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Jochen Schäfer: "Blinde können auch mit Windows arbeiten - schon gehört-" - Schilderung der Ausbildung des ersten blinden Dokumentationsassistenten am DIP

Persönliche Vorbemerkung

Unsere "Marburger Beiträge zum Blindenbildungswesen" (heute heißen sie etwas anders) kenne ich seit nunmehr 80 Jahren (und das, obwohl ich erst 26 bin). Die Rubrik "Berichte und Schilderungen" (kurz: bus) taucht 1978 erstmalig auf. Seitdem erschienen viele "Berichte", die auch im Titel das Wort "Bericht" enthielten. Mit meiner "Schilderung" erscheint nun der erste Artikel, der auch einmal den zweiten Teil dieser Rubrik im Titel enthält.

1. Einleitung

Es ist nun ein Jahr her, daß ich meine Abschlußprüfung zum Dokumentationsassistenten bestanden und damit meine Ausbildung abgeschlossen habe. Ich bin - so heißt es - der erste Sehgeschädigte, der diese Ausbildung absolviert hat und nun in diesem Beruf arbeitet. Aber schon Kurt Tucholsky schrieb in den 20er Jahren: "Es gibt keinen Neuschnee", womit er sagt, "Es ist schon einer vor Dir dagewesen". So war"s auch bei mir.

Es gab, so berichteten Kollegen aus dem theoretischen Teil der Ausbildung, vor einigen Jahren bereits einen Sehgeschädigten, der diese Ausbildung auf andere Art absolviert hat und jetzt bei einer Rundfunkanstalt tätig ist. So bin ich also offiziell der erste sehgeschädigte Dokumentationsassistent. Während der Beruf des wissenschaftlichen Dokumentars, bei dem das Abitur als Zugangsvoraussetzung notwendig ist, für Blinde bereits vor rund zehn Jahren erschlossen wurde, können Blinde und Sehbehinderte mit Fachhochschulreife nun auch diesen neuen Ausbildungsgang absolvieren. Im folgenden möchte ich daher über meine von 1995 bis 1997 dauernde Ausbildung berichten, u.a. um Interessenten für dieses Gebiet einen Einblick zu geben und damit neue Perspektiven zu eröffnen.

2. Voraussetzungen und Beginn der Ausbildung

Der Beruf des Dokumentationsassistenten ist, im Gegensatz zum wissenschaftlichen Dokumentar, staatlich (noch) nicht anerkannt. Dies ist vor allem aufgrund der Finanzierung von Ausbildungs- und späterem Arbeitsplatz erwähnenswert, da dieser Berufszweig auch nicht staatlich gefördert wird. Daher konnte diese Ausbildung nur über andere Wege ermöglicht werden.

In Zusammenarbeit mit der Wiesbadener Hauptfürsorgestelle des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen sowie der Stiftung Blindenanstalt in Frankfurt begann ich im September 1995 - übrigens einen Monat später als üblich, da ich vorher ein einjähriges berufsbezogenes Praktikum an der Blista absolvierte - meine Ausbildung in der Bibliothek des DIPF (Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung) in Frankfurt, die in Sachen Behindertenintegration eine gute Vorarbeit geleistet hat, da vor mir bereits eine schwerhörige Kollegin dort mit Erfolg ausgebildet wurde.

Eine weitere Grundvoraussetzung, ohne die die Ausbildung unmöglich gewesen wäre, war ein Nachweis darüber, anschließend einen gesicherten Arbeitsplatz zu erhalten. Daher erklärte sich der Verein spectrum e.V., eine kleine Organisation zur beruflichen Unterstützung Schwerbehinderter und Arbeitsuchender mit Sitz in Marburg, bereit, mich nach der Ausbildung anzustellen, was dann auch geschehen ist. Durch persönliche Kontakte aus meiner Marburger Schülerzeit zu führenden Mitgliedern dieses Vereins konnte dies möglich werden. Die Kosten für die Arbeitsplatzausstattung übernahm zum größten Teil die Hauptfürsorgestelle, durch die Stiftung Blindenanstalt wurden die Kontakte zum DIPF geknüpft.

Am 04.09.1995 begann ich meine Arbeit im großen Lesesaal der dortigen Bibliothek. Jedem sehgeschädigten Auszubildenden im Dokumentationsbereich wird ein Lehrdokumentar gestellt. Herr Andreas Salden, zu dem ich ein auch persönlich sehr gutes Verhältnis hatte, arbeitete beim SWF in Mainz und konnte daher an jedem Arbeitstag üblicherweise nur in der ersten Tageshälfte dabeisein.

Meine Arbeitsplatzausstattung bestand aus einem PC mit 486er Prozessor (später umgerüstet auf einen Pentium-Prozessor) sowie Audiobox und Braille-Zeile von Audiodata, einem Scanner, einem Schwarz- und Punktschriftdrucker, einem Zyxel-Modem sowie einem Notebook mit kleinerer Braille-Zeile für unterwegs.

3. Aus der praktischen Tätigkeit

Während der zwei Jahre habe ich mit dem Datenbanksystem LARS (Leistungsstarkes Archiv- und Recherche-System) zunächst unter DOS mit LARS560, ab dem zweiten Jahr unter Windows mit LARS2 gearbeitet. Da sich die sehenden Kolleginnen und Kollegen, vor allem der Leiter der DIPF-Bibliothek, nicht vorstellen konnten, daß und wie ein Blinder mit Windows umgehen kann, hat gerade er, als er über meine Arbeit berichtete, jedem erzählt bzw. geschrieben, daß Blinde auch mit Windows arbeiten können (daher auch das "Logo" in der Überschrift dieses Beitrags). Die blindengerechte Windows-Version von LARS wurde übrigens von mir am 06.10.1996 auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt.

3.1 Praktische Arbeit für das DIPF

Im ersten halben Jahr der Ausbildung war ich mit der Erfassung von Literatur aus dem DIPF zu Themen der pädagogischen Forschung (darunter natürlich auch fremdsprachige Literatur) beschäftigt.

Die Bücher mußten sowohl bibliographisch erfaßt, wie auch inhaltlich erschlossen werden. Unter bibliographischer Erfassung versteht man die formalen Angaben eines Buches (z. B. Autor, Titel, Angabe der Seitenzahlen, Erscheinungsjahr usw.), während bei der inhaltlichen Erschließung zunächst jedes Buch festgelegte Schlagwörter (sog. Deskriptoren) erhält, die den Inhalt grob wiedergeben sollen. Der zweite Teil der Inhaltserschließung besteht im Anfertigen einer kurzen Inhaltsangabe (eines sog. Abstracts). Die einzelnen Formalangaben ermittelte ich mit dem Scanner. Zunächst wurden Umschlag- und Titelseite, dann das Inhaltsverzeichnis und die letzte Buchseite eingelesen, damit ich wußte, wieviel Seiten das Buch umfaßte; anhand dieser Angaben konnten nun die Daten eingegeben werden.

3.2 Praktische Arbeit für das Deutsche Rundfunkarchiv in Frankfurt

Das Deutsche Rundfunkarchiv (DRA) ist eine übergeordnete Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Hauptsitz in Frankfurt sowie Zweitsitz in Berlin. Während in Berlin hauptsächlich das DDR-Material gesammelt wird, sammelt man in Frankfurt vor allem Tondokumente aus der Zeit vor 1945, auf die die Rundfunk- und Fernsehanstalten der ARD zurückgreifen können für ihre Sendungen. Im DRA gibt es die Abteilungen (Referate) "Wort" und "Musik". Im Referat "Wort" wird zur Zeit der Bereich Kleinkunst (vornehmlich Kabarett und Filmmusik) archiviert. Die Daten der einzelnen Tondokumente, die vom Originaltonträger (Edison-Walze bzw. Schellackplatte) auf Tonbänder umgeschnitten wurden (seit einiger Zeit wird übrigens auch dort digitalisiert), liegen bisher auf Karteikarten vor. Hier war nun der blinde Dokumentationsassistent gefragt, da Karteikarten heute nicht mehr üblich sind, darum sollten die Daten nun per EDV erfaßt werden; auch dies geschah von meinem DIPF-Arbeitsplatz aus.

Diese Tätigkeit war jedoch mit ziemlichen Schwierigkeiten verbunden. Es gab nämlich im DRA bestimmte "höhere Techniker", die auf keinen Fall weder Bandmaschine noch Tonbänder aus der Hand geben wollten, da sie eine zu große Gefahr darin sahen, daß etwas beschädigt werden könnte, so daß ich anhand der Karteikarten, die mir mein Lehrdokumentar vom DRA zu meinem DIPF-Arbeitsplatz mitbrachte, die Angaben mühsam und mit einigen Schwierigkeiten - z.B. wegen handschriftlicher Einträge auf der Karte - erfaßt habe. Auch hier (wie unter 3.1 beschrieben) mußten die Daten formal erfaßt und inhaltlich erschlossen werden. Gerade das zweite war recht schwierig für mich, da auf den Karten meist als Abstract nur ganz kurze Angaben gemacht bzw. Textstellen zitiert wurden, anhand derer ich dann das Schlagwort zu vergeben hatte. Bei einigen Fällen, die mir besonders schwierig schienen, habe ich mir eine Kassette schicken lassen, auf der die Stücke zu hören waren. So konnte ich dann auch eindeutige Schlagworte vergeben. Die erfaßten Daten wurden später per Modem vom DIPF zum DRA geschickt. Trotz der erwähnten Schwierigkeiten entstand dennoch eine Datenbank, die am Ende meiner Ausbildung etwa 8000 Datensätze enthielt. Bekannte Namen wie Claire Waldoff, Karl Valentin, Liesl Karlstadt, Gustav Schönwald und nicht zuletzt Otto Reutter, der seitdem mein großes Faible ist, tauchen dort auf. Der gesamte Inhalt dieser Datenbank, die nun vom DRA weiterbearbeitet wird, soll später in Buchform und auch auf einer CD-ROM erscheinen. Dies ist vor allem für die Redakteure der ARD-Sender gedacht, aber auch ich werde mir zumindest die CD-ROM besorgen, da ich einen Großteil dieser Daten bearbeitet habe. Um dieses DRA-Projekt ging es auch in meiner schriftlichen Hausarbeit. Diese fertigt jeder Auszubildende nach der Zwischenprüfung an, sie ist am Tag der schriftlichen Abschlußprüfung abzugeben. Man hat hierbei die Wahl, ob man über die Ausbildung allgemein oder ein Projekt aus dem praktischen Teil schreiben möchte.

4. Theoretische Ausbildung

Anfang Dezember 1996 begannen nun in unregelmäßigen Abständen die theoretischen Unterrichtsblöcke, die in der Bibliotheksschule in der Philipp-Reis-Straße in Frankfurt abgehalten wurden. Die Bibliotheksschule ist das Zentrum für die theoretische Ausbildung von Dokumentationsassistenten bundesweit, so wie bei den wissenschaftlichen Dokumentaren das Zentrum im Institut für Information und Dokumentation (IID) in Potsdam liegt.

Wir waren 16 Kursteilnehmende - darunter ein Behinderter. Alle arbeiteten in Institutionen, viele beim Rundfunk, andere bei Fachinformationszentren (FIZ).

Viele, die diesen Ausbildungsgang machen, haben früher etwas ganz anderes gearbeitet und später keine Stelle gefunden (dies trifft oft auch für wissenschaftliche Dokumentare zu). Ich selbst bin eher eine Ausnahme, da ich von vornherein diesen Berufszweig gewählt habe. Der theoretische Teil der Ausbildung bestand aus mehreren Lehrfächern, die in verschiedenen Einheiten unterrichtet und meist mit einer sog. praktischen Prüfung beendet wurden. Die Fächer waren u.a.: Formale Erfassung, inhaltliche Erschließung, EDV (vornehmlich Windows und Datenbanksysteme), Bibliothekswesen, Information und Dokumentation (IuD) sowie Verwaltungskunde.

Jedes einzelne Fach an dieser Stelle inhaltlich zu beschreiben, würde den Rahmen sprengen, daher an dieser Stelle nur grob das Wichtigste: Unter Verwaltungskunde versteht man nicht die Verwaltung von Daten oder Büchern, sondern es handelt sich um Grundzüge des allgemeinen Arbeitsrechts. Im Bibliothekswesen wird man über die verschiedenen Bibliothekstypen (wissenschaftliche bzw. öffentliche Bibliothek u.a.) und deren spezielle Besonderheiten informiert sowie über bestimmte Regeln bei der Bibliotheksbenutzung. Im Bereich IuD erfährt man einiges zum Bereich Fachinformation bzw. Dokumentationssprachen (EDV). Zu dem Letztgenannten später etwas mehr, da dies wiederum etwas in die Praxis fällt.

4.1 "Der aller edelste Sinn der Menschen ist Sehen"

Das kann man wohl sagen, zumindest, wenn man als erster Blinder diese Ausbildung mitmacht. Es wurde recht viel anhand von Folien erklärt, die auf einem Overhead-Projektor lagen und bestimmte Abbildungen oder Übungen enthielten.

In den ersten Blöcken stand mir noch mein Lehrdokumentar zur Seite, der kurz vor Ende der Ausbildung den Arbeitsplatz nach Brandenburg verlegen mußte und daher anderweitig beschäftigt war, so daß ich auf die Erklärungen meiner Mitteilnehmenden angewiesen war, die sich in diesem Moment selbst zu konzentrieren hatten und daher manchmal nur das Wichtigste erklären konnten. Daher ist - nur ganz nebenbei - für Blinde das Studium der Dokumentationswissenschaft, das man an der FH Darmstadt absolvieren kann, recht ungeeignet, da sehr viel auf die Optik ausgerichtet ist und man als Student keinen Lehrdokumentar hat. Mit einem guten Sehrest kann man dieses Studium allerdings ausüben; dies berichtete mir der IuD-Dozent unseres Kurses.

Im übrigen - um nun wieder auf die Ausbildung zurückzukommen - war, im Gegensatz zum IID in Potsdam, kein blindengerechter PC vorhanden, so daß ich oft genötigt war, mit meinem Computer vom DIPF bzw. dem Notebook bestimmte Arbeiten, z.B. auch die Prüfungen, auszuführen. An manchen EDV-Veranstaltungen konnte ich gar nicht teilnehmen, da meine Braille-Zeile nicht kompatibel mit dem dortigen System war.

Dies machte sich besonders deutlich bemerkbar, als das Internet durchgenommen wurde, zu dem ich keinen Zugang haben und daher auch nicht teilnehmen konnte, nur beim theoretischen Teil, der allerdings sehr schnell in die Praxis überging. Bei manchen Blöcken kam ich mir sogar als Blinder benachteiligter vor als andere Behinderte, beispielsweise meine schwerhörige DIPF-Vorgängerin, da vieles auf die Optik abgestimmt ist. Daher gilt mein dringender Appell an die zuständigen Stellen, entsprechende Hilfsmittel, vor allem für die Bibliotheksschule in Frankfurt, zur Verfügung zu stellen, wenn das Projekt "Dokumentationsassistent/in für Blinde und stark Sehbehinderte" Schule machen soll! Durch eine entsprechend hohe Zahl von blinden bzw. stark sehbehinderten Interessenten für dieses Fachgebiet würde es sicher langfristig möglich sein, die Lehrmethoden in diesem Bereich etwas abzuändern und auch auf diese Personengruppe besser abzustimmen.

4.2 Schriftliche Zwischenprüfung

Sie fand am 31.01.1997 statt und bestand aus dem Lehrstoff der wichtigsten Fächer. Der Donnerstag davor war komplett frei und stand für die Vorbereitung zur Verfügung. Da es sich um eine theoretische Prüfung handelte, konnte diese von mir auf dem Notebook erledigt werden.

4.3 Online-Recherchen mit "GRIPS"

Ein Teil der Einheit IuD bestand, wie oben schon bemerkt, aus Dokumentationssprachen. Eine davon ist GRIPS (Generally Relation based Information Processing System). In dieser Abfragesprache (Information-Retrieval-Sprache - IRL) bietet ECHO einige Datenbanken an. ECHO ist die "European Community Host Organisation". Wie der Name schon sagt, handelt es sich hierbei um einen Host (Gastrechner) der Europäischen Union mit Sitz in Luxemburg. Er bietet Informationen zu EU-relevanten Themen an, auf die man mit seinem PC bzw. Modem online zugreifen kann. Von der Inkompatibilität der Bibliotheksschul-PCs mit meiner Braille-Zeile habe ich ja schon gesprochen.

Daher mußte diese praktische Prüfung vom DIPF aus erledigt werden. Da einige Dozenten des Kurses auch DIPF-Kollegen waren, war es nicht so schwer, jemanden zu finden, der diese Prüfung abnahm.

4.4 Exkurs: Warum sind manche Betriebe so unsozial-!

Zwischen den Theorieeinheiten wurden ja auch immer wieder praktische Arbeiten durchgeführt, bei denen ich im DIPF war.

An einem dieser Tage fand eine Veranstaltung statt, die der Leiter der DIPF-Bibliothek organisiert hat, und von der ich an dieser Stelle kurz berichten möchte. Hierfür wurden Vertreter von Arbeitsamt und Hauptfürsorgestelle, die Behindertenbeauftragten von Fachhochschule und Universität Frankfurt sowie weitere Fachleute zu einer Vorstellung der Arbeit behinderter Dokumentationsassistenten eingeladen.

Zunächst sprach der Vertreter des Arbeitsamtes Frankfurt über die Situation Behinderter auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Er führte u.a. aus, daß es viele Betriebe gibt, die entgegen gesetzlicher Vorschriften keinen Behinderten einstellen und dafür lieber 200 DM als sog. Ausgleichsabgabe zahlen.

Aus meiner eigenen Perspektive sind die Motive solcher Betriebe zum einen unsoziales Denken, zum anderen aber auch Angst vor Risiken. Um Behinderten eine Chance auf dem sog. "freien" Arbeitsmarkt zu geben, muß ein gesellschaftlicher Umdenkungsprozeß erfolgen - und das möglichst bald angesichts einer sehr hohen Zahl von schwerbehinderten Arbeitslosen!

Im Anschluß an die Ausführungen aus der Sicht des Arbeitsamtes sprach ein Vertreter der Wiesbadener Hauptfürsorgestelle über die Kosten von Arbeitsplatzausstattungen für Behinderte, und daß diese von Betrieben kaum zu tragen sind, daher oft privat aufgewendet werden müssen; dies trifft im besonderen für Blindenhilfsmittel zu. Nach diesem Referat sprach meine Vorgängerin im DIPF über die Situation Schwerhöriger in Gesellschaft und Beruf. Ihr exzellenter und akkurater Vortrag löste allgemeine Bewunderung unter den Zuhörern aus, zeigte aber zugleich auch die Probleme auf, mit denen diese Personengruppe tagtäglich zu kämpfen hat. Die Referentin arbeitet übrigens seit dem Ende ihrer Ausbildung im Jahre 1994 in der Bibliothek der Frankfurter Fachhochschule.

Nachdem sie ihren Vortrag beendet hatte, ging es nun darum, meine praktische Arbeit am Computer vorzuführen. Da es für jeden Sehenden, der noch nie mit Blinden zu tun hatte, immer wieder ein Erlebnis ist, daß Blinde Windows bedienen können, stellte ich meine DRA-Arbeit auf Windows-Basis vor. Gegen Ende der Ausbildung sollte noch der Zugang zum Internet ermöglicht werden, aber wegen technischer Mängel wurde dies nicht möglich und konnte daher nicht vorgeführt werden - ich bekam lediglich einen neuen Pentium-Prozessor. Dieser hätte, so meine ich, schon zu Beginn der Ausbildung geliefert werden können, da er damals schon auf dem Markt war und sich die Popularität des neuen Mediums Internet bereits abzeichnete.

4.5 Abschlußprüfungen

Im Juli 1997 kam nun die alles entscheidende Phase der theoretischen Ausbildung. Während dieser Zeit war Andreas Salden schon beim Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg, so daß ich nun auf die Assistenz der Lehrdokumentarin einer blinden Volontärin beim Hessischen Rundfunk, die zu dieser Zeit in Potsdam ihre theoretische Ausbildung absolvierte, angewiesen war. Manchmal kam es allerdings auch vor, daß die Lehrdokumentarin während meiner Theoriekurse nach Potsdam reisen mußte, so daß ich teilweise auf mich selbst gestellt war. Auch für die Abschlußprüfungen bekamen wir einige Vorbereitungszeit.

Zunächst kam die schriftliche Prüfung. Diese umfaßte so ziemlich den gesamten Lehrstoff. Einige Wochen später, konkret am 31.07., wurde in einem Raum des DIPF die mündliche Abschlußprüfung abgenommen, und am Abend dieses Tages fand die Zeugnisvergabe statt. Ich gehörte zum Durchschnitt, die Ausbildung habe ich mit der Gesamtnote "2" bestanden.

5. Resümee

Trotz einiger technischer und sonstiger Schwierigkeiten kann ich guten Gewissens behaupten, daß die Ausbildung letzten Endes erfolgreich war. Das Projekt "Dokumentationsassistent/in für Blinde und stark Sehbehinderte" hat übrigens schon Schule gemacht. Zum einen arbeitet seit Sommer 1997 eine sehbehinderte "Nachfolgerin" beim DIPF, zum anderen ist seit Januar 1997 beim Deutschen Rundfunkarchiv in Berlin ein Blinder tätig, der ebenfalls die Kurse der Bibliotheksschule in Frankfurt besuchen wird. Mein Lehrdokumentar übertrug bereits während meiner Ausbildung das wichtigste theoretische Material auf Disketten und ließ es ihm zukommen. Ich selbst kann sagen, daß ich mich auch in meiner jetzigen Tätigkeit beim Verein spectrum e.V., die ich bei der Deutschen Blindenstudienanstalt ausführe, recht wohl fühle und weiß, daß ich, gerade im Bereich der inhaltlichen Erschließung, sehr von meiner Ausbildung profitiert habe.

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