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Mit der Gründung einer Realschule für Blinde und Sehbehinderte setzte in Ilvesheim ein Strukturwandel ein. gab es bislang deutlich mehr blinde Schüler, so wandelte sich dieses Bild, so daß sich heute fast jede Klasse aus sehbehinderten, hochgradig sehbehinderten und blinden Jungen und Mädchen zusammensetzt. Somit änderte sich auch das Anspruchsprofil an den Sportunterricht.
Zwar gibt es Ballspiele wie Tor- oder Goalball, bei denen alle Aktiven mit verbundenen Augen spielen, aber letztendlich war diese Art von Sport unbefriedigend. Für jeden Sehenden ist das Tragen einer Augenbinde ein Handicap, welches ihn stark einschränkt. Dadurch hat ein Sehender nicht die Möglichkeit, seine volle Leistungsfähigkeit zu entfalten. Siegte der Blinde in solch einem Spiel, war der sehende Partner selten bereit, diesen Erfolg als Beweis der Sportlichkeit des Blinden einzustufen, sondern sah vielmehr die Ursache in der Tatsache liegen, daß er ja mit der Binde nicht richtig Sport treiben konnte. Die Bereitschaft, sich auf einen solchen Wettkampf einzulassen, hatte meist soziale Motive. Für den blinden Sportler war dieser Zustand unbefriedigend.
Deshalb entstand die Idee, Sportarten zu suchen, welche folgende Eigenschaften hatten:
1. Die Sportart sollte bei den Sehenden etabliert und somit auch bewertbar sein. Die Schüler wollten damit vermeiden, daß aufgrund von einer Bewegungsunkenntnis wie bei Torball die sehende Umwelt die sportliche Leistung nicht bewerten kann.
2. Der sehgeschädigte Sportler soll zu gleichen Bedingungen bei gleichen Leistungsanforderungen teilnehmen können.
Aus diesen beiden Prämissen wurden Sportarten herausgefiltert, welche auf Resonanz bei den Schülern stießen und damit experimentiert. Überraschenderweise findet man eine ganze Anzahl etablierter Sportarten, bei denen die Sehkraft keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielt.
Die folgende Auflistung ist hoffentlich nicht vollständig, sondern kann von aufgeschlossenen Trainern und Sportlehrern für Sehgeschädigte weiter ausgedehnt werden. Demzufolge wird die besondere Eignung für Blinde und Sehbehinderte nur angerissen
- Rudern
- Reiten
- Wasserski
- Schwimmen
- Langlauf
- Judo
- Bankdrücken
- Tanzen
Während die bislang aufgezählten Sportarten wohl von jedem uneingeschränkt ihre Berechtigung im Schulsport eingeräumt bekommen, gehe ich davon aus, daß beim Klettern unterschiedliche Meinungen aufeinanderstoßen. Ich versuche deshalb darzulegen, warum ich als Lehrer von den pädagogischen Möglichkeiten dieser Sportart überzeugt bin.
Klettern als taktile Sportart
Jeder sehende Bergsteiger wird die Sitation kennen, daß sein Auge eine Tour abgesucht hat und an markanten Punkten hängengeblieben war, wo er Sicherungen oder Standplätze einrichten wollte. Erreichte er diese Stellen, wird er oft festgestellt haben, daß sein Auge nur schlecht von unten die Güte des Felsens ausloten konnte. Letztendlich gibt nur Hand und Fuß Auskunft über einen guten Griff. Dieses taktile Signal ist für den Sehenden die entscheidende Information über die Güte seiner Griffwahl.
Ziel ist natürlich das Klettern in der Natur. Ursprünglich wählte der erfahrene Kletterer seine Route durch Augenschein aus, heute kann in Europa jedoch von einer Vollerschließung ausgegangen werden. Das heißt, daß eine Tour durch das Lesen der Kletterführer am Schreibtisch vorbereitet werden kann. Entsprechend des gewählten Schwierigkeitsgrades ist die Tour vorbestimmt und weist eine bestimmte Griffdichte auf.
Dadurch bekommt das Sehen eine untergeordnete Bedeutung, und das Tasten und Fühlen wird aufgewertet. Daraus ergibt sich, daß diese Sportart auch für Blinde offen steht.
Trotzdem wird im Regelfall der Sehende einer Seilschaft den Vorstieg machen. Aber auch hier hat der nachfolgende Partner die wichtige Funktion, die Seilschaft abzusichern. Dabei ist in der Natur der Blickkontakt zum Vorsteigenden geländebedingt oft nicht gegeben. Der "zweite Mann" kontrolliert seine Seilführung - wie ein Angler seine Rute -an der Spannung des Seiles. Das heißt, die Sehkraft ist für diese wichtige Arbeit von untergeordneter Bedeutung.
Allerdings kommt ein weiterer Faktor zum Tragen, der meines Erachtens das Klettern als Sportart auch für blinde Schüler besonders wertvoll macht. In einer Seilschaft finden sich - bezogen auf den gegenseitigen Verantwortungsgrad - nur gleichberechtigte Partner. Traue ich einem Schüler die wichtige Funktion des Sicherns nicht zu, ist es auch für mich als Sehender fast unmöglich, als Vorsteiger psychisch davon unbeeindruckt zu sein. Umgekehrt ist jedem Schüler bewußt, welche Verantwortung er in seinen Händen hat, nämlich die Sicherheit der Seilschaft. Diese Wichtigkeit, verbunden mit dem gezeigten Vertrauen des Erwachsenen in den Schüler, bewirkt oftmals erstaunliche Reifungsprozesse beim Jugendlichen. Für die jungen Blinden ist es meist das ersten Mal in ihren Leben, daß sie wirklich als vollwertige Partner akzeptiert werden. Hinzu kommen das Naturerlebnis und eine klare Zieldefinition: der Gipfel. Der Faktor Zeit ist von untergeordneter Bedeutung. Somit ist das Erreichen des Gipfels das sportlich anerkannte Ziel, und kein sehender Bergsteiger wird einem Blinden diesen Erfolg wegdiskutieren. Im Gegenteil wird für den Bergsportler die Leistung des Sehgeschädigten um so eindrucksvoller sein.
Mit Schülern gehe ich im Hochgebirge ausschließlich Klettersteige. Dies sind Kletterrouten, bei denen die schwierigen Passagen der Tour durch ein vorgespanntes Stahlseil gesichert sind. Allerdings sollte man als Flachländer nicht die Touren unterschätzen, da diese Steige bis zum 5. Schwierigkeitsgrad gehen können und auch große Wände des Alpenraum damit sicher erschließen. Diese Einschränkung hängt nicht von den Schülern ab, sondern von meinen persönlichen klettertechnischen Grenzen. Dabei sichern sich unsere Schüler wie in einer normalen Seilschaft, das heißt, sie sind durch ein Seil mit mir und untereinander verbunden. Lediglich der Lehrer als Vorsteiger wählt zusätzlich die Sicherung am Steig. Somit kann sich meine Aufmerksamkeit ganz auf die Schüler konzentrieren. 18 Jahre lang war diese Vorsicht unbegründet, denn bislang ist dabei noch nie ein Schüler ins Seil gefallen und bei Touren von bis zu 13 Stunden Länge noch nie ein Kletterer unkonzentriert gewesen.
Selbstverständlich kann niemand zum Steigen im Hochgebirge gezwungen werden. Ebenfalls ist es wichtig, daß beide Seiten, Schüler und Lehrer, sich kennen und verstehen. Letzteres ist bewußt mehrdeutig, denn neben der menschlichen Komponente ist bei der Mitnahme von Blinden eine Klarheit über die sprachliche Codierung notwendig. Die Partner müssen untereinander verstehen, was zum Beispiel mit einem "langen Schritt" gemeint ist, was bei "Stand" zu tun ist. Eine gute Kondition aller Aktiven ist unumgänglich, und die Ernsthaftigkeit der Gesamtsituation muß bewußt sein. Dazu gehört ausreichende Nachtruhe, richtige Kleidung, ein Vorverständnis über körperliche Reaktionen. Wichtig ist das Wissen, daß alle Beteiligten in ihren physischen und psychischen Grenzbereich gehen und Stressreaktionen möglich sind.
Im konkreten Fall versuche ich, die Tour zu beschreiben und anhand bekannter Erfahrungen für die Schüler zu gewichten. Dazu gehört die Länge und Schwierigkeit der Wand und das Beschreiben besonderer Gefahrenpunkte. Für das Klettern mit Sehgeschädigten kommt hinzu, daß oft die eigentliche Wand für uns nicht die maximale Schwierigkeit oder Gefahrenquelle darstellt, sondern das Abgehen auf den Geröllhalden oder Normalwegen. Hier sind oft keine Sicherungsmöglichkeiten, obwohl ein Fehltritt immer noch lebensbedrohlich wäre. Angeblich sollen die meisten Bergunfälle auf diesen Abstiegsstrecken passieren. Somit muß den Schülern bewußt gemacht werden, daß eine Tour erst im Hotel beendet ist. Objektiv verbleibt meines Erachtens nur das Risiko eines konditionellen Einbruchs und der damit verbundenen Gefahr im Hochgebirge. Daraus ergibt sich, daß der Schüler so weit in seinen Körper hineinlauschen kann, um sich konditionell einzuordnen. Erfahrungen aus dem Langlauf sind dabei von unschätzbarem Wert. Nur wenn er sich die Tour zutraut, kann er mitgenommen werden. Umgekehrt ergibt sich für den Verantwortlichen auch die Aufgabe, notfalls einem Schüler eine Tour zu verweigern und einen Ruhetag zu verordnen.
Um die Verantwortung übernehmen zu können, muß jede Strecke dem Leiter bekannt sein. Dazu gehören Alternativwege und Kenntnisse, bis zu welchem Punkt eine Begehung abgebrochen werden kann und ab wo sie durchzuführen ist. Dabei müssen auch Stärken und Schwächen der Seilschaft realistisch gewertet werden. Im Gegensatz zu meinen Erfahrungen mit Schülern aus allgemeinen Schulen ist eine Stärke meiner jetzigen Sonderschüler ihre Schwindelfreiheit und Unbekümmertheit bei großer Höhe oder ausgesetzten Stellen und die Tatsache, daß bei hereinbrechender Nacht die Dunkelheit keinen weiteren Gefahrenpunkt liefert.
Einfacher ist das Klettern in den Mittelgebirgen. In unserer Region kann oft nach dem sogenannten Top-Rope-System gestiegen werden. Hier wird nach dem Flaschenzugprinzip das Seil am höchsten Punkt umgelenkt, wodurch der Kletterer das Seil immer vor sich hat und deshalb bei einem Sturz nur sanft in das Seil pendelt. Bei dieser Methode im Mittelgebirge, wo nur eine Seillänge geklettert wird, kann jeder mit neuen Schwierigkeiten experimentieren und über sein Leistungsvermögen hinausgehen.
Für den tagtäglichen Schulsport hat sich unser Haus eine Kletterwand zugelegt. Mit etwas Eigenleistung kann eine Hallenwand für den Kostenbetrag eines Olympiabarren gestaltet werden. Im Gegensatz zum Turngerät können dabei gleichzeitig bis zu 16 Schüler agieren, und durch die Möglichkeiten der Umgestaltung können ständig neue Herausforderungen gewählt werden.
Hier an der Kunstwand kann in zwei verschiedenen Weisen geklettert werden:
Bouldern: paralleles, horizontales Klettern
Steigen: vertikales Klettern
Im Gegensatz zur Natur haben wir es hier immer mit der Senkrechten zu tun und schränken dadurch den Zugang ein, da bereits ein höheres motorisches Grundniveau verlangt wird als im Freien.
Prinzipiell gibt es keine Altersgrenzen bei diesem Sport. Bei meiner kleinen Tochter beobachtete ich z.B. die Handlungskette Krabbeln Klettern - Laufen, d.h. für sie war Klettern die natürliche Fortsetzung des Vierfüßlerganges.
In der Kletter-AG unserer Schule ist somit auch vom Kindergartenkind bis zum Elternteil, d.h. von 4 bis 40 Jahren, von 20 bis 100 kg, von 0,90 bis 2 m ein buntes Durcheinander zu finden. Für wohl jede andere Sportart wären dadurch Belastungsgrenzen gegeben, für das Sportgerät Wand ist dies jedoch problemlos verkraftbar.
Die Sonderschule als Spezialschule
Trotz zahlreicher Bemühungen durch das Kultusministerium leidet die Sonderschule unter ihrer Stigmatisierung. Unseren Realschülern ist diese Einstufung der Umwelt, uns als minderwertige Schule für Behinderte zu sehen, bewußt.
Bei dem Landessportfest für Behinderte in Rheinland Pfalz versuchte der blinde Daniel beim Weitsprung seinen Anlauf zu finden. Beim ersten Versuch mißlang es, und er lief über den Balken. Sein Schritt in die Grube wurde von den Kampfrichtern und dem Publikum begeistert gefeiert, und die Weite von 1,80 m sofort in die Wettkampfliste eingetragen. Für Daniel war diese Würdigung eine Beleidigung, welche ihm zeigte, daß er mit seinen 17 Jahren nicht als Sportler, sondern als Behinderter eingestuft wurde. Wie andere gute Sportler seines Alters war Daniel durchaus in der Lage, zwischen 4,50 und 5 m zu springen.
Diese Einstufung ist leider nicht auf den Sportbereich beschränkt, sondern gilt für den gesamten schulischen Bereich unserer Kinder. Ständig stoße ich in Gesprächen mit Kollegen aus allgemeinen Schulen auf das Erstaunen, daß eine Realschule für Blinde und Sehbehinderte in Baden-Württemberg nach dem gleichen Lehrplan arbeitet wie die allgemeinen Schulen und somit auch gleiche fachliche Anforderungen stellt. Wenn aber selbst diese Fachleute davon ausgehen, daß eine Mittlere Reife einer Sonderschule leistungsmäßig anders strukturiert ist, muß außerhalb des schulischen Bereichs noch von einer viel größeren Voreingenommenheit ausgegangen werden.
Aus diesen Erfahrungen der Geringschätzung entstand bei unseren Schülern der Wunsch, der Umwelt zu zeigen, daß sie ähnliches leisten können wie die anderen. Um dies zu schaffen, brauchen unsere Schüler aber mehr Mut und mehr Selbstbewußtsein.
Für uns als Schule dehnt sich somit die Aufgabe für die sehbehinderten Mädchen und Jungen weit über eine reine Wissensvermittlung aus. Durch die Existenz der Sonderschule verteilen sich 40 Realschüler auf 6 Klassen, und keine Gemeinschaft hat mehr als 8 Kinder. Aufgrund dieser Gruppengröße kann in einem gewissen Rahmen pädagogisch gezaubert werden und auch leistungsschwächere Schüler mit viel Zeit und Geduld aufgebaut werden.
Ich betrachte als ehemaliger Realschullehrer an allgemeinen Schulen deshalb mit viel Skepsis die Versuche der integrativen Beschulung von Behinderten. Solange eine Klasse an Regelschulen leistungsmäßig problemlos läuft, kann ein Behinderter ohne Schwierigkeiten mitgetragen werden. Allerdings sollte jeder auch die Belastungsgrenzen der Kollegen an allgemeinen Schulen bei Klassengrößen von 30 Schülern respektieren. Nicht umsonst boomen die Privatschulen, wo meist die geringere Gruppengröße den einzigen Vorteil darstellt. Die heile Welt der Regelschulen existiert nur in der Theorie. Die in diesem Aufsatz diskutierte Förderung ist meines Erachtens nur an der Sonderschule, in der Kleingruppe, möglich.
Als bei einem Elternabend der Videofilm über den Kletteraufenthalt in Südtirol gezeigt wurde, dachte ich, auf jede Reaktion vorbereitet zu sein. Zu meiner Überraschung waren die Erwachsenen betroffen, bis eine Mutter mir den Grund erklärte. Obwohl ihre Kinder zuhause von den Erlebnissen berichtet hatten, waren die Eltern nicht in der Lage gewesen, es ihnen zu glauben. "Ich dachte, meine Julia ist behindert und jetzt macht sie so was!"
(Der Autor, Jürgen Fischer, ist Diplom-Pädagoge an der Staatlichen Schule für Blinde und Sehbehinderte in Ilvesheim.)
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