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Cordula von Brandis-Stiehl
Persönlicher Kommentar/offener Brief einer "Betroffenen" des Seminars "Wissen, Können, Brauchen, Funktionieren - Leben genießen oder Leben bewältigen-"
am 11./12.10.1997 in Marburg, veranstaltet vom DVBS und der Deutschen Blindenstudienanstalt (Blista)
Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Verantwortliche!
Die rege Diskussionsbeteiligung aller Teilnehmenden an diesem Seminar hat mir gezeigt, wie wichtig das Gespräch miteinander ist. Ich persönlich empfand es als ausgesprochen schade, daß meine eigene Gesprächsrunden "nur" aus Sehgeschädigten (Geburtsblinden und Späterblindeten), Rehabilitationslehrern, einem Psychologen aus dem Kreis derer der Blista und nur einem Vater einer jugendlichen anwesenden Sehbehinderten und ihrem Sozialhelfer bestand. Auch in den beiden anderen Gesprächskreisen war der Personenkreis derer unterrepräsentiert, die für die Erziehung bzw. das Leben zusammen mit Sehgeschädigten verantwortlich sind, wie z. B. der große Personenkreis der Erzieher/Betreuer aus dem Heimbereich der Blista oder gar anderer Blindeneinrichtungen.
Über die Tatsache ließ sich nicht hinwegsehen, daß die beteiligten Sehgeschädigten als jetzt anwesende Erwachsene sich in ihrem Reifungsprozeß, sei es in ihrer Jugend, sei es während einer Reha-Maßnahme als Späterblindete als ungenügend begleitet erlebt hatten. Der Kreis der anwesenden "Helfer" mußte als Gegenreaktion immer wieder das eigene Engagement beteuern, z. T. auch sehr glaubhaft. Die als unbefriedigt erlebte Situation der Sehgeschädigten jedoch führt bei ihnen heute zu einem Gefühl von offensichtlichen Defiziten auf unterschiedlichen Bereichen zusätzlich zur eigentlichen Blindheit. Und diese Defizite werden als gravierender erlebt als bei Nicht-Behinderten. So wurden wir Sehgeschädigte in der ersten Vorstellungsrunde im Plenum als "Betroffene" angeredet, wirklich betroffen in vielfältigster Hinsicht, u. a. auch über lapidar hingeworfene Bemerkungen so mancher eigentlich kompetenter Teilnehmer.
Folgende Gründe können m. M. nach für das Gefühl verantwortlich gemacht werden, mit Defiziten zusätzlich zur Blindheit zu leben:
Sogenannte Nicht-Behinderte haben trotz vielleicht erheblicher Schwierigkeiten während der eigenen Reifungszeit spätestens im Erwachsenenalter die Chance, ihre Situation durch aktives Aufsuchen einer korrigierenden Institution zu verändern (z. B. Beratungsstellen, psychotherapeutische Einrichtungen oder ähnliches). Schon behinderte Erwachsene haben es dagegen erheblich schwerer, verständnisvolle Hilfestellungen für eine Korrektur zu finden.
Die jugendlichen Sehgeschädigten aber sind in erheblichem Maße stärker von einer Benachteiligung im Laufe ihres psychischen, sozialen und geistigen Wachstumsprozesses bedroht als sog. nicht-behinderte Gleichaltrige oder wir Erwachsene. Sie sind den Anforderungen des Lebens schutzloser ausgeliefert. Hauptsächlich ihre Eltern, aber auch ihre Bezugspersonen verspüren einen großen Schmerz über die mangelnde Sehkraft ihrer Schützlinge. Mit diesem Schmerz bleiben jedoch die meisten von ihnen allein. Die Kinder und Jugendlichen wachsen dann häufig in einer Atmosphäre von Enttäuschung, Trauer, Unverständnis, Aggression gegenüber dem Tatbestand "Behinderung" auf, verbunden mit häufig falsch verstandener Hilfsbereitschaft. Wie kann ein Heranwachsender so ausgeglichen reifen, ein altersgemäß sich veränderndes Verhältnis zu seinen Eltern entwickeln, möglicherweise noch über eine große räumliche Distanz von Blindenschule bis zum Elternhaus- Die Wahrscheinlichkeit, daß hier Grundsteine für vielleicht erst später erlebte Defizite entstehen ist groß, zumal in einem Lebensbereich mit praktisch nur Gleichaltrigen, wie es in den meisten Internaten praktiziert wird.
Vergleichbare und doch wieder andere Schwierigkeiten erlebe ich häufig im Rahmen eines Prozesses der Späterblindung, der mit einer Phase des "Schwach-Werdens" des Erblindeten und eines großen Schmerzes auf Seiten der Angehörigen beginnt; dabei verschiebt sich das gesamte bisher aufgebaute psychische und soziale Gleichgewicht im Miteinander. Während der Rehabilitationsphase erlangt der Erblindete viel von seiner Autonomie wieder, kann sich mit seiner neuen Lebenslage auseinandersetzen. Seine Angehörigen nehmen nur sehr peripher daran und am Wiedererwerb der Autonomie teil. Durch die räumliche Distanz kann ihr eigener Anteil an der Krankheitsbewältigung sehr leicht auf die wenigen Zeiten des Beisammenseins verdrängt werden. Der/die Späterblindete muß dann die Initiative zum neuerlichen Umgang ergreifen, ähnlich wie die Jugendlichen in ihrer häuslichen Umgebung. Dies stellt hohe Anforderungen an die psychische Kompetenz der Sehgeschädigten. Dabei haben sie doch schon genug mit der Bewältigung ihrer eigenen Lebenslage zu tun und müssen nicht noch zusätzlich die anderer aktiv beim Zusammensein mitgestalten. Und besonders junge Blinde verstehen sehr häufig die nonverbale Körpersprache ihrer Umgebung nur ungenügend. Daß sich diese Menschen in einer Lebensphase der Reifung unter derartigen Umständen miß- und sogar unverstanden fühlen, sich mit enormen Defiziten gegenüber den an sie gestellten Anforderungen erleben, ist meiner Beobachtung nach nachvollziehbar.
In welchen Lebensbereichen werden nun unter solchen Umständen alle Institutionen, die sich mit heranwachsenden Blinden oder Späterblindeten beschäftigen besonders gefordert-
- Es erscheint mir als eminent wichtig, die Angehörigenarbeit zu intensivieren. Wir Sehgeschädigte müssen von der Aufgabe entlastet werden, für unsere Umwelt Schicksalsbewältigung zu übernehmen. Wir sind in jeder Altersstufe erheblich stärker auf Hilfestellungen unserer Mitmenschen angewiesen und wünschen uns aber dabei, als vollwertige Partner akzeptiert zu werden. Dies bedeutet von Seiten der Angehörigen, einen stetigen Informationsaustausch über den Stand unserer Fähigkeiten und Kenntnisse. Diese in den meisten Fällen dadurch provozierte größere Nähe birgt die Gefahr, daß die in jedem mitmenschlichen Beisammensein auftretenden Reibungen sich extremer ausprägen und das aktuelle Zusammensein belasten. Insbesondere bei Heranwachsenden sind sie auch häufig Ursachen für spätere Schwierigkeiten bei der Partnersuche, der eigenen Rollenfindung im Leben.
- Wir als Behinderte sind in der Regel für die Überwindung der Vorurteile, Unsicherheiten Nicht-Behinderter verantwortlich. Das gibt die Chance zu einer größeren Reife, erfordert aber immer wieder Anstrengung als Herausforderung, belohnt durch befriedigende mitmenschliche Beziehungen. Im Seminar erfuhren wir von jungen Heranwachsenden, die wie Erwachsene wirken. Es kann aber nicht Ziel einer Erziehung sein, lebenswichtige Reifungsphasen zu überspringen, die dann später in unausgeglichener Form ihr Recht einfordern, den Menschen dadurch quälen. Wichtig erscheint mir eine ausgewogene Förderung, unabhängig vom schulischen Leistungsstand, eine Förderung der lebenspraktischen Fertigkeiten, die Freiheitsgrade zu sozialen Kompetenzen ermöglichen, was wieder die psychische, altersgerechte Reifung bestärkt. Ebenso gilt die Rückkopplung in umgekehrter Reihenfolge. Ein junger Mensch darf durch die schulische Belastung nicht derart zeitlich gefordert sein, daß ihm für die alltägliche Betätigung, die seine altersgerechte Reifung fördert, kaum noch Zeit verbleibt. In so einem Falle sollten wir als für ihn Verantwortliche ihm durchaus ein "Sabbatjahr" gönnen, ohne dieses mit einem schulischen Mißerfolg durch Wiederholen einer Klassenstufe zu koppeln.
- Um den vielfältigen psychischen und sozialen Aufgaben im Zusammenleben mit sogenannten Nicht-Behinderten befriedigend als herangewachsener Behinderter gerecht zu werden, bedarf es m. M. nach einer besseren Kenntnis über das Wesen der eigenen Persönlichkeit, des "üblichen" Umgangs miteinander und Grundkenntnisse über "übliche" Kommunikationsmittel, insbesondere nonverbaler. Kenntnisse darüber erlernen sehende Heranwachsende normalerweise häufig durchs "Abschauen", ein Weg, der für Geburtsblinde mit einem Leben nur mit wenigen Kontakten nach außerhalb versperrt ist. So wichtig andere gleich Betroffene zur Identifikation sind, so sehr sind hier die sie umgebenden Sehenden im Alltag bei der Kommunikation gefordert.
- Sehgeschädigte Menschen tun sich wie praktisch alle Behinderten schwer, in dem Spannungsbogen von eigenem Streben nach Autonomie, Anerkennung durch Dritte, Erfüllen üblicher gesellschaftlicher Normen und eigener Individualität einen eigenen Standpunkt zu finden, der es ihnen ermöglicht, einerseits Partner für die Mitmenschen zu sein, andererseits mit dem höchstmöglichen Grad an Gelassenheit in der entsprechenden Situation zu leben. Hier zeigte sich im Seminar wie auch nach meinen eigenen Beobachtungen im gesamten Behindertenbereich ein großer Handlungsbedarf.
Manche der Sehgeschädigten schaffen es später mehr oder weniger zufällig unter günstigen Umständen nachzureifen, Teile der Defizite auszugleichen. Wie ergeht es aber den noch jungen Sehgeschädigten- Sie haben sich nach den gerade "modernen" Erziehungszielen ihrer Einrichtung zu richten und haben die "Suppe" dann später selber auszulöffeln. Sie verfügen kaum über Chancen, Alternativen in ihrem Lebensumfeld kennenzulernen (wie die meisten sehenden Jugendlichen in einer Familie); ihnen bleibt nur der Protest, die Verweigerung. Viele der jetzt Aktiven im Erziehungsbereich sind davon betroffen und schaffen es nicht, diese Jugendlichen zu einem konstruktiven Umgang mit der Welt zumindest in Teilbereichen zu motivieren. Sie erleben immer wieder nur den "Frust", nämlich nicht dazu beizutragen, ihre jungen Schutzbefohlenen zu einem kompetenten Partner für viele Mitmenschen zu erziehen. Kompetent im zwischenmenschlichen Bereich, kompetent bei der Bewältigung ihres Lebensalltags, in Studium und Beruf, bei der eigenen Lebensplanung. Diesen großen Bedarf sowohl in der Förderung der jungen Heranwachsenden wie auch der Späterblindeten hat meines Erachtens das Seminar aufgezeigt.
Zusammenfassend möchte ich persönlich mit diesen vielleicht auch emotionalen Zeilen viele (alle-) Verantwortlichen zu einem konstruktiven Nachdenken aufrufen und stelle mich auch als Psychotherapeutin gerne zu einem konstruktiven Dialog und ersten versuchsweisen Umsetzungen zur Verfügung. An möglicherweise auch unrealistischen Vorstellungen mangelt es mir nicht. Meine persönliche Lebenserfahrung als Späterblindete sagt mir, daß ich immer noch mehr der alten Zöpfe in Frage stellen kann. Schlimm sind nur Wagnisse, deren Ergebnis ich als dogmatisch und unkorrigierbar betrachte.
Deswegen möchte ich die Vertreter der Blista sowie der Blinden- und Sehbehindertenverbände aufrufen, sich zu einer Abhilfe der beschriebenen Notstände an einem Tisch zusammenzufinden. Ich wende mich hier insbesondere auch an die Blista, da ich diese Einrichtung ein wenig mehr einschätzen kann, was ich nicht von anderen sagen möchte. Ich erlebe aber bei Absolventen anderer Einrichtungen einen analogen Bedarf nach Verbesserung des aktuellen Angebotes, meiner Beobachtung nach speziell im Heimbereich. Dabei möchte ich einzelnen Personen oder Teams ihr persönliches Engagement nicht absprechen, aber da wir Betroffenen häufig Defizite verspüren, sind Veränderungen gefragt.
Also: Ärmel hoch! Ich bin mit dabei!
Cordula von Brandis-Stiehl, Gabelsbergerstr. 28 B, 35037 Marburg; Tel.: 06421/68.32.18
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