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Meine sehr verehrten Damen und Herren!
"Schätze für die Ewigkeit" ist der Titel dieser Ausstellung. Verbirgt sich nicht schon in dem Begriff "Ewigkeit" etwas Verborgenes, Geheimnisvolles, zeitlich schwer Faßbares-
Gestatten Sie mir den - hoffentlich erfolgreichen - Versuch, unter Zuhilfenahme einiger weniger zeitlicher Bezüge Ihr Erstaunen zu wecken und dann der Frage nachzugehen, warum "ägyptische Kunst" immer wieder Menschen in ihren Bann zieht.
Mein erster zeitlicher Bezug soll, ganz bewußt, kontrastieren! Als ich vor 10 Jahren den ersten Personalcomputer bekam, befand ich mich auf dem damals "neuesten Stand der Technik"! Heute, nur 10 Jahre später, kann man dieses Gerät - seines Alters wegen - nicht einmal mehr verschenken. WELCH EINE KURZE ZEITSPANNE DER VERGÄNGLICHKEIT!
Im November 1922 - und damit wäre ich bei meinem zweiten Bezugspunkt - also gerade erst vor 75 Jahren, entdeckte Howard Carter den bislang bedeutendsten Grabschatz der Geschichte, den des über 3000 Jahre alten Tut-ench-amuns. Welch eine Ewigkeit des Unentdeckt-bleibens!
Ein dritter Bezugspunkt: (1) Nicht einmal 200 Jahre ist es her, daß, im Gefolge des Napoleonischen Ägyptenfeldzuges (er begann am 1. Juli 1798) eine "Forschungskommission für Wissenschaft und Künste" erstmals den Menschen der Neuzeit ein reiches und detailliertes Bild der Altertümer aus der Zeit der Pharaonen vermittelt hat. Diese Forschungsergebnisse wurden in einer monumentalen Dokumentation zwischen 1809 und 1822 als die auch heute noch von hohem wissenschaftlichen Rang bekannte "la Déscription de L"égypte" veröffentlicht.
Welch eine kurze Zeitspanne "unseres" Erkenntnisstandes ägyptischer Errungenschaften!
Ein letztes Beispiel zeitlicher Bezugspunkte: (2) "Als die ägyptische Geschichte im Jahre 30 v. Chr. durch die militärischen Erfolge des Octavian in der römischen aufging, war sie bereits 3000 Jahre alt. ihre materielle und geistig-religiöse Hinterlassenschaft war nicht zu übersehen und übte einen starken Reiz auf die Nachwelt aus. Lange vor dem Zeitalter des Massentourismus fanden Generationen von Besuchern den Weg in das Land am Nil etwa um die Pyramiden oder die Kolossalstatuen Amenophis III zu besichtigen".
Welch eine beeindruckende historische Kontinuität ägyptischen Einflusses!
Meine Damen und Herren! Worauf begründet sich aber gerade heute ein immer noch breit vorhandenes Interesse an ägyptischer Geschichte- Einigen von Ihnen ist sicherlich noch der überragende Welterfolg der Tut-ench-amun-Ausstellung, die vor einigen Jahren in mehreren Ländern gezeigt wurde, in Erinnerung. Viel ist gemutmaßt worden über die Motive dieses Ägyptenbooms und trotzdem tappt man nach wie vor im Dunkeln bei der Suche nach einer schlüssigen Erklärung.
So viel scheint konsensfähig zu sein: ägyptische Kunst ist in der Klarheit ihres Aufbaus und der bilderbuchhaften Verständlichkeit ihrer Motive unkompliziert, auch dem Laien "faßbar", gewissermaßen zeitlos und damit modern. Sie steht in ihrer typischen Formensprache auf höchstem künstlerischen Niveau!
Es ist die "Kunst" der alten Ägypter, die uns den geschichtlichen, kulturellen und religiösen Hintergrund ihrer Dynastien erschließt. Viel Unterschwelliges, ja Mystisches, spielt mit bei dieser Faszination Altägyptens, und vielleicht nirgendwo konzentriert es sich so stark wie bei Tut-ench-amun, dessen Name allein schon eine fast magische Anziehungskraft ausübt.
In den Objekten, die ab heute in diesem Raum "betrachtet", "betastet", "bedacht" werden können, wird ein Mythos unmittelbar greifbar! In der - im wahrsten Sinne des Wortes - "handgreiflichen" Begegnung mit ausgewählten Stücken auch aus dem Grabschatz des Tut-ench-amun wird man zum Mitwisser, zum Eingeweihten, zum Insider! Man nimmt gedanklich teil an der Grabentdeckung durch Howard Carter, einer "Story", die noch heute skandalumwittert, politisch brisant, menschlich bewegend, kurz, aufregend wirkt!
Ich hoffe, Sie erkennen in dieser "besonderen Ausstellung" kein museales Allerheiligtum, das man lediglich mit stummer Demut und passivem Staunen wahrnehmen darf. Ich möchte Sie vielmehr einladen, sich sinnlich und emotional, vor allem aber AKTIV der Faszination altägyptischer Kunst zu öffnen.
Erst das Zusammenwirken von Wahrnehmen, Tasten, Sehen und Denken ermöglicht individuelles, je eigenes Begreifen, Deuten, Verstehen!
Den Veranstaltern wünsche ich ein zahlreiches und aufgeschlossenes Publikum; jedem einzelnen Besucher - ob sehend, ob blind - eine über die Schnellebigkeit unseres Alltages lang anhaltende einprägsame, positive Erinnerung!
(1) Umfassender hierzu vgl. Gillispie, Charles C.: Napoleons Ägypten-Feldzug - Nutzen für die Wissenschaft. in: Spectrum der Wissenschaft, 12/1994, S. 72-80
(2) In Anlehnung an: Castritius, H. und Möhring, H.: Altorientalische Hochkulturen - Entstehung und Abfolge. In: Funkkolleg Geschichte, Studienbegleitbrief 6, S. 42, Weinheim 1980
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