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Andreas Zschocke: Gastaufenthalt beim Modellversuch "Informatik für Blinde" an der Universität Linz

1. Die Universität Linz und der Modellversuch "Informatik für Blinde" - Studienmöglichkeiten und -bedingungen für Sehgeschädigte

Die Johannes-Kepler-Universität Linz bietet ihren derzeitigen 17.000 Studierenden mit ihren drei Fakultäten und zahlreichen Instituten eine Vielzahl von Studienmöglichkeiten an. Für einen Sehgeschädigten sind aus meiner Sicht folgende Fachrichtungen besonders interessant:

- die gesamte Angebotsbreite der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, die vom Arbeits- bis zum Europarecht reicht,

- die Sozial- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät mit den Instituten für Pädagogik und Psychologie, Soziologie, Fachsprachen, Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre und Datenverarbeitung und

- die Technisch-Naturwissenschaftliche Fakultät mit den Instituten für Informatik, Mathematik und Physik

Hinzu kommt noch die günstige Lage des Campus. Auf dem Universitätsgelände befinden sich neben allen Fakultäten und Instituten, die Universitätsbibliothek und eine Mensa. Direkt an den Campus grenzen zahlreiche Universitätssportanlagen und drei Internate. Zwei weitere Studentenwohnheime, darunter auch das mit 700 Plätzen größte, sind nur etwa zehn Gehminuten entfernt. Die Universität ist ebenfalls gut an das Netz der öffentlichen Nahverkehrsmittel angeschlossen, was besonders vorteilhaft für Blinde und Sehbehinderte ist. So fährt bespielsweise eine Straßenbahn direkt in die historische Innenstadt von Linz.

Zu diesen günstigen "äußeren" Studienbedingungen kommt noch die tatkräftige Unterstützung von sehgeschädigter Studierender durch die Arbeitsgruppe "Informatik für Blinde".

Der Modellversuch "Informatik für Blinde" 1) besteht seit 1991 und gehört zum Institut für Informatik. Die Mitarbeiter des Modellversuches sind Mario Batusic, Dr. Franz Burger, Priska Feichtenschlager, Mag. Klaus Miesenberger, Dipl. Ing. Bernhard Stoeger und Mag. Gerold Wagner.

Die Arbeitsgruppe bietet blinden und sehbehinderten Studierenden pädagogische und technische Unterstützung mit dem Ziel, ein integriertes Studium unter gleichen Bedingungen und in der gleichen Zeit für alle zu bieten. Zur Zeit werden Studierende in den Fachrichtungen Datentechnik, Informatik, Jura und Wirtschaftsinformatik sowie im Studienberechtigungslehrgang 2) unterstützt. Langfristig soll natürlich das gesamte Studienangebot der Universität Linz angeboten werden.

Im Arbeitsraum der Mitarbeiter befindet sich ein speziell für Studierende bzw. Tutoren eingerichteter Arbeitsplatz. Dieser besteht aus einem Pentium-PC der neuesten Generation, einem 17-Zoll-Monitor mit Vergrößerungssoftware, einer Braille-Zeile der Firma Papenmeier, einem CD-ROM-Laufwerk und einem Flachbrettscanner. Weiterhin gibt es einen Schwellkopierer, einen Braille-Drucker und drei Lesegeräte, die über das Campusgelände verteilt sind. Ein weiterer adaptierter Computer steht in der Universitätsbibliothek, der mit einem 20-Zoll-Großbildschirm und einer Baum-Braille-Zeile mit integrierter Sprachausgabe ausgestattet ist. Beide Arbeitsplätze sind mit dem lokalen Novell-Netz des MVB, das wiederum mit dem Universitätsnetzwerk und damit auch dem Internet verbunden ist. So können die Studierende jederzeit auf die aufbereiteten Studienmaterialien zugreifen und verschiedene andere Informationsdienste nutzen, wie das österreichische und das interne Telefonbuch, das Vorlesungsverzeichnis oder den aktuellen Speisplan der Mensa. Natürlich stehen auch alle Netzdienste des Internets, unter anderem das World Wide Web und das Versenden von E-Mails, zur Verfügung.

Da in fast allen Studentenwohnheimen Internet-Zugänge vorhanden sind und die Studierenden somit auch von zu Hause an die Studienunterlagen kommen, werden die Arbeitsplätze vornehmlich von den Tutoren genutzt. Tutoren sind Studierende in höheren Semestern, die die Aufgabe haben, Bücher, Skripte, Übungsaufgaben oder Folien blindengerecht digital aufzubereiten. Sind schon digitale Dokumente vorhanden, müssen diese noch in ein geeignetes Format konvertiert (bei mathematschen Formeln oder Tabellen) oder entsprechend umgesetzt werden (hauptsächlich bei Diagrammen oder Grafiken).

Die Mitarbeiter des Modellversuches helfen auch bei der Suche von Betriebspraktikumsplätzen, um den Übergang in die spätere Arbeitswelt zu erleichtern.

Abschließend möchte ich noch unbedingt darauf hinweisen, daß ein Gastsemester in Linz im Rahmen eines Austauschprogrammes wie ERASMUS ohne weiteres möglich und auf alle Fälle empfehlenswert ist. Weitere Informationen für einen eventuellen Studentenaustausch sind beim Auslandsbüro der Zentralen Verwaltung der Universität Linz 3) und dem Österreichischen Akademischen Austauschdienst 4) zu erhalten oder im WWW unter der Adresse www.udion.uni-linz.ac.at/auslandb/welcome.htm zu finden.

2. Das TESTLAB-Projekt

Kurze Projektbeschreibung

Am TESTLAB-Projekt (Testing Systems using Telematics for Library Access for Blind and visually handicapped Readers) sind neben Österreich noch England, Griechenland, Irland, Italien und die Niederlande beteiligt. Das Projekt der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, Forschungsprogramm Telematik-Bibliotheken, begann bereits im letzten Jahr und wird noch ein Jahr laufen.

Im Verlauf des TESTLAB-Projektes werden 18 öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken so mit adaptierten Arbeitsplätzen ausgestattet, daß auch Sehgeschädigte die Möglichkeit erhalten, auf elektronische Kataloge, Datenbanken und Dokumente zuzugreifen. Diese Bibliotheksarbeitsplätze sind das Ergebnis des EXLIB-Projektes (Expansion of European Library Services for the Visually Disadvantaged) und den Bedürfnissen der behinderten Nutzer anzupassen.

Jedes der sechs Teilnehmerländer verfolgt unterschiedliche Teilziele, da die Ausgangspositionen zu unterschiedlich sind. Beispielsweise gibt es in Griechenland bisher nur wenige Erfahrungen auf diesem Gebiet, so daß erst einmal die Zugangsmöglichkeiten zu elektronischen Bibliothekskatalogen für Blinde und Sehbehinderte untersucht werden sollen. Im Gegensatz dazu existieren in Irland schon einige Blindenbibliotheken. Darum beschäftigt sich die irische Projektgruppe mit der Eingliederung dieser Spezialbibliotheken in das Netz der öffentlichen Bibliotheken.

In Österreich nehmen an dem Projekt die Universitätsbibliothek der Karl-Franzens-Universität Graz und der Linzer Modellversuch "Informatik für Blinde" unter Leitung von Dr. Franz Burger teil. Der Ansprechpartner in Graz ist Bruno Sperl 5). Die Österreicher haben sich neben dem Projektziel das Ziel gesetzt, einen gesamtösterreichischen Bibliothekskatalog für Literatur in alternativen Formen zu erstellen und diesen als WWW-Service im Internet für alle zugänglich zu machen. Dieser Katalog soll besonders den Bedürfnissen von blinden und sehbehinderten Benutzern angepaßt sein.

Weitere Informationen zu TESTLAB sind auf den WWW-Seiten des Projektkoordinators (www.svb.nl) und des Modellversuches (www.mvblind.uni-linz.ac.at) zu finden.

3. Mathematik für Blinde

In einem weiteren Projekt versuchen die Mitarbeiter des Modellversuches zusammen mit dem Forschungsinstitut RISC (Research Institute for Symbolic Computation), Hagenberg, den Zugang zu mathematischen und technisch-naturwissenschaftlichen Dokumenten für Blinde und Sehbehinderte zu verbessern. Das Projekt "Mathematik für Blinde" wurde durch den österreichischen Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) gefördert. Leider wurde einer Verlängerung des Projektes über den 31. Oktober 1997 hinaus nicht zugestimmt, so daß die Linzer jetzt auf der Suche nach einer neuen Geldquelle sind.

Innerhalb des Projektes implementierte Mario Batusic ein Konvertierungsprogramm von LaTeX-Texten in entsprechenden Braille-Mathematikcode. LaTeX ist ein Textsatzsystem, das oft für das Schreiben von wissenschaftlichen Texten mit mathematischen Formeln verwendet wird. Im deutschsprachigem Raum gibt es unterschiedliche Mathematiknotationen. Neben der ASCII-Mathematikschrift, die an den Universitäten von Karlsruhe und Dresden entwickelt wurde, und der Stuttgarter Mathematikschrift ist das Marburger System am weitesten verbreitet. Aus diesem Grund hat sich Mario Batusic für eine Konvertierung in die Marburger Systematik entschieden. Mit dem Programm können sowohl LaTeX-Dokumente auf einer Braille-Zeile gelesen werden, als auch auf einem Braille-Drucker ausgedruckt werden.

4. Graphical User Interfaces für Blinde

Bernhard Stoeger befaßt sich seit etwa zweieinhalb Jahren mit den Zugangsmöglichkeiten zu grafischen Benutzeroberflächen für Blinde am Beispiel von MS Windows 95.

Alle zur Zeit angebotenen Lösungen können in zwei Gruppen eingeteilt werden. Zur ersten Gruppe gehören sogenannte Screenreader-Systeme, die versuchen, den gesamten, sichtbaren Bildschirminhalt so genau wie möglich nachzubilden. Diese Art von Programmen stammt noch aus der Zeit der textorientierten Arbeit unter MS-DOS und ist meiner Meinug nach keine gute Möglichkeit, Blinden die Windows-Welt zu öffnen, da das Konzept von Windows nur wenig umgesetzt wurde. Eine Alternative stellen Systeme dar, die jeweils nur das aktive Fenster und dessen Elemente auf der Braille-Zeile sichtbar machen.

Bernhard Stoeger hat sich für VIRGO (Virtuelle Grafische Oberfläche) der Firma Baum entschieden, da es zum einen der zweiten Gruppe zuzurechnen ist und zum anderen mit allen verfügbaren Braille-Zeilen ohne Probleme zusammenarbeitet. VIRGO stellt die Benutzeroberfläche von Windows als Baumstruktur dar, in der mit Hilfe des Nummernblocks sehr einfach navigiert werden kann. Auf der höchsten Ebene sind immer die Steuerelemente des aktuellen Fensters zu finden. Zu den Steuerelementen zählen beispielsweise Titelleiste, Menuepunkte, Schaltflächen, Eingabefelder oder statische Elemente. Innerhalb dieser Ebene kann zwischen den einzelnen Elementen hin- und hergeschalten werden. Auf der Braille-Zeile ist immer das aktuelle Steuerelement mit einer Kennzeichnung der Elementart und seiner Bezeichnung abgebildet.

Das Problem bei VIRGO besteht darin, daß nur genormte Steuerelemente erkannt werden. Sobald dies nicht der Fall ist, ist eine Navigation in einem unbekannten Programm sehr schwer, da Blinde die einzelnen Elemente nicht mehr unterscheiden können. Hinzu kommt noch, daß es mindenstens zwei verschiedene Klassenbibliotheken zur Entwicklung von Windowsprogrammen gibt.

Dies sind die Mircosoft Foundation Class (MFC) von Microsoft und die Object Window Library (OWL) von Borland. Um dem zu begegnen, stellt VIRGO ein Customization-Tool zur Verfügung, mit dem eine Neuanpassung möglich ist. Dieses Tool ist aber schlecht dokumentiert und kann meiner Ansicht nach nur von sehr erfahrenen Windowsbenutzerinnen und -benutzern (am besten Programmierer/in) verwendet werden.

Bernhard Stoeger hat für seine wichtigsten Arbeitsprogramme solche Anpassungen geschrieben, so daß beispielsweise der von Gerold Wagner implementierte OPAC aus Abschnitt 2.3 jetzt auch von unerfahrenen Benutzerinnen und Benutzern bedienbar ist.

VIRGO ist meiner Meinung nach ein guter Ansatz für die Zugänglichkeit zu grafischen Bedienoberflächen durch Blinde. Trotzdem muß aber noch sehr viel auf diesem Gebiet getan werden, um ein fensterorientiertes Arbeiten blinden Menschen zu ermöglichen und zu erleichtern.

5. Resüme des Gastaufenthaltes

Für mich war der Gastaufenthalt an der Universität Linz sehr lehrreich und hoch interessant. Ich habe mit Freude gesehen, wie auch in Österreich versucht wird, Blinden und Sehbehinderten ein integriertes Studium mit möglichst gleichen Studienbedingungen für alle zu ermöglichen.

Ich hoffe, daß mein Besuch dazubeigetragen hat, daß die Zusammenarbeit zwischen der Arbeitsgruppe "Studium für Blinde und Sehbehinderte" an der Technischen Universität Dresden und dem Linzer Modellversuch "Informatik für Blinde" weiter intensiviert wird und ein regelmäßiger Informationsaustausch über beispielsweise die Verbesserung der Studienbedingungen für Sehgeschädigte stattfinden wird.

Literaturverzeichnis

[1] Broschüre zum Modellversuch "Informatik für Blinde" des Instituts für Informatik der Johannes-Kepler-Universität Linz, Linz

[2] Broschüre zum TESTLAB-Projekt, Linz, 1996

[3] Burger, Franz: Report on OPAC access by visually handicapped users, Deliverable Number: D4-1, (16/12/1996)

[4] WWW-Seiten der Johannes-Kepler-Universität Linz www.uni-linz.ac.at, Stand Septemer 1997

[5] WWW-Seiten des Modellversuches "Informatik für Blinde" www.mvblind.uni-linz.ac.at, Stand September 1997

Fußnoten:

1) Johannes-Kepler-Universität Linz, Modellversuch "Informatik für Blinde", Altenbergerstrasse 69, A-4040 Linz, Österreich, Tel.: +43.732.2468.9262, Fax: +43.732.2468.9322, E-Mail: info@mvblind.uni-linz.ac.at)

2) In Österreich kann auch ohne abgelegte Reifeprüfung nach dem Bestehen einer Studienberechtigungsprüfung in der entsprechenden Fachrichtung studiert werden.

3) Auslandsbüro der Zentralen Verwaltung, Altenberger Straße 69, A-4040 Linz, Tel.: +43.732.2468.3292, Fax: +43.732.2468.3294, E-Mail: auslandsbuero@udion.uni-linz.ac.at

4) Österreichischer Akademischer Austauschdienst, Geschäftsstelle Linz, Schloß Auhof, Altenberger Straße 69, A-4040 Linz, Tel.: +43.732.2468.870, Fax: +43.732.2468.9676, E-Mail: oead@udion.uni-linz.ac.at

5) Bruno Sperl, Universitätsbibliothek Graz, Merangasse 70, A-8010 Graz, Tel.: +43.316.380.1458, E-Mail: bruno.sperl@kfunigraz.ac.at

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