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Christoph Charlier: Blinde, Sender und Gerätehersteller wollen "Anders sehen"

Anders sehen lernen müssen die 155.000 Blinden und 500.000 Sehbehinderten in Deutschland, um das Fernsehen als Informations- und Unterhaltungsmedium nutzen zu können. Über die neuen Möglichkeiten, die die Digitalisierung des Fernsehens dazu bietet, diskutierten auf Einladung des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck 250 Blinde und Sehbehinderte mit Programmverantwortlichen sowie Herstellern und Vertreibern von Empfangsgeräten. Blindheit dürfe keine Informationsund Unterhaltungsbehinderung sein, sagte Ministerpräsident Kurt Beck bei der Veranstaltung mit dem Titel "Anders sehen" im ZDF-Kongreßzentrum in Mainz. Viele Nachteile der Blindheit könnten mit geringem Aufwand ausgeglichen werden.

Ein ganz wichtiger Schritt dabei sind Hörfilmversionen von Filmen, bei denen in einem Audiodeskription genannten Verfahren der zweite Tonkanal eines Filmes genutzt wird, um Blinden die zum Verständnis der Filmhandlung notwendigen Zusatzinformationen zu geben. Das digitale Fernsehen könne und müsse sicherstellen, daß einer von den dann zahlreich vorhandenen Tonkanälen für die Hörfilmversion in viel stärkerem Maße als bisher genutzt werden können, forderte Ministerpräsident Kurt Beck.

Hörfilmpremiere mit "Eine unheilige Liebe"

Mitte der 70er Jahre hatte der Amerikaner Gregory Frazier das Audiodeskriptionsverfahren entwickelt. 1993 strahlte das ZDF in Deutschland "Eine unheilige Liebe" des Regisseurs Michael Verhoeven als ersten Hörfilm in Deutschland aus. Für das nächste Jahr versprach ZDF-Programmdirektor Markus Schächter nach dem Abschluß der Erprobungsphase eine neue Periode der Zusammenarbeit. Dann will das ZDF in jedem Monat und im Jahr 2000 einen wöchentlichen Hörfilm ausstrahlen. 1998 haben ARTE und ARD 22 Hörfilme aufbereitet, deren Zusatzvertonung pro Stück ca. 10.000 Mark kostet. Als Silvester-Überraschung wurde die Hörfilmversion von "Dinner for one" ausgestrahlt.

Doch damit wären die Hindernisse beim anderen Sehen noch längst nicht alle behoben. Für Blinde sind die bei der Bedienung von Fernseh- und Videogeräten immer mehr eingesetzten Displays nicht erkennbar. Und einen Videorecorder über die Menüsteuerung zu programmieren, ist für sie mehr als ein Hindernislauf. Auch der fast vollständige Verzicht der Fernsehsender auf Programmankündigungen erschwert Blinden die Orientierung. "Wir werden nicht absichtlich ausgeschlossen, das Problem ist, daß man uns nicht bedenkt", meinte denn auch der Pädagogische Leiter des Deutschen Blindenhilfswerks, Norbert Müller.

An die Blinden wird meist nicht gedacht

Das bestätigen sowohl der Media-Markt-Geschäftsführer, Klaus Peter Voigt, - "Ich war mir über Ihre Bedürfnisse gar nicht bewußt" - wie auch der Vize-Präsident von Sony Europa, Hans- Georg Junginger: Jetzt wollen sich die Hersteller und Vertreiber von Rundfunkgeräten mit den Vertretern des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands an einen Tisch setzen, um die Erwartungen der Blinden und die technischen Möglichkeiten auf einen Nenner zu bringen. Bei der Mainzer Tagung wurden sogleich Nägel mit Köpfen gemacht. So bot Media-Markt-Manager Voigt dem ZDF-Programm-Chef Schächter 100.000 Mark für zusätzliche Hörfilme an.

Von Kommunikationsgerechtigkeit - so die Forderung vieler Kongreßteilnehmer - kann aber dann noch längst nicht die Rede sein, meinte ein blinder Teilnehmer der Tagung. Während der Normalverbraucher Abend für Abend zwischen 15 Spielfilmen die Qual der Wahl habe, bleibe der monatliche Hörfilm ein Ausnahmeereignis. Die wird es erst dann geben, wenn Blinde nicht mehr als eine Minderheit, sondern als eine potente Zielgruppe begriffen werden. Der Behindertenbeauftragte der rheinland- pfälzischen Landesregierung, Staatssekretär Klaus Jensen, meinte denn auch, nicht nur die Technik, auch die Fernsehprogramme müßten anders, blindengerechter werden.

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