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Angelika Ohland: So gut sieht man nur mit den Ohren

Hörspiele erzählen tolle Geschichten. Und sie zeigen die Welt als Klang. Eine Liebeserklärung an eine völlig unterschätzte Kunst.

Siebenhundert Hörspiele produzieren die Sender jedes Jahr: Von solchem Reichtum können andere Länder nur träumen. Trotzdem gilt die Radiokunst in Deutschland als Mauerblümchen. Ganz zu Unrecht! Denn ein Hörspiel hat mehr Hörer als die meisten Bücher Leser.

Am schönsten ist es im Dunkeln. Am zweitschönsten beim Fahren mit dem Zug. Und zur Not geht es überall: beim Spazierengehen oder beim Kochen, am Strand und im Park, beim Fahrradfahren und bei fast allen Verrichtungen im Bad. Nur beim Duschen wird die Sache schwierig. Dafür geht es beim Bügeln um so besser. Denn man braucht nicht viel dazu: zwei Ohren und etwas Zeit, das ist schon alles.

Weil das Auge der größte Feind des Ohrs ist, wird das Ohr erst im Dunkeln zu einem mächtigen Organ. Im Dunkeln besteht die ganze Welt aus Geräuschen. Und diese Geräusche sind plötzlich überlebenswichtig. Sie fließen nicht vorbei, sondern werden erkundet: Was ist das- Woher kommt es- Worauf deutet es hin- Geräusche sind voller Geheimnisse und möglicher Gefahren. Deshalb ist das Hören so spannend. Und deshalb sind Hörspiele etwas ganz Besonderes. Sie folgen eigenen Gesetzen und sind eine Kunst für sich.

Wer Hörspielen mit geöffneten Augen lauscht, erlebt Abenteuer ganz anderer Art. Beim Zugfahren etwa. Die Stöpsel des Kassettengeräts im Ohr, den Blick aus dem Fenster gerichtet: So ergibt sich ein Wettspiel zwischen den Sinnen. Während die Straßen, Häuser, Autos, Menschen wie im Film vorbeiziehen, erfindet der Kopf die tollsten Bilder zu dem, was das Ohr hört. Das kann ziemliche Verwirrung stiften.

Irgendwann siegt meistens der eine Sinn über den anderen: Ein gutes Hörspiel läßt die wirkliche Welt vergessen. Taugt das Hörspiel weniger, kann es vorkommen, daß das Ohr dem Auge unterliegt. Dann sehen wir aus dem Fenster und verlieren die Bilder im Kopf. Deshalb ist das Hören im Zug für Hörspiele eine Art ultimativer Qualitätstest.

Die Stöpsel im Ohr machen natürlich einsam, aber sie sind viel besser als Lautsprecher. Sie signalisieren: Sprich mich nicht an! Der Hörspiel-Hörer fühlt sich wie ein lonesome rider - und er fühlt sich gut dabei. Denn seine Welt gehört für eine kleine Weile nur ihm allein. Hören ist dann ein bißchen wie Lesen.

Bilder werden im Hörspiel zunächst durch Geräusche hervorgerufen. Da hört man das feine Klirren von Tellern und dann, wie das helle Klirren dunkel wird. Und man weiß: Hier wird ein Tisch gedeckt, indem jemand die Teller aufeinanderstapelt, was hell klingt, und dann auf den Tisch stellt, wobei ein dumpfes Geräusch entsteht. An der Art dieser Dumpfheit kann der Hörer erkennen, daß es sich um einen Holztisch handeln muß. Tische mit Stein- oder Glasplatten klingen schriller, und auch das weiche Dämpfen durch ein Tischtuch fehlt. Eindeutig sind die Teller aus Porzellan.

Solcherlei Geräusche begleiten das Hörspiel tausendfach. Da gibt es nichts, das es nicht gibt. Allein das Rauschen: Das Meeres- und das Waldesrauschen, das Rauschen der Autobahn oder das kurze Aufrauschen der Klospülung. Oder die Schritte: Sie geben Auskunft über einen Menschen und erzählen, was er vorhat, sie können Spannung oder Erleichterung erzeugen und bewußt in die Irre führen.

Neben den Geräuschen gibt es die Töne, die Klänge, die Musik. Zu Manhattan gehört das Saxophon, zum 16. Jahrhundert der Choral, zu den Neunzigern der Rap. Mit Hilfe der Musik lassen sich Orte bestimmen und Stimmungen schaffen, mit ihr hält man die Jahrhunderte auseinander.

Dann sind da noch die Stimmen. Manche halten sie für das Wichtigste. Aber das stimmt nicht immer. Stimmen sprechen Texte, aber sie können auch einfach ein Geräusch unter vielen sein. Immer aber ist jeder Atemzug kalkuliert, jeder Ton bedacht. Ob die Satzmelodie ein Singsang oder ein Stakkato ist, ob gehaucht oder gehustet wird: Das Ohr registriert alles und vergißt nichts. Ein falscher Ton - schon glaubt man der Stimme nicht mehr. Ein für allemal.

Gleichtönig fließt das Rauschen der Großstadt dahin, darin Sirenengeheul, entfernte Lautsprecherstimmen, Bremsgeräusche, ein Saxophon. Hinein in dies urbane Gleichmaß windet sich eine Musik, minimalistische, gedehnte, helle Töne. Dann die Stimme: Sie erzählt von Quinn, dem Mann mit den vielen Namen und den vielen Identitäten, dem ziellosen Wanderer durch Brooklyns Straßen. Und wir folgen ihm: Mit den Ohren gehen wir durch New York.

"Stadt aus Glas" (WDR/BR) heißt dieses Hörspiel nach einem Roman von Paul Auster. Ein Kultbuch und ein Kultfilm gingen ihm voraus. Im Kino spielten William Hurt und Harvey Keitel die Hauptrollen, jetzt haben Christian Brückner und Rüdiger Vogler den Figuren ihre Stimme verliehen.

"Stadt aus Glas" spielt mit den Geräuschen, jongliert mit musikalischen Zitaten: Aber vor allem erzählt es eine Geschichte. Wie es ein Großteil der Hörspiele immer noch tut. Sie bedienen sich dazu häufig bei Autoren von Rosamunde Pilcher bis Bertold Brecht, von Euripides bis Peter Hoeg. Oder beim Theater: Wer Christoph Marthalers "Kasimir und Karoline" auf der Bühne gesehen hat, kann über die Hörspielfassung von Walter Ohm (BR, 1972) nur staunen - mit Helmut Qualtinger und Christine Ostermeyer. Heiner Müllers "Hamletmaschine" (Rundfunk der DDR und Einstürzende Neubauten, 1990) ist da noch mal zu hören und, wenn man Glück hat wie in diesem Sommer beim Hessischen Rundfunk, die Klassiker von Orson Welles - lauter Aufnahmen aus den dreißiger Jahren.

Selten existieren Traditionelles und Experimentelles so selbstbewußt nebeneinander wie beim Hörspiel. Die Geschichten scheinen unerschöpflich. Dialoge und ein Erzähler gehören dazu wie eh und je: von Ermüdung keine Spur. Dabei war das narrative Hörspiel, wie es in den fünfziger Jahren die Norm war, schon mal totgesagt: weil die Art, die Geräusche und Musik den Text illustrierten, schlicht langweilig geworden war. Heute ist alles erlaubt - selbst das Konventionelle.

Auch der Autor Ingomar von Kieseritzky hat den Hörspielpreis der Kriegsblinden für eine linear erzählte Geschichte bekommen. Konventionell allerdings ist "Compagnons und Concurrenten oder Die wahren Künste" (SDR/DLR, HörVerlag) keineswegs, sondern Rundfunkkunst auf die Spitze getrieben. Die Dialoge sind von subtiler Boshaftigkeit, die Charaktere scharf geschnitten, die Musik gezielt und sparsam arrangiert. Und dabei geht es eigentlich um nichts - nun gut, ein paar Künstler kommen darin vor und einige, die es werden wollen.

Symphonische Klänge, ein Kontrabaß, ein Chor singt tragend: "Des Menschen Seele gleicht dem Wasser". Dann eine Stimme in tiefstem Sächsisch: "Weimar, den 8. Januar 1833. Alle Probleme vorhanden bei Eiseskälte." Der Hörer versinkt ins vergangene Jahrhundert. Die Herren Huhn & Co. sind auf der Suche nach dem ultimativen Schundroman. Natürlich sind sie arm. Ihren Freund Lüdge haben sie irrtümlich begraben und dann wieder hervorgeholt, nun hat er sein Gedächtnis verloren und gibt die tollsten Theorien zum besten.

Weimar nach Goethes Tod: In den Köpfen herrscht eine aberwitzige Leere. Man philosophiert dagegen an, ein unendliches Palaver. Die Glücklosen konkurrieren um den Erfolg, den sie nicht haben - die Kunst als Intrige.

Manche Neuproduktion schränkt die akustischen Möglichkeiten dagegen inzwischen bewußt ein: Reduktion, um sich akustisch nicht zu verlieren. Eine neue Strenge tritt dann an die Stelle des Spiels. Die hervorragende Bearbeitung von Christa Wolfs "Medea" in der Regie von Jörg Jannings (NDR, HörVerlag) kommt fast nur mit Stimmen aus - und so heißt das Stück ja auch im Untertitel. Um das Kaliber dieser Stimmen zu erahnen, muß man nur auf die Liste der Sprecher gucken: Corinna Harfouch, Werner Wöbern, Peter Roggisch. Da kann kaum etwas schiefgehen - und geht es auch nicht.

Der Beat ist durchdringend. Hinein mischen sich Männer- und Frauenstimmen mit sehr unterschiedlichen Akzenten: Distanz - distance. Daraus ergibt sich ein neues Wort: dance. Distance - dance: flüstern, hauchen, Vokale dehnen, Konsonanten stampfen. Eine Musik aus Worten und Rhytmen. Ein Rap, eine Collage, ein Spiel mit Bedeutung, das ein gewisser Mr. So-and-so, der sich später als Mr. Soundso vorstellt, treibt.

Der DJ, die Tänzerin, ein special guest und ein Chor der Passagiere: Sie spielen auf zur langen Nacht, verbreiten lyrische Schnipsel und beugen sich den Dancehall-Rhythmen. Rufe, Schreie, Gesang, Lachen - ein Tanz mit existentialistischen Fragen. Ein Sprachengewirr und darin verblüffende Sinnfetzen, wie zufällig hingeschmissen. "Und jemand sagt: "Auch die wahre Nachricht ist nur eine Ware.""

Ein Hörspiel- Eine Komposition- Das Werk jedenfalls heißt "Phönixhouse" (NDR) und stammt von Susanne Amatosero.

Während die einen Geschichten erzählen, machen sich die anderen als Klangingenieure ans Werk. Montage heißt das Zauberwort. Und die geht mit der neuen digitalen Technik viel einfacher und viel genauer.

Amatoseros Collage aus Ton und Text klingt sehr modern, aber die Weichen für diese Art Hörspiel wurden früh gestellt. Gut dreißig Jahre ist die Erfindung des Neuen Hörspiels nun her: Hinter dem Begriff verbirgt sich die Erkenntnis, daß Geräusche, Musik, Stimmen, Texte gleichberechtigt sind - die Welt als Klang, das Hörspiel als Komposition von Geräusch und Text. Die Stimme ist ein Klang unter vielen.

Daraus hat sich eine eigene Gattung entwickelt: die akustische Kunst, die Sound-art. Klaus Schöninger richtete Anfang der Siebziger für den WDR ein eigenes akustisches Studio ein - bis heute ist er damit bei uns einzigartig. Dabei ist die akustische Kunst der Neuen Musik meist näher als der Literatur - Komponisten wie John Cage und Mauricio Kagel haben sie geprägt.

Die Wurzeln dieser Sound-art fallen interessanterweise mit den Anfängen des Hörspiels zusammen: 1913 bereits veröffentlichte Luigi Russolo seine bahnbrechende Schrift "Die Kunst der Geräusche". Und es war der Filmregisseur Walter Ruttmann ("Symphonie einer Großstadt"), der die Montage von Sprache, Geräuschen, Musik im Hörspiel in den Zwanzigern durchsetzte.

Wer Hörspiele liebt, wird in Deutschland ziemlich verwöhnt. Denn Deutschland ist ein wahres Hörspiel-Paradies. Das hängt damit zusammen, daß der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der der Hauptproduzent von Hörspielen ist, aus vielen einzelnen Landessendern besteht. Und jeder Sender hat eine Abteilung fürs Hörspiel! Die Konkurrenz der Sender untereinander belebt da durchaus das Geschäft Und sorgt für Reichtum. Zehn bis zwanzig neue Hörspiele jedes Jahr von einem großen Sender: Das ist einzigartig!

Ein bißchen kurios ist es auch, zugegeben. Und ein gewisser Luxus. Aber auf jeden Fall kriegt man hier was für sein Geld. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist kaum zu übertreffen: Der Betrag, den der Gebührenzahler monatlich fürs Hörspiel ausgibt, ist in Pfennigen zu zählen. Dieses Kulturangebot ist ein echtes Schnäppchen.

Leider kann man trotz Kabel nicht alle Programme überall empfangen. Da aber zwischen den Sendern ein reger Austausch herrscht, werden fast alle wichtigen Hörspiele irgendwann von dem eigenen Sender übernommen. Und die Größe einer Anstalt spielt sowieso eine untergeordnete Rolle: Das kleine Radio Bremen etwa kann sich mit dem großen NDR durchaus messen, auch wenn die Zahl der Produktionen etwas geringer ist. Und im Zweifelsfall tut man sich eben mit anderen zusammen.

Eigentlich müßten die Sender auf ihre Hörspiel-Abteilungen stolz sein. Sie bescheren ihnen das treueste Publikum, sie bringen Renommee. Trotzdem gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Gerangel um Sendeplätze, Personalstellen und Gelder. Denn Quote bringt das Hörspiel nicht. Aber was heißt das schon- Radiokunst ist nichts für flotte Zapper. Eine halbe bis eine ganze Stunde Zeit muß man sich schon nehmen. Ein Hörspiel kann es dann - Ohne die Wiederholungen - locker auf 200000 Hörer bringen. Welche Theaterinszenierung wird von so vielen Menschen gesehen- Und wie viele Bücher haben eine so hohe Auflage-

Aber die Sender sind in der Zwickmühle. Sie dürfen mit ihren eigenen Produkten keinen Gewinn machen - so sagt es der Staatsvertrag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Also verschwinden die Schätze in den Archiven. Oder die Werke gehen für eine vergleichsweise bescheidene Lizenzgebühr an andere.

Zum Beispiel an den HörVerlag. Der Münchner Newcomer, ein Zusammenschluß mehrerer Buchverlage, war vor zwei Jahren der Shootingstar. Er folgt damit einem Trend, der in Großbritannien und vor allem im Fernsehland USA schon länger zu beobachten ist: Audiobooks, wie die Sprachkassetten nun heißen, gehen weg wie warme Semmeln.

Und zwar nicht nur bei Kindern: Während diese nämlich in Deutschland für dreiviertel des Absatzes sorgen, ist es in Großbritannien nicht mal die Hälfte. Und in den USA greifen vor allem Erwachsene zu. Das setzt sich auch bei uns langsam durch: Mehr als 200 Millionen Mark wurden im vergangenen Jahr mit Sprachkassetten umgesetzt.

Aus dem Mauerblümchen könnte also bald ein Star werden. Nur mögen das viele noch nicht recht glauben. Obwohl manch Sender, wie der Bayrische Rundfunk, neuerdings sehr offensiv für seine Hörspiele wirbt. Dem Hörspiel haben die Hörbücher neue Popularität beschert - obwohl beides nicht immer dasselbe ist. Bei den Audiobooks werden Bestseller häufig vorgelesen - das ist billiger, aber etwas anderes und meistens für den Hörer nur der halbe Gewinn.

In der Qualität ist das öffentlich-rechtliche Radio nämlich zur Zeit unschlagbar. Trotzdem drucken die Fernsehzeitschriften, die früher auch über den Rundfunk informierten, das Radioprogramm so fragmentarisch ab, daß sie es genauso gut ganz lassen könnten. Und auch nur wenige Tageszeitungen machen sich noch die Mühe. Deshalb seien jedem die Hörspielhefte empfohlen, die man beim jeweiligen Sender bestellen kann.

Und dann macht es wieder klick. Der "Türsteher" drängt sich, begleitet von Percussion, in den Vordergrund: Er spricht über Kleider, Mode, Menschen. Wie die Puppen seien die Leute, meint er. Und wirkt doch selbst wie aus dem Cyberspace, wie eine Figur aus einem Programm.

Und dann macht es wieder klick. Die Souffleuse übernimmt im Konzert der Stimmen die Führung: "Verzeihung, wenn ich Sie an etwas erinnere, aber das ist nun mal mein Beruf". Sinnlose Sinnstifterei, aber das mit Bedacht. Die Künstlichkeit als Kunstprinzip.

"Wie gesagt. Theater oder Taxistück" heißt der Titel (Eran Schaerf, BR). Worum es da geht- Ein groteskes Mahnmal für den Holocaust kommt vor und ein Krieg um die Erinnerung. Ansonsten hört man dieses und jenes. Assoziationen eben, was einem so durch den Kopf schießen mag. Und dann macht es wieder klick.

(aus: Das Sonntagsblatt, Nr. 34/97, S. 28, vom 22.08.1997)

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