horus

Startseite > horus & Broschüren > 1/1998

horus & Broschüren

Suche

Suchen Sie in horus aktuell, unserem Newsletter, und horus online, unserer Vereinszeitschrift:

Suchbegriff:

Suchen in:


Franz-Josef Hanke: "Aktion Grundgesetz" startete am 15. November 1997 in Berlin

"Behindert ist man nicht, behindert wird man." Dieser Spruch der "Aktion Grundgesetz" prangt seit dem Herbst auf zahlreichen Plakatwänden in ganz Deutschland. Mehr als 60 Organisationen haben sich inzwischen der Aktion Sorgenkind (AS) angeschlossen, die diese Gleichstellungskampagne initiiert hat.

Seit dem 15. November 1994 schützt Artikel 3 des Grundgesetzes Behinderte vor Benachteiligung. Eine Bestandsaufnahme der Umsetzung dieses verfassungsmäßig verbrieften Diskriminierungsverbotes fiel am dritten Jahrestag seines Inkrafttretens aber ernüchternd aus: Tatsächlich haben sich die Lebensbedingungen für Menschen mit Behinderungen seit Ende 1994 eher verschlechtert als verbessert.

Zu diesem Ergebnis kamen am 15. November 1997 fünf Gesprächsrunden in der Berliner "Universal Hall". Mehrere hundert Vertreter bundesweit tätiger Behindertenorganisationen feierten dort den Auftakt der "Aktion Grundgesetz". Mit der bundesweiten Kampagne wollen Deutschlands Behinderte ihre Gleichstellung auch im Alltag erkämpfen.

"Wie es in einer Gesellschaft aussieht, erkennt man daran, wie sie mit ihren behinderten Mitbürgern umgeht", stellte Bundespräsident Roman Herzog fest. Als Schirmherr der "Aktion Grundgesetz" rief er die Bürger auf, Behinderten denselben Respekt entgegenzubringen wie allen anderen Menschen auch.

AS-Vorsitzender Dieter Stolte kritisierte ein nur wenige Tage zuvor ergangenes Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das einem behinderten Mädchen den Besuch der Regelschule versagte, weil der Aufwand hierfür angeblich "unverhältnismäßig hoch" sei. Der Intendant des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) stellte fest, daß eine rollstuhlgerechte Ausgestaltung von Büro- und Wohnräumen, Verkehrsmitteln und öffentlichen Plätzen immer noch keine Selbstverständlichkeit ist. Hier bleibe auch für den Gesetzgeber noch viel zu tun.

Hans-Jochen Vogel, ehemaliger Fraktionsvorsitzender der SPD im Deutschen Bundestag und Urheber der Grundgesetzformulierung "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden" in Artikel 3 Absatz 3, verlangte eine Vielzahl von Regelungen im bundesdeutschen Recht, damit die Benachteiligung Behinderter überwunden wird: "Es ist ein Skandal, daß Hörbehinderte vor Gericht wie Unmündige behandelt werden. Es muß selbstverständlich sein, daß auch Blinde als Strafrichter tätig werden können!"

Vogels kämpferische Rede veranlaßte Moderator Roger Willemsen zu dem vom Publikum mit lautem Beifall bedachten Satz: "Eigentlich sollte man alle Politiker in Rente schicken, wenn sie dann hinterher so kämpferisch werden wie Sie!"

Staatssekretärin Judith von Dall"Arni ist in der US-Regierung für die Gleichstellung Behinderter zuständig. Sie hat diese Aufgabe wegen ihres jahrelangen Einsatzes in der Behindertenbewegung erhalten. Die amerikanischen Behinderten haben Schritt für Schritt durchgesetzt, daß in den Vereinigten Staaten heute kein öffentliches Gebäude oder Verkehrsmittel, kein Kino und kein Theater betrieben werden darf, das nicht behindertengerecht ist.

Solche Regelungen wünscht sich Dr. Andreas Jürgens, Sprecher des Forums behinderter Juristinnen und Juristen, auch für Deutschland. Mit der "Aktion Grundgesetz" verknüpft der Kasseler Richter die Erwartung, daß behindertengerechtes Planen und Bauen Einzug in die entsprechende Gesetzgebung erhalten müsse.

Ein Problem hat Daniel Goeudevert, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Deutschen Ford und der Volkswagenwerk AG, in der Fremdheit vieler Zeitgenossen gegenüber Behinderten ausgemacht: "Als ich schon zwei Jahre lang Chef bei Ford war, da hat mir ein Mitarbeiter vorgeschlagen, nun auch einmal unsere betriebsinterne Behindertenwerkstatt zu besuchen. Ich wußte bis zu diesem Zeitpunkt nicht, daß Ford überhaupt so eine Werkstatt hatte." Diese "beschämende Erfahrung" veranlaßte den Manager zum Umdenken. Nun plant Goeudevert in Dortmund eine "Kampus-Universität", wo behinderte Professoren und Studenten mit Nichtbehinderten gemeinsam leben und lernen. "Nur wenn man schon zusammen gelernt hat, fragt man hinterher auch, wo die Behinderten nun sind," meinte Goeudevert.

Noch ist es aber ein weiter Weg bis zu einem unvoreingenommenen und gleichberechtigten Umgang miteinander, wie Gisela Hermes von der Kasseler Initiative für ein selbstbestimmtes Leben Behinderter (ISL) bemerkte. Als ihre Tochter drei Jahre alt war, fragte eine andere Mutter aus der Kindergartengruppe sie, ob sich ihre Tochter inzwischen daran gewöhnt habe, daß ihre Mutter im Rollstuhl sitzt. Gisela Hermes antwortete: "Meine Tochter beginnt langsam, sich daran zu gewöhnen, daß andere Mütter nicht im Rollstuhl sitzen."

Zurück zum Inhalt von 1/1998 |horus im Überblick

[Startseite]  Startseite  | [Kontakt]  Kontakt  | [Impressum]  Impressum | [Hilfe]  Hilfe