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Wenn man in einem Museum einem Ausstellungsstück zu nahe kommt, heißt es normalerweise immer sofort: "Bitte nicht berühren!" Anders ist das bei der Ausstellung mit dem Titel "Kunst begreifen", die zur Zeit im Universitätsmuseum zu sehen ist. Dort heißt es nämlich ausdrücklich "Anfassen erlaubt!"
Sieben Künstler aus Deutschland, Österreich und Dänemark zeigen Ausstellungsstücke, die untereinander sehr verschieden sind, aber dennoch eines gemeinsam haben: Es genügt nicht, sie einfach nur anzusehen, sondern der Betrachter muß zum Benutzer werden, um das Kunstwerk zum Kunstwerk werden zu lassen. Die Ausstellung ist nicht nur für sehbehinderte Menschen gedacht, sondern lädt jeden zum Anfassen und eben Begreifen ein. Denn wer möchte das nicht einmal - Kunst wirklich begreifen, und das im doppelten Wortsinn- Ob man sich dabei den pneumatischen Arbeiten von Klaus Illi nähert, sich auf einem Diwan von Franz West niederläßt oder die Holzskulpturen von CW Loth bewegt, es geht immer darum, sich in "verschiedenen geistigen Prozessen mit der Kunst auseinanderzusetzen", wie Ulrike Schönhagen, eine der Ausstellungsmacherinnen erklärt.
Das Kunstwerk Peter Vogels ist auf den ersten Blick nur ein heilloses Gewirr von Drähten, Sensoren und Fotorezeptoren. Wenn der Besucher jedoch näher tritt und sein Schatten auf die Rezeptoren fällt, erklingen plötzlich kleine Melodien. Vogel hat 13 verschiedene kurze Tonfolgen "installiert", die zwar auf Wiederholungen basieren, aber in der Kombination doch immer neu werden. Ebenfalls nicht sofort durchschaubar ist das Objekt der Hamburgerin Katrin Magens. 16 kleine Sockel mit jeweils einer Fliegenhaube - was könnte das sein- Plötzlich aber erklingen Wassergeräusche, und zwar 16 verschiedene. Die Besucher sind nun aufgefordert, die Fliegenhauben abzunehmen und dicht über der kleinen Öffnung im Sockel dem jeweiligen Geräusch zu lauschen.
Der dänische Künstler Hans Kjaer wohnt am Meer und findet dort fast jeden Tag Strandgut, das er aufsammelt und zu kleinen "Kultkisten" zusammensetzt. Jede von ihnen erzählt eine eigene Geschichte, auch wenn die Dinge, aus denen sie zusammengesetzt sind, im eigentlichen Leben keinen Wert mehr besitzen.
Das Werkbuch von Franz Erhard Walter enthält keine Buchstaben, sondern Seiten aus Stoff, die auf die Maße des Körpers bezogen sind. Doch wie schon Hans Schohl, der die Ausstellung zusammen mit Ulrike Schönhagen auf die Beine gestellt hat, den zahlreichen erschienen Besuchern der Vernissage erklärt: "Das kann man eigentlich gar nicht beschreiben - das muß man ausprobieren."
Die Ausstellung ist noch bis zum 19. Juli in Marburg zu sehen und natürlich auch zu begreifen, danach geht es nach Nürnberg, Freiburg und Dannenberg.
(Marburger Neue Zeitung, 30. Juni 1998)
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