Jürgen Hertlein: "Blindengerechter Zugang zu Information"

Vortrag, gehalten auf dem XXXII. Kongreß der Blinden- und Sehbehindertenpädagogen in Nürnberg

Anspruch des Behinderten

Ausgehend vom Verfassungsgebot in Artikel 3 Abs. 3 unseres Grundgesetzes, daß niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf, muß man davon ausgehen, daß unsere Gesellschaft Regeln aufzustellen hat, die die Erfüllung dieses Gesetzesauftrages möglich machen. Zwar ist ein Benachteiligungsverbot noch kein Gleichstellungsgesetz, doch in der Intention liegt es zumindest auf dem Weg dorthin.

Meine Ausführungen befassen sich mit einem wesentlichen, das Benachteiligungsverbot tangierenden Feld, mit dem Zugang zu Informationen.

Fortschritt und Herleitung der Notwendigkeit des blindengerechten Zugangs zu Information

Das letzte Jahrzehnt ist, und darin sind sich alle Experten einig, von gravierenden Veränderungen geprägt. Dem Zeitalter der Technisierung folgt, und hier stehen wir sicherlich erst am Anfang, das Informationszeitalter. Jedermann kann beobachten, daß die Berufsfelder, die sich mit dem Erfassen und Verteilen von Information, die sich mit Kommunikation befassen, boomen, daß gerade in diesen Segmenten neue Firmen aus dem Boden wachsen, Arbeitsplätze geschaffen werden, Innovation stattfindet. Waren noch vor Jahren Fernsehen, Rundfunk, Schallplatte, Kassette, Tageszeitung und Illustrierte sowie das Buch die wesentlichen Quellen von Information, Gespräch, Telefon und Brief die wesentlichen Quellen von Kommunikation, so nehmen heute zunehmend computergesteuerte Informations- und Kommunikationstechnologien immer größeren Raum ein.

Kinder wachsen heute mit diesen neuen Informations- und Kommunikationsformen auf. Meine Tochter, heute sechs Jahre alt, setzte sich schon mit fünf Jahren an den Computer, klinkte sich in das Paint-Programm des Rechners ein und druckte stolz ihre selbstgemalten Computerbilder aus. Sie hat im Word-Programm ihren Namen geschrieben. Sehende Kinder gehen, wenn sie die Möglichkeit haben, wie selbstverständlich mit den neuen Technologien um. Kindergarten, Schule, Ausbildung, Universität und Freizeit werden zunehmend geprägt durch die Notwendigkeit, sich den Informations- und Kommunikationstechniken zu öffnen. Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen, Teilnahme am politischen Geschehen sind ohne Zugang zu gespeicherter Information nur schwer denkbar. Berufsausbildung und Berufsausübung, egal in welchem Berufsfeld, sind ohne Kenntnisse im Umgang mit dem Computer und spezielle Fachkenntnisse in spezieller Computersoftware nicht mehr möglich.

Die Schulen haben sich zu einem möglichst frühen Zeitpunkt darauf einzustellen: Die Berufsausbildung und Berufsausübung müssen heute auf gute schulische Fähigkeiten und Fertigkeiten im Umgang mit dem Computer aufbauen. Computerfax, E-mail, Internet-Abfrage sind heute bereits für viele Sparten und Berufsfelder zur Selbstverständlichkeit geworden.

Große Teile des Informationsflusses und der Kommunikationsabläufe basieren auf optischer Wahrnehmung. So sind die Bildschirmoberflächen immer mehr von Graphiken geprägt, präsentieren sich die im Internet werbenden Firmen und Einrichtungen immer mehr mit Bildern und im multimedialen Sinne sogar schon häufig mit kleinen Filmsequenzen.

Die uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen sind sehbehindert oder blind. Tasten, Hören, Riechen, Schmecken erschließen ihnen die Welt. Schlechtes Sehen und damit verbunden oft unklare Vorstellungen verzerren Bilder und damit Vorstellungen und Eindrücke bei Sehbehinderten. Die Restsinne müssen all das bewältigen, begreifbar machen, was durch Blindheit oder Sehbehinderung optisch nicht erfahrbar und erfaßbar ist. In diesem beschriebenen sozialen, politischen, pädagogischen Kontext müssen wir, die wir als Lehrer/innen, Erzieher/innen, Sozialarbeiter/innen Psycholog/innen mit blinden und sehbehinderten Kindern und Jugendlichen arbeiten, die Frage stellen, wie wir all diesen Entwicklungen begegnen, ob wir an ihnen partizipieren, ob wir ihnen hinterherlaufen, ob wir sie gar verschlafen haben, was angesichts der Rasanz der Entwicklung fatal wäre.

Auftrag von Schule, Internat und Ausbildung

Ich glaube, es lohnt an dieser Stelle, sich einmal über unseren, der Pädagoginnen und Pädagogen Auftrag, Gedanken zu machen.

Wir sollen unsere Schülerinnen und Schüler

- intellektuell fördern im Sinne schulischer Kompetenz erziehen hin zur sozialen Kompetenz

- ihnen Fähigkeiten und Fertigkeiten vermitteln, die ihnen erlauben, berufliche Kompetenz zu erwerben,

kurz gesagt, wir sollen die Voraussetzungen schaffen für künftige positive Lebensperspektiven.

Lebensperspektiven-

Doch wie sehen die Lebensperspektiven aus-

Müssen wir bei unseren pädagogischen Intentionen immer die gesellschaftlichen Forderungen, das Eingebundensein in technologische Zwänge im Auge haben-

Genügt es nicht, einen Menschen so zu prägen, daß er zufrieden und glücklich ist-

Ist es nicht bei der schnellen Entwicklung auf allen Gebieten ohnehin abzusehen, wann Behinderte abgehängt werden und nicht mehr in der Lage sind, mit den technischen Möglichkeiten Schritt zu halten-

Oder lohnt es vielleicht doch, den Wettlauf mit der technologischen Entwicklung als Blinder/Sehbehinderter aufzunehmen-

Diese Fragen sind nicht neu. Ich erinnere mich noch an die 70er Jahre. Erste Rechner für Blinde kamen auf den Markt, ebenso die ersten elektronischen Braillezeilen. Sie waren teuer. Man mußte neu lernen. Spezielle Computer für Blinde wurden entwickelt (Braillex, Braillocord, Versabraille usw.). Blinde konnten teilhaben am Wachstumsprozeß der Computertechnologie.

Die reinen "Blindengeräte" wurden Mitte der 80er Jahre abgelöst durch marktübliche Computer mit angepaßter Blindentechnologie. Sie wurden dadurch komfortabler, billiger und waren in der Lage, Blinden auch Software für Sehende zugänglich zu machen. Diese Programme sind heute die Voraussetzung für den komfortablen computertechnischen Zugang zu Informationen für Blinde und Sehbehinderte.

Die Frage nach den Grenzen der zugänglichkeit stellte sich immer neu und sie wird sich auch in Zukunft immer wieder stellen.

Lebensperspektive - ist sie vom Zugang zu Information und von der Nutzungsmöglichkeit moderner Kommunikationsmittel abhängig- Diese Frage läßt sich sicher nicht pauschal beantworten. Jeder definiert seine Vorstellungen von Lebensperspektive selbst. Sie sieht für den Clochard anders aus als für den Juppie, für den Beamten anders als für den Selbständigen, für den Künstler anders als für den Computerfreak.

Es kann daher nur immer von dem Recht der Behinderten, nicht benachteiligt zu werden, ausgegangen werden. Niemand kann gezwungen werden zu "fremdbestimmter Lebensperspektive". Dies bedeutet andererseits, daß jede/jeder Blinde und Sehbehinderte, die/der seine Lebensqualität dahingehend definiert, daß er/sie an alle für Sehende erreichbaren Informationen gelangt, auch die Möglichkeit erhalten muß, diese selbständig handelnd möglichst im gleichen Umfang zeitnah in einem für ihn/sie zugänglichen Medium zu bekommen.

Dies sagt Artikel 3 Abs. 3 Grundgesetz aus.

Schule

Akustische Adaptation

Im folgenden möchte ich einen kurzen Exkurs, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, durch die Möglichkeiten machen, die Blinde und Sehbehinderte heute haben, um an Informationen zu gelangen und die ihre Kommunikationsmöglichkeiten erweitern. Dies gilt in besonderem Maße für weiterführende Schulen und nachfolgende Ausbildungsgänge. In den Bereichen Schule, Ausbildung, Universität, Beruf und Freizeit sollen Vorschläge und Beispiele zeigen, wie all die, die ihre Lebensqualität auch über den möglichen Zugang zu Information definieren, Zugang erhalten und welche Probleme sich auftun - nicht lösbar, noch nicht lösbar oder lösbar.

Wie bereits oben erwähnt, sollte nach meiner Ansicht der Computer so früh wie möglich im Unterricht der Blinden- bzw. der Sehbehindertenschule eingesetzt werden. Maschinenschreiben (Schwarzschrift) muß als Voraussetzung in den Lehrplänen verbindlich sein. Die Einsatzmöglichkeiten sind nach dem Erwerb der Fertigkeit des Maschinenschreibens über den Computer vielfältig.

Im folgenden möchte ich Ihnen einige Beispiele aus dem naturwissenschaftlichen Unterricht referieren, danach die Funktion und die blindengerechte Präsentation von Hilfsmitteln im Bereich des Medienzentrums der Carl-Strehl-Schule in Verbindung mit unserer Produktionseinheit für taktile Medien vorstellen und sie mit unseren Plänen für eine moderne Schulbibliothek vertraut machen.

Um einem blinden Schüler Meßwerte zugänglich machen zu können, müssen die im Unterricht eingesetzten Meßgeräte mit speziellen Datenschnittstellen ausgestattet sein oder damit ausgestattet werden. Die Meßdaten können dann mit einer Sprachausgabe oder über Schwellpapier tastbar zugänglich gemacht werden.

1. Beispiele aus dem Physikunterricht

1.1 Ein handelsübliches Multimeter eines Lehrmittelherstellers (Phywe) wurde von unserem Elektroniklabor der Carl-Strehl-Schule mit einer Datenschnittstelle ausgestattet. Alle Meßdaten des eingebauten LCD-Displays können über diese Schnittstelle einer eigens entwickelten Sprachausgabe zugeführt und zur Ansage gebracht werden. Die Schülerinnen und Schüler können so Strom- und Spannungskennlinien selbständig wahrnehmen.

1.2 Im gleichen Labor wurde ein Meßkoffer entwickelt, der von den Firmen Metec, Brailletec und der Deutschen Blindenstudienanstalt vertrieben wird. Bei diesem Meßsystem wird die im Meßgerät eingebaute Schnittstelle an die Sprachausgabe angeschlossen. Es entfällt der hohe zeitliche Aufwand für die Adaptierung des Meßgerätes. Das eingesetzte Vielfach-Meßgerät verfügt über eine Anzahl von Meßbereichen. Es können Ströme, Spannungen, Widerstände, Kapazitäten, Frequenzen, Logikpegel und Transistorparameter gemessen und über die Sprachausgabe dem blinden Schüler zugänglich gemacht werden. Bei diesem Meßsystem wird dem Schüler neben dem Meßwert auch die physikalisch richtige Einheit angesagt.

Durch Vorsatzgeräte können zusätzlich noch Temperaturen gemessen und auch mit der richtigen Einheit gesprochen werden. Auch diese Entwicklung erlaubt den Zugang zu bisher nicht direkt erfahrbaren Informationen.

1.3 Auch der neu entwickelte Meßschieber verfügt über eine spezielle Datenschnittstelle. Das Datenformat wird von der angeschlossenen Sprachausgabe dekodiert und weiter verarbeitet. Es können im Bereich der Mechanik Längenmessungen mit einem 1/100 mm Genauigkeit durchgeführt werden. Die Meßwerte werden auch hier mit der physikalisch richtigen Einheit gesprochen.

2. Beispiele aus dem Chemieunterricht

Ein PH-Meter mit Datenschnittstelle wird an die Sprachausgabe angeschlossen. Notwendige Softwareänderungen für den Anschluß des Gerätes werden im Elektroniklabor vorgenommen. Das Gerät wird z.B. bei Titrationen eingesetzt, PH-Werte können vom Schüler während der Versuchsdurchführung laufend abgefragt werden.

3. Beispiele aus der Biologie

Die Sprachausgabe wurde so umprogrammiert, daß sie an den Umweltmesskoffer der Fa. Leybold angeschlossen werden kann. In diesem Koffer befinden sich Meßgeräte für die verschiedensten Anwendungen. Für folgende Meßgrößen stehen Meßgeräte zur Verfügung: Temperatur, PH-Wert, Leitfähigkeit, Photometer, Luxmeter und ein Sauerstoffmeßgerät. Die Geräte verfügen alle über eine Datenschnittstelle, die aber keiner Norm entspricht. Die Meßgeräte können über einen eingebauten Stecker direkt auf die Sprachausgabe aufgesteckt werden und sowohl im Biologie- als auch im Chemieunterricht eingesetzt werden. Über eine spezielle Codierung wird das Meßgerät von der Sprachausgabe erkannt, so daß auch die physikalisch richtige Einheit angesagt wird.

Messungen in der Freilandbiologie werden mit diesem System durchgeführt. Als Beispiel sei unser Teich genannt; auch wurde das System bereits im Wattmeer an der Nordseeküste eingesetzt.

4. Wetterstation

Die Wetterstation der Fa. ELV verfügt auch über eine Datenschnittstelle. Alle Meßgrößen können über die Sprachausgabe angesagt werden. Drei Temperaturmeßbereiche, Luftdruck, Luftfeuchtigkeit, Windrichtung, Windgeschwindigkeit, Regenmenge, Helligkeit und Sonnenscheindauer können auf Tastendruck vom blinden Schüler abgefragt werden. Neben den aktuellen Werten können aber auch zu allen Meßgrößen die Maxima und Minima der vergangenen 24 Stunden abgefragt werden.

Alle Daten werden mit einem Computer aufgezeichnet und einmal täglich in unser hausinternes Netzwerk überspielt. Die Daten können dann zusätzlich an allen zugänglichen Computern über eine Braillezeile oder eine Sprachausgabe abgefragt werden.

5. Photovoltaikanlage

Die Stadtwerke Marburg haben der Deutschen Blindenstudienanstalt eine Photovoltaikanlage gespendet. Die Anlage verfügt auch über eine Datenschnittstelle. Solarspannung und erzeugte elektrische Leistung können über einen Computer abgefragt und tastbar gemacht werden. Auch unsere selbst entwickelte Sprachausgabe wird entsprechend angepaßt. Die aktuellen Werte können so im Unterricht direkt abgefragt und akustisch oder taktil wiedergegeben werden.

6. Optophon

Das Optophon stellt eines der wichtigsten Hilfsmittel im naturwissenschaftlichen Unterricht mit blinden und hochgradig sehbehinderten Schülern dar. Es basiert auf langjährigen Erfahrungen in allen Klassenstufen der Carl-Strehl-Schule der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg und hat sich im praktischen Einsatz insbesondere durch seine Handlichkeit und seinen großen Frequenzumfang bestens bewährt. Durch die Verwendung unterschiedlich empfindlicher Sonden können Lichterscheinungen bis hin zum Laserlicht hörbar gemacht werden. Das Gerät findet besonders intensive Verwendung im Bereich Optik des Physikunterrichts sowie für allgemeine und spezielle Lichterscheinungen im Fach Chemie. Es können feinste Glüheffekte bis hin zu gleißenden Feuererscheinungen hörbar gemacht werden. Das Gerät eignet sich nicht für reine Reflexmessungen!

Säuren, Laugen und Salzlösungen sowie Festkörper aller Art können unter Verwendung des externen Kabels problemlos auf ihre Leitfähigkeit überprüft werden. Durch Verwendung von 3-Volt-Technik und Abgabe kleinster Ströme kann sogar der Körperwiderstand durch Berührung der Krokodilklemmen mit beiden Händen gefahrlos ermöglicht werden.

In den oben genannten Beispielen werden unseren Schülerinnen und Schülern Informationen direkt und unmittelbar zugänglich, die sie ohne computertechnische Adaptation nur mit Worten erklärt bekämen, die sie aber nicht selbst hätten erfahren können.

Taktile Adaptation

Landkarten, Stadtpläne und Globen sind Hilfsmittel, die für Blinde und Sehbehinderte im Hinblick auf Information und Orientierung von großer Bedeutung sind. Sie blindengerecht zu gestalten, ist Aufgabe unserer Produktionsabteilung "Taktile Medien".Moderne Computertechnologie macht die Herstellung einfacher und preiswerter.

Alle Abbildungen (nicht nur Stadtpläne) werden zunächst auf dem PC erstellt. Für die grafischen Arbeiten benutzen wir handelsübliche Software (in der Hauptsache das Grafik-Paket Corel-Draw7). Spezielle Anwendungsprogramme für unsere Zwecke wurden nicht entwickelt.

Voraussetzung für die PC-Bearbeitung sind grafische Vorentwürfe, in die Vereinfachungen, Ergänzungen und alle blindenrelevanten Informationen eingearbeitet werden. Diese Entwürfe, d.h. die grafisch-taktile Bearbeitung (Übersetzung), werden mit der Hand hergestellt. Aus der PC-Grafik werden die einzelnen Farbauszüge für den Siebdruck abgeleitet, die Daten werden von einem Fotosatz-Studio auf Film belichtet und im Siebdruck weiterverarbeitet.

Weitere Möglichkeiten der PC-Bearbeitung, wie z.B. das Ansteuern eines Fräsplotters für den Modellbau, werden in Kürze möglich sein.

Für das Design sind alle maßgebenden Empfehlungen der zuständigen EU Kommission zu berücksichtigen.

Schulbibliothek

In Stichworten will ich darstellen, wie wir uns in der Deutschen Blindenstudienanstalt eine moderne Schülerbibliothek vorstellen:

Die Schulbibliothek ist als mediales Versorgungszentrum der Carl-Strehl-Schule konzipiert. Sie wird folgende Medien anbieten:

- Braillebücher, Hörbücher, Bücher in Normalschrift und Großdruck, sonstige akustische Medien (CD, Kassette, Schallplatte, CD-ROM)

- Fachliteratur für die einzelnen Unterrichtsfächer, Lehrerbücherei, Lexika, Nachschlagewerke (PS, SS, CD-ROM)

- Tageszeitungen

- Zeitschriften

- Belletristik

- Video-Kassetten mit Audiodeskription

- Multimedia Datenträger

Die Geräteausstattung muß es dem blinden Benutzer erlauben, Texte einzuscannen und sich über die entsprechende Software ausdrucken zu lassen, Cassetten zu hören, akustische Ausgaben von Asci- Texten zu realisieren.

Ein Internet-Anschluß sollte es ermöglichen, in anderen Bibliotheken zu suchen, zu bestellen, Kataloge abzurufen über E-mail Wünsche zu äußern.

Eine Verbindung zu den Schulprogrammen der Länder (z.B. HELP/HIPS in Hessen) sollte möglich sein.

Leseecken, Stillarbeitsräume, Kommunikationsebene sollten bei Schülern die Lust zu lesen, zu suchen, zu finden, zu kommunizieren wecken.

Themen von Projektwochen sollten sich im Angebot der Schulbibliothek wechselnd widerspiegeln.

Ausleihterminals lassen es zu, CD-Roms in vorhandene Geräte einzuloggen und an blindengerechten Arbeitsplätzen, ausgestattet mit taktilen Zeilen, oder mit einer guten Sprachausgabe zu arbeiten oder sich zu vergnügen.

Die Planung ist abgeschlossen. Die Schulbibliothek soll 1999 in dieser Form realisiert werden. Oberstes Ziel aller schulischen Initiativen muß es sein, der Schülerin oder dem Schüler zu ermöglichen, selbst, d.h. ohne die Hilfe des Lehrers, Informationsquellen zu erschließen und die Ergebnisse für den Unterricht einzusetzen.

Noch ein Letztes: Schriftliche Arbeiten - auch die Abiturklausuren - werden am Computer geschrieben. Der Schüler/die Schülerin kann so jederzeit "zurückblättern", sich entscheiden, ob er/sie während einer Prüfung die Arbeit ganz oder in Teilen taktil (Braille) oder akustisch (Sprachausgabe) abrufen will, um eventuelle Korrekturen anzubringen. Dem Lehrer kann die Arbeit dann in Schwarzschrift ausgedruckt werden.

Berufliche Ausbildung

Wie bereits oben erwähnt, gibt es kaum mehr Berufe, die sich nicht moderner Informationssysteme bedienen. Daher gilt auch für die Ausbildung Blinder und Sehbehinderter, den Zugang zu allen relevanten Informationen zu ermöglichen.

Für die Ausbildung zum Informatikkaufmann/frau etwa spielt der Zugang zu Information ein sehr wichtige Rolle. Internetabfragen, Computerkommunikation mit Kunden, Online-Abgleiche mit dem Hersteller bei Softwareproblemen, Kooperation im Rahmen des hausinternen Netzwerkes müssen eigenständig bewältigt werden.

Berufsbildungswerke und Berufsförderungswerke haben sich auf die Erfordernisse des Informationszeitalters eingestellt und haben, wie ich z.B. in Halle sehen konnte, modernste Technologie eingesetzt: Netzwerke, blindengerechter Zugang zum Internet, Scanner usw. Zu diesem Thema werden kompetentere Referenten während dieses Kongresses sprechen.

Studium

Einige Universitäten, so auch die Philipps-Universität in Marburg, haben PC-Arbeitsplätze geschaffen, an denen Blinde sich den Zugang zu wichtigen Studienmaterialien (Bibliotheksdaten) verschaffen können. Texte können aufgelesen oder eingescannt werden. Übertragungssoftware übersetzt die Texte in Blindenschrift.

Ein Problem ist allerdings nach wie vor noch nicht befriedigend gelöst: Blinde Studierende benötigen auch zu hause die Technologie, die sie in die Lage versetzt, selbständig außerhalb der Universität zu arbeiten. Da Braillezeilen und Sprachausgaben sehr teuer sind, findet sich nicht immer ein Kostenträger. Die Carl-Strehl-Schule hat übrigens ähnliche Probleme. Auch hier stehen im Internat nur eine begrenzte Anzahl von blindengerecht adaptierten Rechnern zur Verfügung. Die notwendige Ausstattung, die Benachteiligung von blinden und sehbehinderten Studierenden und Schülern verhindern würde, ist meist nicht finanzierbar.

Studieninhalte werden zunehmend komplexer, Wissensgebiete globaler, Forschung internationaler. Sehende Studierende können diese Technologien auch dann nutzen, wenn sie sie selbst nicht besitzen. Sie gehen in Internet-Cafes, Computerstuben, nutzen den Bibliotheksservice im Rechner und erhalten so die notwendige, studienrelevante Information. Für Blinde bleibt meist nur, sich einen Vorleser zu bestellen, um an vergleichbare Informationen zu gelangen.

So bleibt an dieser Stelle nur darauf hinzuweisen, daß, wie oben erwähnt, unser Grundgesetz Benachteiligung verbietet und damit Chancengerechtigkeit einfordert. Dies muß auch für die notwendige Ausstattung blinder und sehbehinderter Studenten während ihres Studiums gelten.

Im Rahmen eines internationalen Konsortiums wird zur Zeit an der Strukturierungsmöglichkeit von Hörbüchern für Blinde gearbeitet (DAISY). Eine international standardisierte Software soll den Zugang zu digital aufgesprochener Literatur bzw. zu wissenschaftlichen Werken erleichtern. Kapitel, Stichworte, Seiten sollen über eine Tastatur direkt angewählt werden können. Das aufgesprochene Buch wird so auch für wissenschaftliche Auswertung interessant.

Beruf

Ich möchte an einigen wenigen Beispielen darstellen, welche Möglichkeiten sich für den berufstätigen Blinden oder Sehbehinderten auftun. Berufstätigen wird in der Regel über die Schwerbehindertenausgleichsabgabe die für die Ausübung des Berufs notwendige Ausstattung zur Verfügung gestellt und finanziert. Der Arbeitgeber trägt meist nur einen Anteil der notwendigen Kosten der technischen Ausstattung.

Die in Schule, Ausbildung oder Universität erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten im Umgang mit Hardware und Software, die Kenntnisse bezüglich der Computerkonfiguration setzen blinde und sehbehinderte Berufstätige in die Lage, die speziell an ihrem Arbeitsplatz benötigte Technik zu definieren und zu fordern. Die Rehabilitationseinrichtung für Sehgeschädigte - RES - der Blindenstudienanstalt berät, wenn nötig, auf Wunsch am Arbeitsplatz. Diese Beratung wird vom Kostenträger bezahlt.

Welche Möglichkeiten des Zugangs zu Informationen bieten sich Berufstätigen- Auch hier kann ich nur an zwei Beispielen andeuten, welche Möglichkeiten sich für Blinde und Sehbehinderte durch moderne Informationstechnologie auftun..

Blinde Juristen können sich mit ihrem Rechner z.B. in die Datenbank "Juris" einklinken, aktuelle Grundsatzurteile, neueste Gesetzestexte, Kommentare zu Gesetzen und Urteilen abrufen, sie in ihrem Rechner speichern und über entsprechende Software in Blindenkurzschrift ausdrucken oder über eine Sprachausgabe akustisch wiedergeben lassen. Aktuelle Dateien sind auf CD-ROM erhältlich und lassen sich ebenfalls blindengerecht umsetzen.

Blinde Geisteswissenschaftler haben über den Computer Zugang zu nationalen und internationalen Bibliotheken, sofern sie die entsprechende Ausstattung besitzen. Auch die Dateien der Deutschen Blinden-Bibliothek (DBB) der Deutschen Blindenstudienanstalt werden in Kürze in das Internet eingespeist und stehen zur Verfügung.

Die Arbeitsgemeinschaft der Blindenhörbüchereien e.V. hat einen systematisierten Katalog aller deutschsprachigen Hörbücher verfaßt, der auf Diskette zur Verfügung stehen wird.

Lassen Sie mich aber gerade an dieser Stelle deutlich machen, daß die Computertechnologie für Blinde keinesfalls die Arbeitsplatzassistenz ersetzen kann. Der DVBS veröffentlichte im Mai 1998 eine entsprechende Resolution, in der die Forderung nach Arbeitsplatzassistenz begründet wird: "Trotz der modernen technischen Arbeitshilfen, wie z.B. Lesegeräte für Blinde und hochgradig Sehbehinderte, ist in vielen Fällen die Beschäftigung nur mit Hilfe einer Arbeitsplatzassistenz möglich. - Darüber hinaus löst EDV am Arbeitsplatz viele Informationsprobleme zunächst nicht. Mobilitäts- und Kommunikationshilfe schließlich leistet auch weiterhin nur "menschliche" Assistenz."

Freizeit

Sich unabhängig von Schule, Ausbildung und Beruf informiert zu halten, d. h. am Geschehen unseres Gemeinwesens teilhaben zu können, nicht benachteiligt zu sein, schließt die grundgesetzliche Forderung gemäß § 3 Abs. 3 mit ein.

Politisch Interessierte können sich Informationen über die Kommunalparlamente, die Landtage, den Bundestag, die Bundesregierung und die Ministerien im Internet abrufen; sie können die wichtigsten Reden unseres Bundespräsidenten Prof. Dr. Roman Herzog auf Cassette bestellen und können die Programme aller Parteien im Internet abrufen.

Lexika, Fahrplanauskünfte, Adressen und Telefonnummern stehen auf CD-Rom zur Verfügung. Zeitungen und Zeitschriften sind im Internet abrufbar. Warenkataloge von Kaufhäusern können über das Internet zugänglich gemacht werden.

Homebanking und Online-Shopping gehören heute zu den modernen Selbstverständlichkeiten und sind auch für Blinde und Sehbehinderte möglich.

Diese Reihe könnte noch fortgesetzt werden.

Voraussetzungen und noch bestehende Probleme

- Sprachausgabe, Braillezeile und Großschriftsystem müssen den jeweiligen Soft- bzw. Hardwarekonfigurationen angepaßt sein. Die ist oft schwierig und nicht immer lösbar. Dies gilt auch für den blindengerechten Zugang zu CD-Rom"s.

- Internet-Seiten sind häufig mit Bildern, Graphiken, Profilen und manchmal schon mit kurzen Videospots versehen. Diese für Blinde nicht lesbaren Teile müssen mit entsprechender Software herausgefiltert werden. Regeln für blindengerechte Aufbereitung von Texten sollten aufgestellt und standardisiert werden. Der Arbeitskreis "Multimedia" des DVBS beschäftigt sich bereits mit diesen Problemen. Es sollte versucht werden, entsprechende Ausführungsbestimmungen zum "Gesetz zur Regelung der Rahmenbedingungen für Informations- und Kommunikationsdienste (Multimediagesetz)" zu erwirken.

- Die Standards müssen bei globaler Anwendung (Internet) auch international durchgesetzt werden. Die Deutsche Blindenstudienanstalt arbeitet mit der Internationalen Organisation für Standardisierung (ISO) zusammen.

- Bezüglich einer blindengerechten beispielhaften Homepage ist die Deutsche Blindenstudienanstalt mit einem Provider im Gespräch. Das Ergebnis wird in Kürze vorliegen.

- Sicherlich wird auf diesem Gebiet noch eine Fülle von Problemen auftauchen. Professionelle Herangehensweise, eventuell auch im Rahmen eines EU-Projektes, halte ich für nötig.

- Die für den Individualfall notwendige Technologie muß, will man Benachteiligung verhindern, beschafft werden. Dies gilt vor allem für Schule und Universität. Versäumnisse auf diesem Gebiet werden sich für die Eingliederungsmöglichkeiten Blinder und Sehbehinderter in Beruf und Gesellschaft katastrophal auswirken.

Zusammenfassung

Blinden- und sehbehindertengerechter Zugang zu Information ist ein Grundrecht. Es durchzusetzen ist eine Aufgabe, an der sich alle - Verbände, Schulen, Berufsförderungs- und Berufsbildungswerke - beteiligen sollten. Wenn wir wollen, daß Blinde und Sehbehinderte auch künftig beruflich und gesellschaftlich eingegliedert sind, wenn wir wollen, daß Lebensperspektiven für den einzelnen Blinden oder Sehbehinderten einlösbar werden, so müssen wir uns - dieses Ziel vor Augen - gemeinsam engagieren. Wir müssen unsere Schulen in die Lage versetzen, den Ansprüchen unserer Zeit gerecht zu werden, den Behinderten in Ausbildung und Studium Zugang zu der ihnen gemäßen Informationsform zu verschaffen und alle Möglichkeiten für Blinde und Sehbehinderte eröffnen, am politischen und gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.

Uns, den Pädagoginnen und Pädagogen, kommt dabei eine besondere Verantwortung zu.

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