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Rainer F. V. Witte: Internationale Bibliotheksarbeit - der Kontakt über den Zaun

Die Blinden-Bibliotheken eines Landes, für sich genommen, arbeiten oft getrennt vom übrigen öffentlichen Büchereiwesen; sie sind in dessen Organisationsstrukturen selten ihrer Bedeutung entsprechend repräsentiert. Die in allen Ländern gleichen Besonderheiten dieser Spezialbibliotheken haben früh zu einer länderübergreifenden internationalen Zusammenarbeit geführt und zu gegenseitiger Unterstützung über Länder- und Sprachgrenzen hinweg gezwungen.

In allen Staaten sind folgende Parameter bestimmend für die Arbeit der Blindenbibliotheken: ein geschlossener Nutzerkreis, das geringe Angebot an blindengerechtem Lesestoff und der eingeschränkte Zugang zur Information (welcher Art auch immer) sowie urheberrechtliche Begrenzungen; hinzu kommen neuerdings eine immer stärker werdende Abhängigkeit von elektronischen Kommunikationsmitteln und die Globalisierung des Informationsangebotes.

Die daraus resultierenden Schwierigkeiten gemeinsam übernational zu lösen, bietet die IFLA ("International Federation of Library Associations and Institutions") die adäquate Plattform; die fachliche Arbeit findet in der Sektion der Blindenbibliotheken (SLB=Section of Libraries for the Blind) statt.

75 Mitgliedseinrichtungen aus den unterschiedlichsten Ländern erarbeiten in den verschiedensten Ausschüssen Richtlinien für die Service-Leistungen der Büchereien, vergleichende Studien zum Urheberrecht und zu künftigen blindengerechten Medien. (Erwähnt sei hier die Studie "Zugriff auf das 21. Jahrhundert. Benutzerbedürfnisse der nächsten Generation von "Talking Books" und die Initiierung der digitalen Audio-Bücher im "DAISY-Format"". Die 22seitige Broschüre kann in deutscher Sprache beim RNIB bestellt werden.); ferner entstanden - und werden gepflegt - Unterlagen für den internationalen Leihverkehr und den Aufbau zentraler Kataloge. In Zusammenarbeit mit der "Welt Blinden-Union/WBU" werden Empfehlungen formuliert, die helfen sollen, die Informationsbedürfnisse Blinder bei der UNESCO, der "World Intellectual Propriety Organisation/WIPO" und dem Weltpostverband auf höchster Ebene durchzusetzen - und/oder zu sichern, wie z.B. die Portofreiheit für Blindensendungen, den lizenz- bzw. kostenfreien Zugang zur Information u.ä..

Entsprechende Arbeitsvorhaben und Diskussionsvorlagen werden vom "Standing Committee/SC" koordiniert, das auch die jährlichen Generalkonferenzen vorbereitet und Seminare organisiert. In diesem Gremium ist Deutschland durch den Berichterstatter vertreten. (Neben der "Deutschen Blinden-Bibliothek" ist - aus der Bundesrepublik - nur noch die AG der Blindenhörbüchereien Mitglied in der IFLA - eigentlich eine beschämend geringe Zahl vor dem Hintergrund von ca. 20 blindenbibliothekarischen Einrichtungen in Deutschland ...). - Wer sich für den Aufbau der IFLA im allgemeinen interessiert, sei auf das jährlich erscheinende DIRECTORY hingewiesen, das bei dem Hauptquartier der IFLA bezogen werden kann: Postfach 95312 in NL-2509 Den Haag, Holland; Tel. +31-70-3140884, Fax: +31-70-3834827, e-mail: IFLA.HQ@IFLA.NL; Informationen über: http://www.nlc-bnc.ca/ifla/.

Im Februar 1998 tagte turnusgemäß das SC - diesmal als Gast des kanadischen nationalen Instituts für die Blinden (= "Canadian National Institute for the Blind/CNIB") - in Toronto.

Begrüßt wurden die Teilnehmer vom Präsidenten der WBU, Dr. Euclid Herie, der in einer Ansprache ausdrücklich auf die elementaren Bildungsbedürfnisse des zahlenmäßig größten Teils von Betroffenen in Entwicklungs- und Schwellenländern hinwies; deren Sorgen dürften neben den bei den entwickelten Staaten (z.Z.) im Vordergrund stehenden technischen und rechtlichen Fragen nicht vernachlässigt werden.

Daß dieser Appell mit der IFLA-Arbeit im Einklang steht, beweisen nicht nur die Aktivitäten der Vergangenheit, sondern in gleicher Weise die in Toronto verhandelten Planungen.

So wird vom 17. bis 19. Februar 1999 ein Trainingsseminar für Blindenbibliothekare der anglophonen afrikanischen Länder stattfinden, das die "Südafrikanische Bibliothek für Blinde/SALB" in Grahamstown unter dem Titel "Library Services to Blind and Printhandicapped Readers" ausrichten wird. Die Herstellung von Punktschrift- und Audiomaterial "at grassroots level" werden genauso behandelt werden, wie die Nutzung digital angebotener Daten, die überall auf der Welt in gleicher Weise zugänglich sind. (Ein entsprechendes Arbeits-Seminar für die frankophonen afrikanischen Länder befindet sich in der abschließenden Planung.)

Den hohen Stellenwert, den die Punkt-Schrift nach wie vor im Rahmen der IFLA besitzt, belegen die "Guidelines for Library Service to Braille Users", die in Toronto abschließend behandelt wurden und nun veröffentlicht werden sollen. Erinnert sei in diesem Zusammenhang daran, daß die Neu-Ausgabe von "World Braille Usage" von diesem Kreis der Blindenbibliothekare initiiert und auf den Weg gebracht wurde; es ist daher auch nicht verwunderlich, daß die Ausführungen des Berichterstatters zu der aktuellen Situation der deutschsprachigen Blindenschrift-Systematik auf großes Interesse stießen, - "Braille-Dots" verbinden die Betroffenen in einem elementareren Maße, als es die elektronischen "bits and bytes" tun ....

Die Grundlage des internationalen Leihverkehrs, das "International Directory of Libraries for the Blind" wird künftig als Datenbank bei der "Japanischen Gesellschaft für Rehabilitation Behinderter / JSRD (Japanese Society for Rehabilitation of Disabled Persons)" weitergeführt und über das World Wide Web zugänglich sein. (Um einen technik-unabhängigen Zugang zum Datenmaterial zu ermöglichen, wird es eine gedruckte Version geben.) Das Urheberrecht liegt bei IFLA und JSRD.

Im Auftrag der Sektion hat das RNIB eine internationale Erhebung zum Urheberrecht durchgeführt. Wer sich über die schillernde Vielfalt der Copyright-Anwendung im Zusammenhang mit einer blindengerechten Informationsvermittlung informieren möchte, kann die Studie: "Copyright Laws and the Rights of Blind People" (Stand: Oktober 1997) bestellen beim:

Royal National Institute for the Blind. Bakewell Road, Orton Southgate, Peterborough PE 2 GXU, England, Tel. +44-1733-370777, Fax +44-1733-371555.

(Es sei allerdings nicht verschwiegen, daß die Auskünfte über die deutsche Situation weder vollständig noch unbedingt richtig sind; kompetentere Informationen bleiben der künftigen Neuausgabe vorbehalten; Aktualisierungen der Broschüre sind in regelmäßigem Turnus geplant.)

Vom 16. bis 21. August 1998 wird in Amsterdam die Generalkonferenz der IFLA stattfinden; das Thema: "Am Kreuzungspunkt von Informationen und Kultur". Einzelne Vorträge behandeln u.a. die Struktur digitaler Bibliotheksdienste in den Niederlanden; digitale (Audio-/DAISY-) Bücher im Internet; die Informationsbedürfnisse Taubblinder; neue Entwicklungen auf dem Großdrucksektor sowie bei der Versorgung älterer Leser.

Mit den IFLA-Generalkonferenzen sind jeweils Ausstellungen von Herstellern bibliotheksbezogener Produkte und Dienstleistungen verbunden, so auch in Amsterdam. In diesem Jahr wird dort das DAISY-Consortium (vgl. frühere Berichte dazu in dieser Zeitschrift) mit einem Stand vertreten sein, an dem auch die Anbieter entsprechender Abspielgeräte ihre inzwischen marktfähigen Maschinen und software-Entwicklungen vorstellen werden.

Die Anmelde-Unterlagen können bei dem IFLA-Konferenz-Sekretariat bestellt werden:

CONGREX HOLLAND BV, P.O.B. 302, NL-1000 AH AMSTERDAM

E-mail: ifla@congrex.nl

Tel.: +31205040206; Fax.: +31205040225

oder bei:

Beatrice Christensen, Swedish Library of Talking Books and Braille, S-122.88 Enskede; Tel.: +46-8-399374, Fax: +46-8-6599467

e-mail: bea.christensen@tpb.se

Wegen der geographischen Nähe des Konferenz-Ortes steht zu hoffen, daß viele Interessenten aus dem deutschsprachigen Raum die Chance einer Teilnahme nutzen, um im Kontakt mit internationalen Kolleginnen und Kollegen Wege zu finden, die täglichen Probleme ihrer Arbeit in der eigenen Bücherei gemeinsam zum Wohle der Betroffenen zu lösen.

... so wichtig die Fachvorträge im einzelnen sind, kommt doch auch den persönlichen Gesprächen am Rande der Konferenz eine wesentliche Bedeutung zu. Denn selbst im globalen Dorf der Internet-Kultur entsteht eine lebendige Kooperation erst im direkten Gedankenaustausch miteinander, im Kontakt über den nachbarschaftlichen Zaun... und informelle Zusammenarbeit hat schon oft genug die formale Kooperation auf nützliche Weise zugunsten der Betroffenen ergänzt... Zäune können auch verbinden: reicht man über sie hinaus!

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