horus

Startseite > horus & Broschüren > 1/1998

horus & Broschüren

Suche

Suchen Sie in horus aktuell, unserem Newsletter, und horus online, unserer Vereinszeitschrift:

Suchbegriff:

Suchen in:


Robert Heuser: Wissen, Können, Funktionieren. Leben genießen oder Leben bewältigen-

"Da habe ich als Blinder bzw. Sehbehinderter nichts anderes mehr zu tun, als den ganzen Tag zu lernen."

"Und dann der Streß, das Gelernte in jeder Situation anzuwenden und umzusetzen, um dauernd meine Selbständigkeit zu beweisen."

"Ja, Ja, der Genuss, der bleibt da auf der Strecke."

"Der Genuss ist halt die Freiheit, das Gelernte nicht anzuwenden."

"Ich genieße jetzt mal, das alles nicht selber zu machen."

"Ziel ist, die Menge an Anforderungen zu bewältigen, um noch genügend Zeit zum Genießen zu haben. Welche Anstrengungen bürde ich mir auf, und wo sage ich nee, ich will im Moment nicht können."

Sätze, die den Bogen spannen und neugierig machen, Reflexionen von Teilnehmern der Arbeitskreise zum Thema "Wissen, Können, Brauchen, Funktionieren. Leben genießen oder Leben bewältigen-".

Der Deutsche Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e.V. (DVBS) und die Deutsche Blindenstudienanstalt e.V. (BLISTA) waren die Veranstalter des am 11. und 12. Oktober 1997 in Marburg mit 44 Teilnehmern und Teilnehmerinnen durchgeführten Seminars. Ziel war der intensive Meinungs- und Erfahrungsaustausch von Blinden, Sehbehinderten und pädagogischen Fachkräften, die als Rehabilitationslehrer ihre Erfahrungen mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gemacht haben.

Training nach Schema F-

An diesem Thema entzündeten sich auch gleich Diskussionen in den drei Arbeitsgruppen, hatten doch insbesondere die älteren Absolventen ihre Probleme mit den Schulungsmethoden während der einjährigen Blindentechnischen Grundausbildung (BTG). Sie schien ihnen doch zu sehr auf ein jugendliches Klienteel abgestellt. Grenzerfahrungen bezüglich der eigenen Leistungsfähigkeit im Mobilitätstraining zu machen, war (zum Bedauern einer Teilnehmerin) nicht möglich. Dies dürfte man vom verantwortlichen Trainer aber auch nicht verlangen, konterte die Gruppe. Zahlreiche Beispiele aus persönlichen Erfahrungen verdeutlichten die Problematik des Reha-Unterrichts für Geburts- bzw. Späterblindete, Sehbehinderte, Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Diese differenzierten Anforderungen, erweitert um die zusätzliche Dimension individueller Ansprüche und Gegebenheiten wurden erörtert.

Zur Reha gehören Angehörige und Freunde

Angehörige in die Reha-Maßnahmen einzubeziehen war einem Großteil der Anwesenden eine wichtige Erweiterung der derzeitigen Konzeption. Der in der BTG vorgesehene Infotag reicht da bei weitem nicht aus. Über Angehörige und Partner hinaus wurde gewünscht, Freunde und Arbeitskollegen einbeziehen zu können und zum "Dialog der Mitbetroffenen" zu kommen. Allzuoft kehrt der Rehabilitant in ein Umfeld zurück, das seine neuen Fähigkeiten nicht kennt oder nicht akzeptiert. Dann ist die menschliche Schwäche, seine Fähigkeiten zu verschweigen, um das "Rundum- sorglos-Paket" nicht zu gefährden, ganz konkret.

LPF, O&M und KOM-Training

Eine weitere Diskussion widmete sich dem Kommunikationsverhalten Sehbehinderter und Blinder. Einmal mehr zeigte sich, daß bei solchen Seminaren ganz wesentliche Inhalte die Erfahrungsberichte sind. Ein Teilnehmer beschrieb seine Methode, eine Kommunikationsbeziehung zum Sachbearbeiter seiner Bank herzustellen. Die Erheiterung war grenzenlos, als die Zuhörerinnen und Zuhörer erfuhren, wie ihm dies in geradezu genialer Weise gelungen war, und er damit im ersten Anlauf seinem zivildienstleistenden Helfer eine Werbe-Thermoskanne beschafft hat. Eine Integrationsschülerin berichtete von ihren Erfahrungen, Frustrationen und Lösungsansätzen in der Kommunikation mit Mitschülern. Fazit der Diskussion war: Neben lebenspraktischen Fertigkeiten und dem Mobilitätstraining ist ein eigenständiges Kommunikationstraining einzurichten. Nonverbale Kommunikation spielt eine ungeheuer wichtige Rolle, wie jeder Betroffene schon leidvoll erfahren hat.

Der Blinde und Sehbehinderte ist von diesem unbewußt während des ganzen Lebens in vielen Phasen ablaufenden Lern- und Adaptionsprozeß weitgehend ausgeschlossen. Er mag das Glück haben, in seinen Gefährten und Gefährtinnen des jeweiligen Lebensabschnittes Übermittler zu haben und so einiges zu erfahren. Dringend notwendig ist jedoch eine Professionalisierung dieses Lernprogramms.

Es wurde der Zeitfaktor angesprochen und festgestellt, daß der Zeitbedarf für Trainingsmaßnahmen sehr unterschiedlich ist.

Den "Abholpunkt" festzustellen, ist eine der entscheidenden Leistungen des Trainers. Wenn der zu Trainierende "noch nicht soweit ist" bleibt die Mühe oft vergebens.

Schlußfolgerung war die Forderung nach kontextabhängigem Training, modular aufgebaut und zeitlich verteilt.

Behinderung kann man nicht bewältigen

Neben all diesen Inhalten, die da lauten: Vermittlung von Technik, Methode und Verhaltensweise, wurde angemahnt, die Annahme der Behinderung als Schlüsselvoraussetzung, sowohl zur Bewältigung als auch zum Genießen des Lebens, nicht zu vergessen. Diese Annahme der Behinderung ist durch die Institutionen und Trainer zu vermitteln und zu fördern. Nur mit ihr ist eine Einordnung in das jeweilige Umfeld in der Harmonie zu erreichen, die Voraussetzung für Lebensbewältigung und Genuß ist.

Eine Arbeitsgruppe stellte fest, daß sich diesbezüglich in den letzten Jahren in der Blista ein positiver Wandel vollzogen habe.

Ein Satz von Rudi Ullrich löste an dieser Stelle Nachdenklichkeit aus: Behinderung kann man nicht "bewältigen", man muß sich ihr stellen.

Arbeit soll fortgesetzt werden

Am Samstagabend traf man sich in der Gaststätte "Zum alten Ritter" in geselliger Runde. Sketche, Musik und die unvergleichliche a-capella-Gruppe "Schlag 6" sorgten für niveauvolle Unterhaltung. Gespräche, Erfahrungsaustausch und Kontaktpflege füllten den Abend.

Der folgende Sonntag sah, nach weiterer Gruppenarbeit am Vormittag, ein Plenum vor, in dem die Ergebnisse vorgestellt und diskutiert wurden. Man war allgemein der Ansicht, in der Fortsetzung des Arbeitskreises "Macht Selbständigkeit einsam-" während der Fachtagung "Gemeinsam weitersehen ..." - aus Anlaß des 80-jährigen Jubiläums des DVBS und der Blista im Vorjahr - gute Arbeit geleistet zu haben. Der Wunsch, diese Arbeit weiterzuführen, wurde ausgesprochen und den Organisatoren mitgegeben.

Zurück zum Inhalt von 1/1998 |horus im Überblick

[Startseite]  Startseite  | [Kontakt]  Kontakt  | [Impressum]  Impressum | [Hilfe]  Hilfe