmend mehrfachbehinderten Schülern Rechnung getragen wird.
Einen Verfall kultureller Werte konnte ich nach Abschluß der Diskussion nicht erkennen. Andererseits scheint mir geraten, daß Gremien, die sich mit Systemfragen beschäftigen, sich ein bißchen mehr um Realitätsnähe bemühen sollten!
Bei aller Akzeptanz dieser Argumente wurde aus dem Plenum mit Nachdruck davor gewarnt zu verkennen, daß vor allem im Regelschulunterricht zu sehr auf die Technik gebaut werde.
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