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Jürgen Nagel: Sehbehindertenfreundliche Gestaltung des öffentlichen Raums

Bericht zur Tagung der "Arbeitsgruppe Umwelt und Verkehr" der "Arbeitsgemeinschaft Orientierung und Mobilität" des VBS vom 18. bis 20.9.1997 in Speyer

Bereits ein Jahr zuvor hatte die Arbeitsgruppe ein Seminar zum Thema: "Blinden- und sehbehindertengerechte Gestaltung des öffentlichen Raums" mit den inhaltlichen Schwerpunkten Zusatzeinrichtungen an Lichtzeichensignalanlagen und Bodenindikatoren für 15 Teilnehmer in Stuttgart durchgeführt.

In Stuttgart wurde von den Teilnehmern das Interesse an einer Folgeveranstaltung unter dem Aspekt der besonderen Fragestellungen zur sehbehindertenfreundlichen Gestaltung des öffentlichen Raums geäußert.

So begrüßte die Leiterin der Arbeitsgruppe und Organisatorin des Seminars Frau Dipl. Päd. Dorothée Wöhrle, Rehabilitationseinrichtung für Sehgeschädigte der Deutschen Blindenstudienanstalt Marburg, am 18.9.1997 dreißig Tagungsteilnehmer in Speyer.

Die Veranstaltung eröffnete Herr Dipl. Päd., M. A. Kurt Klee, Fokus e.V. Marburg, mit einem Vortrag zum Thema "Eine funktionelle Klassifikation unterschiedlicher Sehstörungen". Zu Beginn seiner Ausführungen wies Herr Klee ausdrücklich darauf hin, wie illusionär die Vorstellung ist, wenn man glaube, es gäbe den prototypischen sehbehinderten Klienten und damit die sehbehindertenfreundliche Gestaltung.

Herr Klee bevorzugte auch aus diesem Grund den Begriff der sehfreundlichen Gestaltung.

In der Folge stellte Herr Klee die wesentlichen Faktoren der Sehleistung (Sehschärfe, Gesichtsfeld, Farb- und Kontrastwahrnehmung, Augenmotilität und zentrale Mechanismen) vor, wobei er den Bereichen Sehschärfe und Gesichtsfeld besondere Aufmerksamkeit widmete. Er differenzierte beim Gesichtsfeld zwischen zentralen und peripheren Schädigungen.

Mit Hilfe des Erklärungsmodells "Störung, Schädigung, Beeinträchtigung und Behinderung" zeigte Herr Klee mit praktischen Beispielen auf, welche Störung der Sehleistung zu welchen funktionellen Problemen führt und wo die entsprechenden Anforderungen an eine sehfreundliche Gestaltung liegen.

Abschließend wies Herr Klee nach, daß neben den Möglichkeiten im Bereich der sehfreundlichen Umweltgestaltung die Förderung der persönlichen Kompetenz von sehbehinderten Klienten, z.B. durch einen Unterricht in O&M ein zweiter wesentlicher Ansatz ist, der u.a. durch den Einsatz von optischen und ergonomischen Hilfsmitteln ergänzt werden kann.

Im Anschluß stellte Frau Manuela Myszka (Berlin), selbst sehbehindert, unter der Überschrift "Alltagsprobleme einer Sehbehinderten - Beobachtungen und Vorschläge zur Gestaltung des Innen- und Außenbereiches" eine ganze Palette von Problemsituationen und Lösungsansätzen aus der Sicht einer betroffenen Person vor.

Von besonderer Bedeutung waren dabei die Bereiche:

- unzureichend vom Gehweg abgetrennte Radwege

- schwer zu lokalisierende Überquerungsorte

- verkehrsberuhigte Zonen und Spielstraßen ohne eindeutige Wegeführung für Fußgänger

- Plätze und komplexe Kreuzungen (fehlende Informationen zur Übersicht und zu Überquerungsorten)

- Hindernisse auf Gehwegen wie Poller (sehr häufig kaum wahrnehmbar)

- Absperrungen mit Flatterbändern, Baugerüste

- Fahrradständer, Telefonzellen und Einkaufsbereiche mit spiegelnden Flächen

- Treppen/Rolltreppen

Für alle genannten Bereiche gilt, daß häufig Veränderungen durch z. B. stärkere Be- und Ausleuchtung von Räumen und Bereichen, sowie Farb- und Kontrastgestaltung (zur besseren Differenzierung verschiedener Flächen und Bereiche) sich für viele Sehbehinderte sehr positiv auswirken.

Darüber hinaus hat die Vermeidung von gefährlichen Situationen, z.B. Hindernisse auf Gehwegen, wie Fahrradständer, Poller etc., eine hervorzuhebende Bedeutung für die sichere Fortbewegung Sehbehinderter, die die genannten Hindernisse häufig visuell nicht oder erst sehr spät vor einem möglichen Zusammenstoß wahrnehmen können.

Informationen in der Umwelt, wie z.B. Beschilderungen und Fahrpläne, sollten stets in Augenhöhe angebracht sein und hinsichtlich Größe, Farbe und Kontrast den Bedürfnissen angepaßt und spiegelungsfrei sein.

Eine besondere Gefahr besteht bei Türen aus Glas, die im öffentlichen Raum sehr häufig anzutreffen sind. Solche Türen müssen mit eindeutig wahrnehmbaren Markierungen (z.B. deutlich abgesetzte Handläufe) versehen werden, um die Gefahr des Zusammenstoßes zu vermeiden. Für den gesamten Außenbereich ist es von besonderer Wichtigkeit, die Wegbegrenzungen zwischen Fußgängerbereichen, Straßen und Radwegen durch visuell gut wahrnehmbare Bordsteine oder Markierungen eindeutig zu gestalten, um die Orientierung zu erleichtern und um Gefahrensituationen zu vermeiden. Für den Bereich der öffentlichen Verkehrsmittel machte Frau Myszka Vorschläge für die Gestaltung von Haltestellenbereichen und für eine sehfreundliche Gestaltung des Innenraumes der jeweiligen Verkehrsmittel. Frau Myszka betonte zum Schluß ihres Vortrages, wie wichtig es sei, Betroffene in die jeweiligen Diskussionen einzubeziehen, was leider noch lange nicht üblich ist.

Ein umfangreiches Referat zum Thema "Gestaltung der visuellen und taktilen Umwelt für sehbehinderte Menschen - Grundlagen und praktische Anwendung" hielt Herr Prof. Dr. rer. nat. habil. Wilfried Echterhoff, Bergische Universität und Gesamthochschule Wuppertal. Seit vielen Jahren ist Herr Echterhoff in verschiedenen Forschungsprojekten mit Fragen der Verkehrsforschung und Verkehrserziehung beschäftigt.

Bei seinem Referat bezog Herr Echterhoff sich im wesentlichen auf das unter seiner Federführung erstellte Handbuch für Planer und Praktiker zur "Verbesserung von visuellen Informationen im öffentlichen Raum", herausgegeben vom Bundesministerium für Gesundheit (als Buch oder CD-ROM erhältlich im Buchhandel ISBN Nr. 3-926181-28-1).

Eingangs referierte Herr Echterhoff die Problembereiche für Sehbehinderte im öffentlichen Raum und erläuterte relevante Zusammenhänge zur Wahrnehmungspsychologie. Wesentlich in diesem Zusammenhang ist, daß sehbehinderte Menschen mit anderen Vorkenntnissen und Erwartungen, also anderen Hypothesen im Bereich der persönlichen Orientierung arbeiten als nichtsehbehinderte Menschen. Förderung in diesem Bereich heißt demzufolge neue Hypothesen zu entwickeln und mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu prüfen, ob die Erwartung zutreffend ist. Das schon erwähnte Handbuch wurde systematisch unter Berücksichtigung von drei Prioritäten erstellt. Umweltbereiche mit der Priorität 1 erhielten Informationen zur Warnung vor Gefahren und Hinweise für Notfälle.

Priorität 2 erhielten Informationen mit Entscheidungsfunktion und Priorität 3 erhielten Informationen, die Leitfunktion übernehmen.

Beispiel für Bereiche mit der Priorität 1 sind unerwartete Übergänge zwischen Gehwegen und der Fahrbahn, Haltestellenwarteflächen, Treppenabtritte, Kennzeichnungen für Rettungswege, Notfalleinrichtungen und Gehwege in Baustellenbereichen.

Unter die Priorität 2 fallen Bereiche wie Fahrpläne, Beschilderungen, Linien- und Zielbeschreibungen bei öffentlichen Verkehrsmitteln sowie Hinweis- und Informationstafeln.

Die Priorität 3 zeichnet sich dadurch aus, daß in diesen Situationen i.d.R. ausreichend Zeit für den Fußgänger zur Verfügung steht und beinhaltet Umweltbereiche, in denen z.B. kontinuierliche Leitstreifen zur Kennzeichnung von Wegen verwendet werden, wo also Informationen wiederholt auftauchen.

Mit Hilfe von Dias gab Herr Echterhoff anschauliche Beispielsituationen für alle genannten Prioritäten. Für die Verbesserung der notwendigen visuellen Informationen im öffentlichen Raum ist es erforderlich, in diesen Bereichen die zunächst gegebenen Kontrastwerte und Leuchtdichtewerte zu messen und je nach Ergebnis festzulegen, welche Werte im Rahmen einer Umgestaltung notwendig sind.

Dem über diesen Bericht hinaus interessierten Leser sei das schon erwähnte Handbuch noch einmal empfohlen. Es ist das einzige im deutschsprachigen Bereich vorliegende Werk, in dem wissenschaftlich ermittelte Ergebnisse zur Verbesserung der visuellen Gestaltung mit Hilfe von Farbe, Licht, Kontrast und Größe nachzulesen sind.

Den Abschluß dieses Beitrages bildete die Arbeit in Kleingruppen, um unterschiedliche Problemfelder wie z.B. Treppen, Hindernisse und Kaufhausgestaltung unter Berücksichtigung der neu erworbenen Erkenntnisse zu bearbeiten und anschließend im Plenum vorzustellen.

Unter der Überschrift "Sehbehindertenfreundliche Lichttechnik - Maßstäbe für den Alltag" referierte Herr Dipl. Physiker Eickhorst, Ingenieur und Lichttechniker, Hamburg, der in seiner Firma u.a. auch spezielle Beleuchtungskörper für Sehbehinderte herstellt.

Einführend erläuterte Herr Eickhorst wesentliche Begriffe wie Lux, Lichtstärke, Helligkeit, Lichtspektrum, Lichtfarben etc. und den Zusammenhang zur Sehleistung. Sehkomfort heißt auch gute Beleuchtung und ist von folgenden Faktoren abhängig: Helligkeitsverteilung, Richtung, Schattigkeit, Lichtfarbe, Farbwiedergabe, Beleuchtungsniveau, Blendung und Begrenzung. An einigen Beispielen erläuterte Herr Eickhorst das Zusammenspiel der beteiligten Faktoren.

Als prinzipiell ungeeignet für die Ausleuchtung von Arbeitsplätzen - wie z.B. einen Schreibtisch - bezeichnete Herr Eickhorst Halogenlicht wegen der hohen Wärmeabgabe und - wenn auch mit Abstrichen - Glühlampen.

Geeignet sind modernere Leuchtstoffröhren, die neben dem Vorzug der sehr geringen Wärmeabgabe einen äußerst niedrigen Stromverbrauch haben. An verschiedenen Beispielen zeigte Herr Eickhorst auf, daß die Qualität des Lichtes in hohem Maß von der Lichtfarbe abhängig ist. Weil Licht nur dann sichtbar wird, wenn es auf eine Fläche trifft, ist die jeweilige Farbgestaltung dieser reflektierenden Fläche ein weiterer Faktor für die individuell wahrzunehmende Qualität des Lichts.

Nach dem Vortrag bestand für alle Teilnehmer die Möglichkeit, verschiedene Arbeitsplatz-Leuchten mit unterschiedlichen Lampen auszuprobieren. Besonderen Anklang fand dabei eine Arbeitsplatzleuchte mit zwei verschiedenen Leuchtstoffröhren, die sich deutlich in der Lichtfarbe unterschieden. Zudem konnte die Lichtstärke der einzelnen Leuchtstoffröhren mit einem Dimmer stufenlos gesteuert werden. In Abhängigkeit des zu beleuchtenden Objekts war es mit dieser Arbeitsplatzbeleuchtung möglich, sehr viele verschiedene Qualitäten "guten Lichts" herzustellen.

Der letzte Tag wurde von Herrn Dipl. Psychologe Wilfried Laufenberg, Medienzentrum der Carl-Strehl-Schule der Deutschen Blindenstudienanstalt e.V. Marburg, mit einem Referat unter dem Titel "Von der Handskizze zum digitalen Plan - Orientierungshilfen für Sehbehinderte" eröffnet.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen unterschiedliche gestalterische Aspekte für eine sehbehindertenfreundliche Gestaltung von Plänen wie:

- Zielgruppe für den Plan

- Zielsetzung des Plans

- Maßstabsfragen

- Farbkombinationen und Kontrastgestaltung

- Informationsmenge

- Größe des Plans

- Sollen oder können optische Hilfsmittel verwendet werden-

Eine wesentliche Voraussetzung für einen effektiven Gebrauch von Plänen ist, daß entsprechende Strategien und Techniken zunächst gelernt werden müssen. Angemessene Systematiken und Prinzipien müssen bekannt und vertraut sein, damit der Planleser auch einen Nutzen aus der Darstellung ziehen kann.

Allgemeine moderne Entwicklungen, wie z.B. die Erstellung digitalisierter Pläne erlauben künftig neue, dem einzelnen Nutzer und seinen Bedürfnissen entgegenkommende Herstellungstechniken.

Zur Zeit ist diese Art der Herstellung von Plänen für Sehbehinderte noch teuer und aufwendig.

Die Gründe dafür sind, daß die entsprechenden Vorlagen zunächst käuflich erworben werden müssen und eine individuelle Umgestaltung mit:

- Maßstabsveränderungen

- veränderter Farbgebung

- Auswahl von Ausschnitten

- Entfernen evtl. überflüssiger Informationen

- Einfügen relevanter Informationen

noch sehr viel Arbeit bedeutet.

Anhand einer großen Auswahl von Plänen, die Herr Laufenberg vorstellte, wurde einerseits deutlich, daß der individuelle Bedarf der Sehbehinderten sehr unterschiedlich ist.

Andererseits zeigte sich, daß auf dem Gebiet der Herstellung solcher Pläne noch wenig inhaltliche Übereinkünfte bei den Produzenten getroffen worden sind.

Den Abschluß der Tagung bildete ein sehr anschaulicher Vortrag zum Thema "Die sehbehindertengerechte Gestaltung von Treppen", den Herr Dipl. Päd. Dietmar Böhringer, Nikolauspflege Stuttgart, hielt.

Die Teilnehmer, die dachten, zu diesem Thema wisse man genug, wurden eines besseren belehrt. Zunächst wies Herr Böhringer anhand einer von ihm durchgeführten Umfrage nach, daß Treppen für sehbehinderte und insbesondere für hochgradig sehbehinderte Personen eine wesentlich höhere Verletzungsgefahr darstellen als für Sehende. Zur Thematik selbst existieren zwar Vorschriften, wie z.B. in der DIN Norm 18024, in der Sicherheitsaspekte wie Treppenverlauf, Handlauf etc. geregelt sind.

Von einer Kontrastgestaltung ist dort jedoch keine Rede. Mit Hilfe diverser Dias zeigte Herr Böhringer den insbesondere für Sehbehinderte wesentlichen Zusammenhang zwischen der farblichen Gestaltung der Treppenstufen selbst und dem Bereich davor bzw. danach auf. Es wurde mehr als deutlich, daß nicht jede Treppenmarkierung den angestrebten Zweck erfüllt.

In den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellte Herr Böhringer die Frage der Stufenmarkierungen.

- Sollen alle Stufen oder lediglich die erste und letzte Stufe markiert sein-

- Wie sollte die ideale Markierung aussehen-

Dazu hat Herr Böhringer in seiner Einrichtung eine kleine Untersuchung durchgeführt, und er kommt zu folgenden Ergebnissen:

Die Wünsche und Vorstellungen von Sehbehinderten sind zwar unterschiedlich, aber:

- alle Stufen sollten unmittelbar oben auf der Vorderkante kontrastierend markiert sein und

- die Markierungen sollten eine Breite von mindestens 2 cm und maximal 7 cm haben.

- die Markierungen selbst sollten einfarbig sein.

Wenn alle Stufen einer Treppe markiert sind, profitiert insbesondere der sehbehinderte Fußgänger schon beim Herangehen an die Treppe von der visuell sehr deutlichen dynamischen Entwicklung des Gebildes Treppe. Mit Hilfe verschiedener Dias konnte Herr Böhringer den Tagungsteilnehmern diesen dynamischen Prozeß nachvollziehbar verdeutlichen.

Als sehr gut geeignetes Material für die Markierung von Treppenstufen bezeichnete Herr Böhringer Kaltplastikmasse, da dieses Material insbesondere unter dem Aspekt der Haltbarkeit sehr empfehlenswert ist.

Neben der Markierung der Treppenvorderkanten sind im Zusammenhang einer sehbehindertenfreundlichen Gestaltung die Aspekte zu beachten:

- Beleuchtung

- Kontrast zur unmittelbaren Umgebung

- Gestaltung der Handläufe

- Gefahr des Unterlaufens von Treppen

- Durchgehende Stufen

- Verwendung von Aufmerksamkeitsfeldern, um Treppenbeginn und -ende visuell und taktil zu markieren.

Diskussionsbedarf besteht weiterhin in der Frage, ob auch die Stirnseiten von Treppen einer Markierung bedürfen - und, wenn ja, wie die optimale Markierung dafür gestaltet sein sollte.

Ein herzliches Dankeschön zum Schluß der Tagung und dieses Berichtes galt bzw. gilt der Arbeitsgruppe Umwelt & Verkehr, insbesondere der Leiterin Frau Wöhrle, der es mit Hilfe fachkundiger und engagierter Referenten in hervorragender Weise gelungen ist, ein interessantes und abwechslungsreiches Programm für die Teilnehmer zu organisieren. Die nächste Tagung der "Arbeitsgruppe Umwelt & Verkehr" wird wegen des VBS-Kongresses 1998 voraussichtlich erst 1999 stattfinden.

Das Thema, der Ort und das Datum werden rechtzeitig angekündigt.

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