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Fachhochschule (FH) Gießen: Erstmals in Deutschland können Abiturienten mit und ohne Augenlicht gemeinsam Informatik studieren
Die Finger fliegen über die Tasten, als sei Blindschreiben das Einfachste der Welt. Dabei sieht Stephan nicht, was auf dem Schirm erscheint. Auch Halim erkennt nichts. Damit er lesen kann, was Stephan geschrieben hat, ertastet er die Buchstaben auf dem Board. Eine Zeile auf dem Schirm entspricht einer Zeile in Braille-Schrift. "So ist das", sagt Henning. Bei Computern macht ihnen so schnell niemand was vor. Moderne Technik hilft den Studenten, das fehlende Augenlicht auszugleichen.
Stephan Merk (23), Halim Sahin (21) und Henning Oschwald (20) sind blind. Vor wenigen Tagen haben sie an der Fachhochschule in Gießen mit dem Studium der Informatik begonnen. Die Entscheidung für den Standort wurde ihnen leicht gemacht, weil hier, erstmals an einer FH in Deutschland, zum Wintersemester ein Zentrum für sehbehinderte und blinde Studenten eingerichtet wurde. Erdmuthe Meyer zu Bexten (35), Professorin für Praktische Informatik und Leiterin der Einrichtung, ist zufrieden, daß es mit der Eröffnung geklappt hat. Das Geld für die hochtechnisierten Computerarbeitsplätze hat die Professorin zur Hälfte über Sponsoren zusammenbekommen. Geschäftsleute in und um Gießen steuerten eine Viertelmillion Mark bei. Weitere 250 000 Mark stellte die Fachhochschule zur Verfügung. Als Partner aus der Wirtschaft sitzt der Computerhersteller IBM mit im Boot. Weder Bund noch Land Hessen beteiligten sich an der Finanzierung. Womöglich hätte man öffentliche Zuschüsse bekommen können, "nur", sagt die FH-Professorin, "würden wir dann heute noch immer Anträge formulieren".
Erdmuthe Meyer zu Bexten ist eine Frau, die Aufgaben am liebsten gleich anpackt. Als sie vor drei Jahren den Ruf an die FH annahm, war sie Hessens jüngste Professorin. Ein Superlativ, der ihr für kurze Zeit Popularität verschafft hat. Als sie im Mai das Zentrum für Blinde und Sehbehinderte erstmals vor der Presse erläuterte, gab es so gut wie keine Reaktionen. Dabei ist diese Institution für die Fachfrau eine Herzensangelegenheit. Meyer zu Bexten hatte schon vor ihrer Zeit in Gießen Software für Behinderte entwickelt. Seit Beginn der 80er Jahre macht sie sich Gedanken, wie man Behinderten den Weg zu ihrem Fach ebnen kann. Die Umsetzung der Idee, ein solches Zentrum in Gießen einzurichten, kostete Zeit und viel Energie.
Meyer zu Bexten kennt natürlich das Studienzentrum für Sehgeschädigte in Karlsruhe oder die Technische Universität in Dresden, wo ebenfalls besondere Fördermöglichkeiten für Blinde und Sehbehinderte eingerichtet wurden. "Einen Austausch", sagt sie, habe es schon gegeben: "Doch wenn man dann anfängt, steht man doch allein da." Die Unterstützung im eigenen Haus sei sehr beachtlich gewesen. "Von allen Seiten gab es Hilfe."
Das Studium an einer Fachhochschule ist praxisorientiert. Dafür, sagt sie, "brauchen wir mehr Geräte". Die Nähe zur Praxis ist für die drei Studenten ein wichtiger Aspekt. Ihr Abitur haben die drei jungen Männer an der Deutschen Blindenstudienanstalt (Blista) im benachbarten Marburg gebaut.
Daß sie jetzt in Gießen studieren, hängt freilich auch mit Zufällen zusammen. Stephan Merk etwa, der Älteste des Trios, brach seine Verwaltungsausbildung zum gehobenen Dienst ab, weil ihm die Hilfsmittel fehlten. "Hätte es das Studium damals schon gegeben, ich hätte die Ausbildung in Frankfurt gar nicht begonnen." Henning Oschwald hatte von Meyer zu Bextens Konzept gehört, als es von der Professorin in der Blista bei den Hochschulerkundungstagen vorgestellt worden war. "Das hat mir gleich zugesagt." Halim Sahin war unschlüssig, ob er nicht doch nach Karlsruhe zum Studium gehen sollte, entschied sich dann aber für Gießen. "Daß zum Wintersemester drei Studenten anfangen wollten", sagt Meyer zu Bexten, "war auch für mich zusätzliche Motivation." So kam es nämlich, daß die Erstsemester der Professorin vor Einrichtung des Zentrums einen "Wunschzettel" mitgaben, auf dem stand, welche Ausstattung sie für den Erstbezug gerne hätten - das Glück der ersten Generation.
Hardware (Drucker für Blindenschrift, 21-Zoll-Monitore, Scanner) und Software (Sprachausgabe- und Vorlesesysteme) sind eine große Hilfe, um sich als Blinder Wissen anzueignen. Tutoren etwa helfen, indem sie Lehrskripte in elektronische Form umsetzen und Grafiken erstellen, die Blinde ertasten können.
Der Computer sei ein wesentliches Medium, um zu kommunizieren, sagt Stephan. "Wir können nicht mit der Hand schreiben." Bereits in der 7. Klasse beginnt für Blinde der Schreibmaschinen- Unterricht. Halim nennt den Computer ein "Integrationsmedium". Die Möglichkeiten sind groß: Fax, E-Mail, Internet oder eine Konferenzschaltung stehen den Studenten zur Verfügung. Keine Firma, sagt Meyer zu Bexten, werde für sehbehinderte und blinde Arbeitnehmer eigens die Geräte umbauen. "Lohnt nicht, zu teuer." Man müsse nach Formen suchen, damit die Nicht-Sehenden mit den Sehenden kommunizieren können. Blinde ins Studium zu integrieren, darum geht es der Hochschullehrerin. "Im Jahr 2010", sagt Halim, "wird ohne Computer sowieso nichts mehr gehen."
Die Technik kommt auch in den Seminaren und Vorlesungen zum Einsatz. Ein Zusatzgerät, das normale Schrift in Punktschrift "übersetzt", wird einfach mit dem Laptop verbunden. Zusammen mit 180 Leuten haben die Männer das Studium aufgenommen. Natürlich ist die Umstellung groß.
In der Blista waren sie kleine Klassen gewohnt, heute sind Vorlesungen mit 60 Leuten keine Seltenheit. Neue Lehrinhalte, andere Formen der Vermittlung: "Die wenigsten haben heute im Seminar kapiert, um was es ging", berichtet Halim. Als der Professor seine Vorlesung mit der Floskel "alles verstanden-" beendet habe, sei der Kurs in schallendes Gelächter ausgebrochen: "Wenn das so ist", sagt Halim, "brauche ich mir auch keine Sorgen zu machen."
(aus: Frankfurter Rundschau vom 17.10.1998)
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