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Manfred Harres: Blindenschriftproduktion in Deutschland heute und morgen

Vortrag, gehalten auf der Konferenz der Litauischen Bibliothek für Blinde vom 24. bis 26. September 1997 in Vilnius/Litauen

Der Herstellungsprozeß von Blindenschriftbüchern und die Anforderungen an die Blindenschriftdruckereien haben sich in den letzten 15 bis 20 Jahren tiefgreifend verändert. Ich sehe hierfür zwei Gründe, und zwar erstens den technologischen Wandel in dieser Zeitspanne und zweitens gesellschaftspolitische Veränderungen.

Die Arbeitsschritte zur Herstellung eines Blindenschriftbuchs wie

- die Textauswahl und Textvorbereitung,

- die Texterfassung und Textübertragung,

- die Korrektur der Blindenschrifttexte,

- die Vervielfältigung,

- das Zusammentragen und Binden sowie

- das Verpacken und Versenden

sind auch heute noch, wie bei der Herstellung des ersten Blindenschriftbuchs zu erkennen, aber der Stellenwert der einzelnen Arbeitsschritte hat sich verschoben.

Lassen Sie mich zunächst auf den technologischen Wandel der letzten Jahre eingehen. In den deutschen Blindenschriftdruckereien wird die Herstellung von Büchern und Zeitschriften mittlerweile in sämtlichen Arbeitsschritten durch den PC bestimmt. Das direkte Prägen von Matrizen durch einen Blinden, dem man den Text vorliest, auf einer Punziermaschine mit Blindenschrifttastatur findet man so gut wie nicht mehr. Zur Texterfassung werden automatische Schwarzschriftleser mit der notwendigen Erkennungs- und Korrektursoftware eingesetzt, zur Übertragung in Blindenschrift gibt es unterschiedliche Übertragungsprogramme. Selbst die Textkorrektur wird, wenn überhaupt notwendig, am PC durchgeführt. Die Schnelldrucker für Blindenschrift sind heute so leistungsfähig, daß sie Bücher so ausdrucken, daß man die einzelnen Seiten nur noch heften muß. Das Zusammentragen entfällt damit. Bei sehr hohen Auflagen, die aus Kosten- und Zeitgründen sinnvollerweise über Matrizen hergestellt werden, wird das Prägen auf den Punziermaschinen ständig über Prozessoren überwacht und - falls notwendig - direkt korrigiert. Auch bei dieser Produktionsmethode kann das Zusammentragen und Binden durch den Einsatz von Maschinen der Schwarzdruckindustrie automatisiert. Durch die Verfügbarkeit von taktilen Zeilen am PC und eigenem Blindenschriftdrucker sind Blinde häufig an Büchern in digitaler Form interessiert. Sie erhalten die Bücher dann auf Datenträgern oder über E-Mail zugesandt. So verändert der Einsatz des PC sogar das Binden, Verpacken und Versenden von Blindenschriftliteratur.

Eigentlich könnte man sich zufrieden zurücklehnen und sich freuen, denn durch den Einsatz des PC mit allen sich darum rankenden Zusatzgeräten ist die Herstellung von Büchern in Blindenschrift endlich schneller realisierbar, und durch den geringeren Personaleinsatz müßte sie auch preiswerter geworden sein.

Sie merken wahrscheinlich an meiner Formulierung, daß das nicht generell so ist. Ihnen ist wahrscheinlich aufgefallen, daß ich bei der Veränderung der Arbeitsschritte durch den PC den Arbeitschritt "Textvorbereitung" ausgelassen habe. Die Textvorbereitung, und ich meine hier nicht nur die Verbalisierung von Graphik und Bildern durch einen Sonderpädagogen, sondern auch die Erstellung eines blindengerechten Layouts der Blindenschriftseiten, muß nach wie vor von Fachkräften gemacht werden. Ich werde auf diesen Punkt in einem anderen Zusammenhang noch einmal ausführlich eingehen.

Ich nannte eingangs neben dem technischen Wandel auch gesellschaftspolitische Gründe, die die Herstellung von Blindenschriftbüchern in den Druckereien stark beeinflußt haben. Zunächst ist in Deutschland auch im Sozialbereich das verfügbare Geld knapper geworden. Sie wissen vielleicht, daß in Deutschland die Kulturhoheit bei den Bundesländern liegt. Wegen der bestehenden Lehrmittelfreiheit werden Blindenschriftdruckereien durch das jeweilige Kultusministerium unterstützt. In einigen Bundesländern wurden inzwischen die seit Jahren gewährten Zuschüsse eingefroren. Die betroffenen Druckereien müssen daher ihr Angebot reduzieren. Andere Druckereien sind Einrichtung ihres Bundeslandes und haben damit keine oder nur geringere finanziellen Sorgen.

Ein weiterer Grund liegt in der integrativen Beschulung blinder Kinder, die in Deutschland etwas verspätet im Vergleich zu anderen Ländern heute eine Alternative zu den Sonderschulen darstellt. Bei allen guten Argumenten für eine integrative Beschulung blinder Kinder in Regelschulen bedeutet integrative Beschulung aber auch, daß die blinden Kinder von Pädagogen unterrichtet werden, die oft keine sonderpädagogische Zusatzausbildung haben und in der Regel keine Blindenschrift beherrschen. Die integrative Beschulung hat meiner Meinung nach erhebliche Auswirkungen auf die bestehenden Blindenschriftdruckereien, denn zunehmend werden so unterschiedliche Schulbücher in geringer Auflage benötigt, im Extremfall muß ein bestimmtes Buch nur einmal gedruckt werden.

Viele Blinde sind heute nach einer guten Schulausbildung und anschließendem Studium in sehr qualifizierten Berufen tätig, die ihnen früher durch fehlende technische Hilfen verschlossen waren. Auch diese Blinden benötigen zur Fort- und Weiterbildung ständig Fachliteratur in Einzelexemplaren. Auf diese neuen Anforderungen bzw. Wünsche, d. h. mehr Buchtitel in sehr geringer Auflage herzustellen, müssen sich die Blindenschriftverlage einstellen.

Da nicht alle Wünsche der Blinden kurzfristig von den etablierten Blindenschriftdruckereien erfüllt werden können, haben sich in der jüngsten Vergangenheit kleine Blindenschrifthersteller etabliert. So gibt es heute an Schulen, Bibliotheken oder bei Selbsthilfeorganisationen die Möglichkeit, Blindenschriftbücher herzustellen. Auch Privatpersonen mit kommerziellem Interesse sind auf diesem Markt tätig. Diese kleinen Hersteller schaffen zusätzliche Probleme für die Blindenschriftverlage und sind nicht unbedingt ein Segen für die Blinden. Lassen Sie mich dazu den bereits erwähnten, sehr wichtigen Arbeitsschritt der Textvorbereitung noch einmal aufgreifen. Aus berechtigter Sorge um die gute Ausbildung ihres Kindes suchen Eltern integrativ beschulter Kinder möglichst zeitnah, ihrem Kind die dringend benötigten Schulbücher zur Verfügung zu stellen. Oft werden sie dabei selbst tätig, oder ein engagierter Lehrer überträgt ein Lehrbuch. Darüber hinaus hat dieser legitime Wunsch der Eltern Privatpersonen dazu veranlaßt, gewünschte Schulbücher in Blindenschrift nach kommerziellen Kriterien herzustellen und anzubieten. Über Verträge mit wichtigen Schulbuchverlagen erwerben sie Lizenzen zum Alleinvertrieb der Verlagsbücher in Blindenschrift. Diese Eigeninitiative, die in der freien Marktwirtschaft üblich ist und deren Umsetzung nur durch den Einsatz neuer Techniken wie PC, Übertragungsprogramme und Schnelldrucker für Blindenschrift möglich wurde, birgt nun folgende Probleme für die Druckereien und Gefahren für die Blinden:

1. In diesen meist Einmannbetrieben gibt es in der Regel keine pädagogische Fachkraft, die eine sorgfältige Textvorbereitung des Blindenschriftbuches sicherstellt. Das bedeutet, daß dem blinden Kind ein pädagogisch schlechtes Schulbuch zur Verfügung gestellt wird. Ich gehe davon aus, daß Sie wissen, daß selbst bei der Übertragung glatter Texte der Belletristik es für den Blinden wichtig ist zu wissen, wo die Seiten des Schwarzschriftbuches anfangen und enden. Nur dann ist gewährleistet, daß das Buch auch ein Kommunikationsmittel für Blinde bleibt.

2. Viel wichtiger als das genannte Beispiel ist die sorgfältige Beschreibung von Graphik oder Bildern in Blindenschriftlehrbüchern. Genauso sorfältig ist die Übertragung von Musiknoten oder Mathematikbüchern vorzunehmen. Diese Arbeiten müssen weiterhin von Sonderpädagogen übernommen werden. Leider greifen aus Kosten- und Zeitgründen nicht alle Hersteller auf diese Spezialisten zurück. Wohin diese Arbeitsweise gepaart mit der heute möglichen Technik führt, sei am Beispiel der Herstellung von Mathematikbüchern beschrieben.

In Deutschland gibt es mittlerweile einige Mathematikschriften, die auf Computerbraille, also 8-Punkte-Braille, aufbauen. Man kann sich leicht vorstellen, daß durch den Gebrauch der 8-Punkte-Brailleschrift diese neuen Mathematikschriften nichts mehr mit der alten 6-Punkte-Mathematikschrift zu tun haben. Neben der totalen babylonischen Sprachverwirrung, die zur Zeit in dem Bereich Mathematikschrift in Braille in Deutschland herrscht, tritt jetzt folgendes wahrnehmungspsychologische Problem bei den blinden Schülern auf. Blinde Kinder haben aufgrund ihrer kleineren Fingerkuppen Schwierigkeiten, 8-Punkte-Braille zu lesen. Die Zeichen sind so groß, daß die Fingerkuppen nicht das ganze Zeichen erfassen können. Neben diesem Leseproblem kommt hinzu, daß diese Kinder, wenn sie auf weiterführende Schulen gehen, erhebliche Schwierigkeiten haben, die dort vorhandene 6- Punkt-Mathematikschrift zu verstehen, da sie ja eine andere Mathematikschrift gelernt haben. Die Schulleitung der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg erarbeitet zur Zeit mit Selbsthilfeorganisationen der Blinden ein Konzept zur Vereinheitlichung der Mathematikschrift für Blinde. Dieses Konzept soll der ständigen Konferenz der Kultusminister der Bundesländer zur Genehmigung vorgelegt werden.

3. In der Vergangenheit hatten wir bei der Herstellung der Blindenschriftbücher im deutschsprachigen Raum trotz zweier deutscher Staaten in Deutschland eine Einheitlichkeit. Die deutschsprachigen Blindenschriftverlage trafen sich regelmäßig in der "Arbeitsgemeinschaft der Blindenschriftdruckereien". Dort wurde besprochen, welcher Verlag welches Buch druckt, und die Anwendung der Regeln der Marburger Blindenschriftsystematik, dem deutschen Regelwerk für den Gebrauch von Braille - auch für Mathematik - war dabei für alle Druckereien verbindlich. Die hergestellten Bücher der einzelnen Druckereien wurden allen Blindenschriftbüchereien zur Verfügung gestellt. Eine Einheitlichkeit bestand auch darin, daß Lizenzen zur Übertragung von Büchern in Blindenschrift an Schwarzschriftverlage nicht bezahlt werden mußten. Es war allgemein bekannt, daß alle etablierten Druckereien gemeinnützige Organisationen sind. Den Schwarzschriftverlagen mußten sie lediglich die jeweilige Übertragung eines ihrer Bücher anzeigen. Erst durch die kommerzielle Vermarktung der Blindenschriftbücher ist hier ein Problem entstanden, das hoch brisant, aber noch nicht gelöst ist. So hat ein Schulbuchverlag einer Blindenschriftdruckerei der Arbeitsgemeinschaft nicht erlaubt, daß sie ein Schulbuch in Blindenschrift überträgt, da der Schulbuchverlag zwischenzeitlich die Übertragungsrechte exklusiv an eine Privatperson vergeben hat. Diese Privatperson ist aber aus vielerlei Gründen gar nicht dazu in der Lage, dieses Buch fachgerecht in Blindenschrift zu produzieren. Die "Arbeitsgemeinschaft der Blindenschriftdruckereien" bemüht sich zur Zeit, hier eine Lösung zu erarbeiten.

Ich erwähnte, daß durch den Einsatz moderner Technik für viele Blinde erst anspruchsvolle Arbeitsplätze geschaffen wurden. Diesem Nutzen für die Blinden einerseits, stehen andererseits Gefahren gegenüber, wenn diese Technik nicht überlegt eingesetzt wird. Zwei Beispiele dazu, die auch die Blindenschriftverlage mittelbar betreffen:

a) Folgt man dem Trend, blinden Kindern nur auf taktilen Zeilen am PC die Blindenschriftbücher zu präsentieren, lernen sie schlechter ganzheitlich wahrzunehmen. Die ständige Übungsmöglichkeit auf den Buchseiten fällt durch das Lesen auf der eindimensionalen taktilen Zeile weg.

b) Durch die zunehmende Verfügbarkeit und den Gebrauch in der Ausbildung von Hörbüchern sinkt die Fähigkeit Blinder, zu lesen und damit auch zu schreiben. Hierdurch wird die Integrationsfähigkeit Blinder vor allem im Hinblick auf ihr Berufsleben gefährdet. Die Integration Blinder in das normale Berufsleben geht bekanntermaßen mit guter Lese- und Schreibfähigkeit Hand in Hand.

Sonderpädagogen haben sicherlich noch mehr und bessere Argumente, um die Notwendigkeit des qualitativ hochwertigen Blindenschriftbuchs weiter zu unterstreichen. Als Techniker möchte ich es deshalb bei diesen beiden Beispielen belassen.

Zum Schluß möchte ich die Probleme, die durch den gesellschaftspolitischen und den technischen Wandel auf die Blindenschriftdruckereien zugekommen sind, noch einmal zusammenfassen.

- Die Druckereien müssen zunehmend mehr Bücher in ganz geringen Auflagen herstellen.

- Die Herstellungszeiten für bestellte Bücher müssen verkürzt werden.

- Im Interesse der Blinden sind weiterhin qualitativ hochwertige Bücher herzustellen.

- Die Druckereien müssen nicht nur in Papier geprägte Bücher, sondern auch Bücher auf Disketten und per E-Mail versenden.

- Die innerbetriebliche Organisation der Druckereien muß den neuen Anforderungen aus Zeit und Kostengründen angepaßt werden

Ein Patentrezept zur Lösung dieser neuen Aufgaben gibt es nicht. Ich scheue mich, hier das Wort Probleme weiterhin zu benutzen; denn ich sehe auf die Druckereien eine Herausforderung zukommen, die ja auch motivieren kann und neue erstrebenswerte Ziele setzt!

Einige dieser Herausforderungen lassen sich durch den Einsatz neuer Technologien lösen. Ich denke an den weiteren konsequenten Einsatz der PC-Technik vor allem bei der Texterfassung und Textkorrektur. Aber auch an die Einbindung von extern tätigen Sonderpädagogen über E-Mail, um die Textvorbereitung auf hohem Niveau zu sichern.

Gleichzeitig muß die Kommunikation und die Zusammenarbeit der Blindenschriftdruckereien noch enger werden. Eine neue Interessengemeinschaft mit dem Namen "Mediengemeinschaft der Blinden und Sehbehinderten" und dem schönen Kurznamen MEDIBUS wurde am 8. September 1997 gegründet. In dieser Gemeinschaft sind erstmals alle Institutionen vereinigt, die übergeordnete Aufgaben lösen könnten, die nicht nur durch den Einsatz neuer Technologie zu bewältigen sind. Die wichtigsten Mitglieder von MEDIBUS sind die Arbeitsgemeinschaft der Blindenschriftdruckereien und Bibliotheken, die Arbeitsgemeinschaft der Blindenhörbüchereien, der Verband der Blinden- und Sehbehindertenpädagogen, die deutschen Selbsthilfeorganisationen der Blinden und die Schweizerische Bibliothek für Blinde.

Ich bin sicher, daß diese Gemeinschaft viele Dinge bewirken kann, wie z. B.

- die babylonische Sprachverwirrung bei der Mathematikschrift zu beseitigen,

- die Kultusminister der Bundesländer von der Notwendigkeit der weiteren Förderung der Druckereien zu überzeugen,

- Vorschläge zur besseren Vernetzung der Druckereien zu erarbeiten oder

- Sonderpädagogen zur Textvorbereitung bundesweit über E-Mail für alle Druckereien verfügbar zu machen.

Eine sehr wichtige Aufgabe dieser Interessengemeinschaft wird es aber auch sein, sicherzustellen und darauf zu achten, daß Blindenschriftbücher auch in der Zukunft den Blinden in hoher Qualität zur Verfügung stehen.

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