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Sehende Menschen wehren sich schon längst gegen die Informationsflut, die sie selbst ausgelöst haben, u. a. indem sie schnelles Lesen trainieren. Große Firmen und Behörden bieten solche Kurse längst ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an. Unmengen von Texten müssen in kürzester Zeit daraufhin überflogen werden, ob es sich lohnt, sich intensiv mit ihnen zu befassen. Die Informationsflut, die durch den universellen Computereinsatz noch zugenommen hat, läßt sich nur durch eine kritische Auswahl dessen bewältigen, mit dem man sich wirklich beschäftigen muß.
Wir Punktschriftleserinnen und -leser haben lange genug danach gerufen, besser mit Informationen in unserem Medium versorgt zu werden. Dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen, wir finden mehr Punktschriftinformationen vor denn je. Ob es unsere Selbsthilfeorganisationen sind, die uns in Braille versorgen, ob es auf Bestellung gedruckte Arbeitsmittel sind, Fortsetzungsromane oder Broschüren, der Braille-Druck hat sich weiter ausgebreitet. Und trotz der Erfindung der Sprachausgabe sind viele Computerbenutzer weiterhin - und unter Windows mehr denn je - auch auf die Braille-Zeile angewiesen.
Natürlich hinken wir in unserer Informationsversorgung den Sehenden mehr hinterher denn je, die Schere geht weiter auseinander, doch hängt uns - bildlich gesprochen - längst die Zunge zum Halse heraus. Muß Braille-Lesen wirklich so lange dauern- Warum können wir nicht diagonal lesen- Müssen unsere Texte immer so unübersichtlich sein-
Vom 14. bis 20. Februar 1998 führte das Deutsche Blinden- bildungswerk (DBBW) in Saulgrub (Kur- und Begegnungszentrum des Bayerischen Blindenbunds) ein Seminar durch, mit dem Ziel, die Effizienz des Punktschriftlesens zu verbessern. Das Seminar war von den Hauptfürsorgestellen als Maßnahme zur beruflichen Eingliederung anerkannt worden, in der Erkenntnis, daß das möglichst gute Beherrschen des Mediums "Braille-Schrift" ein wesentliches Element für die Bewältigung der Berufstätigkeit sein kann.
Die neun Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren mit höchst unterschiedlichen Erwartungen aus ganz Deutschland angereist. Einige mußten sich die zweifelnde Frage gefallen lassen, ob sie wirklich glaubten, noch etwas hinzulernen zu können, während andere befürchteten, die Veranstaltung sei für sie doch eine Nummer zu groß, da sie nur mit soliden Grundkenntnissen angereist waren.
Das gut durchdachte Lehrgangskonzept machte es möglich, daß tatsächlich alle auf ihre Kosten kamen. Dr. Rose-Marie Lüthi Schoorens, Blindenschriftlehrerin beim ostschweizerischen Blindenverband, und Norbert Müller, Päd. Leiter des Deutschen Blindenbildungswerks, waren mit einer Fülle von Material und methodischen Ansätzen auf alle Anforderungen gewappnet, die ihnen die einzelnen Gruppenmitglieder stellten. Es gelang ihnen, die Fitteren zu fordern, ohne die weniger Fitten zu entmutigen. Wie ist das möglich-
Punktschriftlesen ist Übungssache. Aber ebenso wie es beim Sport nicht nur auf Kraft und Ausdauer ankommt, sondern auch auf Technik und Wettkampfbedingungen, spielen Lesetechnik und Lesebedingungen eine erhebliche Rolle. So bestand unsere "Trainigswoche" aus einer Unmenge von Übungseinheiten, bei denen vor allem auf die Technik Wert gelegt wurde. Die Geschwindigkeit stellte sich - wie wir feststellen konnten - von alleine ein. Stellvertretend für andere Teilnehmerinnen und Teilnehmer sei hier mein Schlüsselerlebnis erzählt:
Ich habe meine blindentechnische Grundausbildung erst nach der Schulzeit absolviert und eigentlich erst im Beruf ernsthaft damit begonnen, mit Punktschrift zu arbeiten. In diesen nunmehr 20 Jahren habe ich voller Überzeugung nur mit dem linken Zeigefinger gelesen und alle Versuche von Freunden abgewehrt, mir nahezulegen, wenigstens noch einen weiteren meiner immerhin acht lesegeeigneten Finger zu benutzen. Doch bereits am Ende des zweiten Tages mußte ich eingestehen, daß es mich weder feinmotorisch noch intellektuell überforderte, wenigstens das letzte Zeichen oder die letzte Zeichenfolge der Zeile mit dem rechten Zeigefinger zu lesen, während der linke bereits zum Anfang der nächsten Zeile geht. Darüber hinaus haben wir trainiert, Texte grob inhaltlich zu erfassen, ohne sie exakt zu lesen. Wir haben uns mit Wortbildern befaßt, insbesondere mit denen der 120 meistgebrauchten Wörter - ganz überwiegend sind das einformige Wortkürzungen unserer Punktschrift. Umgekehrt haben wir trainiert, Texte möglichst schnell und zugleich gründlich zu lesen, um anschließend Fragen beantworten zu können.
Einen hohen Stellenwert hat die Gestaltung des zu lesenden Textes. Deshalb war es konsequent, sich mit Fragen des Punktschrift-Layouts zu befassen. Dabei wurde zwangsläufig das Interesse am sogenannten Hagener Kurzschrift-Übersetzungspaket HBS geweckt. Als erfahrener Anwender dieses Programms kann ich nur unterstreichen, daß die dort angebotenen Möglichkeiten, insbesondere der Absatzgestaltung, wohl das wichtigste Instrument sind, um Texte konsequent übersichtlich zu gestalten.
Besonders interessant war das Experiment mit einem norwegischen Computerprogramm, das leider nur in einer Demo-Version zur Verfügung stand: Wörter in Vollschrift (Computer-Braille) werden für eine vom Anwender frei zu bestimmende Dauer von Sekunden auf die Zeile gebracht und nach einer Pause, die ebenso bestimmbar ist, durch das nächste Wort ersetzt. Hier konnte man sich wunderbar selbst in Geschwindigkeit und Genauigkeit trainieren. Es ist zu wünschen, daß dieses Programm bald in einer Vollversion zur Verfügung steht, für die bei unseren Übungen noch einige Anregungen gesammelt wurden.
Dieses Seminar sollte seinen festen Platz im Jahresprogramm des DBBW erhalten und durch die Nachfrage der Braille-Anwenderinnen und Anwender zum Markenzeichen dieses Instituts werden. Der Markt - also die Nachfrage - ist da, er muß nur noch das Angebot wahrnehmen.
Und wenn Sie jetzt noch Fragen, warum man hierfür ein sechstägiges Seminar braucht, statt sich zu Hause auf den Hosenboden zu setzen und zu üben, dann verweise ich Sie auf die Erfahrungen der drei Frauen und sechs Männer, die an diesem ersten Seminar teilgenommen haben: Jede und jeder hat für sich etwas dazugelernt, und zwar so viel, daß tatsächlich alle zufrieden nach Hause gefahren sind. Schon der Erfahrungsaustausch in der Gruppe ist ein gutes Mittel gegen die Überzeugung, man könne an seinem Leseverhalten nichts verbessern, sei es, daß man diese Überzeugung aus Überheblichkeit oder aus Resignation kultiviert hat.
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