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"Diesmal gibst du mir aber ein Los mit einer Nummer, die gewinnt." Rosa kann nicht sehen, wer da spricht; die Losverkäuferin ist fast blind. Doch Stammkunden erkennt sie an der Stimme. "Hallo Paula, wie geht"s-", antwortet Rosa durch das vergitterte Fenster ihres Kiosks. Die 58jährige Rosa im Madrider Hochhausviertel Barrio del Pilar gehört zu den 22.000 meist sehbehinderten Losverkäufern des spanischen Blindenverbands ONCE, die den "Cupon pro ciegos" (Los zugunsten der Blinden) an den Mann bringen.
Der Verband nimmt damit jährlich rund fünf Milliarden Mark (385 Milliarden Pesetas) ein. Die Hälfte wird als Gewinn ausgeschüttet. Jeden Werktag werden neue Glückszahlen gezogen. Mit 30.000 Mitarbeitern ist der Blindenverband nach eigenen Angaben die fünftgrößte Firma Spaniens. Er beschäftigt mehr Leute als zum Beispiel der Autohersteller Seat. Insgesamt hat die Nationale Organisation der spanischen Blinden (ONCE) 51.000 Mitglieder.
Seit ihrer Jugend ist Rosa schwer sehbehindert. Vor Jahren hat sie ihr rechtes Auge verloren, auf dem linken ist sie fast blind. Vier Operationen haben nichts genützt. "Früher durften nur Blinde Mitglied werden, aber jetzt nimmt die ONCE auch andere Behinderte auf", erzählt sie. Heute verkaufen auch Rollstuhlfahrer den "Cupon".
Die Geschichte des Blindenverbands beginnt 1938. Im spanischen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) verloren viele ihr Augenlicht. Zur Versorgung dieser Menschen gründete der spätere Diktator Francisco Franco die ONCE; allerdings konnte damals nur Mitglied werden, wer die "richtige Gesinnung" hatte. Außer dem Staat durften nur die Blinden Lose verkaufen. Der Verband mußte für die Einnahmen auch keine Steuern zahlen.
Dieses Privileg besteht noch immer fort. Heute gilt die ONCE als weltweit führende Selbsthilfe-Organisation Blinder. "Sie läßt uns beibringen wie man U-Bahn fährt oder im Restaurant ißt; es gibt Kochkurse, Kindergärten und Schulen", erzählt Rosa begeistert. Die ONCE unterhält Rehabilitationszentren, Bibliotheken in Blindenschrift und bildet Blindenhunde aus.
Doch der Verband leistet vor allem eines: Er gibt Arbeit. 13 Prozent der Spanier im arbeitsfähigen Alter sind erwerbslos, bei den Blinden sind es nur sieben Prozent. Eine Tochter-Firma der ONCE ist darauf spezialisiert, Behinderten Arbeit in der freien Wirtschaft zu vermitteln: Wer keine Lose verkauft, eignet sich vielleicht als Telefonist oder kann Klaviere stimmen. Die Unternehmen, an denen die ONCE beteiligt ist, achten darauf, möglichst viele Blinde einzustellen. Für seine Rentner richtete der Verband eine eigene Pensionskasse ein.
Bis 1982, sieben Jahre nach Francos Tod, bestimmte der Staat die Verbandsspitze. Heute ist die ONCE eine demokratische Organisation, deren Präsident von den Mitgliedern gewählt wird. Der Verband kaufte Anteile an Banken, Immobilienfirmen und Erdölunternehmen. Das Profi-Radteam der ONCE fährt regelmäßig bei der Tour de France mit. Jüngst wollte der Blindenverband gar den fünfmaligen Tour-Gewinner Miguel Indurain verpflichten, doch dieser zog sich lieber aufs Altenteil zurück.
Auch ins Mediengeschäft sind die Blinden eingestiegen: Sie erwarben Provinz-Zeitungen und den landesweiten Radiosender "Onda Cero" (Welle Null). Ihre Beteiligung am privaten Fernsehsender "Tele 5" hat die Organisation inzwischen verkauft - einen Teil der Aktien habe der deutsche Medienmagnat Leo Kirch erworben, heißt es in der Pressestelle des Blindenverbandes.
Doch die Lotterie ist und bleibt die wichtigste Geldquelle: 95 Prozent ihrer Gewinne mache die ONCE mit dem "Cupon", bekräftigt Pressesprecher Jose Carlos Gonzalez, nicht zuletzt dank Rosa und ihrer 220.000 Kollegen.
dpa
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