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Rainer F.V. Witte und Ernst-Dietrich Lorenz: Computer-Braille im Aufwind - aus der Arbeit der International Standardization Organisation (ISO)

Aufgabe der ISO ist es, weltweit einheitliche Richtlinien (Standards) in den unterschiedlichsten Bereichen zu erarbeiten. Ihre Mitglieder sind die nationalen Normungsinstitute, in unserem Falle das Deutsche Institut für Normung/DIN, in Berlin, mit seinen Untergliederungen, den Fachnormen- und Arbeits-Ausschüssen, sowie Arbeitskreisen, in denen die fachlichen Verhandlungen durch Experten geführt werden.

Ein Arbeitsfeld auf dem Gebiet der Informatik innerhalb der ISO ist die Normung einer 8-Punkt-Blindenschrift in Computern. (Dabei handelt es sich nicht um die Entwicklung eines neuen 8- Punkte-Systems, das etwa die traditionelle Codierung von Louis Braille und dessen 6 Punkte ersetzen soll!). - Die Ausgangsbasis dieser Standardisierung bilden systematische Vorarbeiten des Österreichischen Instituts für Normung/ÖNORM (ÖNORM A 2615) und des Deutschen Instituts für Normung/DIN (DIN-Norm 32982), beide jeweils national gültig für eine "8-Punkt-Brailleschrift für die Informationsverarbeitung".)

Nach anfänglichem raschen Fortschritt war in der fachlichen Arbeit eine gewisse Flaute eingetreten; seit längerem dümpelte das Schifflein des internationalen Normungsvorhabens in ruhigeren Gewässern vor sich hin, ohne recht voran zu kommen. Dies hatte unterschiedliche und zum Teil recht banale Gründe:

Die zunächst sehr zügige Fahrt unter der beständigen frischen Brise einer hohen Motivation der ISO-Workinggroup/WG "Tactile reading and writing" (im damals noch bestehenden Subkomittee/SC 4 "Aids and adoptions for communication" im Technical Committee/TC 173 "Technical systems and aids for disabled and handicapped persons") brachte das Vorhaben gut voran. Dann geriet es in organisatorische Turbulenzen, die durch eine Umstrukturierung bei der ISO-internen Zuordnung der Arbeit verursacht wurde und es lag die "Zwangsruhe" schließlich auch in der Tatsache begründet, daß kein nationales Institut bereit oder in der Lage war, den Aufwand und die Kosten für die Übernahme des Sekretariats des SC 4 zu übernehmen. (Die administrativen Arbeiten werden z.Zt. von der schwedischen Geschäftsstelle des TC 173 kommissarisch betreut.)

Später kamen technische Probleme mit der Verfügbarkeit der in einem Computer erfaßten Daten und deren Reproduktion hinzu. Mit dem immer deutlicher spürbaren Rückgang von Ressourcen für die notwendigsten Arbeiten (Erstellung einer neuen Datei) verlor das Schiff zeitweise fast ganz an Fahrt. - Das hat sich geändert!

Denn es kam Hilfe von berufener Seite, wodurch es möglich wurde, die Daten (insgesamt 70 Seiten Text - vorwiegend Tabellen mit den bei der PC-Arbeit gängigen Sonderzeichen und deren Punktschriftentsprechungen in Normaldruck) neu zu erfassen und auszudrucken. Nun konnten die Unterlagen vervielfältigt und als Committee-Draft/CD "Coded character sets for 8-dot Braille", dem offiziellen Kommissions-Entwurf, international an die Fachöffentlichkeit zur Stellungnahme versandt werden. - Es war der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband/DBSV, der dankenswerterweise die Kosten für eine erneute Datenerfassung durch das ÖNORM übernahm und so das Schiff wieder flott und seegängig machte; die noch nicht eingerollten Segel blähen sich wieder im frischen Wind und der Entwurf muß sich nach dieser Anschubhilfe - im wahrsten Sinne des Wortes - der "rauhen See" einer internationalen Kritik stellen und - darin hoffentlich bewähren.

Abstimmen und Anmerkungen vorbringen können nur die nationalen Mitgliedsinstitute; für die Annahme ist ein 2/3 Votum der stimmberechtigten Mitglieder notwendig. Mit dem "voting" noch eingehende Anmerkungen werden von der WG, so weit möglich, berücksichtigt. Der danach entstandene "Draft International Standard/DIS" (der Entsprechung des "Gelbdruckes" im Normungsverfahren des DIN) soll in einem abschließenden Verfahrensschritt in einen ISO-Standard münden.

Der genaue Titel der Norm lautet:

"Communication aids for blind persons - Identifiers, names and assignation to coded character sets for 8-dot-Braille characters - Part 1: Braille identifiers and shift marks - General guidelines; Part 2: Latin alphabet based character sets".

Zwar paßt der ausführliche, etwas barock wirkende, aber genaue Titel - um im Bilde zu bleiben - nicht auf den Bug eines Schiffes, doch kann man dem Fahrzeug nun allzeit glückhafte Fahrt wünschen und geschicktes Kreuzen vor dem Wind.

Anmerkung der Redaktion:

R.F. V. Witte ist Convenor der ISO-WG "Tactile Reading and Writing" und E.-D. Lorenz Obmann des DIN-Arbeits-Ausschusses "Kommunikationshilfen für sensorisch Behinderte".

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