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Jürgen Nagel: "Mein Kind wird selbständig - was nun-"

Bericht zum Seminar für Eltern blinder Kinder der Rehabilitationseinrichtung für Sehgeschädigte - RES - der Deutschen Blindenstudienanstalt Marburg

Am 15. und 16.11.1997 fand in Marburg ein Seminar für Eltern blinder Kinder statt, die nicht die "Carl-Strehl-Schule" der Deutschen Blindenstudienanstalt e. V. besuchen. Auslöser dafür waren mehrere Anfragen von Eltern, deren Kinder die Regelschule besuchen, ob es nicht möglich sei, Elternseminare zu den Themenbereichen "Orientierung und Mobilität und Lebenspraktische Fertigkeiten" anzubieten. Die Eltern wünschten sich praktische Inhalte, die es ihnen erlauben sollen, ihre Kinder bei der Bewältigung alltäglicher Aufgaben und Probleme zu unterstützen.

Nach der Durchführung einer Fragebogenaktion mit der Zielsetzung, den Interessentenkreis und konkrete Interessen zu erfahren, hatten wir uns dazu entschlossen, zunächst ein Seminar mit dem Schwerpunkt im Bereich der "Lebenspraktischen Fertigkeiten" anzubieten.

Statt der geplanten 15 Personen nahmen schließlich 26 Mütter und Väter blinder Kinder an der Fortbildung teil, nachdem wir den interessierten Eltern und den Elternverbänden ein Programm für das Wochenende zugeschickt hatten. Die starke Nachfrage hatte unsere Vermutung, daß seitens der Elternschaft ein großer Bedarf an solchen Veranstaltungen besteht, also schon im Vorfeld bestätigt.

Ungefähr die Hälfte der Teilnehmer war aus dem Bundesland Hessen, die andere Hälfte kam aus Rheinland-Pfalz, dem Saarland und aus Baden-Württemberg, eine Teilnehmerin hat auch die weite Anreise aus Wien nicht gescheut.

Pünktlich um 10.00 Uhr waren am 15.11.1997 alle Eltern eingetroffen, und unmittelbar nach der Begrüßung wurde ein einführendes Referat mit dem Titel "Was ist eigentlich LPF -" gehalten. Die Demonstration einzelner Hilfsmittel veranschaulichte den Eltern dabei die verschiedenen LPF-Inhalte, und die Menge der gestellten Fragen zeigte uns schon zu Beginn des Seminars das große Interesse und die hohe Motivation der Teilnehmer.

Ein anschließendes Mittagessen unter der Augenbinde hat vielen Eltern in der Tat "die Augen für die vorhandenen Probleme der Kinder geöffnet". Die an die Augenbindenerfahrung anschließende Demonstration angemessener Vorgehensweisen und Techniken wurde von den Eltern als hilfreich und "für zu Hause" umsetzbar erlebt.

Am Samstagnachmittag haben wir den Versuch gestartet, den Eltern einen Lösungsansatz vorzustellen, der es ihnen ermöglicht, sich selbständig Lösungen für konkrete Alltagsprobleme ihrer Kinder zu erarbeiten.

Die darauf folgende Arbeit in vier Kleingruppen machte deutlich, daß dieser Ansatz für die Eltern sehr praktikabel war. Anhand von konkreten Beispielen wie "Schließen von Knöpfen, Binden eines Schuhs, Anziehen einer Jacke und Beschmieren eines Brötchens" haben die Eltern funktionierende Lösungsansätze entwickelt. Im einzelnen ging es darum, die jeweilige Handlung zuerst selbst unter der Augenbinde auszuprobieren bzw. andere Teilnehmer dabei zu beobachten. Das Ziel war, den Handlungsablauf in seine einzelnen Bestandteile zu zerlegen und diese Schritte zu beschreiben. Damit war die Grundlage für eine spätere Vermittlung geschaffen.

Weitere wesentliche Aspekte waren einerseits die Analyse der notwendigen Voraussetzungen des Kindes sowie die Entwicklung konkreter Ideen für eine Förderung im Alltag.

Die Vorstellung der Kleingruppenergebnisse am Sonntag war gelungen, denn alle Gruppen waren in der Lage, die vorgestellte Methode der "Handlungsanalyse" nutzbar einzusetzen; es wurden konkrete Ideen zur Förderung und zu möglichen vorbereitenden Übungen demonstriert und diskutiert.

Der Workshop zu "Tips und Tricks im lebenspraktischen Bereich" bot allen Teilnehmern die Möglichkeit, grundsätzliche Informationen sowie Kenntnisse über spezielle Hilfsmittel und Techniken zu erfahren. Um den Eltern einen möglichst guten Überblick zu verschaffen, hatten wir uns dafür entschieden, vier verschiedene Stationen einzurichten, die von den vier Kleingruppen im Rotationsverfahren besucht werden konnten. Die Themen der einzelnen Stationen waren "das Vermitteln der Unterschrift, der Umgang mit Geld, Spiele für blinde Kinder und blindenspezifische Adaptationsmöglichkeiten, Markierungsmöglichkeiten und Ordnungssysteme, Umgang mit dem Herd".

Die Abschlußveranstaltung am Sonntag hat gezeigt, daß wir den Eltern ein für sie interessantes und lehrreiches Wochenende geboten haben. Die zum Seminarende geäußerten Rückmeldungen der Eltern zum Programm und zur Durchführung des Seminars waren ausgesprochen positiv. Die Eltern betonten, daß sie im Vergleich zu anderen Veranstaltungen wirklich etwas mit nach Hause nehmen konnten und daß sie gelernt hätten, wie wichtig es sei, bei der Erziehung ihrer Kinder Geduld und Verständnis aufzubringen. Insbesondere zu den Aspekten Geduld und Verständnis merkten viele Teilnehmer an, daß ihnen die Bedeutung vorher nicht klar gewesen wäre. Einhellig wurde der dringliche Wunsch nach weiteren Fortbildungen geäußert. Es gab eine Reihe konkreter Wünsche, wie: Vertiefungsangebote zum Bereich der "Lebenspraktischen Fertigkeiten - LPF -", Einführung und Vertiefungen für den Bereich "Orientierung und Mobilität - O&M -", Vermittlung von Gymnastik und Bewegungsspielen, etc.

Nicht unerwähnt möchten wir den gut besuchten Samstagabend in unserem Hause lassen. Unserer Einladung zum Erfahrungsaustausch und zum gemütlichen Beisammensein sind fast alle Eltern, wenn auch teilweise müde vom intensiven Fortbildungstag, gefolgt. Die Eltern hatten an diesem Abend Gelegenheit, unsere Hilfsmittelberatungs- und -verkaufsstelle zu besuchen und Kontakt zu den Vertretern der Elternvereine aufzunehmen. Als Gesprächspartner standen der Schulleiter der Carl-Strehl-Schule und der Geschäftsführer des DVBS zur Verfügung.

"Last but not least" möchten wir erwähnen, daß die Durchführung des Seminars uns, d. h. den beteiligten Mitarbeitern, sehr viel Freude bereitet hat. Die Eltern waren hochmotiviert und engagiert und haben ihren Anteil zum Gelingen des Wochenendes beigetragen. Unser Dank gilt an dieser Stelle auch der "Paul und Charlotte Kniese-Stiftung", die durch ihre finanzielle Unterstützung wesentlich dazu beigetragen hat, daß dieses Seminar durchgeführt werden konnte.

Für 1998 planen wir ein Fortsetzungsseminar zum Bereich "Orientierung und Mobilität -O&M -", das wir den uns bekannten Eltern und darüber hinaus über die entsprechenden Medien anbieten werden.

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