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Zusammenfassung eines Vortrages, gehalten beim Seminar der Fachgruppe "Ruhestand" des DVBS.
Vorbemerkung: Ich stütze mich im wesentlichen auf die bisher leider nur auszugsweise in "Blind - Sehbehindert" 1989 S. 34, 67, 164 und 225 veröffentlichte Diplomarbeit von Christine Pluhar "Betty Hirsch, Lebensweg einer blinden Frau". Wo ich Betty Hirsch wörtlich zitiere, handelt es sich um ihre in den letzten Lebensjahren geschriebenen Erinnerungen, soweit Pluhar sie in ihrer Arbeit anführt.
Am 15.1.1873 als achtes Kind dänisch-jüdischer Eltern in Hamburg geboren, wuchs Betty Hirsch zweisprachig auf, dänisch im Elternhaus und deutsch in der Schule. Im Jahre 1885 fiel sie von einem Stuhl, auf dem sie hochaufgereckt stand, aufs Gesicht. Danach erblindete sie allmählich. Nach dem Sturz ging sie zunächst nicht mehr zur Schule, sondern reiste zu berühmten Augenärzten. Sie schreibt über diese Zeit: "Der Zustand, in dem ich mich befand, war so ungewöhnlich in jeder Beziehung, was Körper und Geist betraf, daß meine frühere Sorglosigkeit völlig verschwand, mein Wesen sich sehr zu meinem Nachteil veränderte. Als man aber anfing, mir mit jeder geringen alltäglichen Arbeit wie Anziehen und sonstigen Handgriffen helfen zu wollen, erwachte ein Wille von Selbständigkeit in mir, der mir half, mein späteres Schicksal mit Würde zu tragen und vielen anderen Menschen zu helfen, Schwierigkeiten zu Gelegenheiten umzugestalten. Ich habe oft meine Lieben verletzt, wenn ich ihre Hilfe grob ablehnte. Aber es war kein Egoismus, sondern das Bewußtsein, niemanden für mich zu bemühen und kein Opfer anzunehmen".
Da ihre Mutter - ihr Vater war bereits 1881 verstorben - unter ihrem Zustand litt, entschloß sie sich im Herbst 1892 fortzugehen, und zwar möglichst weit. Es gelang ihr, ab dem 1.4.1893 einen Platz im Frauenheim der Blindenanstalt Steglitz zu erhalten. Sie erlernte sehr schnell die Blindenschrift, nahm in der Fortbildungsklasse am Unterricht in Literatur, Kunstgeschichte, Englisch, Handarbeit, Chorgesang, Klavier, Geige, Sologesang, Musiktheorie und Notenschrift teil und erlernte in den Werkstätten das Stuhl- und Korbflechten.
Über das erste Jahr und ihre anschließenden Osterferien zu Hause schreibt sie: "Wenn ich auch praktisch nur Schriften und Handwerk in diesem ersten Jahr gelernt hatte, so waren mir doch geistige Kreise erschlossen worden, die mir bis dahin fremd gewesen waren, und mir ein weiterer Einblick in Menschen und Welt eröffnet... Es war wohl schon damals, als ein Kampf in mir erwachte, der sich immer steigerte, je mehr ich von Welt und Menschen im persönlichen Verkehr erfuhr. Zu Hause ließ ich nichts davon merken, erkannte aber, daß ich mich nie an ein Leben gewöhnen würde, das nichts weiter von mir fordert, als mich wohl und zufrieden zu fühlen, wie meine Lieben es sehen möchten".
Die Zeit in Steglitz muß sie für den Umgang mit anderen Menschen stark geprägt haben. Über das Verhältnis zu ihren Mitschülern schreibt sie jedenfalls: "Die vielen Blinden, die mich umgaben, sah ich immer als meinesgleichen an und glaubte, sie seien alle aus der gleichen Gesellschaftsklasse wie ich. Und so verschaffte ich mir unbewußt viele Freunde dort. Mit der Zeit fand ich heraus, daß besonders die Blindgeborenen oder sehr früh Erblindeten, die auch meist aus ganz armen ungebildeten Kreisen stammten, durch Erziehung und Herkunft sehr verschieden waren - wenn auch nicht in schlechtem Sinne - von denen, die in der Außenwelt lebten... Ich glaube, es erwachte schon früh ein soziales Gefühl in mir, das mich durch mein zukünftiges Leben begleitet hat".
Durch eine ihrer Schwestern, die in Eberswalde, also nahe bei Berlin, arbeitete, gelangte sie andererseits zu ihrem ersten Freundeskreis unter Sehenden, wie übrigens auch zu den ersten Bewunderern ihres Gesangs.
Ab dem Frühjahr 1897 wollte niemand mehr die Kosten für den Aufenthalt in Steglitz tragen und wollte sie selbst auch endlich berufstätig werden. Monate vorher hatte sie deshalb begonnen, Schülerinnen in Punktschrift zu unterrichten, und hatte das Handalphabet der Taubblinden geübt. Der Anstaltsdirektor Wulff hatte ihr alles das gestattet, weil der Gründer der Samariteranstalten Fürstenwalde an der Spree sich mit der Bitte an ihn gewandt hatte, ihm für die Filialanstalt Bethanien in Ketschendorf, Anstalt für schwachsinnige Blinde, schwachsinnige Taubstumme und Taubstummblinde, eine Lehrerin zu vermitteln, und weil Wulff für Betty Hirsch eine Chance darin gesehen hatte. In Ketschendorf kam sie indes in ganz unzulängliche Verhältnisse, denen sie außerdem mangels pädagogischer Vorbildung nicht gewachsen sein konnte. Nach nur zwei Monaten, am 1.7.1897, mußte sie deshalb aufgeben. Das war für sie ein schwerer Schock. Von ihm erholte sie sich allmählich in der Hamburger Blindenanstalt, in der das Leben damals sehr viel freier war als in Steglitz.
Danach studierte sie in Berlin Gesang und gab einem blinden Mädchen, das nicht in die Blindenanstalt gehen sollte, Privatunterricht. Sehende unterrichtete sie in Deutsch (Ausländer) und Gesang. Sie engagierte sich im Kampf gegen betrügerische Konzertveranstalter, die selbst viel verdienten, aber den Blinden nur geringe Gage zahlten oder gar vor Konzertende mit der Einnahme verschwanden. Sie lernte einen sehenden Pianisten kennen, mit dem zusammen sie zunächst viel übte und später auch konzertierte. "Unsere Programme wichen nie von der höchsten Klassik ab, in der wir beide einig waren und lebten".
Als Konzertsängerin konnte Sie offenbar überall Erfolge feiern. Am wichtigsten war ihr dabei, daß sie nicht als "blinde Sängerin" galt, sondern als Künstlerin. Sie gab aber auch noch Privatunterricht.
Weil ihr Begleiter sehr ungewandt war, mußte sie allein alle Konzerte organisieren. Das überforderte sie und führte im Jahre 1907 zu ihrem gesundheitlichen Zusammenbruch und tiefen Depressionen. Nach einem längeren Sanatoriumsaufenthalt entschloß sie sich, in England Deutsch und Dänisch zu unterrichten und dabei die englische Sprache zu studieren. Dazu erhielt sie von der Hamburgischen Schulbehörde ein Stipendium. Im Frühjahr 1908 fuhr sie nach London. Dort suchte sie Kontakt zu möglichst vielen Menschen, um Konversation zu treiben. Dazu wechselte sie oft ihre Unterkunft, kam auf diese Weise auch an andere Orte und lernte Menschen aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten kennen, hörte auch die verschiedensten Dialekte und Ausdrucksweisen und machte sich mit den Sitten und Gebräuchen des Landes vertraut. Ihre Kontaktfreudigkeit und ihre Fähigkeit, sich den jeweiligen Umständen anzupassen, muß für eine Blinde außergewöhnlich groß gewesen sein.
Im August 1909 kehrte sie nach Berlin zurück und fand - singen wollte sie nicht mehr - genügend Sprachschüler, um davon leben zu können. Dabei wurde ihr aber klar, daß sie eigentlich ein Examen müßte nachweisen können. Also lernte sie auch dafür und legte in Hamburg eine Sprachlehrerinnenprüfung ab.
Zurück in Berlin, "nahm ich mit doppeltem Eifer meinen, von nun an von Amts wegen bestätigten Beruf als Englischlehrerin wieder auf. Mein Hauptamt war aber immer noch der Unterricht von blinden Privatschülern".
Im Juli/August 1914 belegte Betty Hirsch Sprachkurse in England. Nach Kriegsausbruch konnte sie noch nach Birmingham fahren, um dort ein "Optophon" kennenzulernen, eine in England erfundene Lesemaschine für Blinde. Dann mußte sie als feindliche Ausländerin das Land verlassen.
Während der Rückreise am 16.9.1914 hörte sie im Zuge zum erstenmal das Wort "kriegsblind". "Dabei kam mir sofort der Gedanke, wenn ich glücklich in der Heimat angelangt wäre, die Kriegsblinden aufzusuchen, um ihnen ihren ersten Schmerz über ihre Erblindung überwinden zu helfen". Zunächst fand sie jedoch niemanden, bis sie Mitte November zufällig hörte, daß sich Kriegsblinde in einem Berliner Lazarett in der Obhut von Geheimrat Prof. Dr. Paul Silex befanden, eines Augenarztes, der großes Ansehen genoß. Ihn suchte sie auf und kommentiert: "Gleich bei meinem ersten Besuch ergab sich eine wunderbare Übereinstimmung unserer Gedanken über die Behandlung der Kriegsblinden". Sie gewann Silex dafür, den Kriegsblinden nicht nur medizinisch zu helfen, sondern ihnen auch Blindenschrift, normales Maschinenschreiben und einige Handfertigkeiten beizubringen. Schon am 22.11.1914 nahm sie ehrenamtlich den Unterricht auf. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie weiterhin durch Privatunterricht.
Welchen Anteil Sie an der eigentlichen Schulgründung hatte, läßt sich schwer sagen. Sie hatte aber jedenfalls die Idee, die Kriegsblinden zu unterrichten, ohne sie in Blindenanstalten zu schicken, in deren Heimordnungen sie sich erfahrungsgemäß nur schwer hätten fügen können, und ihnen außerdem individualisierten Unterricht zu erteilen, jedem nach seinem gesundheitlichen Allgemeinzustand, seinen Fähigkeiten, Vorkenntnissen, Interessen und Bedürfnissen. Silex dagegen hatte, was sie brauchte, um ihre Ideen umzusetzen: Ansehen, die Stellung des leitenden Lazarettarztes, persönliches Vermögen und die Beziehungen, Spenden zu werben. Rückschauend schreibt sie: "Es war mir täglich klarer, daß diese Arbeit meine eigentliche Aufgabe im Leben war, bei der ich nicht nur anderen Menschen helfen, sondern für alle Blinden einen sozialen Fortschritt schaffen konnte. Also war ich von der Konzertsängerin und der Sprachlehrerin zur Reformerin der deutschen Blindenbildung geworden. Aber nichts von dem, was ich gelernt hatte, war vergeblich gewesen; denn nur die vielen Erfahrungen auf dem Gebiet der Musik wie im manuellen Wirken machte es möglich, mit den verschiedensten Männern aus allen Klassen der Gesellschaft so zu verkehren, wie es nötig war, um sie in ein neues Leben einzuführen".
Alsbald stellte sich die Frage nach Arbeitsmöglichkeiten. Auslöser war ein früherer Schlosser, der, wie er Betty Hirsch sagte, "wieder auf Eisen schlagen" wollte. Sie nahm sich vor, für ihn und die anderen einen Weg zu finden. Seit längerer Zeit hatte sie die blinde Tochter eines Majors unterrichtet, der die Spandauer Munitionswerke leitete. Er ermöglichte ihr, in dem Betrieb selbst zu probieren, welche Arbeiten Blinde verrichten könnten. "Der Erfolg wirkte so schlagend", schreibt sie, "daß man mich von einer Abteilung zur anderen führte, und überall waren ein oder mehrere Prozesse zu finden, die ein Blinder so gut wie ein Sehender verrichten konnte. Am nächsten Tage wanderten fünf unserer Männer zum Bahnhof, fuhren nach Spandau und kamen als glückliche vollwertige Arbeiter abends mit ihrem Arbeitslohn als Blinde unter Sehenden zurück". Später waren es bis zu hundert.
Als sich Anfang 1916 die Zahl der Kriegsblinden täglich mehrte, bat Prof. Silex auch Privatfirmen, Blinde zu beschäftigen.
Betty Hirsch und Silex hatten vor der Notwendigkeit gestanden, auch Offiziere, Beamte, Lehrer, Studenten und Kaufleute auszubilden. Wie Betty Hirsch wußte, wurden im angloamerikanischen Raum Blinde als Korrespondenten tätig, und Telefonisten hatte es in Deutschland schon vorher gegeben. So wurden Kriegsblinde also auch zu Bürofachkräften ausgebildet.
Im Laufe der Zeit mußte Betty Hirsch den Privatunterricht ganz aufgeben, um die Schule zu leiten sowie Berufsberatung, Stellensuche und nachgehende Fürsorge zu treiben. Dazu wurde sie schließlich Anfang 1918 fest angestellt.
Die Schule gelangte zu großem Ansehen. "Der Kreis aber", schreibt Betty Hirsch, "zu dem ich eigentlich gehörte, was meine Arbeit und meine Ziele betraf, blieb mir bis auf wenige Experten fern; denn die sehenden Blindenlehrer sahen in mir eine Opposition, die in Friedenszeiten nie Erfolg gehabt hätte".
Bis Kriegsende bildete die Schule 250 Kriegsblinde aus.
Nach Kriegsende waren, da die Zahl der Blinden weiter wuchs, die neuen Behörden eifrig bemüht, die Schule zu erhalten, obwohl nach ihrem Vorbild schon in mehreren Provinzen gleiche Schulen gegründet worden waren.
Ab 1920 nahm die Schule auch Zivilblinde auf. Obwohl Geheimrat Silex im Frühjahr 1923 die Arbeit in ihr niederlegte, gelang es Betty Hirsch immer wieder, einflußreiche Persönlichkeiten für die Arbeit zu interessieren und damit weiterhin genügend Spenden zur Abdeckung der Sachkosten zu werben, während die Personalkosten schließlich vom Magistrat der Stadt Berlin übernommen wurden.
Inhaltlich beschränkte sich die Schule seit der Revolution vorwiegend auf den Bereich der Büroberufe.
Am 1.4.1926 stellte die Schule Karlheinz Tschepke, einen ehemaligen zivilblinden Schüler, als Lehrer ein und beauftragte ihn, eine kaufmännische Stenographie zu entwickeln, was mit viel Erfolg geschah.
Ein mit Betty Hirsch befreundeter amerikanischer Journalist organisierte ihr im Jahre 1927 eine Reise in die USA. In Cleveland besuchte sie eine Schule, in der blinde Kinder zusammen mit sehenden unterrichtet wurden. Das war für sie ein nachhaltiges Erlebnis und veranlaßte sie, später in Deutschland immer wieder darüber zu berichten und für die integrierte Beschulung zu werben - zum großen Unverständnis der damaligen Blindenpädagogen (vgl. den Nachruf auf sie von Bergmann im "Blindenfreund" 1958, 195 ff.). In Washington wurde sie vom amerikanischen Präsidenten empfangen und verbrachte einen ganzen Tag mit Helen Keller in deren Haus.
Im Herbst 1928 besuchte sie auch Einrichtungen des englischen Blindenwesens. Sie lernte dabei die Fortschritte kennen, die die Entwicklung des "Optophons" seit 1914 gemacht hatte, und bekam sogar zwei Geräte mit nach Deutschland. Aber selbst eine gute Versuchsperson las nur vier Wörter pro Minute damit, so daß die Maschine so gut wie unbekannt blieb.
Bei der "Machtübernahme" am 30.1.1933 lag Betty Hirsch krank zu Bett. Sie sagte sich, "daß ich ja nun Zeit habe, um zu überlegen, was ich für die Schule zu tun hätte, und nachher, was ich für mich noch tun könnte. Nach einigen Tagen des unruhigen Überlegens hatte ich meinen Entschluß gefaßt, den ich auch ausführte... Da ich dem Magistrat mitgeteilt hatte, daß ich Ende September die Schule abgeben würde, ging ich Mitte März wieder an die Arbeit. Ich nahm mir fest vor, bis Ende September auszuhalten, was auch immer geschehen würde. Die Sicherheit, mit der ich auftrat, mußte die 25 Schüler wohl beeinflussen; denn bis zum letzten Tage ging alles reibungslos vor sich... Aber der 1. April 1933 machte mich doch etwas unsicher, wenigstens innerlich. Ich wohnte im Hinterhaus, und im Vorderhaus waren schon die dort wohnenden Juden abgeholt worden. An mein Namensschild hatte man ein Hakenkreuz gemalt, und auf meinem Fenstersims lag von außen eine kleine Fahne mit einem Kreuz... Als mein Entschluß feststand, nach England zu gehen, wo ich einige Verbindungen hatte, wurde ich wieder vollkommen ruhig. Meine Wohnung mußte ich bis zum 1.4.1934 halten. Meine Einrichtung verschenkte ich an Lehrer und Freunde. Ich gab mir Mühe, die Wohnung zu vermieten, was auch gelang, so daß ich mit ruhigem Gewissen und ohne Schulden Berlin verlassen konnte. Um kein Aufsehen zu machen, verbat ich mir jegliche Begleitung zum Lehrter Bahnhof, von wo ich zum letztenmal nach Hamburg abfuhr." Das war im Oktober 1933.
Das wichtigste war vorher für sie gewesen, die Schule zu retten. Sie hatte Dr. Thiermann, ihren früheren Privatsekretär, zu ihrem Nachfolger ausersehen und versuchte nun, die Übernahme der Schule durch die Stadt Berlin zu erreichen, was ihr auch gelang. Mit der Übernahme durch die Stadt erhielt die Schule den Namen "Silexhandelsschule für Blinde".
In Hamburg lebten noch zwei Schwestern von Betty Hirsch. Aber nur ihr selbst gelang die Emigration. Die anderen kamen im Konzentrationslager um.
Am 25.1.1935 wurde Betty Hirsch in England erlaubt, eine Anstellung zu suchen.
Am 19.9.1939 wurde in ihrem Paß eingetragen, daß sie Lehrerin für Deutsch und Dänisch sei und Übersetzungen mache. Am 3.11.1939 wurde außerdem darin vermerkt, sie sei Flüchtling vor der Naziunterdrückung und werde deshalb von der Internierung feindlicher Ausländer ausgenommen.
Während der ersten Jahre ihres Englandaufenthalts muß sie noch mit der "Selbsthilfevereinigung der jüdischen Blinden in Deutschland" in Verbindung gestanden haben; denn in deren Jahrbüchern 1936/37 (S. 60) und 1938/39 (S. 89) wurden Artikel von ihr veröffentlicht.
Am 12.11.1946 erhielt Betty Hirsch einen Ausweis, dessen Paßbild, wie Pluhar schreibt, "die Not und Entbehrung der letzten Jahre in ihrem Gesicht deutlich erkennen läßt". Im Januar 1947 kehrte sie in der Hoffnung, ihre Schule wieder übernehmen zu können, nach Berlin zurück, wo sie die letzten zehn Jahre ihres Lebens verbrachte.
Die Schule hatte sich zunächst zu einer ordentlichen Handelsschule entwickelt, die staatlich anerkannte Zeugnisse ausgab. Nach Kriegsbeginn hatte sie aber wieder die Umschulung erblindeter Soldaten übernommen und war erneut mit einem Lazarett verbunden worden. Bei Kriegsende befand sie sich nicht mehr in Berlin, sondern teils in Bayern, teils in Thüringen. Im Frühjahr 1947 war die Schulbehörde geneigt, den früheren Zustand wiederherzustellen. Am 7.5. wurde Betty Hirsch vom Magistrat ermächtigt, die Rückverlegung vorzubereiten. Ihr Wunsch wäre es gewesen, die Schule in Westberlin in der Weise einzurichten, daß nach dem amerikanischen Vorbild die Blinden mit Sehenden zusammen ausgebildet würden. Ihre Bemühungen scheiterten jedoch: Am 1.4.1949 zog die Silexhandelsschule in die Gebäude der Steglitzer Blindenbildungsanstalt um und wurde ihr auch administrativ unterstellt. Damit war der Kampf um die Schule für Betty Hirsch verloren. Sie nahm wieder Privatschüler an, jetzt aber nicht mehr gegen Honorar, sondern ehrenamtlich, und schrieb Artikel.
Aus Anlaß ihres achtzigsten Geburtstages am 15.1.1953 wurden ihr viele Ehrungen zuteil. Insbesondere verlieh der Bund der Kriegsblinden (und drei Jahre später auch der Deutsche Blindenverband) ihr die Ehrenmitgliedschaft.
Am Neujahrstag 1956 schrieb sie von einer früheren Rundfunksendung, in ihr seien gerade diejenigen zwei Berufe (des Industriearbeiters und des Büroangestellten) geschildert, "die sich zu meiner Freude trotz allem Widerstand völlig durchgesetzt haben und nun Tausende von Blinden ernähren. Das ist der konkrete Erfolg meiner Lebensarbeit, den ich gern noch auf viele andere Wege gebracht hätte, aber zukünftigen Blinden hinterlassen muß."
Am 8.3.1957 starb Betty Hirsch in einem Berliner Krankenhaus an Altersschwäche. Ihre Urne wurde am 20.3. beigesetzt. Am 8.5.1961 wurde das "Kriegsblindenhaus Betty Hirsch" in der Handjerystr. 23 in Berlin seiner Bestimmung übergeben. Aber 1977 wurde ihre Urnengrabstelle neu besetzt, da es niemanden gab - oder vielleicht nur niemand daran gedacht hatte -, ihr Grab zu erneuern und es zum Ehrengrab erheben zu lassen. Möge dieser Bericht dazu beitragen, die Erinnerung an sie trotzdem lebendig zu halten.
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