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Dr. Hans-Eugen Schulze: Friedrich Dreves: ... leider zum größten Theile Bettler geworden ... organisierte Blindenfürsorge in Preußen zwischen Aufklärung und Industrialisierun

Freiburger Dissertation 1998

Rombach Verlag, 652 Seiten, ISBN 3-7930-9188-0, DM 78,-

Der Autor unterrichtet seit 1983 am Berufsförderungswerk Veitshöchheim blinde und sehbehinderte Erwachsene mit Schwerpunkt in den Fächern Deutsch und Sozialkunde. Er weiß also auf dem Hintergrund eigener beruflicher Erfahrungen, wovon er schreibt.

"Auf der Grundlage bislang unbekannten Quellenmaterials werden in dieser Studie erstmals die Anfänge preußischer und somit auch deutscher Blindenfürsorge ... beschrieben und in das politisch-gesellschaftliche Umfeld eingebettet. Die Untersuchung stellt dadurch einen Beitrag sowohl zur Bildungs- und Medizingeschichte, als auch zur Herausbildung des Subsidiaritätsprinzips in der sich entfaltenden staatlichen Sozialpolitik dar", schreibt der Verlag. Das trifft in der Tat zu.

Nach den Fußnoten und den Quellenverzeichnissen zu urteilen, hat sich der Verfasser die denkbar größte Mühe gegeben, uns Informationen zu erschließen, die bisher in Archiven - sogar polnischen - ruhten. Zugleich hat er aber bei deren Aufbereitung nie den großen Zusammenhang aus den Augen verloren, in dem seine Arbeit steht.

Frau Prof. Rath urteilt in ihrem Vorwort: Dreves "untersucht die Entwicklung der organisierten Blindenfürsorge in Preußen in ihrem Anfangsstadium ... mit geschichtswissenschaftlichen Methoden und schließt damit eine spürbare Lücke in der wissenschaftlichen Dokumentation über den Anfang des deutschen Blindenwesens". Auch diese Beurteilung kann ich mir uneingeschränkt zu eigen machen.

Uns Blinde kann mit Freude und - wenn das erlaubt ist - sogar ein bißchen Stolz erfüllen, daß neben den Sehenden, die ab 1784 das Pariser Blindeninstitut besuchten und darüber in deutschen Zeitschriften berichteten, auch Blinde es waren, die durch ihre Leistungen und deren allgemeine Anerkennung den Boden für den Beginn der Blindenbildung in Deutschland bereitet haben. Zu nennen sind hier

- als Schriftsteller, deren Werke Dreves vorstellt und würdigt, Gottlieb Konrad Pfeffel, 1736 - 1809, Ludwig von Baczko, 1756 - 1823, und Franz Adolf Sachse, 1765 - 1818,

- als Künstler, die auch im Ausland auftraten, Maria Theresia von Paradis, 1759 - 1824, Friedrich Ludwig Dulon, 1769 - 1826, und Marianne Kirchgässner, 1770 - 1808.

Auch darüber dürfen wir glücklich sein, daß in mehreren Fällen Blinde selbst es waren, die die Errichtung einer Blindenschule angeregt und die Schule sogar selbst aufgebaut und geleitet haben, wie

- Johann Knie, 1795 - 1859, in Breslau und später in der damaligen preußischen Provinz Posen,

- Anton Moritz Gröpler, 1818 - 1875, in Stettin und

- J.G. Friebe, Schüler von Knie, in Königsberg.

Wer eine der Blindenschulen Berlin, Breslau, Bromberg, Düren, Halle, Königsberg, Paderborn, Soest und Stettin besucht hat, erfährt aus diesem Buch viel Neues über die Gründung und die ersten Jahrzehnte dieser Schulen, ganz besonders derjenigen, die heute ihren Sitz in Berlin-Steglitz hat.

Wir lesen übrigens auch von den ersten Forderungen nach einem allgemeinen Blindengeld, in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts gegenüber Behörden von Knie und im Revolutionsjahr 1848 öffentlich von Gumbert Freudenberg erhoben, einem Zeune-Schüler, der nach erfolgreicher Augenoperation zum Blindenlehrer ausgebildet worden war (S. 536 bei FN 642 und 643).

Wer nach der Herkunft des Buchtitels fragt, findet die Antwort auf S. 540 bei FN 660: Es ist ein Satzteil aus einem Gutachten über die Berliner Blindenanstalt von Ullricy, ihrem dritten Direktor, vom 25.09.1858. In ihm heißt es, daß während des bis dahin 52jährigen Bestehens "327 durchschnittlich also jährlich sechs - Zöglinge ausgebildet" worden seien, die "nach ihrer Entlassung ... leider zum größten Theile Bettler geworden sind". Damit machte Ullricy der Aufsichtsbehörde klar, daß die Berliner Blindenanstalt das ihr in der Dienstanweisung von Valentin Haüy gesetzte Ziel, die "armen Blinden ... dem Elend und der traurigen Verdienstquelle des Bettelns (zu) entreißen", bisher nicht erreicht hatte. Als Gründe dafür nannte Ullricy die Kürze des Anstaltsaufenthalts von nur wenigen Jahren sowie die dort gelehrten "wenigen technischen Fertigkeiten". Die Fairneß gebietet es allerdings hervorzuheben, daß die Berliner Anstalt, die im Jahre 1877 nach "Steglitz bei Berlin" verlegt wurde, später zu großem Ansehen gelangt ist und unter ihrem Direktor Wulff durch das 1886 gegründete Blindenhilfswerk Berlin auch Möglichkeiten der Nachsorge geschaffen hat, so daß ihre Ehemaligen nicht mehr "Bettler" werden mußten.

Damit der Leser dieser Rezension sich selbst ein Bild von der Spannweite des Buches machen kann, folgt hier ein kurzer Auszug aus dem umfangreichen Inhaltsverzeichnis:

1.1 Historischer Überblick

1.2 Zur Forschungslage

1.3 Zum Forschungsansatz

2. Zur Lage behinderter Menschen um 1800

2.2 Der Einfluß von Philosophie und Pädagogik auf die Lebensbedingungen sinnesbehinderter Menschen in der vorbürgerlichen Gesellschaft

3. Präliminarien zur Institutionalisierung preußischer Blindenfürsorge

3.1 Zur Rezeption deutschsprachiger Literatur über Blinde und Blindeninstitute Europas um 1800

3.2 Erste Initiativen zur Institutionalisierung des Blindenunterrichts in Ostpreußen

3.3 ... die Bemühungen des Augenarztes Johann Christian Grapengießer um die Institutionalisierung der Blindenbildung in Preußen

3.4 Valentin Haüy in Preußen und die Institutionalisierung der Königlichen Blindenanstalt zu Berlin

4. Die Institutionalisierung der Blindenfürsorge in Preußen während der Reformzeit (damit ist die Zeit bis 1817 gemeint)

5. Die Errichtung von Kriegsblindenanstalten in Preußen 1816 - 1818 (und damit zu den Anfängen beruflicher Rehabilitation nach den Befreiungskriegen 1813/15)

6. Der Ausbau der Blindenfürsorge in Preußen bis 1860

6.1.1 Die Anfänge der Schlesischen Blindenunterrichtsanstalt

6.1.2 Die Blindenanstalt der Gebrüder Krause in Halle/Saale

6.1.3 Die Anfänge organisierter Blindenfürsorge in Westfalen (Paderborn und Soest)

6.1.4 Die Anfänge der organisierten Blindenfürsorge im Rheinland (Düren)

6.2 Der systematische Ausbau preußischer Blindenfürsorge seit Mitte der 1840er Jahre (Ostpreußen, Pommern und Provinz Posen)

6.3 Der Ausbau der Berliner Blindenfürsorge

7. Rückblick und Ausblick: Der Emanzipationsprozeß sehgeschädigter Menschen und ihre Situation in der postindustriellen Gesellschaft.

Zu wünschen wäre eine alsbaldige Aufsprache wenigstens des eigentlichen Textes (also ohne die Fußnoten und die umfangreichen Register, die man ohnehin schwarz auf weiß besitzen muß, um sie wissenschaftlich auswerten zu können) durch die Deutsche Blinden-Hörbücherei.

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