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Den absolute Höhepunkt meiner Erlebnisreichen Urlaubstage seit meiner Erblindung bildeten dieses Jahr Polens wunderschöne Masuren, ganz im Süden des ehemaligen Ostpreußen gelegen.
Dieser Flecken unberührter Natur hatte meinen Mann und mich schon lange gefesselt. Aber wir trauten uns seit über zwei Jahren nicht so recht, einem so abenteuerlichen Angebot eines Reiseunternehmens nachzugeben: erst Radeln, dann Paddeln mit Übernachtungen im Zelt, jeden Tag woanders. Aber dieses Jahr übermannte uns nun die Lust!
Die Vorbereitungen begannen mit einer vorsichtigen Anfrage beim Reiseunternehmer "InNatura" in Braunschweig: "Könnten Sie sich vorstellen, mich als Vollblinde und meinen sehenden Mann mitzunehmen und uns ein Tandem zu organisieren-" - unser eigenes ist wegen der schmalen Reifen im tiefen masurischen Sand unbrauchbar -, Wieviel die Organisation im Hintergrund kostete, gelangte nicht zu uns. Bei Abfahrt wußten wir nur: um Gepäck, Zelte und Verpflegung brauchten wir uns wie alle anderen auch nicht zu kümmern; nur statt des üblichen Fahrrades würde uns ein Tandem erwarten.
Um es vorwegzunehmen: alle unsere Erwartungen erfüllten sich!
Während der Anfahrt beruhigte uns schon die Beobachtung, daß wir als Ehepaar um die 50 Jahre durchaus in unserer Gruppe nicht zu den Grufties gehörten. Kaum waren wir dann 75 km östlich von Allenstein in der Johannesburger Heide angekommen, kaum hatten wir unsere aufgeschlagenen Zweimann-Zelte für gut und groß genug befunden, da inspizierten wir auch schon äußerst neugierig unser bereitstehendes Mountain-Tandem, ein Prototyp: es war dunkelgrün, mit breiten Reifen, der typischen Federung an meinem hinteren Teil im Rahmen, leider ohne Gepäckträger und Flaschenhalter. Wir vermißten auch Schutzbleche. Da Unsere Radelwoche in die letzten Ausläufer der großen "Regenzeit" fiel, die zu den immensen Überschwemmungen geführt hatte, waren wir auf den vielen landschaftlich ganz besonders reizvollen Sand- und jetzt Schlammwegen vom großen Zeh bis zum Scheitel voll Schlamm. Wir nächtigten jedoch ausnahmslos an Badeseen; außerdem gab es ja auch noch Duschen. Auf diesen Schlamm- oder Schotterwegen waren wir unseren zehn Mitradlern bei täglich 40 bis 50 km Tagesstrecke natürlich haushoch durch die größere Masse auf nur zwei Rädern Auflagefläche unterlegen. Dafür rächten wir uns auf der Straße. Hatten wir hier erst einmal an Fahrt gewonnen, hatten es die anderen schwer, hinter uns herzukommen. Das laute Staunen besonders der masurischen unbeschwerten Jugend über so ein bis dato unbekanntes Gefährt erreichte uns dann nur als leiser Nachhall.
Die anschließende Paddelwoche mit durchschnittlich 15 km Tagesstrecke war dagegen weit weniger spektakulär: Mein Mann und ich paddelten als "Greenhorns" auch nicht mehr Zick-Zack als die anderen Neulinge unserer nun schon zusammengeschweißten Gruppe, unser Zweiergefährt unterschied sich nicht mehr von dem der anderen. Nur ich konnte immer hören, riechen, in welcher Art von Gewässer wir uns gerade aufhielten, mehr stehend oder fließend, ob Schilf oder Bäume, Büsche, eng oder weit. Das allgemeine Paddeltempo und unsere "große Muskelkraft" ließen es zu, daß ich nun unterwegs fast jederzeit alles an Wasserpflanzen "begutachten" konnte.
Zwei größere Wanderungen zu nahegelegenen kulturellen Sehenswürdigkeiten ergänzten diese etwas beschaulicheren Tage und befriedigten endlich ausreichend meine Neugierde.
Ausgesprochen spannend war es für mich, daß ich es ohne große Anstrengung erreichte, mich im sanitären Bereich schnellstens zurechtzufinden. Mein Mann "setzte mich vor der Tür der -Damskis- ab", dann war ich auf mich gestellt, wenn nicht zufällig eine der netten Mitradlerinnen zugegen war oder mich überhaupt problemlos mitgenommen oder aufgesammelt hatte. Ich erlebte, zu meiner großen Verwunderung, daß für viele Polen in Masuren auf den Campingplätzen dort mein weißer Stock nicht sofort als Signal "Blindheit" verstanden wurde. ich spreche kein polnisch - wie sollten also die anderen mich als Deutsche identifizieren - Aber trotz der gemeinsamen Sprachbarriere - empfand ich niemanden als vereinnehmend, fremdbestimmend oder als "lästig" sondern vorsichtig, erstaunt, dann aber die Einfühlung suchend.
Stolz bin ich noch heute darauf, daß ich es locker erreichte, meinem Mann sowie der Gruppe und dem Reiseleiter gegenüber meine Bedürfnisse und Wünsche so klar zu äußern, daß sie auch entsprechend locker verstanden und nicht als lästig interpretiert wurden. Dies schließt die schwierigen nächtlichen Clöchentouren ein wie das alltägliche Picknick, Inspektionen von Häusern, Gärten, Bäumen, Feldrainen, bis zu mal unsere müden Radlerknochen vom Rucksack durch noch unverbrauchte starke Männermuskeln entlasten und und und. Ich hatte auch beim gemeinsamen Nachtreffen unserer "Truppe" das Gefühl, eine der ihren zu sein, und doch den Funken des besonderen Umgangs zu bekommen, den ich eben brauche, um mich wohl zu fühlen, wie z. B. die Anrede per Namen, ein lautes "Ja" statt eines Nickens, oder beim Picknick der Hinweis auf meine geliebte Nußcreme und vieles mehr.
Auch im nachhinein betrachtet, würde ich so eine Tour jederzeit wiederholen. Ich möchte mit diesen Zeilen allen Mut machen, selber so ein Abenteuer zu wagen: es bringt viel Spaß, die körperlich anstrengenden Radeltage ließen viel angestauten Streß des Jahres von mir fallen. Der Reiseunternehmer versicherte mir, er sei auch jederzeit zu einem neuen Wagnis mit Blinden bereit, auch mit einer ganzen Gruppe. Für Informationen stehe ich gerne zur Verfügung.
Cordula von Brandis-Stiehl, Gabelsbergerstr. 28 B, 35037 Marburg; Tel.: 06421/68.32.18
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