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"Ich nutze den Zufall, Brechts Tochter zu sein" - Autorenlesung: Hanne Hiob las vor 250 Schülern in der Blindenstudienanstalt - Gerettet durch Theo Lingens Popularität (von Kristina Lieschke, OP vom 21.11.98)

Als die 75jährige Hanne Hiob am 19. November 1998 in der Blindenstudienanstalt aus letzten Briefen von Menschen in Konzentrationslagern las, herrschte im Saal atemlose Stille. Die älteste Tochter von Bertolt Brecht hatte ihr 70 Minuten langes Programm so zusammengestellt, daß ganz unterschiedliche Menschen durch ihre Briefe zu Wort kommen: Widerstandskämpfer, Juden, Homosexuelle, Männer, Frauen oder Kinder. Da ist der verzweifelte Brief einer Mutter, deren vier Kinder dem Euthanasieprogramm der Nazis als "Zigeunerkinder" in Auschwitz zum Opfer fielen, während sie selbst zwangssterilisiert wurde. Oder es berichtet ein Arzt und Schriftsteller über seine Homosexuellen-Strafkompanie im Juni 1942, die zur Zwangsarbeit geprügelt wurde und bereits "mit 20 Toten in der Fabrikhalle ankam", wo sie noch mit dem hämischen Plakat "Herzlich willkommen!" verhöhnt wurde.

Wenn die 250 Schüler und Lehrer der Carl-Strehl-Schule der Blindenstudienanstalt solche Details hörten, ging ein Raunen der Fassungslosigkeit durch den Raum. Hanne Hiob nannte die Namen von Altnazis, die nach 1945 in der Bundesrepublik in die höchsten politischen Ämter aufstiegen, und sie erhob Anklage gegen alle, die das zugelassen haben, gegen "uns selbst, die Alten". Vor allem aber lag ihr eine Warnung am Herzen, die sie durch aktuelle Zeitungsberichte über neonazistische Straftaten untermauerte: "Der Schoß ist fruchtbar noch", betonte sie mehrmals.

Die Lehrerin Hannelore Schmidt-Enzinger hatte bei einer Klassenfahrt im Mai 1998 Hiobs Programm in Dachau erlebt und war so beeindruckt, daß sie beschloß, es auch nach Marburg zu holen. Sie fühlte sich durch das ganze Auftreten der vitalen 75jährigen stark an deren Vater Bertolt Brecht erinnert, von dem sie noch alte Fernsehaufzeichnungen kennt.

Hanne Hiob betonte: "Ich nutze den Zufall, Brechts Tochter zu sein", denn dieser Name sei eine Hilfe, sich selbst und dem eigenen Anliegen Gehör zu verschaffen.

Hanne Hiob ist die Tochter von Bertolt Brecht und der Kammersängerin und Schauspielerin Marianne Zoff. Sie wuchs bei der Mutter, die sich nach zweijähriger Ehe von Brecht getrennt hatte, und dem Stiefvater Theo Lingen in München auf und wurde selbst Schauspielerin. "Als Vierteljüdin entging ich nur durch die Popularität meines Stiefvaters den Gaskammern der Nazis", sagte die 75jährige, die sich auch als Krimiautorin betätigt hat: "Die Hiobsbotschaft" hat sie ihren Film genannt. "In dem spiele ich eine pensionierte Kommissarin, die alte Nazis jagt", sagt die agile Frau.

"Den würde ich liebend gerne einmal in Marburg vorführen, das Fernsehen hat sich noch nicht daran getraut. Der Film ist ihnen wohl zu böse."

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